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Oktober 1996 |
Go, Army, Go, Go, Go! |
Es ist schon interessant zu sehen, mit welchen Sportarten einige Leute ihre sogenannte Aktiv-Freizeit verbringen. Da gibt es einige, die fahren auf
hochmotorisierten Zweirädern durch die Gegend, obwohl sie es in ihrem Auto nicht nur gemütlicher hätten, sondern zusammen mit dem letzteren vermutlich sogar zu Hause geblieben wären. Andere zwängen sich für Tausende von Mark zuerst
stundenlang in ein knallenges Flugzeug, danach in einen knallengen Gummianzug, binden sich dazu noch pfundweise Blei an die Hüften und eine Preßluftflasche auf den Rücken bis sie sich kaum mehr bewegen können, hüpfen in ein Gewässer, um
dann letztlich doch nur das zu sehen, was ihnen das städtische Aquarium wesentlich bequemer hätte zeigen können. |
Wie gesagt, es gibt bemerkenswerte Weisen, sich freizeitmäßig zu beschäftigen. Eine der
seltsamsten durfte ich am vergangenen Wochenende miterleben. Doch zunächst wieder eine kleine Vorgeschichte: |
Etwa 45 Autominuten südwestlich von Poughkeepsie liegt an einer strategisch wichtigen Biegung
des Hudson ein altes Fort, das siebzehnhundertdunnemals ursprünglich gebaut wurde, um die englischen Truppen davon abzuhalten, den Fluß rauf oder runter zu schippern und in der umliegenden Gegend irgendwelches Unheil zu stiften. Doch
weil die Engländer mittlerweile ihre unheilvollen Aktionen erstens aufs Rindfleisch konzentriert haben und zweitens diese vorwiegend in Europa stattfinden, wurde dieses Fort am Westpoint, also am westlichsten Punkt des Hudson
(daher der Name), irgendwann kurzerhand umfunktioniert und gilt heute als die
Militärakademie in den USA schlechthin, die durchaus den Rang einer zivilen Universität hat. Westpoint selber besteht aus einem riesigen, an einem Steilufer des Hudson traumhaft schön gelegenen Gelände voll mit Bäumen und Bauwerken, Kirchen und Kasernen, Sportplätzen und Springbrunnen. An besonders schönen Stellen findet man traditionsbehaftete Denkmäler berühmt gewordener ehemaliger Akademie-Absolventen, wie zum Beispiel McArthur und Eisenhower, die mit ihren bronzenen Augen wohlwollend-würdevoll von ihren Podesten runterblicken. Das Ganze macht kaum einen militärischen Eindruck, auch schon weil es jederzeit von jedermann zugänglich ist. Alle Gebäude sind aus grauen und weißen Bruchsteinen und erinnern in ihrer düsteren Würde ein wenig an alte englische (?) Burgen. Dazwischen stehen jedoch überall ausgesprochen hübsche Villen für die Generäle, Colonels und auch für etliche zivile Professoren, die in Westpoint einen Lehrauftrag bekommen und sich demzufolge samt ihren Familien auf Armeekosten hier niedergelassen haben. Laut Rang- und Besoldungsordnung sind für Generäle in Westpoint drei Sterne das absolute Maximum, aber das Leben - zumindest wenn man General ist - hat hier soviele angenehme Vorteile, daß sogar Vier-Sterne-Generäle oft gerne einen ihrer Sterne abgeben, dafür in eine der eben erwähnten netten Villen einziehen dürfen und lieber Kadetten unterrichten, als in Bosnien Dienst zu tun, was ich gut verstehen kann.
