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März 1998 |
Am Anfang war der Urknall... |
... und damit begann die unaufhaltsame Ausdehnung des Universums. Nach und nach entstanden darin wunderbarerweise nicht nur Galaxien, Planeten und schwarze
Löcher, sondern auch Sonne, Mond und Sterne. Auf dem dritten Planeten des Solarsystems bildeten sich dann nach einiger Zeit irgendwelche organischen Moleküle, aus denen sich wiederum im Laufe der Jahrmillionen Pantoffeltierchen, Fische,
Vögel, Blumen und Bäume, sowie Mücken und Elefanten formten. Als sich schließlich aus einigen baumbewohnenden Säugetieren die Affen entwickelt hatten, war es bis zu mir nur noch ein relativ kleiner Schritt für die Menschheit. Und nachdem
wir seit nunmehr drei Jahren in den USA leben, habe ich mich unter dem sanften Druck meiner Gattin endlich entschließen dürfen sollen müssen, sogar einen amerikanischen Führerschein (engl.: Driver's License) zu erwerben. Deshalb
kann man diesen Newsletter auch als die »Geschichte meiner sieben oder acht Erniedrigungen« ansehen. |
Ausgelöst wurde das ganze lächerliche Unterfangen durch ein Auto. Was ja einerseits nicht ganz
unlogisch und andererseits irgendwie tatsächlich auch sinnvoll ist. Allerdings handelte es sich nicht um das meinige, sondern um Giselas fahrbare Neuerwerbung, welche sie letztendlich mit zurück nach Deutschland zu nehmen beabsichtigt.
In diesem konkreten Fall ist es ein brandneuer Jeep Wrangler, der nicht nur dunkelgrün-metallisch lackiert ist, sondern in dem zusätzlich zu seiner Sechszylindermaschine mit vier Litern Hubraum und 181 munteren Pferdchen auch noch
allerlei erfreulicher technischer Schnickschnack eingebaut ist. Ich erspare mir hier die detaillierte Aufzählung desselben, weil es für den Fortgang der Geschichte nicht besonders wichtig ist, aber die Bandbreite reicht von A wie Anlage
fürs Klima bis Z wie Zuschließbare Mittelkonsole. Soweit die - ich geb's ja zu - etwas weitschweifige Einleitung. Deshalb jetzt endlich zur üblichen Vorgeschichte: |
In vielen unserer früheren Veröffentlichungen haben wir ja bekanntermaßen den Erwerb einer
amerikanischen Fahrerlaubnis weit von uns gewiesen. Genaugenommen war hauptsächlich ich es, der diese erniedrigende Prozedur aus tiefstem Herzensgrund verabscheut hat. Gisela stand dem ganzen Unterfangen von Anfang an wesentlich
toleranter gegenüber, denn schließlich ist es ja seit alters her die züchtige Hausfrau, welche unter anderem auch die familiären Finanzen verwaltet und der höhere Ausgaben ein ständiger Dorn im Auge sind. Zur Erinnerung: amerikanische
Versicherungsgesellschaften erheben eine etwa dreimal so hohe Prämie für Fahrzeuge, deren Besitzer "nur" einen deutschen, resp. internationalen Führerschein innehaben. Und weil die Natur es denn nunmal so gewollt hat, fallen
die meisten pekuniären Angelegenheiten auch in unserer Ehe in den Verantwortungsbereich meiner Frau, wobei ich fairerweise hinzufügen muß, daß mir gelegentlich ein gewisses Einspruchsrecht bei Extremfällen durchaus eingeräumt wird. |
So konnte denn das Unglück auch nur während einer meiner Dienstreisen geschehen, als ich mich
rund 6.000 Kilometer vom heimischen Herd entfernt befand, und demzufolge meine diesbezügliche Autorität vorübergehend außer Kraft gesetzt war. Daher begrüßte mich meine Frau gleich an der Haustür strahlend mit einem kleinen,
grünbedruckten Zettelchen in der Hand, als ich müde und verknittert von der besagten Reise unsere Schwelle betrat. "Rate, was das ist," waren ihre Worte. Nun stand mir der Sinn in dieser Situation nicht gerade unbedingt nach
komplizierten Rätseln. Dennoch antwortete ich brav: "Sieht aus wie ein kleines, grünbedrucktes Zettelchen," womit ich zwar mal wieder den Nagel auf den Kopf, aber leider nicht ganz die Erwartung meiner Gattin getroffen hatte.
Ehrlich gesagt, ich wußte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht, um was es sich bei diesem Stückchen Papier handelte, deshalb half mir meine verständnisvolle Frau sofort auf die Sprünge: "Das ist mein neuer amerikanischer
Führerschein." Sie hatte ihre Drohung also wirklich wahr gemacht. Doch nicht nur das, sie hatte ihren neuen Jeep auch gleich mit Hilfe dieses Wunderdokumentes bei einer nunmehr recht preiswerten Versicherungsgesellschaft angemeldet.
Und um das Desaster komplett zu machen, meinen schönen roten Grand Cherokee gleich mit. |
An dieser Stelle sei mir ein kleiner Einschub gestattet, denn weil Amerika nunmal das Land des
Automobils ist, und ein Mensch ohne ein solches sich nicht nur vom Gesellschaftsleben völlig abgeschnitten sehen muß, nein, schlimmer noch, absolut unfähig ist, den nächsten Supermarkt oder die nächste Einkaufs-Mall zu erreichen, sind
die automobilen Verhältnisse auch grundsätzlich anders als in Deutschland. So wird eine Kfz-Versicherung insgesamt umso billiger, je mehr Fahrzeuge man besitzt. Das scheint zwar unglaublich, ist aber wahr. Dank meiner ausgabenbewußten
Frau stand ich also plötzlich dort, wo ich eigentlich überhaupt nicht hingewollt hatte, denn nun erwartete unsere neue billige Versicherungsgesellschaft ganz selbstverständlich, daß auch ich dem erlauchten Kreis der rund zweihundert
Millionen lizensierter amerikanischer Fahrzeugführer beitrete. |
Also dann. Das Gebäude des DMV (Department of Motorvehicles, dtsch.:
Kraftfahrzeugzulassungsstelle, wobei hier allerdings nicht nur die Kraftfahrzeuge selber, sondern auch deren Fahrer zugelassen werden) liegt in Wappingers Falls, recht gut zugänglich an der Route 9 zwischen Poughkeepsie und Fishkill.
