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November 1996

Der Amerikaner an und für sich

Wie sicherlich jeder noch aus dem Geschichtsunterricht seiner Schulzeit weiß, wurde Amerika nach dem Vornamen des italienischen Seefahrers und Entdeckers Amerigo Vespucci (1451 - 1512) benannt. Nun ist Amerigo nichts anderes als die italienische Form des ungarischen Namens Emmerich, was wiederum mit dem deutschen Heinrich zusammenhängt. Wenn wir deshalb heute einen Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika verkürzend "Ami" nennen, meinen wir damit also genau genommen einen "Heini".

Leider ist mir mein österreichischer Schriftstellerkollege Paul Watzlawick im letzten Kapitel seines ebenfalls sehr lesenswerten Buches "Gebrauchsanweisung für Amerika" mit der lateinischen Bezeichnung homo americanus als Benennung des Durchschnittsamerikaners zuvorgekommen. Um jedoch meinen folgenden Ausführungen ebenfalls die erwünschte Anerkennung in meinem Leserkreis zu verschaffen und nicht bei dem doch ziemlich unseriös klingenden Heini der Einleitung zu bleiben, führe ich hiermit für mein Beobachtungsobjekt den neuen Begriff Amerikanthropos ein. Dieser steht - wie ich detailliert darlegen werde - in einem durchaus spürbaren Gegensatz zum Germanthropos oder - allgemeiner - zum Europanthropos, obwohl alle drei biologisch tatsächlich derselben Gattung angehören.

Ganz im Gegensatz zu einer meiner früheren Äußerungen habe ich im Laufe der vergangenen 23 Monate die folgende interessante Beobachtung gemacht, die ich daher an den Anfang meiner Ausführungen stelle: Der sogenannte Durchschnittsamerikaner (im folgenden nur noch Amerikanthropos genannt) existiert nicht nur tatsächlich, nein, es gibt überhaupt gar keinen anderen! Und mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf wollen wir ihn nun ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Um der Bedeutung des Themas gerecht zu werden, will ich versuchen, ein möglichst subjektives Bild des Amerikanthropos zu zeichnen. Also genau das Bild, wie ich, und nur ich, es während der vergangenen Jahre gewonnen habe. Diese Subjektivität hat gleich zwei Vorteile: Erstens darf ich ja wohl meine höchsteigene Meinung haben und es braucht mir niemand zuzustimmen. Ja, mehr noch, jeder, der über einen vierzehntägigen Florida-Urlaub hinaus schon mal ein paar Jahre in den USA gelebt und seine eigenen Erfahrungen gemacht hat, ist sogar herzlich willkommen, mir zu widersprechen. Zweitens kann es andererseits ja durchaus sein, daß sich meine hier dargelegte private Meinung zufällig mit den gesunden Vorurteilen meiner Leser deckt, so daß also der wohlbekannte Effekt des "Siehste-das-hab-ich-doch-immer-schon-gewußt" eintritt. Umso besser.

Der Amerikanthropos gehört entgegen allen anderslautenden Vermutungen zur Gattung des Homo sapiens und ist somit ein warmblütiges Säugetier. Er ist auf unserem Planeten in 266.092.550 Einzelexemplaren vertreten (Stand: 11. November 1996) und weist im Gegensatz zu den meisten seiner Artgenossen in anderen Kontinenten eine seltsame, historisch bedingte Rassenzusammensetzung auf. So besteht der Körper eines heutigen Amerikanthropos aus den folgenden Farben: vom Kopf bis etwa zum ersten Drittel der Oberschenkel ist er weißhäutig, vom Drittel des Oberschenkels bis kurz übers Knie schwarz, von dort bis zur halben Wade braun. Der Rest der Wade bis zum Knöchel ist undefinierbar, der Fuß ist gelb und ein knappes Drittel der kleinen Zehe rot. Die Verteilung auf die beiden Hauptgeschlechter ist zu 52,1 Prozent weiblich und zu 47,9 Prozent männlich, wobei ich die durchaus vorkommenden Mischformen hier der Einfachheit halber unberücksichtigt lasse. Ein Amerikanthropos ist 33 Jahre und 9 Monate alt, mit knapp seiner vorderen Körperhälfte (49,9 Prozent) verheiratet und in seinem Haushalt befinden sich 2,63 Individuen sowie etwa dieselbe Anzahl Fernsehapparate. Ungefähr 70 Prozent des Amerikanthropos hat mehr als 20 Prozent Übergewicht, wobei insbesondere viele weibliche Exemplare die Idealmaße 90-60-90 haben. Allerdings spreche ich hier erstens von inches und nicht von Zentimetern und zweitens hat im Regelfall das andere Bein genau dieselben Dimensionen.

Aus diesen Zahlen ergibt sich zwar zunächst ein ziemlich objektives Bild des Amerikanthropos, doch ein solches zu zeichnen ist ja, wie eben erwähnt, überhaupt nicht meine Absicht. Deshalb lautet zunächst meine Definition folgendermaßen: Mit Amerikanthropos sind hier alle Amerikaner gemeint, die ich niemals persönlich getroffen habe, plus alle diejenigen, welche ich im Geschäftsleben, in der Bar bzw. im Restaurant, in der Freizeit, auf der Straße, in der Nachbarschaft oder sonstwo kennenlernen durfte. Mit sonstwo meine ich besonders das Fernsehen, denn speziell dieses ist die eigentliche Realität des Amerikanthropos und deswegen sei gleich an dieser Stelle angemerkt, daß das, was meine Leser in amerikanischen Fernsehfilmen unter besonderer Berücksichtigung der Soap Operas (dtsch.: Seifenopern - neuerdings von sich selbst für Insider Haltenden lieber Sitcoms genannt) sehen, absolut der Wahrheit entspricht und nur in den seltensten Fällen übertrieben ist. Doch schauen wir uns jetzt einige typische amerikanthropische Eigenschaften an.

Der Amerikanthropos ist ausgesprochen höflich. Und damit meine ich nicht die schon an anderer Stelle beschriebene Höflichkeit von Kellnern, Verkäuferinnen und anderen Dienstleistenden, die ja letztlich auf die Höhe des Trinkgeldes oder die Kaufbereitschaft des Kunden zweckgerichtet und deshalb meist angeordnet ist, sondern eine sehr viel tiefer gründende. Bedingt nämlich durch den ihm vom frühesten Säuglingsalter an eingebleuten Gemeinschaftssinn, der später in eine fast schon übersteigert zu nennende Gruppenbezogenheit gipfelt (das inzwischen voll europäisierte Wort Teamwork stammt ja ursprünglich aus Amerika), handelt der Amerikanthropos geradezu unter dem Zwang, dem Mitamerikanthropos permanent sein Wohlwollen zu demonstrieren bzw. er erwartet umgekehrt dasselbe von ihm. So wird sich jeder Amerikanthropos mit einem herzlichen excuse me (dtsch.: Verzeihung), bei mir entschuldigen, wenn ich ihm versehentlich auf den Fuß getreten oder im Supermarkt mit meinem Einkaufswagen angerempelt habe. Desweiteren bringt es kein Amerikanthropos fertig, ohne ein freundliches Lächeln, ergänzt durch ein gemurmeltes "Haujaduhn?" (korrekt: How are you doing? dtsch.: Wie geht's?) an einem anderen Exemplar seiner Spezies vorbeizugehen, welches grundsätzlich immer mit einem zurückgelächelten "Haujaduhn?" quittiert wird. Und da beide Sätze im Normalfall unbeantwortet bleiben, wimmelt es in ganz Amerika von ungelösten Fragen.