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Drei Regimenter sind in Westpoint stationiert, aber das Ganze ist ja - wie gesagt - mehr eine
Uni als eine Kaserne, denn bei den Studenten handelt es sich nicht um gemeine Rekruten, sondern um voll ausgebildete Soldaten und Soldatinnen (!), die sich in ihren Einheiten schon auf die eine oder andere Weise intellektuell bewährt
haben müssen und die sich deswegen hier auf ihre künftige Führungsrolle in der Armee oder sogar im zivilen Umfeld vorbereiten dürfen. Man mag dazu stehen wie man will, aber ein Westpoint-Absolvent zu sein, bedeutet schon etwas in den
Vereinigten Staaten. Erstens hat das Militär hier in den USA sowieso einen wesentlich höheren gesellschaftlichen Stellenwert als zum Beispiel in Deutschland, und zweitens besteht das vierjährige Studium nur zu einem geringen Teil aus
militärischen Themen, wie Strategie und Taktik. Stattdessen stehen Sozialwissenschaften, Philosophie, Geschichte, Psychologie, Ökonomie, Informatik und ähnliches auf dem Lehrplan. Daher werden die hier studierenden jungen Leute,
ungeachtet ihres vorherigen Dienstgrades, auch alle einfach nur Kadetten genannt und sind sozusagen "dienstgradfrei". Sie dürfen hier allerdings nur in ihren sehr schmucken grauen Kadettenuniformen rumlaufen, haben alle
kurzgeschnittene Haare, müssen um 23:00 Uhr das Licht ausknipsen und sind natürlich auch sonst dem üblichen militärischen Firlefanz unterworfen, wenn auch in gemäßigter Form, so daß denn nun wirklich niemand mehr mit vorgehaltenem
Schießgewehr durch den Schlamm robben muß. Drei Regimenter sind übrigens ca. 4.000 Soldaten, wie man mir erklärt hat - ich habe zwar auch mal gedient, aber das ist erstens schon recht lange her und zweitens hatte ich als Gefreiter damals
mit ganzen Regimentern schon dienstgradbedingt ziemlich wenig zu tun (wir waren nur zu sechst auf der Stube). |
Neben dem Fachstudium spielt in Westpoint der Sport eine außerordentlich große Rolle und dabei
geht es sicher nicht ausschließlich um die Erhaltung des mens sana in einem corpore sano, sondern Sport fördert ja bekanntlich die Disziplin und den Team-Geist und macht außerdem schön müde, damit die jungen Soldaten
beziehungsweise Soldatinnen nicht mehr als unbedingt nötig ... wie das Wort 'beziehungsweise' schon richtig sagt. So gibt es auf dem Gelände zahlreiche und hochprofessionell ausgestattete Sporteinrichtungen wie beispielsweise eine
Eishockey-Arena, mehrere Baseballfelder und ungezählte Tennis-, Basketball- und Squashplätze, doch wenn man unbedingt will, kann man zum Beispiel auch Kugelstoßen oder Golf spielen. Alles da. Den Höhepunkt bildet jedoch ein komplettes
Football Stadion mit zwar immerhin fast 40.000 Sitzplätzen, aber leider ohne Überdachung, was sich noch als ziemlich störend herausstellen sollte. |
An jenem, anfangs nur dicht bewölkten Oktobersamstag war ich mit Kevin aus Maine, Gary aus New
Jersey und Peter aus Schwaben in Westpoint verabredet, weil es gleich mehrere Ereignisse gab, die diesen Besuch - zumindest für Gary und Kevin als ehemalige Westpoint-Studenten - wert erscheinen ließen. Es war nämlich ein zwanzigjähriges
Jahrgangsjubiläum, so eine Art Klassentreffen, angesagt. An ihren Mützen sollt ihr sie erkennen, und so trug denn jeder dritte auf dem Gelände herumstreunende Mittvierziger auch seine Westpoint 1976 Baseball-Kappe mit gebührendem
