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Juni 1996 |
Jodeln schreibt man mit Ypsilon |
Am letzten Wochenende fand das alljährliche New Hackensack Bavarian Festival
statt, das nicht nur wie immer von der örtlichen Feuerwehr gesponsort wurde, sondern sogar bei der nicht unbedingt deutschstämmigen Bevölkerung ziemlich großen Zuspruch fand. |
Deutschland = Bayern, auf diese einfache Formel läßt sich das wohlausgewogene Vorurteil der
Amerikaner bringen, daß 99 Prozent der deutschen Frauen ständig im tiefausgeschnittenen Dirndl-Kleid und ein ebenso großer Prozentsatz der deutschen Männer in krachenden Lederhosen oder zumindest mit einem Gamsbart am Hut herumlaufen.
Aus diesem Grund werden Bierfeste im hiesigen Volksmund gerne als Octoberfest
bezeichnet, selbst wenn sie im Juni stattfinden. Nun ja. Ebenso pfiffige wie findige amerikanische Sprachfreunde kommen der Wahrheit sogar noch einen kleinen Schritt näher und sagen Octobeerfest. |
Jedenfalls haben Gisela und ich uns auch heuer wieder den Versuch nicht entgehen lassen, das o.
a. Vorurteil durch unsere leibhaftige Anwesenheit ein wenig zu entkräften. Wir erschienen deshalb zu diesem Fest ausnahmsweise mal nicht im Dirndl und auch völlig ohne ledernen Gamsbart. |
Dieses New Hackensack
(für den Namen kann ich nun wirklich nichts und er wird auch nicht viel attraktiver, wenn man ihn amerikanisch häcknsäck
ausspricht) ist ein kleiner, verträumter Ort etwa sieben Meilen südöstlich von Poughkeepsie. Eigentlich ist es nicht einmal ein richtiger Ort, sondern eher eine weit verstreute Ansammlung von mittelständischen Wohnhäusern, ein paar Bauernhöfen, mehreren Kirchen, einem Kriegerdenkmal und einer Feuerwehrstation. Das Gute an der letzteren ist, daß sie nicht nur über ein Spritzenhaus samt den dazugehörigen roten Autos, Leitern und Schläuchen verfügt, sondern auch über mehrere riesige Wiesen, die zum Aufbau eines Volksfestes geradezu einladen (in Deutschland kommt die Feuerwehr zum Fest, in Amerika das Fest zur Feuerwehr, Anm. d. Verf.). Wenn ich im Zusammenhang mit den Wiesen das Wort 'riesig' gebrauche, dann meine ich es auch so. 'Mehrere' ist auch sehr wichtig, weil man ja in Amerika immer noch zusätzlich zur eigentlichen Festwiese etwa die zehn- bis fünfzehnfache Fläche für Parkplätze benötigt.
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Natürlich brauchten wir die 500 Meter von unserem Parkplatz nicht zu gehen, denn kaum befährt
man bei einer solchen Gelegenheit einen Parkplatz, der weiter als 100 Meter vom Ort des eigentlichen Geschehens entfernt ist, hat man, während man sich im Schrittempo fahrend nach einem Einstellplatz umschaut, das unbestimmte Gefühl,
verfolgt zu werden. Und so ist es auch tatsächlich. Der Verfolger ist in diesem Fall allerdings ein harmloser shuttle bus, der einen genau an seinem Auto aufpickt und natürlich kostenlos zum Festplatz befördert, wo wir uns
des Eindrucks nicht ganz erwehren konnten, daß dieser kostenlose Service wohl irgendwie in den fünf Dollar Eintritt enthalten sein mußte. |
Damit alles hübsch kontrolliert ablief, war die ganze Festwiese von einem Zaun umgeben. Dieser
hat zwei Funktionen: erstens kann niemand durchrutschen, der nicht brav seine fünf bucks
entrichtet hat und zweitens muß jeder durch die Gesichtskontrolle, genauer: es wird ja Bier ausgeschenkt und an Jugendliche unter 21 ist das bekanntlich strengstens verboten. Damit nun den Bierzapfern jegliche Diskussion mit den jungen Leuten erspart bleibt, greifen sich zwei Hilfskräfte des örtlichen Sheriffs jeden entsprechend jung aussehenden Menschen heraus (bemerkenswerterweise durften Gisela und ich unbehelligt passieren), lassen sich den Führerschein (!) zeigen und legen ihr/ihm gegebenenfalls ein Armbändchen an, das sozusagen die Bierreife bescheinigt. Kein Bändchen - kein Bier. Natürlich nur, wenn die äußere Erscheinung überhaupt zu irgendwelchen Zweifeln über das Alter Anlaß geben könnte. Daher durften also nicht nur Gisela und ich, sondern auch alle anderen Säuglinge und Greise ungebändigt den Platz betreten.