Leider steckt in dieser Freund- und Höflichkeit jedoch eine, besonders für Angehörige des männlichen Geschlechtes, böse Falle. Aufgrund der - wie alles in Amerika natürlich übersteigerten, weil überinterpretierten - Frauenemanzipation kann ein weiblicher Amerikanthropos diese Freundlichkeit nach Belieben als sexual harrassment (dtsch.: sexuelle Anmache) auslegen und damit ihren männlichen Artgenossen ohne größere Probleme vor den Kadi bringen. Mal ganz davon abgesehen, daß der Amerikanthropos sowieso das verklagungsfreudigste Lebewesen auf diesem Planeten ist (darüber könnte ich einen eigenen Newsletter schreiben), gibt es genügend Beispiele dafür, daß ein freundlich gemeintes Kompliment, über das nette Kleid einer Kollegin beispielsweise, mit der Klage der solchermaßen schwer sexuell inkommodierten Trägerin endete. Zum Glück kommt der männliche Belästiger meist mit einer öffentlichen Entschuldigung davon und braucht weder die Todesstrafe noch eine Zwangskastration zu befürchten. Aber unangenehm ist sowas allemal.

Eine weitere Konsequenz aus diesem zum Herdentrieb gesteigerten Gruppengefühl ist ein ausgesprochenes Mißtrauen des Amerikanthropos jeglicher Individualität gegenüber. So was wird allenfalls bei einem Idol geduldet (später komme ich noch darauf zurück), aber keinesfalls beim Nachbarn. Allerdings besteht da kaum Anlaß zu Befürchtungen, weil das ebenso allmächtige wie allgegenwärtige Fernsehen und die ununterbrochene Reklame schon für die entsprechende Gleichschaltung gesorgt haben, ständig sorgen und immer weiter sorgen werden, womit Amerika eigentlich jedem totalitären Regime ein leuchtendes Vorbild sein müßte.

Der Amerikanthropos muß sich immer wieder selbst bestätigen, wie toll er ist und in welch großartigem Land er lebt. Das kann nur die Folge eines seit Generationen tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplexes sein, denn auch wenn kein Amerikanthropos es jemals zugeben kann, weil er sich darüber niemals Gedanken macht, er ist ja streng genommen gar keiner. Bis auf das kleine rothäutige Stückchen seiner Zehe sind seine Wurzeln (engl.: roots) auf keinen Fall in Amerika. Und so hat jeder Amerikanthropos tief in seinem Unterbewußtsein einen höllischen Respekt vor den jahrtausendealten Traditionen Europas oder Asiens gepaart mit einem Schuldkomplex freudschen Ausmaßes, weil er bzw. seine Vorfahren die kulturelle Traditionsgeborgenheit dereinst bewußt verlassen und sich damit gegenüber seiner Abkunft selbst zu einem Außenseiter gestempelt hat. Seine Antwort auf dieses unterbewußte Dilemma sind die Klotüren in öffentlichen Gebäuden. Diese kann man nämlich häufig nicht abschließen. Ja, mehr noch, die einzelnen Kabinen sind grundsätzlich oben und unten so weit offen, daß dem erstaunten Europanthropos gleich beim Betreten eines derartigen Etablissements ein stets freier Blick auf die vor Anstrengung gerunzelte Stirne (oben) und auf die heruntergelassene Jeans, die sich malerisch um die Turnschuhe kräuselt (unten), nicht erspart bleibt.

Diese Offenheit steht bemerkenswerterweise in einem krassen Gegensatz zu der ansonsten äußerst prüden Einstellung des Amerikanthropos gegenüber der Verrichtung von Notdürften aller Art in freier Natur, z. B. an den sowieso schon recht dünn gesäten Autobahnparkplätzen. Und was die ganze Angelegenheit sogar noch weiter verkompliziert, ist die Tatsache, daß in den USA nicht unbedingt jedes Restaurant eine Toilette hat, was der nichtsahnende Gast leider erst oft nach dem fünften Bier bemerkt. All das kann nur als eine späte Rache an den besuchenden Nachfahren des amerikanthropischen Vorfahren gedeutet werden, jedoch bedarf dieses interessante Phänomen dringend einer noch eingehenderen soziologischen Untersuchung, zu der mir bisher leider die Zeit gefehlt hat.

Der Amerikanthropos ist von Grund auf erzkonservativ und damit Veränderungen jedweder Art gegenüber extrem vorsichtig und mißtrauisch. Schnelle Entwicklungen sind ihm unheimlich und revolutionäre Umwälzungen fürchtet er wie Woytilas Karl die Pille. Dem Amerikanthropos wurde auch nie das - zugegeben, sehr zweifelhafte, daher die folgenden Anführungszeichen - "Glück" eines Krieges im eigenen Lande zuteil, nach dem ein grundsätzlicher Neubeginn möglich bzw. dringend nötig war. Somit leidet der moderne Amerikanthropos unter dem Fluch eines sich permanent gehalten habenden Wohlstandes, zumindest in der Mittel- und Oberschicht, dem nicht einmal die depression (dtsch.: Depression, gemeint ist jedoch in diesem Fall die Wirtschaftskrise) der Zwanziger- und Dreißigerjahre ernstlich etwas anhaben konnte. Deshalb wäre beispielsweise ein deutscher Mittelständler aus den späten Vierzigerjahren, sofern er zu einem Zeitsprung in der Lage wäre, in einer heutigen deutschen Küche mit all ihren modernen Geräten hoffnungslos verloren. Ein Amerikanthropos aber, dem gleiches widerführe, fände sich in einer amerikanischen Küche sofort zurecht. Schließlich hat es in Amerika schon Kühlschränke und Waschmaschinen gegeben, als man in Europa die Koteletts noch einpökelte und die schmutzige Wäsche zum Dorfbrunnen trug. Andererseits haben amerikanische Waschmaschinen heute noch die ehrwürdige Bauart, die in Deutschland bereits seit vierzig Jahren überholt ist: man stopft die Schmutzwäsche oben rein und mittig bewegt sich ruckartig irgend so ein Ding (mir fehlt der Fachausdruck) hin und her, dabei den groben Schmutzflecken sowieso nichts anhaben könnend (die maximale Waschzeit beträgt durchschnittlich 18 Minuten) und gelegentlich nicht nur zarte weibliche Dessous, sondern auch robuste männliche Taschentücher in unbrauchbare Fetzen verwandelnd. Wozu auch soll ein Amerikanthropos seine eh nur recht begrenzte Kreativität an der Weiterentwicklung von seit Äonen altbewährten Dingen verschwenden? Wobei ich mich manchmal des Eindruckes nicht erwehren kann, daß die eigentliche Entwicklungsbremse in diesem Fall bei der Textilindustrie zu suchen ist. Und wenn nicht das entsprechende Know-how des Europanthropos, insbesondere in Form von deutschen Emigranten, sowie etwas später die Stereoanlagen der Japaner ins Land gekommen wären, würde der Amerikanthropos vermutlich heute noch sonntags zu Fidel und Banjo in der Scheune tanzen.