Stolz. Und ein solcher Anlaß ist außerdem Grund genug, ihn mit dem alljährlich stattfindenden, traditionsreichen Football-Spiel "Army gegen ..." zu verbinden. Das 'gegen' ist dabei so vollkommen unwichtig, daß ich nicht einmal
genau weiß, wer diesmal als Opfer auserkoren war, ich glaube, es war die Mannschaft irgendeiner Universität oder Hochschule, die Tulane heißt, so stand es jedenfalls auf der Anzeigetafel des Stadions. |
Wie sich zeigte, war Gary in Westpoint wohl seinerzeit eine bedeutende Persönlichkeit und daher
wurde er nicht nur von Hinz und Kunz, sondern auch von John und Jack - teils respektvoll, teils freudig - begrüßt, sondern er hatte sich für uns um alles gekümmert. So drückte er uns nicht nur Karten für die besten Mittelplätze im
Stadion in die Hand, sondern wir fanden uns auch umgehend mitten in einer VIP-Party wieder, auf der es von hochrangigen Offizieren samt ihren geschminkt-geschmückten Damen, im Hudson Tal weltbekannten Sportfunktionären sowie den
Reportern einer lokalen Radiostation nur so wimmelte. An zwei riesigen Holzkohlengrills werkelte der eigens dazu abkommandierte Privatkoch des Generals und es verbreitete sich der verführerische Duft von allerfeinstem Rinderfilet. Sogar
Bier vom Faß gab es, und das will auf militärischem Boden schon was heißen! Während wir nun, an unserem Bier nippend und die köstlichen Steak-Sandwiches knabbernd, mit den diversen Zelebritäten smalltalkten, begann es dezent zu
regnen. Zuerst nur wenige Tropfen, aber dann richtig! Die hin und wieder einsetzenden kräftigen Windböen ließen die Plastikteller und -becher zusammen mit den herbstlich-bunten Blättern und einigen Servietten so heftig durch die Gegend
wirbeln, daß uns allen nichts weiter übrigblieb, als fluchtartig die beschauliche Szene zu verlassen und in einer nahegelegenen Turnhalle Zuflucht zu suchen, wo wir geduldig bis zum Beginn des Hauptereignisses verweilten. |
Der relativ kurze Fußweg zum Stadion durch den sturmgepeitschten Regen war dann auch gar nicht
weiter schlimm und reichte gerade mal aus, meine Schuhe und die Hose völlig durchzunässen, sowie die Imprägnierung meines Anoraks aufzuweichen, mehr nicht. Nun bin ich eh kein ausgesprochener Sportfan und schon gar keiner von sportlichen
Massenveranstaltungen, doch jetzt war ich nun mal hier, mittendrin im Geschehen. Ich, etwa 30.000 andere Fans und der Regen. Doch wen kümmert ein wenig schlechtes Wetter an einem so wichtigen Tag? Wer will sich dadurch die gute Laune
verdrießen lassen? Wer außer mir, meine ich, denn ich habe noch nie zu den Freunden von nassen Jeans gehört. Doch in der Tat, das Wetter schien weder die Cheer Leader Girls
mit ihren netten gelben Miniröckchen und den hübschen, schwarzbestrumpften Beinen, noch die fünfzigköpfige Militärkapelle anzufechten, wobei die ersteren mit zündend-skandierten Parolen (Go, Army, Go, Go, Go!)
und die zweiten mit flotter Marschmusik versuchten, die Zuschauer anzufeuern und damit vom strömenden Regen abzulenken. Während der unvermeidlichen Nationalhymne ließ dann sogar der Sturm respektvoll ein wenig nach, so daß der Regen ausnahmsweise mal nicht schräg von der Seite, sondern hübsch senkrecht von oben kam.
