Die dritte Vollmondnacht in Folge |
Der Augustvollmond hat das Wetter nicht verändert. Es ist warm geblieben, wenn auch gewisse, aufmerksame Kreise die
Geschichte vom angeblichen Jahrhundertsommer schon längst als Medienlüge entlarvt haben. |
Eiweiß trocknet rot auf Töks Bauch. Er liegt auf seinem Bett, horcht auf das Rumoren in seinem Inneren und beschließt
aufzustehen. Das Klingeln des Telefons reißt ihn hoch. Schon vor dem ersten Wort weiß Tök, daß sie es ist, die ihn sprechen will. Daß sie es ist, die ihn wiedersehen will. „Tök! Ich muß dich
sehen. Es kann so nicht weitergehen." |
Tök wischt sich mit einem feuchten Lappen über den Bauch, besprenkelt sein Gesicht mit Wasser. |
Der Zeitungsverkäufer widert Tök an. Seine gedrungene Haltung, sein fettiger Haarkranz, diese ekelhaften, diese speckigen
Finger. Jetzt schaut er zu Tök herüber, Tök sieht durch ihn hindurch, dieser tumbe Blick. |
Er zählt seine Zeitungen, er zählt sechzehn nach zweimaligem Versuch. Er will, daß Tök ihm eine Zeitung abkauft, Tök tritt gegen
sein Knie. Er schreit, es sei sein krankes Knie, sein armes krankes Knie - Tök tritt noch einmal zu. Er sackt zu Boden, die Zeitungen fallen auf den Boden der S-Bahn. Töks Stiefel trifft die Nase
des Verkäufers. Jetzt liegt er da und stöhnt. |
Tök kann ihn nicht verstehen. |
„Warum ich?" |
Der Zeitungsverkäufer erregt Mitleid bei den anderen Fahrgästen. Sie schauen Tök vorwurfsvoll an. Einige murmeln sogar. |
An der Station verläßt Tök als zweiter die S-Bahn. Er muß über den Zeitungsverkäufer steigen. Der spuckt Blut. „Warum nicht?"
Der Verkäufer antwortet nicht. |
Sie wartet schon auf Tök. Sie sieht ihn die Treppe herunterkommen, würde ihn unter hunderttausend erkennen. Den Gang, die
Bewegung, die Art Kleidung zu tragen. Sie lächelt. Tök sagt: „Ich habe eigentlich keine Zeit. Ich stecke mitten in der Arbeit." Sie versucht Töks Mund zu küssen, doch er dreht den Kopf zur Seite
und läßt nur einen Wangenkuß zu. |
Drei Fahrgäste tragen den Verkäufer an den beiden vorbei. „Oder hättest du eine Zeitung haben wollen?" Sie schüttelt den Kopf
und ist für einen Moment traurig über das Elend der Welt. Tök zuckt mit den Schultern. „Ob er jetzt leidet, oder du, oder ich - wen kümmert's? Dann doch besser er." |
Die beiden gehen über eine Brücke. „Tök, ich muß mit dir reden. Es kann so nicht mit uns weitergehen. Ich denke die ganze
Zeit an uns - ich kann nicht mehr schlafen. Ich kann nichts mehr essen. Es will mir einfach nicht aus dem Kopf." |
Tök bleibt stehen. „Hast du den Zettel dabei?" Sie nickt und reicht ihm ein Stück Papier. „Da ist noch etwas Tök: Diese
Traumprotokolle machen mir angst. Ich verstehe immer weniger." |
Er gibt ihr den Zettel zurück: „Lies es mir vor!" Und als sie nicht sofort reagiert, legt er seine Hand um ihre Hüfte. „Bitte!"
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Sie räuspert sich und ihr Tonfall bekommt etwas bühnenhaftes: „Ein Weg zwischen Zypressen und Heckenrosen. Ich gehe ihn entlang.
Sehe eine Bank und setze mich. Ein Stück gebratenes Fleisch kommt des Weges. Es befindet sich offensichtlich auf einem Spaziergang, denn es schlendert und schaut sich die Zypressen und die
Heckenrosen aufmerksam an. Ich hasse es. Ich hasse dieses Stück Fleisch, weil es fett ist, zwei Kilo schwer, und angebrannt. Ich kann es riechen, möchte erbrechen, würge, doch es lächelt zahnlos
und fängt plötzlich an, schrill zu schreien. Ich halte mich an der Bank fest, doch die Bank gibt meinem Griff nach wie Gelatine." |
Sie sieht Tök an und sagt: „Und da bin ich aufgewacht. Ich glaube das Stück Fleisch hat eine schnellere Gangart eingelegt und
ist dann verschwunden. Aber ich weiß nicht mehr genau. Tök, ich bin verwirrt. Ich will das nicht mehr." |
Tök greift fest ihre Handgelenke, blickt sie an. „Das ist gut! Sehr gutes Material. Du erweist mir einen großen Dienst mit
deinen Protokollen. Ich glaube, ich kann es verwenden. Ja, ich sehe es vor mir. Das Stück Fleisch werde ich bis ins kleinste Detail verwenden. Jede Faser, jede aufgeworfene Blase wird
beschrieben. Und wenn ich fertig bin, dann bist du die erste, der ich es vorlese. Einverstanden?" |
Sie nickt nicht, hat aber keine Einwände, die bei ihm fruchten würden. Sie befreit ihre Handgelenke, tritt einen Schritt zurück,
wartet ab, bis die Passanten vorüber sind - ein Mann und ein kleiner Junge, der Junge dreht sich noch einmal nach ihr um, sieht sie ansetzen - sie holt Luft und stößt hervor: „Ich glaube, es ist
besser, wenn wir uns nicht mehr sehen, Tök." |
Tök reagiert nicht, bläst sich dann eine Haarsträhne aus den Augen und sagt: „Gib mir den Zettel!" Er überliest noch einmal, was
sie geschrieben hat. „Schreit das Stück Fleisch, während es weggeht?" |
Sie antwortet nicht. Tök gibt ihr eine Ohrfeige und hebt drohend die Stimme: „Ich muß es wissen. Schreit das
verdammte Stück Fleisch oder hat es aufgehört?" |
Als sie ihm immer noch nicht antwortet, läßt er sie stehen und geht zurück zum S-Bahnhof. Er kauft sich eine Zeitung
und fächert sich auf dem ganzen Weg nach Hause Luft zu. |