Diese typisch amerikanische Straße ist zweifelsohne eine der wichtigsten vierspurigen Nord-Süd-Verbindungen im Mid Hudson Valley, denn ohne sie gäbe es keine Verbindung zwischen New York City und Kinderhook, wobei ich mich ernsthaft
frage, was denn in aller Welt einen New Yorker nach Kinderhook treiben sollte. Aber da die 9 natürlich in beide Richtungen befahrbar ist, macht sie trotz allem irgendwie Sinn, zumindest für die Kinderhooker. |
Und weil sie es mir eingebrockt hat, darf mich meine Frau auch in ihrem neuen Jeep dorthin
fahren. Ich hätte zwar nichts dabei gefunden mit meinem eigenen Auto, welches ich ja mittlerweile über drei Jahre auf allen möglichen amerikanischen Straßen unfall- und protokollfrei hin- und herbewege, vorzufahren, aber vielleicht
sollte man lieber doch nicht gar so großkotzig in einem Luxusfahrzeug ankommen, wenn man sich als Führerscheinanfänger anzumelden beabsichtigt, wie meine kluge Gattin sicher zu recht meint. Jedenfalls weil sie es aus dem Blickwinkel des
DMV betrachtet, ich persönlich habe da, wie gesagt, ganz andere Vorstellungen. |
Das DMV selbst besteht aus einem ziemlich großen Raum, der, von seiner Größe mal abgesehen,
aussieht wie jede Amtsstube dieser Welt: eine gewaltige Theke mit vielen Einzelschaltern, etliche unbequeme Wartestühle, zahlreiche kleine Stehpulte mit Formularen und die unvermeidliche amerikanische Flagge unter dem Foto des
derzeitigen Präsidenten werden von einem Neonlicht gnadenlos, aber schattenfrei beleuchtet. Weil heute morgen nicht sehr viel los ist, trete ich mutig an einen freien Schalter, hinter dem eine typische Beamtin ihren ebenso schweren wie
verantwortungsvollen Dienst verrichtet, mit anderen Worten: sie wartet ausdruckslos ins Leere starrend auf Kundschaft. |
Nachdem ich durch ein mittellautes Räuspern ihre Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe, fragt sie
mich nach meinem Begehr: "May I help you?" "Klar doch, dafür wirst Du ja bezahlt, unter anderem auch von meinen Steuerdollars," denke ich. Aber da ich es auf Deutsch denke, kann sie mich nicht verstehen, selbst
wenn sie eine ausgebildete Telepathin wäre. Aber das ist sie offenbar nicht, denn jetzt gilt es zuerst nachzuweisen, daß ich ich bin. Zu diesem Zweck lege ich meinen Paß samt Visum auf ihre Theke und das genügt ihr tatsächlich, um mich
einwandfrei als denjenigen zu identifizieren, der vor ihr steht. Leider reicht das noch nicht aus, die Schwierigkeiten fangen damit erst richtig an, denn ein Paß enthält ja bekanntlich keine Adreßangaben. Andererseits gibt es in den USA
keine Meldepflicht wie beispielsweise in Deutschland und deshalb auch keine Einwohnermeldeämter, die einem einen entsprechenden Nachweis ausstellen könnten. Das einzige persönliche Dokument, welches in Amerika eine Anschrift enthält, ist
der Führerschein, woraus sich für mich der altbekannte Hauptmann-von-Köpenick-Effekt ergibt: ohne Führerschein kein Adreßnachweis und ohne Adreßnachweis keinen Führerschein. Also zücke ich stolz das bereits zuhause gewissenhaft
ausgefüllte Führerscheinantragsformular, dem sie einwandfrei entnehmen kann, daß ich weder heroinsüchtig noch überdurchschnittlich geistig behindert bin. Außerdem kennt sie nun meine Augenfarbe, das Datum meiner letzten
Blinddarmoperation, den Todestag unserer Goldfische, die Anzahl meiner Krawatten, sowie meine Adresse inklusive Telefonnummer. Darüber hinaus kann sie meiner Unterschrift entnehmen, daß alle diese Angaben der Wahrheit entsprechen, der
reinen Wahrheit und nichts als der Wahrheit, so wahr mir der Liebe Gott helfe. Doch da ja bekanntlich selbst SEINE Allmacht nicht bis in behördliche Amtsstuben reicht, bringt mich auch dieses schöne Formular keinen Schritt weiter.
Jedenfalls keinen bedeutenden. Daher krame ich in meiner Brieftasche herum und fördere stolz meine Sozialversicherungskarte zutage. Damit kann ich zumindest schon mal nachweisen, daß ich in den USA ansässig und sogar steuerpflichtig bin
und nicht etwa nur irgendein hergelaufener Tourist. Leider reicht das meiner Beamtin immer noch nicht. Ob ich denn wenigstens eine amerikanische Kreditkarte besäße, will sie wissen. Zwar fällt mir trotz heftigen Nachdenkens kein direkter
Zusammenhang zwischen meiner Kreditkarte und meinem zukünftigen Führerschein ein, aber nun gut, warum nicht? An Kreditkarten hat's keinen Mangel, und mit einem angequält freundlichen "here you are"
fächere ich ihr meine Kartensammlung entgegen. Natürlich kommen wir auch damit noch nicht zu einer endgültigen Einigung, denn auf Kreditkarten stehen ja bekanntermaßen auch keine Adressen, nur Nummern und alles mögliche andere Zeugs. Ich hab's mir ja gleich gedacht, doch nun weiß es auch meine Beamtin.