Doch was hat der Amerikanthropos mit dem gerade erwähnten importierten Know-how gemacht? Er hat es nahezu ausschließlich in die Entwicklung immer ausgeklügelterer Waffensysteme investiert, mit denen er dem Rest der Welt, also letztlich seinen eigenen Vorfahren, seine Überlegenheit wesentlich besser demonstrieren kann, als mit dem stillen häuslichen Einsatz wäscheschonender und energiesparender Trommelwaschmaschinen.

Bei einer zusammenfassenden Betrachtung der bisher dargelegten Verhaltensweisen (ausgeprägter Gemeinschaftssinn, Hang zur Selbstbestätigung, konservatives Festhalten am einmal Erreichten) wird man sehr schnell feststellen, daß es sich in dieser Konstellation um typisch infantile Eigenschaften handelt. Daher komme ich an dieser Stelle zu meiner These: Der Amerikanthropos ist trotz seiner durchschnittlichen 33 Jahre und 9 Monate ein ziemlich unvernünftiges Kind und sein ganzes riesiges Land ist der Spielplatz. Vielleicht wäre es sogar die ganze Erde, wenn er wüßte, daß es jenseits der beiden großen Ozeane noch etwas anderes gibt. Doch ich will nicht ungerecht sein, vermutlich weiß er es, doch es ist ihm ziemlich egal. Diese Theorie bedarf natürlich einer ausführlichen Begründung. Untersuchen wir daher zunächst die Hauptspielzeuge des Amerikanthropos und danach einige weitere seiner kindlichen Verhaltensweisen. Seine Lieblingsspielzeuge sind Autos, sowie Haus-, Garten- und Küchengeräte.

Der Kult, den der Amerikanthropos mit seinen fahrbaren Untersätzen treibt, ist unüberbietbar. Dabei bringt es bekanntlich nicht nur die schiere Größe des Landes mit sich, daß ein Amerikanthropos ohne Auto schlichtweg verloren wäre, sondern auch das Fehlen eines öffentlichen Verkehrsnetzes. Warum ist das so? Schließlich hat es nicht an Versuchen gefehlt, die unübersehbaren Weiten zwischen Ost- und Westküste mit einem Eisenbahnnetz zu überziehen. Doch seit Henry Ford, übrigens der Erfinder des Fließbandes, das erste brauchbare Volksauto von demselben rollen ließ, stoppte damit auch schlagartig der Ausbau des Schienennetzes und es begann gleichzeitig die Verschrottung der Lokomotiven, deren Rolle als die mächtigen Repräsentanten des Technischen Zeitalters seitdem die - zum größten Teil wirklich toll herausgeputzten - riesigen Trucks übernommen haben. Der Grund für die Automobilität ist wohl darin zu finden, daß der Amerikanthropos trotz, oder gerade wegen seiner Konformität verzweifelt nach einem Ausdrucksmittel eines Quasi-Individualismus lechzte. Und hier erfüllt bis heute das eigene Auto dieses urmenschliche, und deshalb auch amerikanthropische Bedürfnis. Daher gibt es auch in keinem anderen Land der Welt eine derartige Vielfalt an Automobilen jeglicher Marke und Größenordnung einschließlich einer ungeheuren Menge von Zubehörschnickschnack, und daher ist es auch nur zu erklären, daß es hier zahlreiche absolut baugleiche Fahrzeuge gibt, die sich nur durch den Markenschriftzug auf dem Kofferraumdeckel, und damit im Preis, unterscheiden. Um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen: der Ford Taurus und der Mercury Sable sind völlig identisch, bis auf die Tatsache, daß der Mercury ein paar hundert Dollar mehr kostet, weil er im Gegensatz zum ordinären Ford als Edelmarke gilt.

Und doch schleppt der Amerikanthropos auch im Falle seines Hauptverkehrsmittels die schwere Bürde seiner Vergangenheit mit sich herum, denn womit sonst sollte man erklären, daß es selbst heute noch gesetzlich vorgeschrieben ist, vor allen öffentlichen Gebäuden (so zum Beispiel auch vor dem New Yorker Rathaus) eine Vorrichtung zum Anbinden von Pferden zu installieren? Oder daß ein immer noch gültiges Gesetz in Pennsylvania vorschreibt, daß Frauen ein Auto nur im Schrittempo fahren dürfen, wobei ein Mann mit einer roten Flagge vorausgehen und warnend winken muß? Fairerweise sollte ich jedoch anmerken, daß dieses letztgenannte Gesetz mit ausdrücklicher Duldung der ansonsten wachsamen amerikanthropischen Verkehrspolizisten seit einigen Jahren allgemein mißachtet wird.