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Und dann lief die Army-Mannschaft unter dem frenetischen Gebrüll der Dreißigtausend auf den
Platz. Wie könnte ich diesen Anblick je in meinem Leben vergessen! Die Army-Football-Spieler sahen mit ihren überdimensionalen Schulterpolstern unter den schwarzen Trikots und ihren leuchtenden goldfarbenen Helmen aus wie eine Mischung
aus römischen Gladiatoren, Jet-Piloten und Möbelpackern in gelben Strumpfhosen. Dagegen nahmen sich die Tulaner mit ihren grünen Helmen und den weißen Trikots regelrecht farblos aus. Jedenfalls war ich aufs höchste erstaunt, wie viele
Akteure auf den Platz gerannt kamen und sich zunächst brav am Spielfeldrand aufstellten. Es waren bestimmt hundert Spieler in jeder Mannschaft, oder sagen wir zumindest fünfzig, nein, es waren doch eher hundert, die da unten
energiegeladen im Regen standen und ihrem Einsatz entgegenfieberten. Wohlgemerkt, es waren hundert in jeder Mannschaft, die dann auch von Zeit zu Zeit alle mal als Auswechselspieler an die Reihe kamen. Die zahlreichen Trainer,
Funktionäre, Sportchirurgen und Sanitäter konnte ich überhaupt nicht zählen, so daß sich schließlich ungezählte Akteure unten am Spielfeldrand tummelten. Goldgelb und Schwarz, erst jetzt fiel mir auf, daß Tausende von Zuschauern aus
Solidarität mit ihrer Mannschaft gelbe Regenjacken - East Frisian Mink Coats (dtsch.: Ostfriesennerze) - über ihren schwarzen Hosen trugen. Und ich dachte in meiner sportlichen Naivität, es sei wegen des Regens gewesen. |
Doch schauen wir uns jetzt das Spiel an. Die Regeln sind vermutlich ganz einfach zu verstehen,
zumindest für einen Amerikaner. Da ich jedoch keiner bin, muß ich mich darauf beschränken, sie so zu erklären, wie sie sich mir dargestellt haben. Fangen wir mit dem Spielfeld an, das etwa genauso groß ist, wie ich von meiner Schulzeit
her einen deutschen Sportplatz in Erinnerung habe, ich kann mich auch täuschen, vielleicht ist es kleiner oder größer, aber jedenfalls nicht sehr viel. Es besteht (zumindest in Westpoint) aus einem klatschnassen grünen Kunstrasen, wie
man ihn auch schon mal in einer Sauna oder im Schwimmbad eines Mittelklassehotels findet. Alle paar Meter sind quer über das Spielfeld Striche aufgemalt, die mit Zahlen versehen sind. Der mittlere Strich heißt 50, die beiden links und
rechts daneben jeweils 40, dann 30, dann 20 usw. bis zu den beiden Toren. Hiermit kann ich schon deswegen nicht die schwarzweißgestreiften Schiedsrichter meinen, weil es davon vier oder sieben gab, genau konnte ich das wegen der
Regenschleier vor meinen Augen nicht erkennen. Im übrigen ist mir die tiefere Bedeutung dieser Strichnumerierung auf dem Spielfeld leider verborgen geblieben, aber es muß wohl was mit der Art und Weise zu tun haben, wie die Ergebnisse
gezählt oder Strafpunkte vergeben werden. Die Tore selber haben mit den bekannten, außerhalb der USA weltweit verbreiteten Fußballtoren überhaupt keine Ähnlichkeit, sondern sehen eher wie überdimensionale Stimmgabeln aus. |
Während der Regen sich durch meinen inzwischen imprägnierungslosen Anorak nunmehr an den
darunter befindlichen Pullover heranmachte, nahmen einige Spieler beider Mannschaften auf dem Plastikrasen Aufstellung, denn nun kam der Ball ins Spiel. Bei diesem handelt es sich um eine Art ledernes Ei von der Größe einer mittleren
Wassermelone, welcher durch diese seine ungewöhnliche Form so gut wie keinerlei kontrollierbares Feinspiel möglich macht, sondern nur entweder brutal weggetreten oder - formbedingt - mangels vorausberechenbarer Flugeigenschaften einfach
irgendwohin geschleudert werden kann. Damit überhaupt eine Art Anstoß erfolgen konnte, legte ein Helfer (so eine Art Balljunge) einen schwarzen Ring aufs Spielfeld, der den Ball zumindest temporär in einer ungefähr senkrechten Position