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Während ich die Karten wieder wegstecke, beginne ich mich zu fragen, wie denn echte Amerikaner
ein solches Problem klugerweise wohl angehen würden, und genau in dieser Sekunde fällt mein inzwischen leicht verzweifelter Blick auf unsere letzte Heizölrechnung, die irgendwo in den unergründlichen Tiefen meiner Brieftasche ihr noch
unbezahltes Dasein fristet. Und was steht da unter anderem drauf? Richtig, unsere Adresse! Ich lege das kostbare Papier triumphierend auf die Theke. Jetzt braucht meine Beamtin nur noch diese Adresse mit der auf dem Antragsformular zu
vergleichen, um feststellen zu können, daß ich wirklich nicht geschwindelt habe. Ja, das war doch in der Tat ganz einfach, und so schreiten wir zu der Komödie nächstem Teil. |
"Das macht dann 42 Dollar", spricht meine Beamtin zu mir. Natürlich sagt sie es in der Sprache ihrer Mutter, die offensichtlich bereits
Amerikanerin war, aber ich verstehe sie trotzdem und zähle ihr zwei Zwanziger und zwei Singles
(jawohl, so heißen hier die Ein-Dollar-Scheine tatsächlich) auf den Tresen. "Darin ist natürlich alles eingeschlossen," fährt sie fort, "die Bearbeitungsgebühren, der Sehtest, das Foto, der Führerschein selber und alle Prüfungen, einschließlich sämtlicher eventueller Wiederholungsfälle." Ein Führerschein für rund fünfundsiebzig Mark, rechne ich blitzschnell aus, wenn das die deutschen Führerscheinanwärter hören, kommt es sicher zu einer größeren Auswanderungswelle in die USA. Wenigstens ist meine Erniedrigung billig.
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Nachdem nun die Hürde des Papierkrieges glücklich überwunden ist, kommen meine Beamtin und ich
zu den mehr praktischen Dingen dieser Angelegenheit und dazu gehört der schon kurz erwähnte Sehtest. Zu diesem Zwecke hängt hinter jedem Schalter die bekannte Tafel mit den Buchstabenreihen, die nach unten immer kleiner werden.
"Bitte die fünfte Reihe von oben", fordert mich die Dame auf, ich komme ihrer Aufforderung ohne zu zögern nach (C-G-H-I-J-L) und habe auch schon mit Leichtigkeit bestanden. Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, daß selbst
die unterste Buchstabenreihe immer noch die Lettergröße einer normalen Bildzeitungsüberschrift bei der Vermeldung eines gräßlichen Doppelmordes in Köln um ein Vielfaches übertrifft. Das hätte ich sogar ohne Brille geschafft. |
In der Zwischenzeit hat der Computer meiner Beamtin einen Papierbogen ausgedruckt, den sie mir
nun zusammen mit einem Bleistiftstummel und einer ziemlich abgegriffenen Übersichtstafel sämtlicher amerikanischen Verkehrszeichen überreicht. "Du (you) kannst dich da hinten auf einen der Stühle setzen und den Prüfungsbogen
ausfüllen. Es gibt zwar keine zeitliche Beschränkung, aber in drei Stunden schließen wir," sagt sie, "wenn du (you) fertig bist, kommst du (you) wieder hier her." Folgsam ziehe ich mich auf einen der Stühle
zurück und beginne meine schriftliche Prüfung. Zwanzig Fragen aus dem täglichen amerikanischen Verkehrsleben stehen auf dem Programm und gleich bei der ersten treten mir die Schweißtropfen auf die Stirn. Allerdings handelt es sich
diesmal weniger um den üblichen Angstschweiß, als vielmehr um diejenige Schweißsorte, die mein Körper immer dann produziert, wenn ich mir krampfhaft das Lachen verbeißen muß. Hier eine kleine Auswahl, wobei mir speziell die erste Frage
ein wenig deplaziert vorkommt, weil sie mit dem eigentlichen Thema wenig verwandt ist: |
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Was muß bei einem Fahrrad angebracht sein, falls man im Dunkeln fährt? |
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Darf man die Fahrertür öffnen, wenn sich kein Auto nähert? |
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Was besagt das Verkehrszeichen No Stopping? |
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Wenn man rechts abbiegen will, sollte man dann so nahe wie möglich an der Straßenmitte bleiben? |
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Was muß man bei einem Stoppschild tun? |
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Welche der folgenden Drogen beeinflussen die Fahrtüchtigkeit: Marihuana, Tranquilizer, Alkohol oder alle drei genannten? |
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Nein, nein, das sind keine Scherzfragen, die ich mir zur Erheiterung meiner Leser ausgedacht
habe, die sind tatsächlich echt. Und wer da immer noch Probleme haben sollte, für den sind die Antworten in Multiple-Choice-Form so überdeutlich formuliert, daß damit bei einem denkenden Menschen auch noch der allerletzte Zweifel
ausgeräumt wird. Umso erstaunlicher ist es, daß trotzdem immer noch welche durchfallen, obwohl man sowieso von vornherein fünf Fehler (das sind glatte 25 Prozent!) machen darf. Offenbar ist das mit dem Denken hierzulande tatsächlich so
eine Sache. |
So weit, so gut, ich begebe mich also mit meinem ausgefüllten Prüfungsbogen wieder zurück an den
Schalter und meine Beamtin teilt mir mit, daß ich bestanden habe. Puh, nochmal Glück gehabt! |
Jetzt geht's zum Fotografieren. Zu diesem Zweck trete ich auf die schwarze Markierung vor einer
grauen Wand und die Beamtin begibt sich hinter ein Ungetüm von Kamera. Leider verpasse ich wieder einmal das ausfliegende Vögelchen, weil ich mich nicht mit mir einigen kann, ob ich schlicht Cheese oder lieber Mississippi sagen soll. Als
ich mich schließlich für den Käse entschieden habe, ist schon alles vorbei - nicht mal anständig geblitzt hat's - und ich muß nur noch mit einem elektronischen Stift auf einem elektronischen Tablett unterschreiben. Fertig. |
Nun begebe ich mich wieder zum Schalter, woselbst der Computer inzwischen ein kleines,
grünbedrucktes Zettelchen ausgeworfen hat, welches mir die Dame zusammen mit einem Merkblatt voller Einschränkungen sowie zahlreichen guten Wünschen und Ermahnungen ("Drive carefully") aushändigt. |
So, jetzt bin ich also ebenfalls Inhaber einer vorläufigen amerikanischen Learner's Permit
und darf daher schon selbständig ein Kraftfahrzeug führen. Allerdings nur in Gegenwart eines richtigen Führerscheininhabers und damit müßten Gisela und ich heute eigentlich zu Fuß nach Hause gehen, denn auch sie hat ja immer noch nur diesen vorläufigen grünen Halbführerschein. Doch weil wir beide die Grundrechenarten einigermaßen beherrschen, konstatieren wir, daß zwei Halbe grundsätzlich ein Ganzes ergeben, und deswegen setzt sich meine Frau kurzerhand wieder ans Steuer und fährt los. Während der Fahrt bediene ich die Stationstasten des Radios und betätige sogar einmal kurz den Heckscheibenwischerschalter, damit auch wirklich zwei Halbe an der Fahrt beteiligt sind.