Meine jüngsten Untersuchungen beweisen, daß keine andere Behausung dieser Welt derartig mit motorgetriebenen Apparaten vollgestopft ist, wie die eines Amerikanthropos. Zugegeben, Toaster, Handmixer und Elektromesser gehören heutzutage durchaus auch schon zur Standardausstattung selbst einer europanthropischen Küche, und ein Motorrasenmäher ist auch nicht sehr exotisch, sofern die Größe der zu pflegenden Rasenfläche zehn Quadratmeter überschreitet. Jedoch die Aufzählung dessen, was sich ein Amerikanthropos an Motorgeräten zur Befriedigung des Spieltriebs anschafft, sprengt nicht nur die Kapazität einer einzelnen Kuhhaut, sondern jegliche europanthropische Vorstellungskraft und deshalb werde ich mich hier mit einigen Beispielen begnügen, wobei der kleine Trecker zum Rasenmähen im Sommer, der Schneepflug für den Winter und der Video Tape Rewinder fürs Wohnzimmer ja den meisten Lesern aus meinen früheren Veröffentlichungen bereits bekannt sind. Zusätzlich werden in einem amerikanthropischen Haushalt dringend benötigt: eine Kettensäge, eine Espresso-Maschine, ein Eiswürfelzerkleinerer, ein Luftbefeuchter wegen der viel zu trockenen, weil grundsätzlich überheizten Zimmerluft im Winter, ein Luftentfeuchter wegen der viel zu nassen, weil grundsätzlich unterkühlten Zimmerluft im Sommer, ein dieselbetriebener Nasenhaarentferner, ein Duftverbreiter (Tannenwald oder Blumenwiese) für die Steckdose, zwei Wasserpumpen (die zweite wurde angeschafft, weil die erste anscheinend kaputt war, dabei war nur der Stecker nicht richtig drin), ein Fernsehsessel, der gleichzeitig die Nackenmuskeln massiert, in jedem Zimmer ein Rauchmelder (wegen der feuergefährdeten Holzbauweise amerikanthropischer Heime), ein Rasenkantentrimmer, ein M-16 Schnellfeuergewehr einschließlich 5.000 Schuß Munition (ein Erinnerungsstück aus Vietnam), ein Obstentsafter,  je nach Anzahl der Garagentore ein bis mehrere vom Auto aus fernsteuerbare Öffner, eine Motorheckenschere, ein Hochdruckreiniger, mehrere Ventilatoren, ein elektrisch beheizter Wok, ein Tischgrill, eine Heizplatte zum Pfannkuchenbraten, ein schnurloser Schraubendreher, ein elektrischer Dosenöffner, ein Notstromgenerator, ein automatischer Bleistiftspitzer, eine Abfallpresse, eine tragbare Klimaanlage, ein Holzzerkleinerer, ein aufschnallbares Blasegerät als Besenersatz für das Laub im Herbst. Darüber hinaus braucht er eine Straßenwalze für kleinere Reparaturen an seiner Garagenauffahrt, einen Bagger mit Licht für diverse Erdarbeiten im Garten, einen Eierkocher, eine Spieldose (Jingle Bells), noch eine Spieldose (Happy Birthday to You) und ein mittelgroßes Atom-U-Boot samt Trockendock, weil der Nachbar sich letztes Jahr einen einsatzfähigen Kampfhubschrauber und drei neue Golfschläger zugelegt hat. Über die genaue Anzahl der Telefone, Fernsehapparate, persönlichen Heimcomputer (Nintendo- und ähnliche Spielstationen eingeschlossen), Kaffeemaschinen und Videorekorder pro Haushalt liegen mir leider keine exakten Statistiken vor, so daß ich hier nur die vorsichtige Schätzung von sieben bis elf Einzelstücken pro Kategorie abgeben kann. Doch muß ich zum Schluß dieses Abschnittes noch anmerken, daß der Amerikanthropos, wie die meisten Kinder, nicht sehr sorgsam mit seinen o. a. Spielsachen umgeht, so daß diese alsbald verrosten, zerbrechen oder sonstwie unbrauchbar werden. In solchen Fällen werden dann einfach neue Sachen gekauft (vgl. Wasserpumpe), was jedoch erstens der Ökonomie des Landes, und zweitens der Eitelkeit des Amerikanthropos sehr zugute kommt, denn damit verfügt er stets über das jeweils neueste Modell und er kann seinen Nachbarn zur Linken, zur Rechten und gegenüber jederzeit wunderbar damit imponieren.

Das Stichwort 'kaufen' rechtfertigt einen kleinen Abstecher vom eigentlichen Thema, denn es bringt uns zu einer weiteren Eigenart des Amerikanthropos, die er zufällig mit fast allen anderen Menschen dieser Welt teilt: Er hat kein Geld! Dieses Problem hat er jedoch auf die für ihn typische, pragmatische Weise elegant gelöst. Statt vieler schöner grüner Banknoten benutzt der Amerikanthropos zur Bezahlung ein kleines, flaches Stückchen Plastik, das nicht nur die Größe einer Kreditkarte hat, sondern auch tatsächlich eine solche ist. Diese benutzt er zum Bezahlen seiner Tasse Kaffee ebenso wie zum Ankauf seines Atom-U-Bootes und sie verschafft ihm zusätzlich zu einem entsprechenden Kreditrahmen, den es bei seiner Bank nicht gibt, sogar noch ein zusätzliches Ansehen bei seinem Mitamerikanthropos, weil jeder schon aufgrund der Kartenfarbe erkennen kann, wieviel Schulden der jeweilige Amerikanthropos hat: schlichtes Grau sind bis zu 2.000, leuchtendes Gold sind um die 10.000 und strahlendes Platin sogar 15.000 Dollar oder mehr. Und daß jeder Amerikanthropos seinen verfügbaren Kreditrahmen bis zur Neige ausschöpft, steht völlig außer Frage. Wovon sollte er denn sonst auch die vielen schönen Dinge aus dem vorigen Abschnitt bezahlen? Von seinem schmalen Gehalt etwa? Unsinn, das geht ja schon fast zur Gänze für die Hypothek drauf. Das freundliche Kreditkartenunternehmen kommt ihm dabei noch entgegen, denn der Amerikanthropos braucht in keinem Fall monatlich den vollen Betrag seiner Ausgaben zu begleichen, sondern in der Regel gibt man sich mit zehn Prozent der Summe zufrieden. Der Rest wird ihm - gegen saftige Zinsen, versteht sich - gestundet und gestundet und gestundet, so daß die Zahlen auf dem Kreditkartenkonto eines Amerikanthropos immer roter und roter und roter werden. Man mag nun die Frage stellen, wie er denn aus dieser Schleife jemals wieder herauskommt, und die Antwort liegt auf der Hand: er kommt nicht! Deshalb muß nicht nur seine Familie mitarbeiten (seine Frau als Krankenschwester, sein Hund im Sommer als Polizei- und im Winter als Schlitten-) sondern der Amerikanthropos hat häufig selber mehrere Arbeitsstellen, um seiner Schuldenlast irgendwie Herr zu werden bzw. um seine Kinder aufs College schicken oder um sich endlich auch noch ein Rennboot und ein Wohnmobil leisten zu können. Tagsüber arbeitet er beispielsweise als Automechaniker und erledigt in seinen Kaffeepausen kleinere Botengänge für die benachbarte Anwaltspraxis. Abends sortiert er Konservendosen in die Regale eines Supermarktes ein, danach ist er bis sechs Uhr morgens als Nachtwächter tätig. Sams- und sonntags schreibt er für eine Werbeagentur Adressen auf Briefumschläge und in seinen Mittagspausen schläft er. Und am Weihnachtsmorgen, den sich unser Amerikanthropos heuer ausnahmsweise mal freigehalten hat, sitzt er staunend vor seinem Fernseher, wo ihm gerade in einer pompös aufgemachten Sendung ein gutaussehender, lächelnder Mann, vor seinem palmenbeschatteten Swimmingpool sitzend erklärt, wie einfach es in Amerika ist, Millionär zu werden. Er, der arme, schuldengebeutelte Amerikanthropos, solle nun nicht mehr länger zögern, er brauche bloß dem Gutaussehenden die Kreditkartennummer mitzuteilen und schon bekommt er für unglaublich günstige 120 Dollar (aber nur noch bis Samstag, später sind's 245) die Broschüre plus die Videokassette, wo genau erklärt ist, wie's geht. Der Anruf ist natürlich kostenlos. Vielen Dank fürs Zuschauen.