arretierte, der aber natürlich anschließend wieder entfernt wurde. Daraufhin gruppierten sich nun jeweils elf Gladiatoren der beiden Teams rund um denselben, wobei zwar einige standen, aber die meisten in einer orthopädisch ungesunden
Stellung erstarrten, die ungefähr der Startposition eines Hundertmetersprinters beim Kommando "Fertig!" entsprach. Der Anpfiff ließ denn nicht nur die 30.000 Fans den prasselnden Regen für einen Augenblick vergessen, sondern
bewirkte zweierlei: erstens rannte ein Spieler auf den Ball zu, um denselben mittels eines wuchtigen Fußtritts im hohen Bogen irgendwohin in die Leere des Spielfeldes zu befördern und zweitens löste sich schlagartig der Starrkrampf
seiner Mitspieler und Gegner, die nun ihrerseits teils dem Ball nachrannten oder teils mit dem ganzen Gewicht ihrer gewaltigen Möbelpackerfiguren zu verhindern trachteten, daß ein gegnerischer Spieler solches tat. Allerdings kamen sie
nicht allzu weit, denn nachdem einer der Spieler das Ei dennoch wunderbarerweise geschnappt hatte, stürzten sich alle anderen sofort auf diesen armen Teufel und begruben ihn unter sich, so daß dieser so schön und erwartungsvoll begonnen
habende Spielzug nach wenigen Sekunden in einem Menschenknäuel aus 20 gut gepolsterten Leibern endete, die sich auf dem triefnassen Plastikrasen wälzten. Daß direkt daneben ein Army-Spieler einem seiner grünbehelmten Gegner einen
saftigen Boxhieb in die Magengrube verpaßte, den dieser wiederum mit einem Faustschlag auf den Goldhelm beantwortete, schien niemanden - und am allerwenigsten die Schiedrichter - zu stören. Diese waren auch viel zu sehr damit
beschäftigt, die Stecknadel im Heuhaufen, bzw. den Ball im Menschenhaufen zu finden, denn eines ist mir wenigstens klar geworden: ohne Ball hätte das ganze Spiel wohl kaum einen rechten Sinn gehabt. |
Nachdem nun wieder ein wenig Ruhe eingekehrt und der Ball tatsächlich unter einem der Spieler
gefunden war, verfielen die Gladiatoren wieder in ihre ungesunde Starre und die Zuschauer stellten ihr Gebrüll soweit ein, daß ich sogar das Rauschen des Regens und das Pfeifen des Windes wieder besser hören konnte. Der nun folgende
Wiederanstoß, diesmal ein wenig näher an der gegnerischen Stimmgabel, ungefähr auf dem 30er Strich, ließ das ganze Stadion und mich in unseren Grundfesten erzittern. |
Der Spieler traf den Ball mit einem explosionsartigen Knall! Nachdem mein junger Körper den
dadurch hervorgerufenen Adrenalinschock absorbiert hatte und mein Herzschlag wieder zu seiner normalen Frequenz zurückgekehrt war, entdeckte ich an der Stirnseite des Spielfeldes eine Gruppe Soldaten in nassen Felduniformen, die einen
Böllerschuß aus einer kleinen handlichen Feldhaubitze in just jenem Sekundenbruchteil abgefeuert hatten, als die Spitze des Spielerfußes den Ball berührte. Zum Glück war das Geschütz jedoch wohl nur mit Platzpatronen geladen, sonst hätte
es für die gegenüber im pladdernden Regen sitzenden Zuschauer ziemlich böse ausgehen können. Mit Kanonen soll man ja höchstens mal auf Spatzen schießen, und ob ein aufgespannter Regenschirm der rechte Schutz vor Feldhaubitzen ist, wage
ich ernsthaft zu bezweifeln. Offenbar ist jedoch diese exakte zeitliche Synchronisation eines Kanonenschusses mit einer Ballberührung ein nicht unwesentlicher Bestandteil der militärischen Ausbildung in Westpoint, denn diese
"knalligen" Abstöße passierten von nun an immer wieder, allerdings zuckte ich nach dem dritten oder vierten Mal schon nicht mehr gar so arg zusammen, weil ich mich daran gewöhnt hatte. Genauso wie an das Regenwasser, das mir
vom Schirmrand meines Hintermannes unaufhörlich in den Nacken tropfte und in einem kleinen Rinnsal meinen Rücken runterlief. |