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Ja, jetzt sitze ich endgültig in der Falle und es gibt kein Zurück mehr. Von nun an kann mich
nämlich jeder amerikanische Streifenbulle in seinem Computer finden. Die goldenen Zeiten sind vorbei, daß ich - tatsächlich so geschehen - in New York City ein Stoppschild überfahren kann, und dem Polizisten, der mich dabei erwischt hat,
stolz meinen deutschen Führerschein unter die Nase halte, und er mich vergeblich in seinem Computer sucht, und mich dann leider einfach wieder fahren lassen muß, weil er nicht mal weiß, wo Deutschland überhaupt liegt. Schade. Wenn mir
dasselbe heute widerfährt, nützt mir der Trick mit dem deutschen Führerschein überhaupt nichts mehr, weil jetzt nämlich der Polizeicomputer meinen Namen kennt. Demzufolge kann ich auch keine Dienstreisen mehr machen, denn mit einem
Learner's Permit darf ich leider keinen Mietwagen fahren. Ich darf mein Auto weder nach 21 Uhr noch auf einem Highway bewegen, und wenn man mich bei einem noch so kleinen Verkehrsvergehen erwischt, bin ich das schöne grüne Zettelchen
gleich wieder los. Sehr ermutigend, denn selbst wenn ich nur an meinen täglichen Weg zum Büro denke, fallen mir locker fünf bis sieben regelmäßige Übertretungen ein, die ich in den letzten drei Jahren richtig liebgewonnen habe und
eigentlich nicht mehr missen möchte. |
Also bleibt mir nur die Flucht nach vorne: der richtige Führerschein muß her, und zwar so
schnell wie möglich. Diesen bekommt man allerdings nur, nachdem man eine richtige Fahrprüfung (engl.: Road Test) abgelegt hat, und zu dieser kann man sich wiederum nur anmelden, wenn man einen Nachweiszettel erbringt, daß man an
einer fünfstündigen sogenannten Prelicense Driving Education
(dtsch.: Vorführerscheinfahrausbildung) teilgenommen hat. Eine solche findet jeden Donnerstag von 18:30 bis 21 Uhr in einer nicht allzu weit gelegenen Mittelschule statt. So muß ich also zwei wertvolle Abende opfern, an denen ich viel lieber einen sinnreichen Newsletter geschrieben oder mich vor dem Fernseher herumgeräkelt hätte.
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Trotzdem finde ich mich also am Donnerstag pünktlich um kurz vor halb sieben in der Poughkeepsie
Middle School ein. Da ich mich im Inneren von Mittelschulgebäuden nicht mehr so genau auskenne, frage ich den flurwischenden Neger, wo ich denn hier bitteschön autofahren lernen könne. Er schaut zwar kurz auf meinen dezent angegrauten
Bart, läßt sich aber sonst nichts weiter anmerken und schickt mich in die erste Etage: "Treppe rauf, dann rechts. Die letzte Türe auf der rechten Seite, Sir." Das Sir versöhnt mich zwar zunächst für einen kurzen Augenblick mit
der amerikanischen Wirklichkeit, doch schon wenige Sekunden später hat sie mich wieder eingeholt, als ich durch die letzte Türe rechts trete. |
Der Raum sieht prinzipiell genauso aus, wie jedes Klassenzimmer dieser Welt: eine große grüne
Tafel an der Stirnseite, ringsherum an den Wänden diverse Poster gegen den Drogenmißbrauch, eine amerikanische Flagge in der Ecke neben dem Lehrerpult, an einer der Längswände ein Sideboard voll mit Büchern und Diversem, ein gut
sichtbares Emergency Exit
Schild über einem der Fenster und das Ganze eingehüllt in diesen typischen Schulgeruch, der einige unangenehme Erinnerungen in mir wachruft. Die Sitzgelegenheiten sind jene Einzelmöbel, die Stuhl und Schreibunterlage in einem Stück vereinen: Rohrrahmen und bekritzelte Holzplatten. Darin lümmeln sich bereits etwa fünfzehn halb-, besser: viertelwüchsige Kinder mit leerem Blick herum. Vorne am Pult sitzt ein Mensch etwa meines Alters und raschelt mit seinem Papierstapel. Mein freundliches
"Good Evening"
bleibt zwar leider von den Anwesenden völlig unbeachtet, aber was soll's, hinten rechts ist noch ein Bänkchen frei, in welches ich mich quetsche und der Dinge harre, die da kommen. Weil es noch immer nicht halb sieben ist, kann ich meine Mitschüler in Ruhe betrachten. Wahrlich ein erhebender Anblick heranreifender Jugend, der dennoch gewisse Zweifel an der Zukunft Amerikas als Weltmacht wecken kann. Ich verstehe ja, daß man sich heutzutage als junger Mensch seine knöchelhohen Turnschuhe nicht mehr ordentlich zubindet und von mir aus können die Jeans ruhig so sackartig sein, daß die Gesäßtaschen in der Kniekehle hängen, ich brauch sowas ja nicht zu tragen. An den Anblick der umgekehrten Baseballkappen habe ich mich längst gewöhnt und daß man mit seinem Sweatshirt kostenlose Reklame für den jeweiligen Modefritzen macht, freut sicher Tommy Hilfiger und adidas noch wesentlich mehr als mich.
