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Mai 1999

Goodbye, Poughkeepsie!

Ja, liebe Newsletter Leser, jetzt ist es tatsächlich eingetreten: wir sind wieder in Deutschland! Nicht daß wir diesen Tag herbeigesehnt hätten, nein, ganz im Gegenteil. Ein paar weitere Jährchen in Amerika wären überhaupt nicht verkehrt gewesen. Gerade jetzt, wo wir uns inzwischen einigermaßen an die Commercials im amerikanischen Fernsehen (naja) und vor allem an die niedrigen Benzinpreise gewöhnt hatten. Doch beschweren wollen wir uns andererseits auch nicht, denn immerhin ist es uns ja gelungen, noch ein ganzes langes, schönes Jahr über das offizielle Ende der ursprünglich vorgesehenen Zeit herauszuschinden.
Desweiteren ist es sicher klar, daß es aus dem oben genannten Grunde den ebenso berühmten wie beliebten Poughkeepsie Newsletter nun nicht mehr geben kann. Stattdessen wird hiermit notgedrungen - vom selbstverständlich unverändert gebliebenen Redaktionsteam - der Elsheimer Bote aus der Taufe gehoben. Sicherlich fragen sich jetzt einige Leser "Was oder wo in aller Welt ist denn Elsheim?" Die Antwort ist ganz einfach: Elsheim ist sowas ähnliches wie Poughkeepsie. Nur ganz anders. Aber das wird sicherlich im Laufe dieses Berichtes (von einem Newsletter dürfen wir ja nun eigentlich nichr mehr sprechen) klar werden.

"Jeder Abschied ist ein kleiner Tod", sagt ein französisches Sprichwort. Gisela und ich sind also am 31. März ein kleines bißchen gestorben, denn an diesem Tag ging unser Assignment in Amerika unwiderruflich zu Ende. Es gibt nämlich gewisse störrische Arbeitgeber, in deren Personalhandbüchern Fälle von selbständig denkenden oder gar handelnden Mitarbeitern nicht vorkommen und die es eigentlich deshalb auch überhaupt nicht geben darf. Einfach ein ganzes Jahr länger zu bleiben als eigentlich vorgesehen, wo gibt's denn sowas? Wenn das nun jeder machen würde? Wo kämen wir denn da hin?

Ich lasse diese drei wichtigen Fragen allerdings hier getrost unbeantwortet, denn zur Klärung derselben führten in den letzten Wochen unseres Amerikaaufenthaltes ganze Personalstäbe in unserem Namen heilige Papierkriege (ja genau, so sichert man Arbeitsplätze). Wer letztlich gewonnen hat, vermag ich jedoch nicht zu sagen und es tut auch weiter nichts zur Sache.

Jedenfalls waren am letzten Märztag 1999 unsere Rückflugtickets gebucht und unsere Hemmschwelle bei diversen Last Minute Panikkäufen hatte sich schon Wochen vorher beträchtlich gesenkt. Die Liste der vor der Abreise noch zu besorgenden Kleinigkeiten wurde täglich, nein, stündlich länger und bei tausend Verrichtungen des täglichen Lebens beschlich uns jedesmal das traurige Gefühl, daß es das letzte Mal war. Zumindest in Poughkeepsie. Mit unserer Swimmingpoolpumpe werden sich nun am diesjährigen Memorial Day fremde Menschen herumärgern und Gisela hat kurz vor der Abreise sogar ihre beiden Lieblingsgeräte, die elektrische Kettensäge und den elektrischen Unkrautschneider, auf dem letzten Garage Sale - zum Glück ohne nennenswerte finanzielle Verluste - freiwillig verkauft. Denn ab diesem Jahr wird nicht mehr sie es sein, die der unkontrollierten Wucherung von amerikanischen Bäumen, Büschen, Hecken und Unterhölzern im Garten energischen Einhalt gebietet. Außerdem laufen diese Apparate nur mit 110 Volt und wären daher in unserem Geburtsland höchstens noch als Dekorationsstücke verwendbar gewesen.