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Auf diesem wartete in der Mitte bereits ein gelb-weiß (?) gestreiftes Bierzelt auf uns, in dem
sich bereits ungefähr 1.496 oder vielleicht sogar 1.596 (wir sind mit dem Zählen nicht so ganz nachgekommen, weil an den Rändern des an allen Seiten offenen Zeltes ständig rein- und rausgewieselt wurde) Menschen, Frauen und Kinder
mit eingerechnet, an langen Tischen der Fröhlichkeit hingaben. Hervorgerufen wurde diese durch mindestens zwei Hauptursachen: erstens Musik und zweitens Bier. |
Amerikaner pflegen die dort von der amerikanischen Truppe The Gemuetliche Enzianer
zu Gehör gebrachte zünftige Blasmusi treffend als Umpa Music zu bezeichnen, womit auch fast schon alles gesagt ist. Doch eines muß sogar der Neid unseren Amis lassen: ihr show business
verstehen sie, denn egal ob man das Kufstein Lied mag oder nicht, vom rein musikalisch-handwerklichen Blickwinkel, oder besser Hörwinkel betrachtet, ist das Ergebnis nahezu CD-reif und könnte Ernst Mosch samt allen seinen egerländer Originalen das Fürchten lehren (sofern die Egerländer jemals mit den Enzianern zu einer
bavarian-bohemian jam session
zusammentreffen sollten). Sogar ihre deutsch-dialektischen (bitte nicht mißverstehen) Texte handhabten die sieben amerikanischen Musikanten oben auf der Bühne souverän und sogar mit einiger Satire, denn wir durften schmunzelnd hören, daß sich mit Tuba- und Akkordeon-Begleitung im Hintergrund sogar Steiermoak auf New Yoak reimt. Nun, warum auch nicht, denn wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht - und warum sollte sie - hatte sich (oder hat sich immer noch, ich habe das nicht gar so genau verfolgt) eine Hamburger Gruppe namens Truck Stop der
Country & Western Music verschrieben und ein gewisser Österreicher namens André Heller hat ja seinerzeit in aller deutschsprachigen Öffentlichkeit sogar das Reimpaar Schnucki und Kentucky gewagt. |
Da erst für neun Uhr eine Show angesagt war, hatten wir nun noch genug Zeit, den Rest der
Festwiese in Augenschein zu nehmen und außerdem plagten uns schon seit geraumer Zeit zwei menschliche Grundbedürfnisse, die allgemein unter den Bezeichnungen Hunger und Durst bekannt sind. Und weil man bekanntlich wesentlich länger ohne
zu essen überleben kann als ohne zu trinken, lenkten wir unsere Schritte zunächst zum Bierwagen. Mal abgesehen von dem obligatorischen, allgegenwärtigen amerikanischen Blubberwasser, genannt Budweiser (die Namensgleichheit ist rein
zufälliger Natur), welche Biersorte mag es nun wohl auf einem typischen Bavarian Festival geben? Ganz klar, Dinkelacker CD Pils aus dem Schwabenlande. |
Kleiner Einschub: es gibt eine Biersorte hier in den USA, die allen Ernstes Sankt Pauli Girl
heißt, und auf deren Flaschenetiketten eine Maid in bayerischem Dirndl mit einem Maßkrug in der Hand abgebildet ist - soviel noch mal zur eingangs zitierten Deutschland/Bayern-Formel. |
Immerhin, Dinkelacker vom Faß bekommt man hier nicht alle Tage und so ließen wir uns denn auch
einen pitcher (ein Plastikkrug mit dem Fassungsvermögen etwa einer halben Gallone) füllen und schlenderten, gelegentlich an unseren Plastikbechern nippend in Richtung Freßbuden. Weil uns die Menschenschlange vor den Original