Doch zurück zum Spiel. Es war schon unvergleichlich spannend anzusehen, wie sich dieser Ablauf
mit schöner Regelmäßigkeit wiederholte: Erstarren, Abstoß mit Haubitzenknall, Losrennen der Spieler, Aufeinanderlosstürzen, Bildung des Menschenknäuels, Pfiff des Schiedsrichters und Aus. Starre, Abstoß, Rennen, Stürzen, Knäuel, Pfiff,
Aus. Wie gesagt, es gibt schon seltsame Arten, seine Freizeit zu verbringen. Aber in diesem Fall macht das vermutlich den ganzen Sinn dieses Spieles aus: man kämpft sich wie beschrieben Stückchen um Stückchen in die Nähe des gegnerischen
Tores vor. Und das alles scheint für einen Kenner sogar sehr motivierend zu sein. Leider war ich zu jenem Zeitpunkt keiner und bin es bis heute auch nicht recht geworden. |
Doch plötzlich brüllten die Zuschauermassen empört auf, so daß ich wieder einmal vor Schreck
erstarrte und gar nicht mehr auf den Regen achten konnte, der mir von meiner durchweichten Hose in die Schuhe troff. Aber das war auch nicht weiter schlimm, weil meine Zehen zu diesem Zeitpunkt vor Nässe und Kälte schon vollkommen
gefühllos waren. Jedenfalls mußte wohl einer der gegnerischen Spieler ein Foul begangen haben. Leider konnte ich nicht herausbringen, worin dieses genau bestand, denn das Niederreißen eines Gegners, Faustschläge vor den Kopf, Tritte in
den Unterleib und andere ähnlich üble Hand- und Fußgreiflichkeiten waren ja offenbar bei diesem Spiel ganz legal und in keiner Weise regelwidrig. So mag es denn eventuell verboten sein, einem gegnerischen Spieler die Zunge rauszustrecken
oder eine andere Waffe als eine Haubitze mit aufs Spielfeld zu bringen oder wenn deshalb eine Attacke mit dem Tod eines Spielers oder der Zerstörung des Balls endet - wie gesagt, ich bin mir nicht so ganz sicher und weiß bis heute nicht,
was denn da unten auf dem Spielfeld eigentlich foul war. |
Mittlerweile war es trotz des inzwischen noch heftiger gewordenen Regens dem Army-Team gelungen,
sich bis in die unmittelbare Nähe des gegnerischen Tores vorzuhäufeln und nun gerieten die Zuschauer vollends aus dem Häuschen, denn einer der Spieler hatte sich in der Hektik irgendwie und überraschenderweise des Balls bemächtigen
können, während sich die anderen noch haufenweise auf dem triefnassen Feld wälzten oder sich gegenseitig mit Handkantenschlägen traktierten. Und schon rannte er los und warf sich samt Ball am gegnerischen Ende des Spielfeldes auf den
nassen Boden, so daß das Regenwasser hoch aufspritzte. Das war ein sogenannter Touchdown, wie mir mein regelkundiger Nachbar wohl aufgrund meiner verständnislosen Blicke mitleidig erklärte, nachdem er sich von seinen begeisterten
Schreien erholt und seine, allerdings nunmehr ein wenig heisere Stimme wiedergefunden hatte. |
Er sagte mir auch, daß die Army-Spieler nunmehr versuchen würden, eine Conversion
zu erzielen, die einen zusätzlichen Punkt brächte. Nur nebenbei bemerkt, ein Touchdown
zählt volle sechs Punkte, sogar wenn es nicht regnet. Und genauso kam es dann auch. Einer der Schiedsrichter schleppte den Ball an einen wohl vorher verabredeten Punkt auf dem Feld und nun mußte ein Spieler versuchen, diesen genau zwischen den beiden Zinken der gegnerischen Stimmgabel hindurchzuschießen. Das gelang ihm auch trotz der herabstürzenden Regenmassen bravourös und zielsicher und der daraufhin losbrechende dreißigtausendfache Begeisterungssturm stand dem Aufheulen der Windböen, die mir nun den Regen direkt ins Gesicht peitschten, in nichts nach. Als Brillenträger bin ich jedoch in solchen Situationen natürlich schwer im Nachteil, so daß ich den weiteren Verlauf des Spiels wegen der vielen Tropfen auf den Gläsern optisch nur sehr verzerrt wahrnehmen konnte und ich daher meine spannende Reportage an dieser Stelle leider abbrechen muß.
