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September 1996 |
Al Capone, der Pate & Co. |
"C'mon move, Baby, get dressed. We've gotta plane to catch!"
brummte ich in die Richtung des Bettes, wo das Mädchen, mit dem ich die mal wieder verdammt kurze Nacht verbracht hatte, noch in tiefem Schlummer lag. Heute war unser großer Tag. Das Syndikat erwartete mich, und eine Verspätung würde Konsequenzen haben. Soviel stand fest, denn schließlich war ich mit den Leuten schon bei früheren Gelegenheiten zusammengetroffen und ich wußte, daß zumindest mit einigen von ihnen nicht gut Kirschen essen war. Daher war ich froh, daß ich gestern abend noch die Klinge meines Messers (ein schweizer Fabrikat, denn das sind die besten) geschärft und den zugehörigen Zahnstocher angespitzt hatte. Sicher ist sicher.
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Mit diesem Minikrimi als Einleitung, liebe Newsletter Freunde, ist es sicher nicht schwer zu
erraten: wir waren in Chicago. Die berüchtigte Mafia-Stadt im Staate Illinois (Amerikaner sprechen das merkwürdigerweise ohne das s, also Illinoi aus, Anm. d. Verf.), in der sich Nacht für Nacht die gefürchteten Killer-Gangs erbitterte
Straßenschlachten liefern und wo sich im Rinnstein das Blut der toten Gangster mit dem der Millionen geschlachteter Rinder mischt. Wo Prostitution, illegaler Alkoholverkauf, Rauschgifthandel und Glücksspiel die wichtigsten
Industriezweige sind und Lug, Trug und Bestechung allgemein gängige Geschäftspraxis... |
Halt, grundfalsch, just kidding
(dtsch.: ich hab's nicht so ernst gemeint)! All das sind natürlich nichts anderes als dumme Vorurteile, die publikumswirksam von der Filmindustrie ausgeschlachtet wurden und gelegentlich noch werden, und die ich unfairerweise durch Überschrift und Einleitung sogar noch geschürt habe. Die Wirklichkeit im heutigen Chicago ist nämlich das genaue Gegenteil (oder zumindest nicht anders als in anderen Großstädten), und dieses zu beweisen, ist Inhalt dieses Berichtes.
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Der Anlaß unserer Reise war dann auch relativ prosaisch: mal wieder ein internationales Meeting,
bei dem ich einen kleinen Vortrag, mühsam die Augen offen und ansonsten meinen Mund gehalten habe. Zwar war mir vor gut anderthalb Jahren schon einmal ein Aufenthalt in Chicago vergönnt, aber der beschränkte sich darauf, daß ein Kollege
und ich zusammen mit 100 anderen Passagieren von American Airlines durch matschige, unfreundlich-kalte Vorstadtstraßen in ein zweitklassiges Holiday Inn Hotel gekarrt wurden, weil wir - auf der Durchreise von San Francisco nach New York
- hier zwischengelandet waren und die Maschine wegen eines plötzlich einsetzenden Schneesturms an jenem Abend nicht wieder starten konnte. Diesmal war jedoch kein solcher Blizzard zu befürchten, sondern da der Wetterbericht für die
zweite Septemberwoche ein mildes und sonnigfreundliches Spätsommerwetter vorausgesagt hatte, ist Gisela kurzentschlossen mitgekommen (so gesehen waren die ersten beiden Sätze der Einleitung nicht gänzlich falsch, obwohl ich meine Frau
gewöhnlich nicht Baby zu nennen pflege, Anm. d. Verf.). |
Und doch, so ganz scheint das Echo der Vergangenheit noch nicht verhallt, denn warum sonst
sollte in dem Taxi, das uns vom Flughafen in die Innenstadt transportierte, das folgende Schild angebracht sein? This cab equipped with safe. Driver has no key. Driver carrries no more than 20$ cash.
Dem aufmerksamen und des Englischen kundigen Leser wird die, ich nenne sie mal rudimentäre Grammatik des - immerhin offiziellen - Schildes aufgefallen sein, denn korrekterweise müßte es lauten: This taxi is equipped with a safe. The
driver has no key and does not carry more than 20$ cash
(dtsch.: Dieses Taxi hat einen eingebauten Safe. Der Fahrer hat keinen Schlüssel dazu und hat nicht mehr als 20$ Wechselgeld bei sich). Sowas gibt es zwar nicht mal mehr in Manhattan, aber ich denke, solche oder ähnliche Schilder könnten trotzdem mit demselben Recht auch in Düsseldorfer oder Hamburger Taxen angebracht sein.
