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Kurzprosa aus fünf Zyklen von 1996 bis 2001 |
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Als ich ein Liberal - Esoteriker war |
von Knud Waffenschmied |
Im Anfang war das Wort und das Wort erbrach sich auf ein Sofa und sah irgendwie fiebrig aus. Es lag mit trüben Augen,
eingepackt in Tagesdecken und stockfleckigen Laken und klapperte mit seinen kleinen Zähnen, daß einem angst und bange werden konnte. Also beschloß ich, das Wort liebzuhaben, denn es war
fürchterlich allein. Ich nahm das Wort auf den Schoß, tupfte es mit einem frischen Lappen trocken und erzählte ihm von der Welt, die ich schon kannte und von der es noch nie im Leben gehört hatte.
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„In einer fernen Zeit lebte ein Bauer und sein Name war Kallemann. Kallemann besaß nur einen dreckigen Trainingsanzug
und ein altes Paar Herrensandalen, die er im Rinnstein gefunden hatte. Die Kinder des Dorfes hänselten Kallemann; wann immer er auf die Straße kam, um Eßbares zu suchen, riefen sie ihm zu: 'Hey
Kallemann, geh und wasch dich! Du stinkst ja wie ein Tier.' Kallemann wurde jedes Mal schrecklich zornig, aber er konnte nicht richtig sprechen. Also schrie er: 'Aargh! Uhh, effs!' Und die Kinder
lachten und warfen Steine nach ihm und er verschwand dann meistens wieder schnell in seinem Bretterhaus. Nach und nach zogen die Kinder fort aus dem Dorf und vergaßen den Kallemann, und er selbst
zeigte sich immer seltener, bis er eines Tages starb. Arm und einsam starb er. Hörst du mir überhaupt noch zu?" |
Aber das Wort auf meinem Schoß war eingeschlafen. Ich legte es vorsichtig auf mein Bett und dachte an die Kindheit,
die ich hatte. |
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Die Geschichte auf Seite 11 |
von Daniil Samovar |
Am Anfang war es ein einzelnes Haar auf seinem Rücken gewesen, damals, als das Wetter noch trübe und müde ihn und
seine Mitmenschen anlächelte. Nur ein einziges Haar, man stelle sich das einmal vor, jetzt, daß der ganze Körper mit langen Locken bedeckt ist. Keine Frage, das war ein Entlassungsgrund. Er
verlor seine Stelle als Mettbrötchendarsteller beim Fernsehen und mußte sehen, wo er bleiben sollte. Das Frühjahr war inzwischen ausgebrochen und er begann sehr zu schwitzen. |
Als er sich auf einer Parkbank ausruhen wollte, setzte er sich in Taubendreck, sodaß sein blauer Anzug ganz schmutzig
wurde. Aber er ärgerte sich nicht, da er wußte, daß es den meisten Menschen noch schlechter ging als ihm. Er sah eine Frau vorbeikommen, die schlug sich beständig einen Ziegelstein auf den Kopf,
wo sie schon eine blutende Wunde hatte. Er hörte sie murmeln: „Wenn nur diese schrecklichen Kopfschmerzen nicht wären." Und er dachte sich, daß er noch viel mehr Probleme hätte, wenn er sich auch
mit einem Stein oder sonst einem schweren Gegenstand gegen die eigene Stirn hauen würde. Da freute er sich, denn er war ja bloß haarig. Und zur Feier des Daseins stellte er für die Kinder im Park
ein Mettbrötchen dar, fast wie in alten Zeiten. Abends ging er seit langer Zeit mal wieder glücklich nach Hause. |
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November |
von Sigmund Frost |
Der November ist ein Trauerkloß. Ich brauche das gar nicht näher zu erläutern: es nieselt den ganzen Tag über; es
