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Kurzprosa I - 1996

 

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Kurzprosa
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Daniel Boente

Kurzprosa aus fünf Zyklen von 1996 bis 2001

(1) Kulturschaffen in NADELSTADT
(2) Der Empath in Zeiten der Meisterschaft von Treptow
(3) Tanzen, Biegen und Brechen
(4) Geschichten und Fabeln zwischen Donnerstag und Freitag
(5) Die Prosa anderer Menschen

Das Große Treffen

Bestattungsunternehmer beklagen die Entsorgungsmentalität der lebenden Bevölkerung. Worin besteht die Empathie der beidseitig Amputierten? Nicht in Mitgefühl, wohl in Respekt! Ich lächle mein Spiegelbild in einem Schaufenster an, sehe einen kahlgeschorenen Schädel, verfalle den Wörtern in dem, was ich meinen Tempel nenne. DER DICHTER, GEBOREN UND VERSCHWOREN GEGEN DEN FORTSCHRITT. Entsorge Dich nicht, ich bin ja bei Dir! Eine Katze kommt mir entgegen, ich bücke mich, locke ihre pelzgewandte Vierbeinigkeit mit dem optischen Reiz meiner Leichtenbeutefinger, EIN SCHLAG AUF IHREN KLEINEN KOPF. Die Katzen hatten's ihm schon immer angetan. Okay, was hat er dieser wieder angetan? Ein Ungetüm grinst aasig, Katzenblut um seinen Mund.

Ein fremder Blick, die Augen treffen sich, das blutverschmierte Lippenpaar lädt ein, auf einen Schluck zu mir? Dankend abgelehnt, die Zeit, wer hat denn überhaupt noch welche; tja, dann wohl nicht, vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen? Für solche seltenen Glücksfälle horte ich eigentlich einen guten Tropfen Roten: Das ist doch Katzenblut GANZ RECHT DU SAU! KOMM HER, ICH WILL DICH KÜSSEN!

Schon wieder ein abstrakter Mord, die Behörden stehen vor einem Rätsel; der Körper einer Katze wurde aufgefunden, alle vier Gliedmaßen in groteske Positionen gebrochen, der Leib nur aufgeplatzter Matsch, das Herz fehlt. Es gibt einfach zu viele Dichter, denen das rechte Herz fehlt: Wer soll denn das alles lesen? Verstehst Du, es wird niemals ein Morgen geben; der Heutige Tag, die Heutige Nacht werden sich einfach für immer wiederholen. Für immer wiederholen.

 

Tiefe & Untiefe

Angestimmt: Tenor und Alt, die Vertonung brünftiger Geometrie von ineinander geflochtenem Fleisch - der Küchenabfluß gurgelt das Stakkatoschmatzen von aufgeheiztem Latex: Schwangeres Kind, sieh, wie die Rabenkrähen im Schnee nach Rosenblättern picken. Tiefer... JETZT -

tropft ein Schrei geschmolzenes Blei von der Zimmerdecke, der verwundete Himmel klafft wie ein Bauchschuß über den Liebenden; der Kapitän eines Segelschulschiffs sieht sich gezwungen, seinen Platz auf der Kommandobrücke zu verlassen. WASCHMASCHINEN LEBEN LÄNGER, Buchstaben verschwimmen auf dem Hauptsegel. Verquollene Augen fixieren auf einem imaginären Bürgersteig eine Reisetasche, welche geöffnet Dildos und Plastikfäuste aller Größen enthüllen würde: Nimm mich mit in Evas Garten! Vulvinöses Schaudern säugt milchig herb den junggeborenen Tag, doch meine Ruhe finde ich nicht. Ich drehe mich auf dem warmgelegenen Laken, lausche dann regungslos den wimmernden Wänden. Langsam breiten Endorphine kalbsäugie Stille über die klebrigen Leiber; ein instinktiver Griff läßt den zurückkehrenden Kapitän die Verschlossenheit seinen Uniformhose überprüfen und er steht in der Nacht als ozeanischer Geliebter.

 

Apokalyptisch - Psychedelisch Phantasmographie

Auf der Suche nach Brot, vorbei an Fensterketten, wo sich ein bunter Multimedimonitor Fäden durch Gehirne zieht, wo vor einem Nadelöhr metronomgenau die Endzeitepileptik als achteinviertel Takt in spätbarocken Schlangengruben zuckt.

Vor babylonischen Kaufhäusern verstummen Vertreter überirdischer Konsumgesellschaften im Summen bewußtseinsloser Menschmaschinen, und bieten ihre Ware feil: Bürsten, Schlangenlederhauspantoffeln und Kruzifixe aus Bergen-Belsener Zahngoldimitat.

Nachts suhlen sich menstruierende Ordensschwestern in Osterkerzengottesfurcht, werden von Helfern mit gesichtsverhüllenden Kapuzen breitbeinig auf ein Kreuz gefesselt, unter dem die bereitstehende Menge gierig mit der Zunge das tropfende Blut auffängt, es im Mund mit Speichel streckt, um es in großen Wannen zu sammeln und in Literkanistern vor der monatlich tagenden Konferenz der Ungezeugten als Sakrament teuer zu verkaufen.

Die Abtrünnigen der Gesellschaft als opiatpsychotische Gesichter an den Wänden blinzelnder Bauruinengastlichkeit, in den Ecken versteckte Ganzkörpergeschwüre, die sich gegenseitig mit Stricknadeln den ungeborenen Sexualdreck abtreiben, den teilbefruchteten Schleim auf dem Boden der Verwesung überlassen. Von ihnen unbekannten Kolonialherren auf die Straße getrieben, geben sie sich mannsgroßen Insekten hin, um sich deren Körpersäfte als Brotersatz einführen zu lassen.

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© 2001 Daniel Boente