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Kennt Ihr das Gefühl, liebe Leser: man kommt geschäftlich oder auf einer Urlaubsreise in einen
fremden Ort und wird bis zur Abreise einfach nicht so richtig warm mit der Umgebung. Und andrerseits gibt es Städte, in denen hat man kaum am Flughafen den Koffer vom Gepäckband genommen und fühlt sich sofort auf eine zunächst noch
unerklärliche Weise zuhause. Genauso erging es Gisela und mir in Chicago. Kaum hatte unser Taxi die Innenstadt erreicht, hatten wir uns beide auch schon in diese Stadt verliebt! Ein Gefühl, das sich in den - leider viel zu kurzen - fünf
Tagen unseres Aufenthaltes immer wieder auf's Neue bestätigte und das sich jetzt, da wir für diesen Reisebericht in unseren Erinnerungen und Aufzeichnungen kramen, sogar noch verstärkt hat. |
Wie viele amerikanische Ortsbezeichnungen ist der Name Chicago indianischen Ursprungs und
bedeutet seltsamerweise wild and sticky onion
(dtsch.: wilde und klebrige Zwiebel)! Der große Manitou mag wissen, was seine rothäutigen Söhne seinerzeit zu dieser Namensgebung bewogen hat, wir sind jedenfalls nicht übermäßig vielen wilden Zwiebeln begegnet, und das einzig Klebrige unseres Aufenthaltes war ein einsames, plattgetretenes Kaugummi auf dem Bürgersteig einer ruhigen Seitenstraße. Viel deutlicher erlebten wir hingegen den Wahrheitsgehalt des Beinamens
Windy City
(dtsch.: windige Stadt), denn bedingt durch seine Lage am Südwestufer des Michigansees weht in Chicago ständig und immer ein munteres Lüftchen (vorsichtig ausgedrückt), weil fast 58.000 km2 Wasserfläche gleich nebenan schon für eine recht ordentliche Thermik sorgen (zum Vergleich: man stelle sich Hessen plus Baden-Württemberg plus Saarland als eine einzige große Wasserfläche vor, Anm. d. Verf.). Dieses "Lüftchen" kann besonders in den Wintermonaten so stark werden, daß die Stadtverwaltung und private Firmen überall dort, wo die Gehwege eine Neigung aufweisen, im Spätherbst Halteseile anbringen lassen, damit die Bürger nicht von den eh schon rutschigen Bürgersteigen weggeblasen werden (das ist kein Scherz). Außerdem ist auch nur damit zu erklären, daß alle, wirklich alle Gebäudeeingänge der Innenstadt Drehtüren haben, die dazu meist noch äußerst schwergängig sind, der Grund, warum ich in Chicago - jeder äußeren Höflichkeit zuwider - immer vor meiner Frau ein Gebäude betreten habe, um ihr kavaliersgemäß den entsprechenden Schwung geben zu können, der Drehtür, meine ich natürlich.
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Was tut man nun in einer Stadt, wenn man nur fünf Tage zur Verfügung hat und dummerweise auch
noch einen ziemlichen Anteil dieser kostbaren Zeit mit geschäftlichem Kram vertrödeln muß? Richtig, weil man bisher noch nicht so recht dazu gekommen ist, vertieft man sich während des zweistündigen Fluges von New York zunächst mal in
Frommer's Reiseführer (Frommer ist der amerikanische Baedecker, Anm. d. Verf.), damit man wenigstens so ungefähr... nicht wahr? Etwas, das meine kluge Frau schon Tage vorher erledigt hatte, aber sie brauchte ja auch viel mehr
Informationen, weil sie sich natürlich auch schon tagsüber den schönen Dingen Chicagos zuwenden konnte. Und so oblag auch ihr die Aufgabe, die Gestaltung der gemeinsamen Abende auszukundschaften, zu planen und entsprechend vorzubereiten.
Doch bevor wir uns ins Chicagoer Nachtleben stürzen, kann ich unseren Lesern einige Superlative der Stadt leider nicht ersparen. Also, auf geht's! |
Chicago City ist nach New York und Los Angeles mit 3.157.962 Einwohnern (Stand: Samstag, 21.
September 1996, 16:25 Uhr) die drittgrößte Stadt der USA, flächenmäßig zwar hundert Quadratkilometer kleiner als das Land Hamburg, aber dafür besonders in der Innenstadt größtenteils bedeutend höher. So erhebt sich hier der höchste
Wolkenkratzer Amerikas, der Sears Tower, stolze 110 SüB (Stockwerke über Bürgersteig), glatte zwei Etagen mehr als die beiden Türme des World Trade Center in Manhattan, die beiden Fernsehantennen noch nicht mal eingerechnet (was Sears in
den USA, ist Karstadt in Deutschland - womit ich nicht notwendigerweise Essen und Chicago verglichen haben möchte, Anm. d. Verf.). Chicagos O'Hare International Airport ist der Flughafen mit dem höchsten Verkehrsaufkommen der Welt und
die Stadt ist der Eisenbahnknotenpunkt schlechthin in den USA. Und auch wenn die Eisenbahn als Personenverkehrsmittel heutzutage in Amerika eine ziemlich untergeordnete Bedeutung hat, so werden im Chicagoer Schienengewirr doch immerhin
fast 30 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. Die Großen Seen, zusammen mit dem Chicago River, plus einem ausgeklügelten Kanalsystem und dem Mississippi schaffen eine Wasserverbindung von Kanada (mit dem St. Lawrence Seeweg sogar bis in
den Nordatlantik) zum Golf von Mexiko und somit verfügt Chicago - eine wenig bekannte Tatsache - zudem noch über einen der größten Häfen in den USA. Daß über 2.000 Speditionen ihre LKW's von Chicago aus mit jährlich über 40 Millionen
Tonnen Diversem auf ihre Reise über alle Highways der USA schicken, ist zwar umweltmäßig gesehen wenig erfreulich, aber dennoch eine gegebene Tatsache. Und wenn man in der Lage wäre, von Los Angeles aus 2.727 Kilometer weit nach
Nordosten zu schauen, würde man am Ende der berühmten und vielbesungenen Route 66 das Ortseingangsschild von Chicago erkennen können. Doch lassen wir es damit genug sein, wenden wir uns lieber den sogenannten "kleinen Dingen am
Rande" zu, die allesamt dazu beigetragen haben, uns diese Stadt so sympathisch werden zu lassen. |
Unser Eindruck von Chicago ist der einer sehr sauberen und ordentlichen Stadt mit geradezu
europäischem Flair, die London oder Paris in nichts nachsteht. Ganz ähnlich wie die meisten amerikanischen Großstädte ist die Innenstadt ein schachbrettartiges Gewirr von Einbahnstraßen, das einen ortsunkundigen Autofahrer mühelos an den