Doch nun zurück zu den kindlichen Eigenschaften des Amerikanthropos. Wie schon bei der Kreditkarte beschrieben, strebt er grundsätzlich pragmatische, einfache Lösungen an, die sich eher durch schnelle Vermarktbarkeit auszeichnen, als durch Solidität und Seriosität. Europanthropische Wissenschaftler jedweder Fachrichtung kommen auf der Basis einer fundierten Ausbildung gepaart mit solider Grundlagenforschung zu ihren Ergebnissen. Der Amerikanthropos spielt in kindlichem Übermut ein bißchen hier und dort herum und entdeckt dabei unter Umständen ganz was Tolles. Doch im Grunde ist auch dieses Neuentdeckte nichts absolut Neues, nichts jedenfalls, dessen Grundlagen nicht irgendwo in Europa gefunden werden könnten. Der Amerikanthropos übernimmt die Idee, wickelt sie in Silberpapier und bringt lediglich zwei Digitalanzeigen sowie eine Infrarotfernsteuerung an. So entsteht in aller Welt der zwingende Eindruck, als sei Amerika ein echtes Hitech-Land, denn während der Europanthropos noch über grundsätzliche naturwissenschaftliche Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen nachgrübelt und sich durch die Instanzen des Papierkrieges kämpft, hat der Amerikanthropos sein Dings nicht nur bereits gebaut, sondern es laufen dafür sogar schon die ersten Werbespots im Fernsehen und jeder kann weltweit übers Internet darauf zugreifen. Darüberhinaus bringt es die schiere Größe des amerikathropischen Marktes (nochmal zur Erinnerung: 266 Millionen Einwohner) mit sich, daß das Dings auch in entsprechender Stückzahl gefertigt wird, denn schließlich soll ja jeder Amerikanthropos eins haben. Leider geht diese Rechnung jedoch niemals so ganz auf, so daß der Überschuß in den Rest der Welt exportiert werden kann, was wiederum den erwähnten Hitech-Eindruck noch bestärkt.

Desweiteren hat nicht nur jedes technische, sondern auch jedes menschliche amerikanthropische Problem eine ganz einfache Lösung. Das Patentrezept heißt in diesem Fall Video (vgl. dazu auch den vorvorigen Abschnitt "Wie werde ich Millionär?"), wie die vielen Stunden tägliche Werbung dafür beweisen. Es ist wirklich ganz einfach: mit den entsprechenden Instruktionen auf einem Videoband löst der Amerikanthropos jedes seiner Eheprobleme, denn Dutzende von vor Befriedigung strahlenden Ehepaare aller Altersklassen bestätigen das ausdrücklich im Fernsehen, also muß es ja wohl auch stimmen. Per Video wird der Amerikanthropos zu einem Verkaufsstrategen der Extraklasse, überwindet seine Kontaktarmut, lernt den komplexesten Computer zu bedienen und ein Vier-Gänge-Menü für zwölf Personen in 30 Minuten zuzubereiten. Damit bewältigt er seine Klaustrophobie und seine Legasthenie, und nach nur zwei Stunden Video kann er eine Symphonie komponieren, in seiner Küche eine Nierentransplantation durchführen, einen internationalen Bestseller schreiben, seinen Hund und seine Kinder dressieren und sogar Präsident werden, wenn er nur feste will (Schauspieler und Erdnußfarmer haben schließlich schon bewiesen, daß das geht). Ja, viele Videos halten gar Lösungen für den Amerikanthropos bereit, zu denen er bisher noch nicht einmal das passende Problem hat, doch wozu gibt es schließlich das Fernsehen, wenn nicht dazu, es ihm einzureden.

Ein Amerikanthropos beseitigt fast immer nur die Symptome und nur sehr selten die eigentlichen Ursachen. Wenn nämlich sein Keller so feucht ist, daß die Mäuse regelmäßige Segelregatten darin veranstalten, und dummerweise auch noch die Fenster klemmen, wird ein Amerikanthropos nicht etwa ein Kännchen Haushaltsöl erstehen und die Fenster wieder gängig machen, damit anständig gelüftet werden kann, nein, er kauft den schon erwähnten elektrischen Luftentfeuchter, der natürlich nicht ausreichend ist, und so lachen sich die Mäuse tot, so daß der Amerikanthropos wenigstens dieser Plage auf elegante Weise Herr geworden ist, auch wenn das ursprünglich gar nicht seine Absicht war. Zweites Beispiel: Aus meiner statistischen Darstellung des Amerikanthropos sind sicher noch die 20 bis 200 Prozent Übergewicht erinnerlich, die 70 Prozent der amerikanthropischen Bevölkerung mit sich herumschleppt und die natürlich daher rühren, daß kein Individuum dieser Spezies jemals mehr als hundert Schritte zusammenhängend zu Fuß geht, und erst recht nicht zur nächsten Burger-Bude. Über die Qualität und vor allem über den Nährwert dieser Plattfrikadellenbrötchen und der unvermeidlich dazugehörigen Pommes Frites ist schon soviel geschrieben worden, daß ich mir hier jeden weiteren Kommentar ersparen kann und nur noch daran zu erinnern brauche, daß die Kalorien derselben sich in Form von Fettzellen schon während der Heimfahrt an Bauch, Hüften und Oberschenkeln des Amerikanthropos niederlassen. Und so trinkt der Amerikanthropos nicht nur eine gewissensberuhigende, kalorienfreie Diät-Cola zu seinen mayonnaise- und ketchuptriefenden Pommes, sondern zur Bekämpfung dieses Fettsyndroms hat sich eine ganze Industrie im Lande entwickelt, die mittels eines ungeheuren Werbeaufwandes dem Amerikanthropos Trimmapparate verkauft, gegen die sich eine mittelalterliche Folterbank wie ein gemütliches Sofa ausnimmt. Apparate, zum Rudern, Reiten und Rennen, zum Heben, Drücken und Ziehen, im Sitzen, Stehen, Liegen und Knieen. Apparate, die nicht nur die abs (Kurzform von abdominals, dtsch.: Unterbauchmuskeln) schön flach und stahlhart machen, sondern auch schlanke Beine und einen schmalen Fuß. Und weil das Ganze auch noch durch die regelmäßige Einnahme von Schlankheits- und Abführpillen kräftig unterstützt wird, dürften in Amerika eigentlich nur lauter Mannequins und Dressmen rumlaufen. Da es diese Abführchemikalien und Foltergeräte nun aber schon seit Jahrzehnten gibt (neuerdings lediglich durch ein control panel mit digitalen Anzeigen von Herz-, Puls- und Darmbewegungsfrequenz aufgemotzt) und der Amerikanthropos immer noch so aussieht wie das berühmte Michelin-Männchen, muß irgendwas an der ganzen Sache faul sein. Und wer - drittens - jemals die zahlreichen Arzneimittelwerbungen im amerikanischen Fernsehen erleben durfte, kennt auch den einfachen Weg zur kopfschmerzfreien Glückseligkeit, allerdings nur, wenn er Tylenol nimmt und nicht etwa Advil oder Motrin oder Exedrin oder Aleve oder Orudis oder was sonst noch an tausend anderen Mittelchen in jedem Supermarkt und an jeder Tankstelle erhältlich ist. Jedenfalls genügt es dem Amerikanthropos, ohne nach den eigentlichen Ursachen zu fragen, den Schmerz zu bekämpfen. Denn einen klaren Kopf braucht der Amerikanthropos unbedingt. Wie sollte er sonst seine Telefonnummern behalten können? Das scheint ihm sowieso - auch ohne Kopfschmerzen - gewisse Probleme zu bereiten, denn ansonsten hat mir trotz intensivster Feldforschung noch niemand den Grund nennen können, warum amerikanthropische Telefonnummern immer in eine Dreier- und eine Viererzahlengruppe unterteilt sind. Denn was ist wohl der entscheidende Unterschied zwischen 473-8149 und 4738149 (wobei man den Bindestrich sowieso nicht wählen kann)? Eben! Die einzige Erklärung kann daher nur sein, daß das Gehirn des Amerikanthropos einfach nicht zum Speichern längerer Zahlengruppen geschaffen ist.