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Kevin, Peter und ich hatten schon vor dem Beginn des Spiels festgestellt, daß sich im Gegensatz
zu Gary und den 30.000 Anderen unsere Begeisterung für diesen Sport ziemlich in Grenzen hielt, zumindest in Grenzen, die es uns angebracht erscheinen ließen, nicht unbedingt die gesamte einstündige Spielzeit eines Football-Kampfes im
stürmischen Regen zu verbringen. Wir hatten daher schon kurz nach dem Anpfiff insgeheim beschlossen, uns angesichts der doch leicht widrigen Wetterlage nach dem ersten Viertel, logischerweise aus 15 Minuten bestehend, davon zu machen.
Wenn Gary uns nicht die VIP-Karten besorgt hätte, wären wir vermutlich schon nach dem zweiten Bier und dem dritten Steak-Sandwich nach Hause geschwommen, aber dann wäre mir natürlich Wesentliches entgangen, wie meinen Lesern wohl
hoffentlich nun deutlich geworden ist. |
Allerdings muß ich noch bemerken, daß eine solche Football-Viertelstunde fast ausschließlich aus
sogenannten Time-Outs
besteht, in denen die Spieluhr angehalten wird und somit die Zeit stillsteht, weil der Ball in die Zuschauer geflogen ist, weil die Spieler sich erst zu ihren Erstarrungspositionen begeben müssen, weil die Trainer ihren Lieblingsspieler trösten wollen, weil der Regensturm dem Schiedsrichter die Trillerpfeife aus dem Mund gerissen hat und was der Gründe für ein Time-Out mehr sein mögen. In anfänglicher Unkenntnis dieser Sachlage kam mir daher zu Beginn des Spieles noch kein konkreter Verdacht auf, als die rückwärtszählende Stadionstoppuhr auf der Anzeigetafel noch 11 Minuten und 45 Sekunden verbleibende Spielzeit anzeigte und ich nach einem weiteren Blick, ungefähr zwanzig Minuten später, feststellen mußte, daß immer noch 9 Minuten und 23 Sekunden zu spielen waren. Ich hab's einfach auf mein durch den strömenden Regen und den fauchenden Wind gestörtes Zeitempfinden geschoben. Aber als ich mich nach weiteren zehn Minuten und einem kurzen Blick auf die Stoppuhr freute, daß ich dem Unwetter in fünf Minuten würde entrinnen können und diese verdammten fünf Minuten erst eine knappe, aber dafür umso nassere Viertelstunde später vorüber waren, wußte ich über Time-Outs und ihre fatalen Folgen endgültig Bescheid.
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Insgesamt haben diese ersten fünfzehn Minuten des Spiels von halb Zwei bis viertel nach Zwei
gedauert und wurden somit zur längsten (und nassesten) Viertelstunde meines bisherigen Lebens! Und wenn ich mich jetzt zum Schluß nicht noch verrechne, dann muß das Football-Spiel in Westpoint am letzten Wochenende insgesamt etwa drei
Stunden gedauert haben - falls die Spieler, ihre jubelnden Fans und die Haubitzenmannschaft nicht vorher schon jämmerlich ertrunken sind! |
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