Rand des Wahnsinns bringen kann. Als "Manhattan-Geschädigte" fiel uns jedoch sofort auf, daß selbst die City mit den vielen Hochhäusern und Wolkenkratzern in keiner Weise erdrückend wirkt, ganz im Gegenteil. Hier ist überall
viel Platz zwischen den Bauwerken und es kommt äußerst selten vor, daß zwei oder mehr solcher Gebäuderiesen direkt und dicht nebeneinander stehen. Kleinere und niedrigere Häuserblocks, hübsche Kirchen und sogar zwei- bis dreistöckige
Einfamilienhäuser bilden zusammen eine charmante Vielfalt aller architektonischer Stilrichtungen (gleich noch ein bißchen mehr darüber). |
All das wirkt nicht nur durch ungewöhnlich breite Bürgersteige mit zahlreichen Straßencafés
locker und luftig (!), sondern viel freie Fläche mit kleinen Parks, Spiel- und Sportanlagen oder Parkplätzen schaffen einen Eindruck weltstädtischer Großzügigkeit. Viele Straßen sind links und rechts alléeartig von Bäumen flankiert und
auf den Mittelstreifen der meist vier bis sechsspurigen Stadtstraßen bringen bunte Blumenrabatten allüberall erfrischende Farbtupfer ins Stadtbild. Die für New York schon fast charakteristischen Müllcontainer und -tüten, selbst vor
hocheleganten Geschäften in der Fifth Avenue, fehlen hier völlig und wir entdeckten sie erst beim zweiten Hinsehen sauber aufgereiht in winzigen Seitengäßchen zwischen den Häuserblocks. Dorthin münden außerdem die für ganz Amerika
charakteristischen und selbstverständlich auch in Chicago baupolizeilich vorgeschriebenen Feuerleitern. Die, wie gesagt, breiten Bürgersteige fanden wir überall im Zentrum schlagloch- und stolperkantenfrei vor und die North Michigan
Avenue, besser bekannt unter dem Beinamen The Magnificent Mile
(dtsch.: die herrliche Meile), steht - wie die schon in einem anderen Zusammenhang erwähnte Fifth Avenue in New York - für diejenigen Boutiquen und Edelgeschäfte, in denen die noch ein bißchen besser Verdienenden gerne ihre Dollars gegen die diversen Luxuserzeugnisse namhafter Markenhersteller eintauschen. Erstaunlich, wie viele gutgekleidete Menschen jedweder Hautfarbe schon am Vormittag Zeit hatten, vor den Schaufenstern herumzubummeln!
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Nachdem wir am Dienstag morgen unser Zimmer im 21. Stock des Summerfield Suites Hotel bezogen,
unsere Koffer ausgepackt und kurz geduscht hatten, wurde es leider Zeit, mich auf den eigentlichen Zweck der Reise zu besinnen. Der IBM Tower, bemerkenswerterweise das häßlichste aller vierzigstöckigen Gebäude in Chicago, ein schwarzer,
unpersönlicher Klotz aus Stahl und dunkel getöntem Glas, steht nur etwa 15 Gehminuten von unserem Hotel entfernt und da Gisela sowieso nicht vorgehabt hatte, an diesem sonnig-warmen Tag ihre kostbare Zeit im Hotel zu verbringen, kam sie
gleich mit, um mich dort abzusetzen und dann auf eigene Faust ... doch horch, was klingen dort für vertraute Klänge? Vom Vorplatz der IBM schallte uns ein schmissiges "Muß i denn zum Städtele hinaus" entgegen, und dabei waren
wir doch gerade erst angekommen! Diese für Chicago so unerwartet untypische Musik zusammen mit dem Duft gebratener Würste ließen in uns den Verdacht eines kleinen Oktober- bzw. Septemberfestes aufkeimen. Und so war es denn dann auch.
Fünf Amerikaner in zünftiger Bayerntracht pusteten pausbackig in ihre Alphörner (jawohl), daß einem echten Schweizer vermutlich schwarz vor Augen geworden wäre und auch ich einen leichten Schwindelanfall nur mühsam überwinden konnte.
Aber das in der warmen Mittagssonne an buntgedeckten Tischen mittagspausende amerikanische IBM Volk hatte - an Bratwürsten kauend - seine helle Freude daran und somit war der Zweck ja erreicht. Na gut. |
Da wir gerade von Musik sprechen, kann ich an dieser Stelle schon getrost einflechten, daß sich
in Chicago seit 80 Jahren das Gerücht hält und seither von den Medien mit konstanter Hartnäckigkeit weiterverbreitet wird, daß hier, und an keinem anderen Ort der Welt, der Blues erfunden wurde ... daß ich nicht lache! Natürlich kam der
Blues im Zuge der Sklavenbefreiung aus den Südstaaten in die Städte des Nordens und damit selbstverständlich auch nach Chicago, dessen wichtigstes Zentrum die Stadt zugegebenermaßen seit den Zwanziger Jahren wurde, aber erfunden wurde er
hier sicher nicht! Wenn man also Chicago schon als die Heimat des Blues bezeichnen will, dann höchstens im Sinne einer zwar durchaus würdigen 'Heimstatt', aber ganz sicher nicht im Sinn eines 'Ursprungs'. Doch da weder die Chicagoer
Blues-Musiker selbst und noch weniger die meisten Touristen diesen feinen, aber dennoch entscheidenden Unterschied so genau definieren, laß ich es großzügigerweise ebenfalls gelten, denn eine Heimat hat der einzig wirkliche Beitrag
Amerikas zur Weltkultur hier tatsächlich gefunden. Fest steht nämlich auf alle Fälle, daß ich bisher noch in keiner anderen Stadt so viele und authentische Lokale gesehen habe, in denen ausschließlich echter Blues gespielt wird. |
In Chicago keine Blues-Kneipe besucht zu haben, ist genauso wie in Neapel gewesen und nicht
gestorben zu sein. Und deswegen waren wir am Mittwoch abend im Sweet Home Blue Chicago gleich um die nächste Ecke. Fünf Dollar Eintritt. Ein Schlauch von einem fensterlosen Raum, 10 Meter breit und 50 Meter lang. In der Mitte eine
rechteckige Theke, die allein schon zwei Drittel der Raumlänge in Anspruch nahm, so daß zwischen ihr und dem Podest für die Musiker an der Stirnseite des Raumes nur noch für etwa zehn kleine runde Tischchen Platz blieb. Entlang der mit
vielen Postern geschmückten, verräucherten Wände links und rechts jeweils ein schmales Brett zum Gläserabstellen und zahlreiche Barhocker im charakteristischen Plastik-Chromstil der Fünfziger Jahre. Die Beleuchtung? Nicht der Rede wert.