wird nicht richtig hell; Briefe werden einem zurückgeschickt, weil die Personen, denen man die Briefe ursprünglich zugedacht hatte, einfach unbekannt verziehen. Trotz Vesuv - Kohlenanzündern
braucht man ganze Geschichtsabschnitte, Äonen, um den Kachelofen in Gang zu bringen; die Hände sind dauerrußig; man möchte das Bett gar nicht erst verlassen. Verläßt man es doch, weil einen der
Hunger in die Küche treibt, wird man da von einer Heerschar wintertauglicher Fruchtfliegen empfangen, die sich aus einer vergessenen Packung Bananenfruchtsaftgetränkes auf einer unerklärlichen
Weise materialisiert hat. Davon ganz abgesehen, kann man sich vor von hinten rechts in der Lunge kommenden Hustenanfällen nicht in einem Zimmer erretten, in das der Novemberwind Kohle und
Aschepartikel hinein pustet, indem er einfach über die Kamine huscht. So nämlich ist das Leben in diesem Monat und ändern wird es sich in der nächsten Zeit, soweit ich das absehen kann, wohl
nicht. |
Hah, höre ich Sie einwerfen, der Oktober sei so schön gewesen, und ich sei einfach ein meckernder Patron. Da ist auch
was Wahres dran, nur, ist es denn meine Schuld, daß der Großteil der mir bekannten Menschheit sich am besten bei vierundzwanzig Grad Celsius fühlt? Ich bin da keine Ausnahme. Oder ist es mir
vorzuwerfen, daß ich kalte Füße ganz unten auf der Liste 'Dinge, die mir das Leben lieb und teuer machen' setzen würde? Nein, meine Schuld ist es nicht, wenn ich Kohle schleppen muß, vom Keller
in das fünfte Obergeschoß, mir die Arme aber schon im zweiten Stock in Höhe der Kniekehlen baumeln. Der November und seine sauberen Kumpane sind die Täter; ich bin nur das Opfer dieser
Fehlplanung des Klimas. Mir ist es im Übrigen auch nicht anzulasten, daß es um viertel vor eins schon dunkel ist. Also, schauen Sie mich nicht so tadelnd an - davon muß ich husten. |
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Ost-West-Erfahrungen am Brandenburger Tor |
von Daniel von Stauffen |
Das Brandenburger Tor tut sich vor mir auf als ein überdimensionales Arschloch; der Bus dringt, wie ein mit Spucke
befeuchteter Mittelfinger, in diese deutsche Rosette ein; ich sehe sektüberströmte Menschen hinter mir auf den Bürgersteigen liegen: Es ist wohl für immer November in diesem Teil meines Gehirns.
Ich steige Unter den Linden aus, gehe durch das Tor zurück in den Westen, drehe mich um und bin wieder drüben. Tiergarten - Mitte - Tiergarten - Mitte, so schnell, daß es mir schwindelt. Ich
strecke mich, möchte das Tor in seiner Größe ausfüllen und rotze grünen Schleim an die Wände. Sofort steht ein Polizist hinter mir: „Was machen Sie denn da?" „Das sehen Sie doch, Herr
Hauptwachtmeister! Ich stehe in einer imaginären McDonald's Filiale und möchte etwas bestellen. Wissen Sie, das letzte Mal, als ich hier war und einen Burger aß, verfiel ich in einen merkwürdigen
Zustand: Zeit und Raum hatten aufgehört zu existieren, die Menschen in meinem Blickfeld schimmerten fahl von innen heraus und Töne einer fremden Melodie prickelten von der Decke. Ich bin mir
sicher, so ein weltgewandter Mann wie Sie, Herr Hauptwachtmeister, erlebt dergleichen alle Tage, für mich jedoch war es verstörend und beglückend zugleich, wenn Sie verstehen, was ich meine." Der
Polizist zieht verlegen einen Handschuh aus und legt ihn mir auf die Schulter: „Aber es ist doch unser Brandenburger Tor." Und damit hat er natürlich recht. |
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