That's really cool, man. |
Vielleicht ist es aber auch einfach schon zu lange her, daß ich zusammen mit einer größeren
Gruppe Sechzehnjähriger in einem Klassenzimmer gesessen habe, denn ich sollte fair bleiben, wahrscheinlich hat mein Aussehen und mein Benehmen vor dreieinhalb Jahrzehnten in den damals Erwachsenen ähnliche Gedanken hervorgerufen. Aber
dennoch liegt eine merkwürdige Art schnodderiger Aggression in der Luft, so daß es mir schwerfällt zu verstehen, aus welchem Grund sich heutzutage jemand freiwillig für den Beruf eines Mittelschullehrers entscheiden kann. |
Zwischen den Jugendlichen entdecke ich auch ein paar ältere Gesichter. Zum Teil recht finstere,
unrasierte und schmuddelige Gesellen, ihrem Aussehen nach aus der gehobenen Unterschicht Poughkeepsies stammend. Ganz offensichtlich handelt es sich um übelste Trunkenbolde und chronische Verkehrs-Rowdys, denn in den USA gibt es für
Übertretungen ein ähnliches Punktesystem wie in Deutschland: nach dem soundsovielten Verkehrsvergehen sind die Fleppen weg und man darf wieder von vorne anfangen. Ein heterogener Haufen aus Kids und Criminals
also. Und ich mitten drin, ein Heu im Nadelhaufen. Doch ich komme gar nicht dazu, mich richtig darob zu grämen, denn nun stellt der Mensch meines Alters zuerst das Papierrascheln ein, sich dann vor die Klasse und schließlich sich der Klasse vor. Nachdem wir alle seinen Namen (Mister McCarthy) erfahren haben, spricht er die bemerkenswerten Worte:
"And don't forget: you need a driver's license, you really do"
(dtsch.: Und nicht vergessen: ihr braucht den Führerschein unbedingt). Und damit hat er in Amerika wirklich recht, aber das habe ich ja eingangs schon angedeutet. Gleichzeitig ruft er uns Schülern damit den eigentlichen Grund unseres Hierseins ins Gedächtnis zurück und er erreicht außerdem, daß die Aggression bei den Kids und Criminals spürbar geringer wird.
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Und so erzählt er uns atemlos Lauschenden schaurige Geschichten von den tausend Gefahren der
Straße, von der Sündhaftigkeit zu schnellen Fahrens, von der Allmacht amerikanischer Sheriffs, von der Verderbtheit übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums und sogar von der Bedeutung einiger Verkehrszeichen. Selbst zwei oder drei
Vorfahrtsregeln werden kurz gestreift, und als Krönung garniert er das Ganze mit einem zehnminütigen Videofilm auf Sesamstraßenniveau. Ja, wer jetzt immer noch nicht anständig autofahren kann, ist wirklich selber schuld. |
Der zweite Abend wird sogar von einem richtigen Abschlußtest gekrönt. Diesmal sind es
fünfundzwanzig Fragen, deren Inhalt etwa denen entspricht, die ich bereits zwei Seiten zuvor demonstriert habe, bis auf den kleinen Unterschied, daß man diesmal neun (!) Fehler machen darf, um immer noch zu bestehen. Mit 36 jedenfalls
eine deutliche Steigerung des Prozentsatzes. Ohne mich selber hervortun zu wollen möchte ich an dieser Stelle trotzdem anmerken, daß ich natürlich alle Fragen richtig beantwortet habe, was außer mir nur noch einem einzigen jungen Mann
gelungen ist. Ich kann kaum an mich halten, vor lauter Stolz und Glück, denn zur Belohnung bekomme ich nun endlich den so heiß ersehnten Nachweiszettel einschließlich Stempel und Unterschrift über meine erfolgreiche Absolvierung der
Prelicense Driving Education. Hurra - nein, besser: Yippieyeh! |
Mit Hilfe der nunmehr vollständig vorhandenen Dokumente, melde ich mich als nächstes beim
Department of Motorvehicles zu meiner praktischen Fahrprüfung an. Das geht überraschend einfach, vor allem deshalb, weil Gisela das freundlicherweise für mich übernimmt. |
A propos, an dieser Stelle muß ich die spannende Geschichte meiner eigenen Driver's License
einen kleinen Augenblick unterbrechen. In den dazwischenliegenden Tagen hat meine Frau nämlich den ganzen Kokolores bereits im ersten Anlauf höchst erfolgreich hinter sich gebracht, einschließlich ihrer praktischen Prüfung, versteht sich, und ist damit stolze Besitzerin dieses heißbegehrten, scheckkartenkleinen Stückchens Plastik mit Lichtbild und Adresse. Ganz offiziell darf sie jetzt nicht nur im Dunkeln auf dem Highway fahren, sondern von nun an kann auch ich mit dem Auto ganz legal Bier holen, vorausgesetzt allerdings, Gisela sitzt auf dem Beifahrersitz und paßt auf, daß ich verkehrsmäßig keinen Mist baue. Aus Peinlichkeitsgründen verzichte ich hier auf die Wiedergabe ihrer zahlreichen Spitzen und kleinen Anspielungen, in denen ziemlich viel von den Einschränkungen und dem Unvermögen amerikanischer Führerscheinanfänger unter besonderer Berücksichtigung ihres eigenen Ehemanns die Rede ist. Der Erwerb meiner Vollwertlizenz wird also immer dringlicher.