Das Getränkeangebot? Flaschenbier und harte Sachen. Das Publikum? Reichlich, und mengenmäßig etwa gleich auf beide Geschlechter verteilt, Alter zwischen zirka 25 und 75, soweit wir das im Dunkellicht erkennen konnten. Die Musik?
Natürlich super, eine lokale Bluesband, deren Namen ich mir leider nicht notiert und demzufolge prompt vergessen habe, bestehend aus Sänger (farbig), E-Bassist (undefinierbar), Gitarrist (weiß), Schlagzeuger (farbig), Saxophonist (weiß)
und Trompeter (weiß). Nicht gerade urtypisch, wenn man beim Wort Blues an negroiden Sprechgesang, Gitarre und Mundharmonika denkt, aber dafür spielte die Band einen ehrlichen, gradlinigen, soul-artigen Blues, der ziemlich zeitgenössisch
und zum Teil richtig funky rüberkam. Im Laufe des Abends stieg dann sogar noch ein weiterer Saxophonist/Sänger (farbig) aus dem Publikum zu einer kleinen jam session ein und es wurde richtig fetzig. Rauher Bluesgesang kombiniert mit
ausgeklügelten Bläser-Riffs. Das Publikum und wir waren begeistert. Vom schweren Los der Baumwollpflücker Louisianas war jedenfalls nicht mehr viel zu spüren, obwohl sich die Band bei allen Stücken brav an die althergebrachte,
vorgeschriebene Blues-Harmonie-Abfolge gehalten hat. |
Frage: Welche Stadt übertrifft selbst Rom, was die Anzahl der italienischen Gaststätten angeht?
Antwort: Chicago. Wir konnten es kaum fassen, liebe Leser, keine Straßenecke und kein Häuserblock dieser Stadt ohne Trattorias, Ristorantes oder Pizzerias. Vielleicht doch noch die Nachfahren Al Capones? Wer weiß. Jedenfalls
bemerkenswert in einer Stadt, die allgemein als die Geburtsstätte des Hot Dog gilt! Zum Glück lieben Gisela und ich die italienische Küche, doch weil es nahezu unmöglich war, aus den marktschreierischen Neonreklamen (Best Pizza in Town,
Chicago's Best Italian Food, Best hier und Best dort) oder gar aus den durchaus wohlklingenden Restaurantnamen (Maggiano's, Parinello's, Carlucci's, Spiaggia's, Sopraffina's etc.) eine vernünftige Auswahl zu treffen, verließen wir uns
auf die Empfehlung einer New Yorker Bekannten und marschierten gleich am Dienstagabend 14 Blocks (etwa zwei Kilometer, Anm. d. Verf.) zu einem entlegenen Geheimtip mit dem amerikanisierten Namen Skoozi. Obwohl des Italienischen nicht
übermäßig mächtig, schlossen wir messerscharf, daß das wohl irgendwie mit scusi zusammenhängen mochte, und das heißt ja auf deutsch bekanntlich soviel wie sorry. Um es gleich vorwegzunehmen: weder Koch noch Kellner hatten
auch nur den leisesten Grund, sich bei uns entschuldigen zu müssen! An jenem Abend aßen ...ach, was sag' ich da?... erlebten wir eine Antipasti Platte für zwei Personen, von der nicht nur Viere hätten satt werden können, sondern deren
Qualität eines Eintrags auf der ersten Seite des Guide Michelin würdig gewesen wäre. Doch nicht genug damit, es gab tatsächlich noch eine Steigerung: bei den nachfolgenden Gnocchi in einer leichten Basilikum/Tomatencrème Sauce und mit
frischgeriebenem Parmesan abgeschmeckt, waren wir uns ganz sicher, daß Lukullus persönlich den Kochlöffel geführt haben mußte. So werden kulinarische Maßstäbe gesetzt, liebe Leser! Gleich neben unserem Hotel gab es eine Pizzeria, vor der
jeden Abend die Leute Schlange standen und wo ein Schild auf dem Gehweg die Anzahl der Minuten anzeigte, die man noch warten mußte, um einen Platz zu bekommen. Dieses Lokal bzw. diese Pizza war also offenbar etwas Besonderes. Da Gisela
und ich es jedoch hassen, viel mehr als eine Apéritiflänge auf unser Essen zu warten, zweitens die Menschenschlange ständig länger statt kürzer wurde und demzufolge drittens die angezeigte Wartezeit nicht ein einziges Mal unter die
60-Minuten-Marke sank, waren wir am Mittwoch zum Dinner bei Giordano's. Restaurant-Slogan: And on the eighth day, God had pizza (dtsch.: Und am achten Tag aß Gott Pizza). ER hat gut daran getan, ausgerechnet zu Giordano's zu gehen, denn
die Spezialität des Hauses, eine gefüllte Pizza in der Größe und vor allem Höhe (!) einer ausgewachsenen Geburtstagstorte, war tatsächlich göttlich ... nur wir Idioten bestellten uns in unserem hungrigen Übermut vorher noch einen
ordinären gemischten Salat. Kein Wunder, daß wir uns - bis zum Platzen gestopft - nur noch mühsam zurück ins Hotel schleppen konnten. |
Mittagspause. Ein paar hundert hungrige IBMer stürzen sich in die Fahrstühle. Es gibt 32 Stück
davon im IBM Tower. Noch mal ganz langsam zum Mitstaunen: der "nur" vierzigstöckige IBM Tower hat 32 Aufzüge! Diejenigen Leser, die mit den Menschentransportgegebenheiten in amerikanischen Wolkenkratzern vertraut sind, dürfen
die folgenden sechs Sätze überspringen: Damit jeder Mitarbeiter einigermaßen reibungslos an seinen Schreibtisch kommen kann, werden die Etagen eines Hochhauses mehr oder weniger gerecht auf die diversen Aufzüge verteilt. So bedienen