Der Amerikanthropos hat einen Hang zum Radikalismus, wenn er einmal von etwas überzeugt (worden) ist, daher wird alles derartige zu einer Art Religion erhoben und unter allen Umständen durchgesetzt, ja, bis aufs Blut verteidigt oder bekämpft, je nachdem, was manchmal an die Starrköpfigkeit eines fußaufstampfenden Kindes (!) erinnert. Toleranz und zwischenmenschliche Verständigung gibt es dann nicht mehr, sondern jeder versteckt sich mit seiner Argumentation hinter anonymen Verordnungen und Gesetzen. Auch dazu ein Beispiel, das das Leben schrieb: Im Sommer saß ich in Newport auf der Terrasse (also unter freiem Himmel) einer ansonsten recht netten kleinen Bar. Es war bereits nach zehn und ich wollte nichts weiter, als zu meinem Bier gemütlich eine Pfeife rauchen. Da sah ich schemenhaft durch die Schwaden des mich umwabernden Zigarettenrauches der anderen Gäste den Geschäftsführer, der mir mitteilte, daß in diesem Etablissement das Rauchen von Zigarren und Pfeifen leider nicht gestattet sei. Meine Frage, ob sich denn jemand darüber beschwert hätte, beantwortete er: "No, Sir, but smoking pipes is prohibited. This is the restaurant's policy" (dtsch.: Nein, mein Herr, aber Pfeifenrauchen ist verboten. Das ist in diesem Lokal die Regel). Wie gesagt, es ist nicht nur einfach, sich hinter anonymen Verordnungen zu verschanzen, sondern eine typisch amerikanthropische Eigenschaft, auch dann dickköpfig auf diesen zu bestehen, wenn niemandem dadurch irgendein Nachteil, geschweige denn ein Schaden entsteht. Im übrigen versteht sich wohl von selbst, daß seitdem meine private policy besteht, dieses Lokal nie wieder zu beehren. Und doch muß man sogar schon positiv bemerken, daß dort überhaupt geraucht werden durfte, denn der Amerikanthropos ist - insbesondere an der Ost- und Westküste seines Landes - inzwischen sehr radikal in dieser Angelegenheit. Kein öffentliches Gebäude, kein Büro und kein Laden mehr, vor dem nicht ständig ein paar arme Raucher vor der Türe stehen müssen, weil sie drinnen nicht toleriert werden, was besonders in der zur Zeit herrschenden kalten Jahreszeit sehr unangenehm ist. In anderen, ähnlich verschrobenen Ländern (ich möchte unsere britischen EU-Partner nicht kompromittieren, deswegen verrate ich nicht, welches Land ich insbesondere damit meine) gibt es dennoch wenigstens irgendwo im Innern eines Gebäudes ein Rauchzimmer, und weil mir als Vielreisender diese Tatsache bekannt ist, bin ich dem Grund für das Fehlen dieser menschenfreundlichen Einrichtung in Amerika einmal nachgegangen. Verblüfft habe ich feststellen müssen, daß es nicht - wie ich bis dahin geglaubt hatte - in erster Linie die Sorge um die Gesundheit des Amerikanthropos ist, die Arbeitgeber, Behörden usw. zu diesen Rauchverboten veranlassen, sondern - was hätte es denn wohl auch anderes sein können - das liebe Geld. Die Feuerversicherungsprämien sind nämlich für ein Gebäude, in dem nicht geraucht werden darf, wesentlich niedriger! Und doch hat auch hier der Amerikanthropos eine pragmatische Lösung gefunden: wenn nämlich draußen der Frost klirrt und ihn sein Rauchbedürfnis überfällt, marschiert er zum Parkplatz, setzt er sich in sein Auto, startet Motor nebst Heizung und pafft gleich zwei oder drei Zigaretten hintereinander. Drinnen raucht er, draußen der Auspuff. Und während sich über den Städten Amerikas der Smog zusammenbraut, kann der rauchende Amerikanthropos ganz sicher sein, daß ihm niemand diese seine wunderbare Freiheit nehmen wird, denn ein laufender Automotor hat keinesfalls eine höhere Versicherungsprämie zur Folge. Eigentlich müßte doch gerade der Amerikanthropos aus seiner jüngeren Vergangenheit gelernt haben, daß eine Prohibition nichts nützt. Ganz im Gegenteil. Und so erlebe ich auch gerade mit eigenen Augen, daß es mehr und mehr 'in' wird, Zigarren zu rauchen, je länger, je lieber (die Zigarre, meine ich). Überall schießen private Rauchklubs aus dem Boden und neuerdings gibt es sogar einen Manhatten-Führer speziell für Raucher. Man darf also auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