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Zurück daher zu meiner Leidensgeschichte. Gisela bringt mir also vom DMV einen roten Zettel mit
meinem Prüfungstermin (Mittwoch, der 11. März 1998, 13 Uhr) mit, der neben allerlei Instruktionen, welche Papiere man mitbringen muß und daß man vor allen Dingen pünktlich zu sein hat, auch noch eine kleine Lageskizze des
Prüfungsgebietes enthält. Ein Road Test findet nämlich immer in denselben drei, vier Straßen von Poughkeepsie statt, die dieserhalb auch entsprechend schildermäßig markiert sind. Deswegen ist einem Learner's Permit Inhaber wie mir auch
allerstrengstens untersagt, dieses Gebiet zu befahren. Ich könnte mich ja sonst schon vorher mit den Stoppschildern und den Vorfahrtsregelungen dort vertraut machen und dann wäre die ganze schöne Überraschung weg - sowohl für den Prüfer
als auch für den Kandidaten. |
Es ist Mittwoch. Vor lauter Aufregung habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Mit
blutunterlaufenen Augen und weichen Knien stehe ich in der Küche, denn zum Stillsitzen bin ich viel zu nervös. Meinen schönen Frühstückstee verschütte ich zur Hälfte, weil meine schweißnassen Hände so furchtbar zittern und die trockene
Schnitte Brot, die ich mir mühsam reinwürge, kommt mir schon nach einer Minute wieder hoch. Ich muß im Büro anrufen und mich krank melden, denn an arbeiten ist heute vormittag wahrlich nicht zu denken. Dabei ist es erst neun Uhr. Wie
soll ich bloß den Rest des Vormittags überstehen? Wie, frage ich mich, ohne mir allerdings eine konkrete Antwort geben zu können. Egal, den größten Teil der Zeit verbringe ich eh in einem unserer gekachelten Räume, weil mich meine
plötzlich eingesetzt habende Blasen- und Darmschwäche dazu zwingt. Zwischendurch wird mein junger Körper immer wieder von heftigsten Schauern geschüttelt, die mir abwechselnd heiß und kalt über den gänsehäutigen Rücken laufen, und
Langeweile kann schon deswegen nicht aufkommen, weil ich viel zu sehr mit dem Abkauen meiner Fingernägel beschäftigt bin. Gisela, die gut lachen hat, erzählt mir inzwischen zahlreiche aufmunternde Schauergeschichten von den anderen
ausländischen Damen aus ihrer englischen Literaturklasse, die ausnahmslos alle beim ersten Mal durchgefallen sind und sich demzufolge in ihrem Bekannten- und Freundeskreis tödlich blamiert, ja, geradezu lächerlich gemacht haben. Zwei von
ihnen sind deshalb direkt nach ihrem vermasselten Road Test ohne Abschiedsworte nach Nevada gereist und seither in der Wüste verschollen. Eine jüngere Blondine hat sich kurzfristig nach Mexiko abgesetzt und wurde zuletzt in einem
ziemlich zweifelhaften Etablissement kurz hinter der Grenze gesehen, wo sie sich ihren Lebensunterhalt als Stripteasetänzerin verdient, und eine etwas sensible ältere Dame liegt nach ihrem mißglückten Suizidversuch immer noch im Koma.
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Um zwanzig vor eins tupft mir meine verständnisvolle Frau den kalten Schweiß von der Stirn und
die heißen Tränen von der Wange, dann fährt sie mich in meinem roten Cherokee zum Startpunkt der Road Test Area. Kaum bin ich ausgestiegen, um mich hinter einem Busch schnell noch ein letztes Mal zu erbrechen, hält vor uns ein weißer
Honda oder Toyota oder Kamasutra oder was immer das ist, und ein ziemlich junger, schlacksiger Neger steigt aus. Er trägt eine dunkelblaue Baseballkappe auf dem Kopf und ein hochwichtig aussehendes Klemmbrett in der Hand, auf dem deshalb
auch eine Menge gelber Papiere festgeklemmt sind. "Who's takin' the test?" brummt er grußlos in unsere Richtung. "Me,"
antworte ich ebenso kurz angebunden diesem unhöflichen Patron. So muß er anfangen, da kommt er bei mir genau an den Richtigen! Was soll denn das ganze Theater überhaupt? Wer bin ich denn? Etwa ein sechzehnjähriges Kid oder ein unrasierter Criminal? Na also. Darüber hinaus verfüge ich mit Sicherheit über eine dreimal so lange Fahrpraxis wie dieser Typ. Und schließlich: was habe ich denn zu verlieren, wenn ich durchfalle? Höchstens meine menschliche Würde. Und selbst die nicht, weil sie nach dem für mich gültigen deutschen Grundgesetz nämlich unantastbar ist. Jawoll.