einige die Etagen 1 bis 14, einige halten nur auf 15 bis 25, und andere auf 26 bis 40, mit einigen wenigen Fahrstühlen, die sich etagenmäßig überschneiden. Das ist ganz praktisch, wenn man beispielsweise vom Erdgeschoß ins 31. Stockwerk
will. Der Fahrstuhl (hoffentlich hat man den richtigen erwischt) hält frühestens auf 26, so daß man im ungünstigsten Fall nur fünf langweilige Stops überstehen muß. Der Nachteil ist, wenn man zum Beispiel von der 12. in die 25. Etage
will, muß man unterwegs irgendwo umsteigen und das bedeutet, daß man unter Umständen zum anderen Ende der Etage laufen und dort erst wieder auf die 10. Etage runterfahren muß, weil nur dort zwei Spezialfahrstühle halten, die beide
zugleich das 12. Stockwerk bedienen. Schon etwas merkwürdig, aber vermutlich immer noch kräfteschonender und zeitsparender, als die 13 Nottreppen hochzukeuchen. |
Zurück zum Thema. Was macht man in einer knappen Stunde Mittagspause, wenn man ausgiebig
gefrühstückt hat und abends mit seiner Frau zum Dinner verabredet ist? Ganz einfach, denn gleich neben dem IBM Tower gibt es den sogenannten Jazz Record Mart, der sich selber, in bester amerikanischer Marketingpraxis, ziemlich
vollmundig The World's Largest Jazz & Blues Shop
nennt. Na, mal sehen. Ich betrete also den Laden und muß mich, nach Luft ringend, erstmal noch eine Minute lang am Türgriff festhalten. Eine riesige Halle! Vor mir endlose Gänge mit den bekannten stufigen CD-Regalen, dichtbepackt mit konserviertem Jazz aller Stilrichtungen. Links ein torartiger Durchgang in einen weiteren Saal... Die Mittagspause ist kurz, so löse ich mich schließlich vom Türgriff und trete mutig ein in das Labyrinth des weltgrößten Jazz und Blues Geschäftes. Da ich im Augenblick (noch) kein bestimmtes Kaufziel habe, stöbere ich nur hier und dort herum, bewundere die jeweils drei Meter Ella (Fitzgerald) und vier Meter Oscar (Peterson) und bin ein wenig entsetzt über die erschreckend vielen - sauber alphabetisch sortierten - Musikernamen, von denen ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Und ich will ein Jazzkenner sein? Na ja. Im Nebenraum finde ich zusätzlich zu allen möglichen Zeitschriften, Kalendern, Büchern und Postern den Second-Hand Shop. Jede Menge bereits gespielte CD's, Kassetten und Schallplatten (gebrauchte LP's schon für 99 Cents) und sogar 45er und 78er Schellack-Raritäten zu allerdings recht stolzen Sammlerpreisen. Ich war schon in vielen, und auch sehr großen Musikabteilungen und -geschäften dieser Welt, aber das hier übertrifft wirklich alles bisher Gesehene! Und trotzdem erwische ich zielsicher die (einzige?) Lücke, denn von Michael Brecker's neuester Silberscheibe
"Tales From The Hudson"
haben die ansonsten sehr sachkundigen Mitarbeiter noch nichts gehört. Ich hatte von dieser Neuerscheinung auch gerade erst in der Augustausgabe des Jazzpodium gelesen, aber man kann's ja mal versuchen, oder? Offenbar habe ich sie jedoch bei ihrem Ehrgeiz gepackt, denn alsbald sind drei Angestellte mit heftigstem Suchen beschäftigt. Nicht nur, daß das gesamte B (wie Brecker) Regal und zur Sicherheit auch noch H (wie Hudson) mehrmals gründlich durchstöbert wird, es werden auch allerhand dicke Kataloge gewälzt und diverse Computer-Datenbanken konsultiert. Erfolglos. Erst weitere Informationen meinerseits (Aufnahmemonat und -ort), an die ich mich - allen Jazzgöttern sei Dank - erinnern kann, befreien mich nicht nur von dem Verdacht, die armen Mitarbeiter verarschen zu wollen, sondern lassen mich in den Augen der inzwischen aufgelaufenen und auf Bedienung wartenden Volksmenge zu einem profunden Kenner der internationalen Jazz-Szene anwachsen. So bringe ich es verständlicherweise nicht über mich, den Laden zu verlassen, ohne schließlich doch noch schnell zwei CD's zu kaufen. Und damit mir einerseits der junge Mann an der Kasse, der eben noch beim Suchen geholfen hat, nicht für den Rest seines Lebens böse ist, und weil es mich andererseits wirklich interessiert, frage ich ihn beim Bezahlen höflich nach der Anzahl der hier angehäuften Tonträger. Seine lapidare Antwort lautet nur:
"Astronomical." Ich glaube ihm. |
Selbst wenn es in unserem persönlichen Fall etwas anders war, so kommen doch sehr viele Besucher
extra nach Chicago, um die ungewöhnliche Vielfalt der Architektur zu bewundern oder gar zu studieren. Und auch wenn es Gisela und mir stark übertrieben erscheint, wird es uns wohl kaum gelingen, Chicago den Beinamen (schon wieder einer)
"Das Athen Amerikas" abspenstig zu machen. Das wollen wir auch gar nicht, denn verglichen mit anderen amerikanischen Städten, die wir kennen, gibt es hier eine bewundernswerte Vielfalt von Stilrichtungen und architektonischen
Leckerbissen, die selbst in deutschen Innenstädten ihresgleichen sucht. Leider hat man ja in Deutschland in der Aufbauphase der Fünfziger Jahre häufig seelenlose Bauwerke in die Stadtzentren und auch in die Vororte geklotzt, ohne sich