Im Zusammenhang mit dem amerikanthropischen Radikalismus gestehe ich freimütig, daß ich mir bisher niemals allzuviele Gedanken gemacht habe, wieviel Fett ein Glas Dillgurken oder ein Becher Erdbeermarmelade enthält. Für den Amerikanthropos scheint das jedoch von entscheidender Bedeutung zu sein, denn weshalb sollte sonst auf den Etiketten der beiden Beispiele dick vermerkt sein, daß es in diesem Fall - wer hätte das vermutet? - Null Prozent sind? Vermutlich weil jemand ihm vor einigen Jahren mal heftig eingeredet hat, daß es auf dieser Welt kein größeres Pfui als Fett gibt. Damit ich nicht mißverstanden werde: ich weiß selbstverständlich auch, daß ständig zu fettes Essen einfach ungesund ist, aber was heute die Einstellung des Amerikanthropos zum Fett ist, kann morgen schon zur Verdammung von, sagen wir Brillenträgern führen, der Bösewicht ist austauschbar, man muß es nur laut genug heraustrompeten. Sicherlich begann der ganze Antifettwahnsinn mit den auch deutschen Zeitungslesern wohlvertrauten Worten: "Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt..." Der ganze Artikel war sicher noch untermauert mit eindrucksvollen Fotos verfetteter Herzkranzgefäße und total überlasteter Leberzellen in fünfhundertfacher Vergrößerung, ergänzt durch graphische Darstellung der eminent erhöhten Sterblichkeitsrate bei fettfressenden Warmblütern. Der Amerikanthropos war jedenfalls ob dieser Anschaulichkeit ziemlich beeindruckt. Natürlich hat die Nahrungsmittelindustrie diese Chance zur Umsatzsteigerung nicht nur erkannt, sondern auch sofort genutzt (wenn sie nicht gar von ihr initiiert wurde, doch das kann ich nicht beweisen), so daß es heute leichter ist, im Heuhaufen eine Stecknadel zu finden, als in einem amerikanthropischen Supermarkt Produkte mit natürlichem Fettgehalt. Und selbst Mineralwasser verkauft sich inzwischen einfach besser, wenn das Etikett einen ausdrücklichen Hinweis auf die Fettarmut des Produktes enthält. Interessanterweise haben es aber weder die Gesundheitsbehörden mit ihren Aufklärungskampagnen, noch der ganze Werbetrara der Nahrungsmittelhersteller geschafft, der derzeitigen Fettleibigkeit des Amerikanthropos Herr zu werden, und erst die Zukunft wird uns zeigen, wieviele Jahre länger ein Amerikanthropos auf dieser unserer Erde weilt, der sich zeit seines Lebens nur von fettfreier Joghurt ernährt hat.

Man sagt dem Amerikanthropos wegen der unvorstellbaren Vielfalt der Sekten und Glaubensgemeinschaften in seinem Lande einen überschweren Frömmigkeitsfimmel nach. Das stimmt in dieser eingeschränkten Sichtweise so natürlich nicht, denn der Amerikanthropos ist (wie alle verschreckten Kinder) generell autoritätsgläubig und die Religionen und ihre Stifter haben seit Jahrtausenden einfach eine natürliche Begabung, dieses für ihre Zwecke entsprechend auszunutzen. So können Autoritäten alle sein, die sich dazu erheben oder kraft göttlicher Vorsehung (sprich: entsprechender Promotion) dazu auserwählt sind. Natürlich gehören die Führer der jeweiligen Kirche bzw. Glaubensgemeinschaft dazu, aber auch Prominte aus Sport, Film und Fernsehen. Der natürlich in Europa sattsam bekannte amerikanthropische Starkult beweist es. Bei diesen letzteren wird - wie schon angedeutet - auch eine gewisse Exzentrik im Verhalten und Aussehen geduldet, weil sie stellvertretend für das gutbürgerliche Spießertum des Amerikanthropos einerseits alles das repräsentiert, was ihm sein konformistisches Gruppenverhalten nicht gestattet und andererseits das ideale Ventil täglich praktizierten Pharisäertums bietet. Woher kommt nun diese Autoritätsgläubigkeit? Ein Amerikanthropos ist aufgrund der schon erwähnten Erziehung zur Gruppenfixiertheit ziemlich unselbständig und ein rechtes Herdentier. Er wartet darauf, daß jemand ihm sagt, was er tun und - vor allem - wie er es tun soll. Die Werbung und die Religionsgemeinschaften haben diese Lücke erkannt und sie erfolgreich geschlossen, denn wer jemals zum zwölften Mal von ein und demselben Werbespot bei seinem Samstagabendfernsehfilm unterbrochen wurde oder einen feisten, schwitzenden, fanatisch brüllenden amerikanthropischen Prediger in einer vor 10.000 Menschen kochenden Halle erlebt hat, weiß, wovon ich rede. Dabei kommt es nicht einmal auf den Inhalt der Predigt (oder des Werbespots) an, denn was da in aller Regel an vierdimensionalem Quark von sich gegeben wird, kann nicht mal ein Schwachsinniger, geschweige denn ein Amerikathropos ernstlich glauben. Oder aber ein erschreckend großer Prozentsatz von ihnen müßte noch weitaus dümmer sein, als ich es je zu unterstellen gewagt hätte. Damit ich hier nicht mißverstanden werde: ich habe nichts gegen Religiosität, das mag jeder halten wie er will, aber die hier öffentlich dargebotene, scheinheilige Zurschaustellung volksverdummender Frömmelei überschreitet für einen denkenden Menschen die Grenze zur Peinlichkeit um Längen. So entgegnete Bob Dole (während einer Fernsehdebatte zwischen ihm und Bill Clinton in San Diego am 16. Oktober 1996) auf die Frage einer Zuschauerin im Studio, ob er auch wirklich ein christlich denkender Mensch sei (ich zitiere wörtlich): "Meine Frau, meine Tochter und ich haben vor dieser Veranstaltung eine Stunde lang ausgiebig gebetet." - und er entblödete sich nicht, im selben Augenblick eine Bibel aus seiner rechten Jackentasche zu ziehen und demonstrativ hochzuhalten. Ich vermute mal, daß er links den Koran, und in der Hosentasche den Talmud mit sich herumschleppte, um der entsprechenden Frage aus dem jeweiligen Glaubenslager im Bedarfsfall denselben publikumswirksamen Effekt entgegensetzen zu können. Bill Clinton gab sich da schon wesentlich gemäßigter, als er sich irgendwann in derselben Veranstaltung äußerte: "Man hat in diesem großartigen Land sogar das Recht, an nichts zu glauben!"

Aha. Dabei ist bei diesem Frömmigkeitsdemonstrationshumbug offenbar das Wichtige, daß irgend jemand überhaupt irgend etwas in halbwegs überzeugender Weise vorbrüllt, sozusagen eine für ein schlichtes Gemüt einigermaßen glaubwürdige message (dtsch. in diesem Zusammenhang: Message) rüberbringt, damit sich der Amerikanthropos sofort damit identifizieren kann. Beispielsweise ist die Verdammung der Scientology Sekte in Europa für den Amerikanthropos absolut unverständlich, denn das Ziel dieser Sekte ist es doch, selbst für ihn sichtbar, erstens dem Einzelnen etwas zu geben, woran er sich in dieser ach, so materialistischen Welt irgendwie psychologisch festhalten kann (sogar wenn es gequirlter Schwachsinn ist), und zweitens in größeren Mengen Geld zu scheffeln. Und besonders am letzteren kann ein Amerikanthropos nun beim besten Willen nichts Verwerfliches finden.