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Mit einem solcherart wieder erstarkten Selbstbewußtsein setze ich mich ans Steuer, wobei Giselas
aufmunternd hochgereckter Daumen noch ein übriges tut. Etwas freundlicher bittet mich der Neger jetzt um meine Learner's Permit und um den Nachweisschein der Vorführerscheinfahrausbildung, welches ich ihm beides lässig überreiche. Er
kritzelt irgendwas Unlesbares auf einen der gelben Zettel und läßt mich dann denselben unterschreiben. "Du (you) kannst jetzt losfahren. Bis zur Kreuzung da vorne und dann rechts." Gehorsam setze ich mittels
Zündschlüssel die acht Kolben des Cherokee in Bewegung, drehe den Kopf so extrem über meine linke Schulter, daß es selbst ein Neger bemerken muß, und fahre einigermaßen behutsam los. Diese übertriebene Kopfdrehung habe ich tagelang
vorher geübt, bis mir der Nacken steif wurde, denn wie soll ein dusseliger Prüfer sonst wissen, daß man nach dreiunddreißig Jahren Fahrpraxis ganz automatisch ständig aus den Augenwinkeln in die Rückspiegel schaut und deshalb immer ganz
genau darüber informiert ist, was hinter und neben einem verkehrsmäßig so abgeht? Woher soll er wissen, daß ich bereits beim Einsteigen instinktiv den Verkehr auf der Straße beobachtet habe und daher weiß, daß das Auto hinter mir erst
auf meiner jetzigen Höhe sein wird, wenn ich längst abgefahren bin? Also drehe ich nicht nur jetzt, sondern während des ganzen Road Tests bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit meinen Kopf in alle Richtungen, daß die Halswirbel
nur so krachen. |
Inzwischen haben wir die Kreuzung erreicht und ich bringe vorschriftsmäßig mein Fahrzeug zu
seinem absoluten Stillstand, weil dort nämlich ein Stoppschild angebracht ist. Mit einem sogenannten "kalifornischen Stopp" sollte ich mich diesmal lieber nicht begnügen, denn wir befinden uns im Staat New York. Ein
kalifornischer Stopp besteht nämlich nur in einem kurzen Antippen der Bremse, welches eine geringfügige Geschwindigkeitsverminderung zur Folge hat, denn die Kalifornier haben gewöhnlich keine Zeit anzuhalten, weil sie sonst nicht schnell
genug zum Surfen kommen. Überraschenderweise handele ich mir trotz meines ordentlichen Bremsens einen unfreundlichen Anraunzer meines Prüfers ein. Ob ich die weiße Haltelinie vor dem Stoppschild nicht gesehen hätte, will er von mir
wissen. Klar habe ich die gesehen, sie war ja schließlich deutlich genug fünf Meter vor dem Schild auf den Asphalt gepinselt. Von dort wäre mir allerdings der Blick in die Kreuzung unmöglich gewesen. Und was dann alles hätte passieren
können! Diese Erklärung meinerseits kann meinen Neger allerdings nicht recht überzeugen, denn Gesetz ist Gesetz, sagt er, mag es auch noch so praxisfremd sein, sage ich. Trotzdem verspreche ich ihm fest, mir alle Haltelinien dieses
großartigen Landes für die Zukunft hinter die Ohren zu schreiben und darf weiterfahren. |
Als nächstes steht ein Wendemanöver auf dem Programm. Mein Kopf wirbelt in alle Richtungen, noch
schneller als das Lenkrad und deshalb bestehe ich diesen schwierigen Teil auch mit Bravour. Nachdem der dunkelhäutige Prüfer mit tiefster Befriedigung bemerkt hat, daß ich mich in einer Einbahnstraße auch vorschriftsmäßig vor dem
Linksabbiegen auf der linken Fahrspur einordne, unterläuft mir trotzdem kurz vor Schluß noch ein böser Fehler: ich soll nämlich demonstrieren, daß ich auch ordentlich rückwärts einparken kann. Den Grund dafür kann ich zwar nicht recht
erkennen, weil ich in den letzten drei Jahren keinen einzigen Amerikaner je habe rückwärts einparken sehen, aber na gut, ich bin ja auch kein Amerikaner. Er wählt dazu eine Parklücke aus, die wahrhaft amerikanische Dimensionen aufweist:
ein deutscher LKW samt Anhänger fände dort locker Platz. Wie ich es also seit Jahrzehnten mache, fahre ich neben das vordere Fahrzeug, stoße unter demonstrativstem Kopfdrehen rückwärts in die Lücke und stehe wie eine Eins. Mein Fehler
besteht nun darin, daß ich nicht, wie von der New Yorker Straßenverkehrsordnung gefordert, ein Fuß (zur Erinnerung: das sind rund 33 Zentimeter, also fast eine ganze Unterarmlänge, Anm. d. Verf.) vom Bordstein entfernt stehe, sondern nur
knapp eine Handbreit, wie ich es seinerzeit gelernt und seitdem im engen Europa notgedrungen immer und immer wieder praktiziert habe. Eigentlich müßte sich mein Prüfungsneger nun genauso echauffieren wie eben bei der Haltelinie, Gesetz
ist schließlich Gesetz, aber offenbar hat er hier eine etwas großzügigere juristische Einstellung, denn mein gekonntes, ruckfreies Einparken entlockt ihm sogar ein anerkennendes Lächeln und ich darf wieder zu unserem Ausgangspunkt
zurückfahren. |
Mein Prüfer kritzelt nun noch seinen Namen auf den gelben Zettel und gratuliert mir zum
bestandenen Road Test. Dieser Zettel gilt nun in Verbindung mit meiner Learner's Permit als vollgültige amerikanische Driver's License, jedenfalls so lange, bis mir das DMV meinen "richtigen Führerschein" (diese Gänsefüßchen
kann ich mir einfach nicht verkneifen) zuschickt, den ich natürlich inzwischen in meinem Portemonnaie mit mir herumschleppe, zusammen mit den Kreditkarten und dem Mitgliedsausweis der Videothek. Übrigens hat der ganze Zauber ungefähr
genauso lange gedauert, wie man zum Lesen der letzten beiden Seiten braucht: noch nicht mal fünf Minuten. Und darin sind sogar die sechzig Sekunden Meckern am Stoppschild eingeschlossen. Kein Wunder, daß Amerikaner in ihrem späteren