über Bauästhetik allzugroße Gedanken zu machen. Daß es jedoch auch anders geht, erlebten wir am Beispiel Chicago. Was nämlich die alliierten Bomben in den deutschen Städten angerichtet haben, schaffte hier 1871 locker eine einzige
Feuersbrunst, allerdings schier unglaublichen Ausmaßes: nahezu die gesamte Innenstadt, insgesamt 18.000 Gebäude (!), war innerhalb kürzester Zeit nur noch ein Haufen rauchender Asche! Wie durch ein Wunder gab es "nur" 300 Tote
zu beklagen, so daß die 90.000 obdachlos gewordenen Bürger nach kurzer Trauer sofort mit dem Wiederaufbau beginnen konnten. Und da ein derartiges Großfeuer sicherlich - besonders in der Dunkelheit - weithin sichtbar gewesen sein muß, hat
es denn auch tatsächlich zahlreiche namhafte Architekten, zum Teil sogar aus Europa, angelockt. Diese machten sich denn auch sogleich munter ans Werk und es begann eine Aufbauphase, die fast bis 1930 andauerte - und selbst wir mußten
wegen einiger Großbaustellen gelegentlich noch die Gehwegseite wechseln. Das Ergebnis kann sich allerdings auch, wie schon angedeutet, sehen lassen. Wenn man also offenen Auges durch Chicago wandelt, entdeckt man überall wunderschöne
Fassaden mit Reliefs, Plastiken, Erkerchen, Schnörkel hie und allerorten. Alle bekannten (und unbekannten) Stilrichtungen geben sich hier ein buntgemischtes Stelldichein. Gothisches Barock wetteifert mit modernistischem Klassizismus,
ohne dabei auch nur das Geringste von einer Art Renaissance Nouveau einzubüßen. Nein, ernsthaft, dieses Nebeneinander von "Alt" und Hypermodern schafft eine einzigartige Atmosphäre, in der man sich wirklich wohlfühlen kann. So
haben einige japanische Architekten Wolkenkratzer gebaut, die so aussehen, als seien sie zum Himmel hin offen, damit die bösen Geister oben rausfliegen können. |
Das Kaufhaus von Marshall Fields belegt einen kompletten Straßenblock und jede seiner vier Ecken trägt eine sieben Tonnen schwere, kupfergeschmiedete Uhr. Mitten in
der Stadt steht ein dreieckiges, hellbraunes Hochhaus mit schießschartenähnlichen Fenstern und einem riesigen Eisentor: das örtliche Gefängnis. Das Civic Opera House
wurde von Samuel Insull eigens für seine Frau gebaut, die sich zwar selber für eine begnadete Opernsängerin hielt, jedoch trotzdem merkwürdigerweise nirgendwo jemals ein Engagement bekam (sowas scheint in den USA üblich zu sein, wenn man das nötige Kleingeld hat, versteht sich, denn das berühmte Vassar College in Poughkeepsie wurde von den Gebrüdern Vassar eigens für ihre Töchter zu einer Zeit gebaut, als Mädchen in den USA an normalen Universitäten noch nicht studieren durften, Anm. d. Verf.). Ich laß es mal bei diesen wenigen Beispielen bewenden, denn alle architektonischen
highlights (dtsch.: Höhepunkte) aufführen zu wollen, würde den Rahmen dieses eh schon überlangen Reiseberichts sprengen. |
All das erklärt aber immer noch nicht das, was Chicago so lebendig macht und es bedurfte eines
langen Spätabendspaziergangs, bevor Gisela und ich den entscheidenden Unterschied zu vielen anderen, nicht nur amerikanischen Großstädten bemerkten: es sind die sogenannten neighborhoods (dtsch. wörtlich: Nachbarschaften). In Chicago
findet man selbst im Stadtkern alles dicht beisammen, was Menschen zum Wohnen, Kaufen, Arbeiten und zur Freizeit benötigen, das heißt in Chicago wird gelebt. Da gibt es nur ein paar Blocks vom Bürohochhaus hübsche, und selbst für
jemanden, der nicht ein weltberühmter Basketballspieler ist und Michael Jordan heißt, durchaus erschwingliche Wohnhäuschen mit baumbestandenen Vorgärten. Gleich um die Ecke ist der Supermarkt direkt neben der Tankstelle und in der
übernächsten Querstraße wartet bei Bedarf die gemütliche Stammkneipe. Als mir ein amerikanischer Kollege vor ein paar Monaten erzählte, er habe sich in der Chicagoer Innenstadt ein kleines Haus gekauft, habe ich das noch für einen recht
gelungenen Scherz gehalten und gar nicht weiter nachgefragt. Heute weiß ich, daß er recht hatte. |
Es ist mittlerweile Freitag geworden. Das Meeting endete mittags und so habe ich mir den
Nachmittag freigenommen, damit ich Chicago auch mal bei Sonnenlicht erleben kann ... und prompt beginnt es - das erste und einzige Mal in dieser Woche - ein wenig zu nieseln. Egal. Gisela hat zuerst einen Ausflug zum Navy Pier angesetzt,
und dann wollen wir an diesem unseren letzten Abend vornehm dinieren. Doch alles hübsch der Reihe nach. |
Der Navy Pier, am Ufer des Michigansees, ist ein touristisches Vergnügungsviertel nicht anders
als ähnliche Einrichtungen in Manhattan oder San Francisco: Bars, Andenkenbuden und allerlei Nepp reihen sich in knalligen Farben dicht aneinander. Also, das müssen wir uns nicht unbedingt alles antun! Aber an dem 40 Meter hohen
Riesenrad, mit einer tollen Aussicht auf die Skyline Chicagos sind wir dann doch nicht vorbeigekommen und haben uns eine Runde drehen lassen. Sehr hübsch fanden wir auch einen kleinen botanischen Garten in einem riesigen Glaspavillon.