German Potatoe Pancakes (dtsch.: Reibekuchen) zu lang erschien und unsere Geschmacksknospen an diesem Tag nicht auf amerikanische hot dogs eingestellt waren, blieb uns noch der Leberkase with Sauerkraut and Potatoe Salad
. Der Leberkase (das ä ist nicht kaputt, ich behalte nur die amerikanische Schreibweise bei) kam auf einem Plastikteller und der Kartoffelsalat und das Sauerkraut jeweils in einem Plastiknäpfchen, natürlich mit Plastikdeckel. Alles drei
fand so auf einem Plastikeinwegtablett Platz, daß wir gerade noch die Senftütchen (aus Plastik) und das Plastikbesteck danebenquetschen konnten. Eine kurze Überschlagsrechnung brachte uns auf rund 12.000 (!) Plastikteller allein für
diese eine zweitägige Veranstaltung, das Besteck, die Trinkbecher usw. haben wir vorsichtshalber gar nicht erst hochzurechnen versucht! Ich gestehe jedoch, daß uns das Essen trotzdem sehr gut und sogar ziemlich deutsch geschmeckt hat.
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Pünktlich nachdem wir unser Plastik vorschriftsmäßig in einem der zahlreichen bereitstehenden
Plastiksäcke entsorgt hatten, begann im Festzelt die show. Die Mid Hudson Valley Schuhplattler Company
(kein Scherz) standen den bayerischen und österreichischen (ich muß an dieser Stelle die bekannte Formel noch erweitern: Deutschland = Bayern + Österreich) Holzhackerbuam wirklich in nichts nach. Es wurde nicht nur schuhgeplattelt, sondern auch lustig schaugesägt und -geaxt, daß die Späne nur so umeinand' flogen, eine eindrucksvolle Demonstration deutschen Handwerkerfleißes also auf jeden Fall.
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Während nun der eine Teil unserer deutschfreundlichen Mitbürger nach der show
heftig das Tanzbein zu Tony Marschalls Greatest Hits schwangen und der andere Teil trinkend und schunkelnd die gemutlikeit
(dtsch.: Gemütlichkeit) pflegten, inspizierten wir die weiteren, rund ums Hauptzelt gruppierten Buden. Ach, was gab's dort für entzückende Dinge zu bestaunen! Sogar richtige, echte gebrannte Mandeln nach deutscher Art. Für die Mutti vielleicht einen vergoldeten Bundesadler zum Um-den-Hals-hängen? Oder einen leibhaftigen Christstollen (im Juni) und die original Nürnberger Lebkuchen? Die Dirndlkleidchen und Lederhöschen mit eingesticktem Edelweiß, ganz allerliebst für unsere Kleinchen. Hirschgeweihe und Kuckucksuhren, ja sogar die vitamin- und nährstoffreiche Nutella, die sonst in amerikanischen Supermärkten gar nicht bis nur sehr schwer zu bekommen ist, für alle. Und für Vati zünftige bemalte Maßkrüge und Biergläser samt den dazu passenden -deckeln (ein simples Warsteiner-Glas kostete über 20 Dollar, ich weiß gar nicht, warum ich nicht im Bierglasimportgeschäft tätig bin). Die vielen schwarz-rot-goldenen Fahnen konnten wir jedoch unbeachtet lassen, da wir uns seinerzeit welche aus Deutschland mitgebracht haben und ein Schild im offiziellen Straßenlook
Parking for Germans only prangt bereits seit dem letztjährigen Fest in unserer Garage. |
Und da wir beide keine Schlägertypen sind und deshalb keine Lust hatten, spät abends noch den
Lukas zu hauen, haben wir uns noch einen pitcher Dinkelacker reingepitscht, den shuttle bus shuttle bus
sein lassen und einen erfrischenden Spaziergang durch die warme Frühsommernacht zu unserem Auto gemacht. Es wurde jedoch noch heftig hinter uns her ge-yodel-t. |
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