Unter den Herstellern und Vertreibern von Computersoftware und -zubehörschnickschnack, sowie im amerikanischen Silbergroßhandel machten sich starke Anzeichen von Panik bemerkbar, als Anfang dieses Jahres das Datum unserer baldigen Abreise öffentlich ruchbar wurde. Der Bürgermeister von Poughkeepsie hatte mit den maßgeblichen Repräsentanten des lokalen Textileinzelhandels am letzten Dienstag im Februar die erste Krisensitzung abgehalten, und das Wall Street Journal berichtete in einer Sonderausgabe vom demnächst zu erwartenden Bankrott der New Yorker Antiquitätenhändler und Auktionshäuser. Der Inhaber einer führenden örtlichen Musikalienhandlung ist Mitte März mitsamt den wenigen ihm noch verbliebenen CD's nach Alaska umgezogen, um sich nur noch der Pelztierjagd zu widmen und zwei poughkeepsieanische Fuel Station Pächter sind ebenso hoffnungsfroh wie erwartungsvoll nach Deutschland ausgewandert, um im Großraum Mainz mehrere Tankstellen anzumieten, nachdem wir offiziell hatten verlauten lassen, daß wir unsere beiden großvolumigen Jeeps sowie unsere beiden Harley-Davidsons mit nach Deutschland nehmen würden. Vor den meisten Broadway Theatern wehten sonntags die Flaggen auf halbmast und die Straßenjazzer Manhattans hatten sich einen schwarzen Trauerflor an ihre Instrumente gebunden. Alle Restaurantbesitzer im Mid Hudson Valley bereiteten ihre Köche und Kellner bereits seit Anfang Januar schonend auf die baldige Schließung ihrer Lokale vor, und Denise, die nette Bardame in unserer Stammkneipe ist sicherheitshalber noch schnell schwanger geworden, um sich in den bevorstehenden giselaundheinzfreien Jahren wenigstens der Erziehung ihres Kindes widmen zu können.

International umziehende Menschen sind ja auch grundsätzlich mit Problemen konfrontiert, die seßhafte, blut- und bodenverbundene Bürger nur vom Hörensagen oder aus Romanen kennen - wenn überhaupt. Da saß ich beispielsweise nachdenklich in unseren letzten Poughkeepsie-Tagen neben der schon bedenklich dünn gewordenen Klopapierrolle und mußte mich den quälenden Fragen stellen: "Lohnt es sich wohl noch? Oder, vielleicht wenn man sich in den letzten Tagen einfach ein wenig zusammenreißt...?" Immerhin hatte sich ja auch unser häuslicher Speiseplan ziemlich geändert. Er wurde zum Schluß weniger vom kulinarischen Gesichtspunkt als mehr aus einem praktischen Blickwinkel heraus zusammengestellt. Die lapidare Kernfrage war dabei: "Was muß weg?" Wobei die ebenso lapidare Antwort bereits feststand: "Alles." Und so war es immer wieder eine Überraschung, was Gisela noch so alles aus den Tiefen unseres Gefrier- und Kühlschranks ins trübe Licht unserer einzig verbliebenen Küchenlampe förderte.

Das 'einzig' gibt Anlaß, den Gedankenfluß einem anderen Thema zuzuwenden. In unseren letzten Poughkeepsie-Wochen ist meine Frau in ihrer Eigenschaft als aktive Ein- und Verkäuferin von Hausratsgegenständen aller Art nämlich nicht untätig gewesen. Ihres verkäuferischen Geschickes ist es zu verdanken, daß die Menge unseres Hausrats um eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Gegenständen reduziert wurde. Lampen, Möbelstücke, Küchengeräte, Blusen und Hosen, eben alles, was nicht hundertprozentig niet- und nagelfest oder sonstwie ihrem direktem Zugriff entzogen war, hat sie noch schnell unters amerikanische Volk gebracht. Die Zivilisationsspuren unseres Dortseins werden sicher noch jahrhundertelang den Nordosten der USA prägen, und künftigen Generationen von Archäologen wird es ein Leichtes sein, unseren Weg über den Globus anhand von typischen Fundstücken im Nachhinein zu verfolgen.

