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Kurzprosa IV - 2001

 

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Kurzprosa
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Daniel Boente

Kurzprosa aus fünf Zyklen von 1996 bis 2001

(1) Kulturschaffen in NADELSTADT
(2) Der Empath in Zeiten der Meisterschaft von Treptow
(3) Tanzen, Biegen und Brechen
(4) Geschichten und Fabeln zwischen Donnerstag und Freitag
(5) Die Prosa anderer Menschen

Frikadellensalat

Hat sich eigentlich mal jemand in dieser Runde das Wort „Frikadellensalat" auf der Zunge zergehen lassen? Dieses Wort hat Seele, hat Pep - und doch, benutze ich es bei der Arbeit oder in der Freizeit, ernte ich bestenfalls Verständnislosigkeit. Benutze ich dieses außerordentliche Wort, spucken Frauen vor mir aus; Männer zucken meist nicht einmal mit ihren Schultern, bevor sie mir, kaum daß ich es ausgesprochen habe, in den Magen schlagen und mich atemlos in den jeweiligen Ecken liegen lassen.

Und doch, dieses Wort ist zu stark, als daß ich von ihm lassen könnte. „Frikadellensalat" ist die Essenz meines Daseins. Stehe ich morgens auf, mein Gehirn noch traumverwirrt, und überlege, was der Tag mir abverlangen wird, kommt mir dieses Wort in den Sinn. Und schon ordnet sich alles, was ich denke, in hübsche Gegensatzpärchen: Brauchbar gegen unnütz; flüssig gegen trocken; brennend und fließend; arm gegen... Nein, Armut bleibt immer allein, da hilft auch Frikadellensalat nicht, da hilft einem auch eine erdachte Gruppe, wie Ihr es seid, nicht - arm bleibe ich immer allein.

 

Einstein und Tagore

Niemand hat die Absicht ein Krokodil zu wässern. Niemand hat die Absicht Einsteins Sommerhaus zu verlassen, um durch die umliegenden Dörfer zu wandern. Niemand hat die Absicht sich mit dem Dichter Tagore in eine Dorfschänke zu setzen und ein kühles Glas Bier zu trinken. Tagore sagte einmal zu Einstein, daß ihn Menschen bedrücken würden, die versuchten, Krokodile zu wässern. Einstein hatte nur halb zugehört und war dementsprechend verwundert, als Tagore aufsprang und schrie: „Ich hasse Menschen, die so etwas versuchen. Da kommen in mir Mordphantasien hoch. Da kocht mir echt die Galle über."

Einstein schmunzelte, wie nur Einstein schmunzeln konnte und rief  seine zweite Frau Else auf die Terrasse. Else, die seine Kusine war, vergötterte Einstein, hatte ihn schon in der gemeinsam verbrachten Kindheit vergöttert, nicht zuletzt wegen seines Schmunzelns. Er bat Else, ihm seine Pfeife zu bringen. Sie lief rasch ins Haus und brachte ihm sein Rauchwerk. Einstein liebte Else, weil man ihr nur sagen brauchte, daß sie die Pfeife bringen solle und einen Augenblick später hielt man schon das gesamte Werkzeug in den Händen. Else dachte mit.

Tagore betrachtete Einstein, wie der seine Pfeife reinigte, den Pfeifenreiniger knickte, sorgfältig in den Aschenbecher legte, wie er die Pfeife neu stopfte, anzündete, sich zurücklehnte und anfing zu rauchen. Einsteins Rauchrituale hatten schon ganz andere Gemüter beruhigt - und auch Tagore konnte seinen Zorn nicht lange aufrecht halten. Er selbst hatte Einstein diese spezielle Rauchmischung aus Indien mitgebracht und Einsteins offensichtlicher Genuß erfreute ihn.

Einsteins Schmunzeln wich einem breiten Lächeln und er ließ den Blick über den Waldrand schweifen, über die Baumwipfel bis hinunter zum See. „Vielleicht", sagte er zu Tagore, „Vielleicht sollte man einen Spaziergang durch die Gemeinde machen, in einer Dorfschänke rasten und ein kühles Bier trinken."

Bei Tagores erneutem Zornesausbruch half kein umständliches Herumhantieren mit der Pfeife mehr und alles Schmunzeln der Welt hätte den Nachmittag nicht mehr retten können. Tagore wollte noch am Abend abreisen und nur sein Hunger und Elses vorzüglicher Erbseneintopf hielten ihn schließlich davon ab.

Nach dem Essen setzten sich die Männer in die Stube vor den kleinen Kamin und Tagore erzählte: „Als ich einmal in einem anderen Land war, traf ich einen Wirt. Der fragte mich, was ich von Beruf sei, da antwortete ich ihm, daß ich dichte. 'Du bist fremd', sagte der Wirt, 'nimm Dir den Besen und fege den Keller! Du bekommst dafür ein Nachtquartier von mir und etwas zu essen.'

Ich erwiderte, daß ich nicht arbeiten könne, ich sei schließlich Dichter. 'Dort wo ich herkomme, arbeiten die Poeten nicht.' Da lachte der Wirt und sagte: 'Das tun sie  hier bei uns auch nicht. Ich wollte nur sicher gehen, daß Du mich nicht anlügst.'

Er führte mich in einen Keller und nahm mich bei der Hand. 'Bevor Du mich zwingst, will ich es Dir von mir aus sagen: Meine Tochter ist sehr schön, und Du darfst gerne zu ihr.' Er brachte mich in einen Verschlag, der war so dunkel, daß man nicht seine Nasenspitze sehen konnte. Ich spürte die Aufregung der Tochter des Wirtes und ich hielt mich nicht mit Reden auf. Ich stellte mich hinter sie und hatte Verkehr mit ihr - sieben Mal hintereinander.

Am nächsten Morgen öffnete der Wirt den Verschlag, Licht brach herein und ich erkannte, daß es gar nicht die Tochter des Wirtes war, die ich die ganze Nacht mit heißen Ergüssen gefüllt hatte, sondern ein geschorenes Schaf. Der Wirt rief seine Frau und die beiden amüsierten sich auf meine Kosten. Ich nahm meine Sachen und hörte noch, daß der Wirt mir hinterher rief, er habe gar keine Tochter." Tagore beendete seine Geschichte und meinte, das wäre einer der Gründe, warum ihm Reisen eigentlich zuwider sei.

Dies alles geschah im Sommer 1929 in Einsteins Sommerhaus „Am Waldrand" unweit des schön gelegenen Städtchens Caputh. In Amerika hat Einstein nicht mehr geschmunzelt. nicht mehr so, wie in seiner Berliner Zeit. Wer will es ihm verdenken? Das Haus ist verkommen, Tagore ist tot, Else ist tot und Einstein selbst lebt auch nicht mehr. Seine letzten Worte waren übrigens: „Else, bring mir die Pfeife auf die Terrasse!" Doch die Stationsschwester im Städtischen Krankenhaus in Princeton, New Jersey, verstand erstens kein Wort Deutsch, zweitens sprach Einstein sehr leise und drittens wäre Rauchen auf der Station sowieso verboten gewesen. So schloß sie nur Einsteins Augen und sagte zu ihm: „Niemand hatte je die Absicht ein Krokodil zu wässern."

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© 2001 Daniel Boente