Wegen dieser unglaublichen Vielfalt von Religionen, Sekten und deren Splittergruppen in allen denkbaren Schattierungen, hat der Amerikanthropos auch nur sehr wenige landesweite religiöse Feiertage (Ostern zählt nicht, weil das sowieso immer auf einen Sonntag fällt), sonst käme er ja vor lauter Ramadans und Chanukahs überhaupt nicht mehr zum Arbeiten. Daher ist für ihn der Thanksgiving Day (dtsch. etwa einem Erntedankfest gleichzusetzen, auch wenn es in Amerika natürlich in viel größerem Stil gefeiert wird) Ende November eine Art interkonfessionelles, aber dennoch in letzter Instanz religiöses Fest. Denn ob sich jemand einen älteren Herrn mit langem weißem Bart oder einen lendenbeschurzten und bauchnabelbetrachtenden freundlichen Dicken oder sogar L. Ron Hubbard als das gütige Wesen vorstellt, welches - trotz Intensiveinsatz von allerlei Chemikalien und Gentechnologie - alles so wunderbar gedeihen und wachsen läßt, ist ja auch tatsächlich völlig gleichgültig.

Äußerst verblüffend ist die Tatsache, daß der Amerikanthropos sich selber für den freiesten und demokratischsten aller Menschen auf diesem Planeten hält, weil er die Einschränkungen, unter denen er lebt, und die er zu einem nicht unerheblichen Teil sich selbst zu verdanken hat, selber nicht erkennen kann und will, und weil "höhere Instanzen" verständlicherweise kein Interesse daran haben, ihm die Augen zu öffnen. Frei zu sein bedeutet für den Amerikanthropos in erster Linie, kein Kommunist sein zu müssen, obwohl er zu einer Unterscheidung zwischen Kommunismus und Sozialismus, geschweige denn einer sozial orientierten Gesellschaftsordnung sowieso nicht fähig ist. Derartige Feinheiten wurden ihm nicht nur nie beigebracht, sondern - umso gefährlicher - sie wurden ihm jahrzehntelang von den wenigen "Wissenden" bewußt verschleiert und verfälscht serviert, um eigene Interessen besser durchsetzen zu können. Zweitens, frei zu sein ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit, nachts um halb eins einkaufen und dabei zwischen siebzehn verschiedenen Ketchup-Marken (wohlgemerkt: Marken, und nicht Geschmacksrichtungen - ich kann's auch immer noch nicht fassen) wählen zu können. Und drittens bedeutet Freiheit dem Amerikanthropos, mit seinem Gewehr jeden unerwünschten Eindringling auf seinem Grund und Boden ungestraft umnieten zu dürfen. Und so baut er sich einerseits zwar Autos mit acht Zylindern und 250 PS, nimmt aber andererseits selbst angesichts der zu überwindenden Entfernungen in seinem eigenen Lande eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf total schwachsinnige 88 km/h klaglos hin, weil es a) Gesetz ist, b) deshalb nicht weiter von ihm hinterfragt wird und er es c) daher gar nicht als Einschränkung empfindet. Gesetze haben nämlich mit Freiheit gar nichts zu tun, so kennt der Amerikanthropos es jedenfalls noch aus der law and order Zeit, als besonders im Westen des Landes noch das Gesetz desjenigen galt, der am schnellsten seinen Colt ziehen konnte. Und was die Einstellung zur Demokratie angeht, bitte ich meine Leser, sich in einer deutschen Zeitung noch einmal die Beteiligungszahlen bei der letzten Präsidentenwahl anzuschauen.

Selbst in der Sprache des Amerikanthropos lassen sich an tausend Stellen entlarvende Beweise für seine Kindlichkeit finden, von denen ich hier nur ein besonders markantes herausgreifen will. Eine nicht ganz ernstgemeinte Äußerung versieht der Amerikanthropos häufig mit dem Zusatz: just kidding, wobei dieser Ausdruck dem schwerbegreifenden Mitamerikanthropos signalisiert: "Achtung, dies ist ein Scherz, es darf unter Umständen gelächelt werden", weil er vom Wort kid (Kurzform von child, dtsch.: Kind) abgeleitet ist. Der Amerikanthropos macht also keine humorvollen Bemerkungen oder gar Spaß, sondern er kindelt! Darüber hinaus wundert es mich schon lange nicht mehr, daß Kindergarten auf Englisch kindergarten heißt.

So bleiben zum Schluß zwei Fragen übrig:

1.

Was also macht den Amerikanthropos für viele Europäer eigentlich bis heute so nachahmens- und seinen Lebensstil so begehrenswert?

2.

Was also hat der Amerikanthropos, das es woanders nicht auch gäbe?

Die Antwort auf diese beiden Fragen ist ebenso schlicht und einfach wie desillusionierend, sie lautet: Nichts! Wir alle haben den Amerikanthropos jahrzehntelang hoffnungslos überschätzt! Und selbst die Hershey Schokolade, an die sich die Älteren unter meinen Lesern sicher noch aus den Care-Paketen der Nachkriegszeit erinnern werden, ist immer noch dieselbe und schmeckt im Vergleich zu europäischen Produkten einfach beschissen (aber dafür gibt es wenigstens inzwischen eine fettfreie Version davon).

Ich schließe daher meine Ausführungen mit einem ebenso lakonischen wie zutreffenden Zitat über den Amerikanthropos. Es stammt von einem mir sehr bekannten Engländer, der mit einer Französin verheiratet ist und in Spanien lebt: "Too much power - too little culture" (dtsch.: Zuviel Macht - zuwenig Kultur).


Nachwort

Im Nachhinein bin ich froh, daß ich mir nicht selbst die Aufgabe gestellt habe, ein ähnliches Essay über den Germanthropos zu schreiben (was nicht heißt, daß ich das nicht vielleicht eines Tages noch tun werde). Es wäre sicher nicht viel schmeichelhafter ausgefallen. Doch wenn man im Ausland lebt, sitzt man so herrlich bequem zwischen zwei Stühlen und hat demzufolge einen beruhigenden Abstand zu beiden Seiten. Eine Distanz, die einerseits Wesentliches deutlicher macht, als wenn man selber mitten drin steckt, und aufgrund derer es einem andererseits leichter fällt, gelegentlich bissig zu sein.

Im Grunde also ist daher "mein" Amerikanthropos ein Mensch wie fünf Milliarden andere auch. Er hat dieselben Vorzüge und Fehler wie jeder von uns und zu jeder meiner Verallgemeinerungen kenne ich sogar mindestens eine Ausnahme, die aber bekanntlich doch meist nur die Regel bestätigt. Und so ist denn vieles, das ich in diesem Newsletter beschrieben habe, in Deutschland (Europa) ähnlich oder sogar genauso und wird bei meinen Lesern sicher gelegentlich zu einem déjà vu Effekt geführt haben. Dieses Risiko bin ich allerdings gerne eingegangen, denn es ist sicher auch mal ganz heilsam und lehrreich zu sehen, daß es anderswo, und sei es selbst auf einem anderen Kontinent, doch nicht gar so verschieden zugeht. Für mich war es das jedenfalls bisher.

Heilsam und lehrreich, meine ich.


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