Und doch verhinderte das besonders auf uns zutreffende physikalische Gesetz von der Erhaltung der Masse, daß sich die Gesamtheit unseres Besitztums auch nur um ein einziges Iota verringerte. Denn wunderbarerweise tauchten täglich Gegenstände in unserem häuslichen Umzugschaos auf, die mir zwar bis dahin unvertraut, aber dessenungeachtet doch irgendwie lebensnotwendig waren. Zumindest wenn ich unterstelle, daß  unser im letzten Dezember erworbenes amerikanisches Bett (Queensize) auch mit den entsprechend passenden Laken bezogen und den passenden Decken bestückt werden soll (kennt etwa jemand einen deutschen Laden, der Spannbettlaken in der Größe 97x77 inch führt?). Oder daß unsere Cornflakes zukünftig stilgerecht in einem extra dafür hergestellten Tupperware-Behälter aufbewahrt werden müssen. Oder daß sich zu unseren drei kürzlich erstandenen echt antiken amerikanischen Sesseln auch drei echt antike amerikanische Beistelltischchen gar nicht schlecht ausnehmen werden. Oder daß der frisch erworbene amerikanische Spiegelschrank selbst in eine deutsche Garderobe paßt... unsere geschätzten Leser, wissen, was gemeint ist.

Alles in allem hat Gisela also ihr hehres Ziel, zwar mit einem 40-Fuß-Container voll deutschdänischem Hausrat in die USA, aber höchstens mit einem 20-Fuß-Container wieder auszureisen, nicht ganz erreicht, oder genauer: stark verfehlt. Der Aquisiteur der Umzugsfirma kam dann am Vorbesichtigungstag auch folgerichtig zu dem Schluß, daß für unseren Hausrat rund 350 Umzugskisten in verschiedenen Größen, knapp 250 Kilogramm Verpackungsmaterial in Form von Papier und Klebeband sowie 9 Personentage Einwickel- und Verladearbeit nötig waren. Und knapp acht Tonnen Umzugsgut belegen nun mal vier Fünftel eines ausgewachsenen Übersee-Containers und nicht nur ein paar kleinere Seekisten, da kann man halt nichts machen.

Doch inzwischen ist das meiste davon tatsächlich ausgepackt und das Abfallpapier ordnungsgemäß auf dem Wertstoffhof in Nieder-Olm (meine Güte, es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wir uns an diese Namen gewöhnt haben) entsorgt worden. Germanische Normalität kehrt langsam ein in unseren Haushalt. Schließlich ist es für geübte Umzieher bekanntlich kinderleicht, mit einer gegebenen Menge Hausrat von einem 260 Quadratmeter großen Haus in eine halb so große (kleine?!?) Etagenwohnung umzuziehen. Sehen wir es also positiv: ein halbes Dutzend deutsche Blumenkästen auf einem überschaubar großen Balkon erfordern glücklicherweise wesentlich weniger Pflegeaufwand als 4000 Quadratmeter amerikanischer Garten. Statt eines eigenen Swimmingpools haben wir nun den herrlichen Blick auf die Weinberge und wer braucht in Stadecken-Elsheim schon eine Klimaanlage im Haus? Ein schlichter Deckenventilator tut es schließlich auch. Die Nähe der Nachbarhäuser läßt wenigstens kein Einsamkeitsgefühl aufkommen und was die Ladenschlußzeiten angeht, kann man sich in Good Old Germany ja nun wirklich schon fast wie in Amerika fühlen.

Ja, sogar die deutsche Sprache bereitet uns nach vier Jahren USA Aufenthalt nun keine Verständigungsprobleme mehr. Zum shopping sind wir ja schon 1995 auf den Mainzer Wochenmarkt gegangen, aber mittlerweile ist ja selbst aus einem rheinhessischen Weinfest ein echter Event geworden.

Klar, uns kullern immer noch die heißen Wehmutstränen über die Wangen, wenn wir einen amerikanischen Spielfilm im Fernsehen sehen - vor allem, wenn wir das Original kennen, aber das wird sich in sieben bis acht Jahren gelegt haben, wie wir seit unserer Rückkehr von Dänemark aus eigener Erfahrung wissen.

So blicken wir denn voll Zuversicht in die Zukunft, und die Tatsache, daß wir nun unseren europäischen Freunden wieder zirka 6000 Kilometer näher sind, ist uns schon ein erheblicher Trost.


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