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Oktober 1996 |
Trick or Treat |
In den USA gehen Geister um! Doch nicht nur das, Hexen treiben überall ihr verderbliches Unwesen, Werwölfe richten heulend Unheil an, Zombies steigen aus ihrer
düsteren Gruft empor und Satanas persönlich verbreitet überall Schrecken und Grauen. Jedoch am allerschlimmsten ist es, wenn der große böse Kürbis am nächtlichen Himmel erscheint und alle unartigen Kinder auffrißt! Am 31. Oktober ist
nämlich Halloween. |
Eigentlich war Halloween ein uraltes Totenfest (daher die o. a. Zombies) bei den Kelten. Doch
als die Kirche im 8. Jahrhundert ihre missionarische Tätigkeit auch auf den Norden Europas auszudehnen begann und einerseits heftig gegen die heidnischen Riten vorging, war sie andererseits klug genug, den Menschen nicht einfach alle
Traditionen wegzunehmen, sondern diese stattdessen im kirchlichen Sinne umzuwandeln. Seitdem ist am 1. November Allerheiligen, und die Messe, die an diesem Tag gefeiert wurde, nannte man auf keltisch Allhallowmass. Und so wurde
der Abend davor zunächst sprachlich zum All hallow evening , woraus sich dann im Laufe der Jahrhunderte verkürzend das Wort Halloween entwickelt hat (Quelle: The World Book Encyclopedia, weil ich im Brockhaus nichts
dazu gefunden habe, Anm. d. Verf.). |
Die Wirklichkeit ist jedoch glücklicherweise viel bunter und lustiger als diese trockenen
Informationen aus dem Lexikon. An diesem Tage kleiden sich hier die Kinder von drei bis vierzehn in möglichst gruselige Kostüme und marschieren bei Einbruch der Dunkelheit als kleine Hexen, Gespenster, Skelette oder Teufelchen von
Haustür zu Haustür (so ähnlich wie das die deutschen Kinder am Rosenmontag als Cowboys und Prinzessinnen tun) und "erschrecken" die Bewohner mit ihren furchterregenden Erscheinungen und dem traditionellen Spruch "Trick
or Treat!" Das ist in dieser wunderbaren englischsprachigen Prägnanz leider unübersetzbar, doch sinngemäß bedeutet es etwa: "Sei nett zu mir, sonst spiele ich dir einen Streich!" |
Diese nette Behandlung (engl.: treat) besteht nun darin, den Kleinchen ein paar Bonbons
zuzustecken und sich damit von einem Streich (engl.: trick) freizukaufen, worin immer dieser bestehen mag. Jeder amerikanische Haushalt (also auch wir) wird sich daher rechtzeitig mit mehreren Zentnern spezieller Süßigkeiten
eindecken, die es nur zu Halloween in den Supermärkten gibt und die sich weniger durch überragende Qualität auszeichnen als durch die Tatsache, daß sie einzeln eingepackt sein müssen! Seitdem sich nämlich ein Kind an Halloween zum
allerersten Mal in ein schreckliches Monster verwandelt hat und mit seinen Freunden "auf Tour" gegangen ist, wird ihm jedes Jahr im Oktober von neuem eingeschärft, um Gottes willen keine uneingepackten Sachen von fremden Leuten
anzunehmen. Igitt, wie unhygienisch! Das könnte ja vergiftet sein oder sonstwas! Und für uns als die freundlichen Spender ergibt sich daraus das Problem, daß wir wieder einmal keine Chance haben, endlich unsere restlichen
Weihnachtsplätzchen vom vergangenen Jahr oder die total vertrockneten Marzipan-Eier vom letzten Osterfest loszuwerden (im nächsten Jahr werden wir das Zeug einfach in Silberpapier verpacken, Anm. d. Verf). |
Doch auch die "Kinder" von vierzehn bis siebzig haben ihren Spaß am Gruseln. Jedes
Restaurant, jeder Supermarkt und selbst das sonst so seriösen Postamt und die noch seriösere Bank verwandelt sich für zwei Wochen in ein Spukschloß. Schaurigschöne Masken grinsen von allen Wänden und manchmal muß man sich sogar durch
einen Vorhang von künstlichen Spinnweben kämpfen, um in das Innere eines Gebäudes zu gelangen. Überall finden Horrorparties statt und auch die meisten Privathäuser schmücken sich mit Grabsteinen im Vorgarten (makaber), Strohpuppen, die
selbst Vogelscheuchen das Fürchten lehren, und leuchtenden Kürbisfratzen auf den Treppenstufen. Ganz Amerika verwandelt sich vorübergehend - vorübergehend? - in eine einzige große Geisterbahn und sogar der berühmte
Madison Square Garden wird für kurze Zeit in Madison Scare Garden umgetauft (scare, dtsch.: Schrecken, Furcht). |
Deshalb, liebe Leser, rufen wir Euch jetzt zu: Trick or Treat
(dtsch. in diesem Zusammenhang: Seid nett zu uns, sonst gibt's keine Newsletter mehr)! |
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