Leben am liebsten nur geradeaus fahren und auf dem Parking Lot vor dem Supermarkt grundsätzlich vorwärts einparken. |
Seit jenem denkwürdigen Märztag sind zum Glück auch die scherzhaften Sticheleien meiner Frau auf
dem Beifahrersitz verstummt, wenn ich sie gelegentlich in meinem amerikanischen Auto über amerikanische Straßen chauffiere. Mister McCarthy hatte recht: bei soviel Amerikanismus brauchte ich wirklich noch einen amerikanischen
Führerschein, I really did. |
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Damit ist die Geschichte meines amerikanischen Führerscheinerwerbs zu Ende. Der Vollständigkeit halber füge ich hier jedoch noch einen kleinen Nachtrag an, der
stichwortartig die tägliche Praxis auf amerikanischen Straßen beschreibt - jedenfalls so, wie ich sie in den vergangenen Jahren kennen- und ertragen gelernt habe. Er mag all denjenigen unter unseren Lesern als Anleitung dienen, die mit
dem Gedanken spielen, jemals ein Fahrzeug auf amerikanischem Staatsgebiet zu bewegen. Deshalb trägt er auch den Titel »Die zehn Gebote des amerikanischen Autofahrers« und den Untertitel »Wie man es in Amerika vermeidet, als ausländischer
Autofahrer entlarvt zu werden«. |
Präambel: |
Verglichen mit den meisten zivilisierten europäischen Ländern macht das Autofahren in Amerika
wirklich noch Spaß. Umweltschädigung und Rohstoffknappheit sind Begriffe, die es in der amerikanischen Sprache und daher im Bewußtsein der hiesigen Autofahrer nicht gibt. Demzufolge sind die Fahrzeuge luxuriös und die Motoren riesig.
Außerdem sind die Entfernungen in den Vereinigten Staaten schier unglaublich, die Landschaft ist traumhaft schön und das Benzin vergleichsweise lächerlich billig. Als gerechter Ausgleich zu den bisher beschriebenen paradiesischen
Gegebenheiten sind allerdings die meisten Stadt- und Landstraßen in einem ebenso grauenerregenden wie erbarmungswürdigen Zustand. Armtiefe Schlaglöcher erinnern auffallend deutlich an die Feldwege in der südöstlichen Türkei. Andererseits
entspricht die Qualität der Fahrbahndecke vieler Highways ganz genau der Straßenbautechnik in Deutschland - allerdings der im Jahre 1936. |
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Erstes Gebot:
Wenn du links in eine Seitenstraße abbiegen willst, bleibe unter allen Umständen auf der Fahrbahnmitte stehen, um den entgegenkommenden Verkehr vorbei zu lassen. Wenn du schon nicht fahren kannst, warum sollen deine Hintermänner an
dir vorbeikommen können? |
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Zweites Gebot: Auf zweispurigen Überlandstraßen mit durchgezogener Mittellinie sollst du die maximal erlaubte Geschwindigkeit um mindestens zehn Meilen pro Stunde unterschreiten. Man kann ja nie wissen,
vielleicht steht ja hinter der nächsten Kurve ein Elch auf der Straße. |
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Drittes Gebot: Auf vielspurigen Highways bleibe immer auf der mittleren Fahrspur und passe deine Schleichfahrt derjenigen deiner linken und rechten Nachbarfahrer an, damit ihr zusammen eine undurchdringliche
Barriere für die nachfolgenden Autos bildet. |
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Viertes Gebot: Benutze deine Blinker nur im äußersten Notfall. Das verbraucht nur unnötig Strom, den du ja für deine permanent aufgeblendeten Scheinwerfer benötigst. Außerdem geht es niemanden etwas an, wo du
hinwillst. |
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Fünftes Gebot: Wenn du auf eine grüne Ampel zufährst, sollst du auf jeden Fall bremsen. Früher oder später wird sie wieder rot, und weil das meist viel schneller geht als du denkst, mußt du darauf vorbereitet
sein. |
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Sechstes Gebot: Nach einem Ampelstopp sollst du bei Grün nicht sofort losfahren, sondern zunächst noch ein paar Minuten über den Sinn deines Lebens meditieren. |
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Siebtes Gebot: Weil die meisten Unfälle in Kurven passieren, sollst du diese meiden. Weil das aber wegen des blödsinnigen Straßenverlaufs nicht immer möglich ist, vermindere zumindest deine Geschwindigkeit
durch starkes Bremsen bis fast zum Stillstand deines Fahrzeugs und fahre dann ganz langsam hindurch. |
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Achtes Gebot:
Vermeide es, nach dem Durchfahren einer Kurve sofort wieder auf die normale Geradeausgeschwindigkeit zu beschleunigen. Nimm dir ruhig die Zeit, die andere vielleicht nicht haben. |
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Neuntes Gebot: Solltest du einmal parken müssen, laß dein Fahrzeug an der Stelle stehen, die dir am genehmsten ist. Die komischen Markierungen auf dem Asphalt sind hauptsächlich zur Verzierung gedacht und Platz
ist in Amerika ja genug vorhanden. |
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Zehntes Gebot: Your car is your castle
, groß genug ist es ja. Deshalb sollst du dein Auto auch so behandeln, denn schließlich verbringst du einen großen Teil deines Lebens darin. Du brauchst es also nicht nur zur Fortbewegung, sondern auch als Speisesaal, für deine Bankgeschäfte, deine Telefongespräche und deine Kinobesuche. Gegebenenfalls kann es dir sogar zur Zeugung deiner Nachkommen dienen, auf daß sie künftig umso zahlreicher mit ihren Autos die Straßen verstopfen.
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