Schon toll wie die Konstrukteure es geschafft haben, daß man - in Betrachtung einer Orchidee oder einer Palme versunken - plötzlich von einem Wasserstrahl getroffen wird. Das heißt, so richtig getroffen wurden wir natürlich nicht,
sondern auf einmal, völlig unmotiviert, weil wohl von einem Zufallsgenerator gesteuert, schoß vom Fuß einer Palme ein daumendicker glitzernder Wasserstrahl über unsere Köpfe hinweg! Es sah sehr lustig aus, weil es nur eine Art kurze,
fliegende Wasserschlange war, die scheinbar ohne Ursprung und Ziel genauso plötzlich und nur mit einem leisen Plätschern wieder am Fuß einer anderen Palme verschwand. Genial! |
Das John Hancock Center hat im 94. Stock ein Observatory
(dtsch.: Aussichtsplattform), in dem wir allerdings nicht waren, weil wir es vorzogen, in der Bar auf der 96. Etage, unsere Apéritifs zu nehmen, während wir auf unseren Tisch im The 95th Restaurant warteten. Die untergehende Sonne tauchte die an sich schon atemraubende Aussicht auf Chicago in ein fast unwirkliches Licht und hier und dort glitzerten bereits die ersten Lampen auf (dort unten war es um diese Zeit naturgemäß schon ein Stückchen dunkler als hier oben bei uns). Unser Tisch im Restaurant, das so vornehm ist, daß man sich über zu große Portionen viel weniger Gedanken zu machen braucht als über die Höhe der Rechnung, stand direkt an einem der bis auf den Boden reichenden Fenster und das Kribbeln in unseren Mägen beim Runtersehen ... lieber nicht allzu oft, wir wollten ja noch essen! Inzwischen war der Abend auch hier oben bei uns eingetroffen und den großartigen Anblick der Millionen funkelnder Lichter unter uns kann selbst ich nicht beschreiben! Plötzlich wurde Giselas Blick ein wenig starr und sie sagte, ganz entgegen ihrer sonst so guten Erziehung mit vollem Mund, nur ein Wort: "Schau!" Ganz tief unten am Navy Pier wurde ein Freitagabendfeuerwerk abgebrannt. Zu unseren Füßen! Liebe Leser, wann hattet Ihr denn zuletzt Gelegenheit, auf ein Feuerwerk
hinunter zu blicken? |
Eine erwähnenswerte Besonderheit Chicagos, ja fast bin ich geneigt, es eine Kuriosität zu
nennen, ist die sogenannte Elevated Railroad
(dtsch.: Hochbahn), die - der Berliner S-Bahn nicht ganz unähnlich - ein ebenso zügiges wie autoloses Fortkommen im Zentrum Chicagos ermöglicht. Und weil das Ding seit 1894 wie eine Spielzeugeisenbahn immer im Kreis rumfährt, wird es von den Einheimischen auch
The Loop
(dtsch.: Die Schleife) genannt. Dieser Begriff hat sich so fest eingebürgert, daß selbst bei Orts- und Richtungsangaben darauf Bezug genommen wird: west of the loop, north of the loop usw. und jeder weiß Bescheid. Vor wenigen Jahren hat die Betreiberin der Loop, die Chicago Transit Authority, die teilweise uralten Wagen mit Holzbänken gegen hochmoderne aus Edelstahl mit Klimaanlage und allen anderen Schikanen ausgetauscht, die nun einen tollen Kontrast zu den teilweise uralten genieteten Stahlgerüsten mit den ölverschmierten Holzschwellen unter den rostigen Schienen bilden. Die Steinstufen zu den natürlicherweise ebenfalls hochliegenden Haltestellen sind völlig ausgetreten und es stört auch niemanden, daß die Wagen die engen 90-Grad Kurven tags wie nachts nur unter ohrenbetäubendem Kreischen durchfahren können, denn die Chicagoer lieben ihr Hochbähnle genauso, wie die Sanfranziskaner ihre Cable Cars und die Wuppertaler ihre Schwebebahn.
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In einer Chicagoer Zeitschrift fanden wir pünktlich zum Ende unseres Besuchs das folgende Zitat
von Rudyard Kipling: "I have struck a city, a real city, and they call it Chicago. The other places don't count. Having seen it, I urgently desire never to see it again."
(dtsch.: "Ich habe eine Stadt angetroffen, eine richtige Großstadt, die man Chicago nennt. Alle anderen Orte zählen nicht. Und nachdem ich dort war, wünsche ich nichts sehnlicher, als sie niemals mehr wiederzusehen.") - Zumindest Gisela und ich müssen Herrn Kipling in diesem Fall energisch widersprechen!
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Das Sammelsurium im Anhang |
An dieser Stelle fügen wir noch ein kleines Chicagoer Sammelsurium an, das wir zwar auf
zahlreichen Notizzetteln mit nach Hause gebracht haben, im Text aber nirgendwo so recht unterbringen konnten: |
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Die Firma Wrigley's, die in Chicago nicht nur ihre Hauptverwaltung, sondern auch die meisten ihrer Produktionsstätten (und eine eigene
Baseballmannschaft) hat, war früher mal Seifenhersteller. Da ich nur sehr selten Kaugummi kaue, kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, welchen Einfluß diese Tatsache auf den Geschmack ihrer heutigen Gummierzeugnisse hat. Aber
vielleicht kommt daher das Bubble Gum? |
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Die Goethe- und die Schiller-Street in der Chicagoer Innenstadt legen zwar äußerlich Zeugnis von der internationalen Kulturbeflissenheit der Stadtväter
ab, aber wenn man hört, wie viele Amerikaner diese beiden Namen aussprechen, ist man sehr schnell wieder auf dem Boden der Realität: Gouthieh und Skeiler ... brrrr! |
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Es gibt hier ein beliebtes Restaurant, zu dem die Leute extra hingehen, weil die Kellner dort besonders unfreundlich sind. Für Europäer ist das an sich
nichts ungewohntes, für Amerikaner hingegen im wahrsten Wortsinn "extra-ordinary" und daher ist dieses Lokal immer proppenvoll. Weil aber weder Gisela noch ich uns gerne beschimpfen lassen, während wir unsere Mahlzeiten
einnehmen, waren wir nicht dort - wen's jedoch interessiert: es heißt Ed Debevic's, Reservierungen unter (312) 664-1707. |
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Der mittlerweile in aller Welt zum Kultfilm avancierte Streifen "Blues Brothers"
(Dan Aykroyd und John Belushi in den Hauptrollen) mit zwei der größten Autocrash-Szenen der Filmgeschichte, in denen eine ganze Einkaufs-Mall zu Bruch geht und Hunderte von Polizei- und Privatwagen zu Schrott gefahren werden, spielt in Chicago und wurde auch hier gedreht.
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Der Buckingham Fountain
im Grant Park ist ein wunderschöner, computergesteuerter Springbrunnen (man nennt das auch Wasserorgel, glaube ich). Das ist zwar an sich nichts so besonderes, sowas gibt's in anderen Städten auch, aber in diesem Fall steht der steuernde Computer in Atlanta. Warum, weiß kein Mensch.
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Einige weltberühmte Chicagoer in alphabetischer Reihenfolge: Al Capone, Walt Disney, Ernest Hemingway, Mahalia Jackson, Michael Jordan, Nat King Cole,
Muddy Waters, Johnny "Tarzan" Weissmuller und nicht zuletzt Florenz Ziegfeld (der mit den hübschen, langbeinigen, federgeschmückten, leichtgeschürzten, Tanzmädels). |
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Der Staat Illinois hat keine Helmpflicht für Motorradfahrer, aber dennoch sind zumindest einige Biker Chicagos sehr "sicherheitsbewußt", denn
ich habe tatsächlich einen Honda Goldwing Fahrer mit Fahrradhelm gesehen. |
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In der Innenstadt Chicagos gibt es erstaunlich wenig Ampeln an Kreuzungen, sondern stattdessen vier Stopschilder, an denen die Autofahrer auch
tatsächlich alle anhalten - außer den Taxen, die sich lediglich auf eine dezente Rücknahme ihrer Geschwindigkeit beschränken. Als Fußgänger kommt man daher meist recht zügig voran. Das funktioniert übrigens tatsächlich ziemlich
reibungslos mit diesem Vierfachstop, den man in den USA recht häufig findet: wer zuerst an der Kreuzung ankommt, fährt auch zuerst wieder weg, die anderen warten brav bis sie dran sind. Probieren Sie das mal in Deutschland! |
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Entgegen dem sterilen Einheits-Outfit der Burgerbuden im Rest der Welt, sind die McDonalds in Chicago sehr originell und höchst unterschiedlich
ausgestattet. Auch wenn wir diesmal dort nicht gespeist haben, so haben wir uns doch das Greek McDonalds (mit dorischen Säulen vorm Eingang, Sirtaki-Musik, sowie Aphrodite- und Zeus-Statuen aus Plastik im Innern), und das Rock'n'Roll
McDonalds ganz im Nierentisch-Stil der 50er Jahre und mit einer echten, knallroten 59er Corvette als Blickfang mitten im Lokal nicht entgehen lassen. |
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Rauchern wird in Chicago wohlwollende Toleranz entgegengebracht. Typische Verbotszonen wie Hotelhallen sind durchaus mit Aschenbechern bestückt (in New
York würden die militanten Nichtraucher sofort Polizei, Feuerwehr und die Gesundheitsbehörden verständigen, sobald jemand auch nur ein Zigarettenpäckchen aus der Tasche zieht). Als ich im Taxi vom Flughafen höflich fragte, ob ich
meine Pfeife brennen lassen darf, meinte der Fahrer nur: "Klar, ist zwar offiziell verboten, aber mich stört's nicht." |
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