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Oktober 1997 |
Pferde, Pfoten, Pfannekuchen |
Schon seit meiner Kindheit hege ich außerordentlich großen Respekt vor dem Beruf des Bauern. Denn im Schweiße seines Angesichts verdient er nicht nur sich selber
sein täglich Brot, sondern auch das seiner Mitmenschen, die locker und entspannt ihrer lächerlich leichten Bürotätigkeit nachgehen und abends ganz selbstverständlich an der Gemüsetheke im Supermarkte die Früchte seines schweren Tuns
vorfinden. Oh, wie ich den wackeren Landmann bewundere, wenn er frohen Mutes und mit einem Liedlein auf den Lippen hinter seinen Pfluge die Scholle durchschreitet, wenn es ihm vergönnt ist, auf seinen Feldern das Korn reifen zu sehen,
wenn unter seinen kundigen Händen das Vieh auf den satten Weiden gedeiht und sich mehrt, kurz, wenn er jahraus, jahrein schon beim ersten Hahnenschrei sein Tagwerk froh beginnen darf... |
...nein, das ist vermutlich doch nicht so ganz meine Welt, denn wenn mich an einem Sonntagmorgen zwar nicht der Hahn, aber doch der verdammte Wecker um 6:30 Uhr
gnadenlos aus einem Traum reißt, den ich durchaus noch weitere drei Stunden lang hätte genießen wollen, dann gehöre ich zu der Spezies Mensch, die mit dem Wort 'ungenießbar' nur recht unzureichend beschrieben werden kann. Und nur der
aufrichtigen Zuneigung meiner Gattin habe ich es in solchen Augenblicken zu verdanken, daß sie selber mich mit einem Lächeln und einer dampfenden Tasse Tee in der noch dämmerigen Küche begrüßt und nicht etwa der Scheidungsanwalt
persönlich. "Warum nur muß ich mir solches antun?" drängt sich mir in solchen Situationen unwillkürlich die Frage auf. "Weil wir um Viertel nach Acht mit einer Menge anderen Volkes zur diesjährigen 6th Annual Dutchess
Hunt Country Tour verabredet sind, darum," antwortet meine mir in aufrichtiger Zuneigung verbundene Gattin. "Und jetzt," so fährt sie zuneigend fort, "trink deinen Tee und halt vor allen Dingen deinen Mund!"
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Folgsam verbrenne ich mir also denselben an dem heißen Aufgußgetränk mit den drei
Kreuzworträtselbuchstaben und blinzle mit meinen verklebten Äuglein in die gerade eben erst aufgegangene Morgensonne, die ekligerweise mittlerweile unsere Küche durchflutet. Leider verspricht es einer jener wunderschönen Herbsttage zu
werden, deretwegen ganze Völkerscharen extra in die Neuenglandstaaten gereist kommen, um die wahrhaft überwältigende Farbenpracht der herbstlich bunten Wälder zu genießen. Das Wetter liefert mir also diesmal keine Entschuldigung, wieder
zurück ins warme Bett zu krabbeln. "Klar, die dämlichen Besucher müssen auch nicht nachher tonnenweise herbstliche Farbenpracht aus ihrem Garten harken," kann ich gerade noch trotzig vor mich hinknurren, bevor mich meine Gattin
auch schon mit der ganzen Kraft ihrer aufrichtigen Zuneigung unter die Dusche schiebt. |
Während mich das heiße Wasser langsam, aber leider unaufhaltsam endgültig aufweckt, kann ich
unseren gespannten Lesern kurz erklären, um was es sich bei der 6th Annual Dutchess Hunt Country Tour
eigentlich handelt: Es ist ein heuer zum sechsten Mal jährlich wiederkehrendes Ereignis, an dem verschiedene Farmen rund um den Ort Millbrook ihre Türen und Scheunentore für das gemeine Volk öffnen, welches sich, ganz im Gegensatz zu mir, gedanklich noch nicht so intensiv mit der Landwirtschaft beschäftigt hat, auf daß es endlich einmal selbst erleben kann, was dort hinter Hecken, Zäunen und Gattern so alles vor sich geht. Das Wort 'Farm' ist übrigens in diesem Fall ein wenig untertrieben, 'Landgut' trifft den Sachverhalt wohl eher bei Anwesen, von denen sich jedes einzelne bis zu 1.000
acres (4 Millionen Quadratmeter) über Berg und Tal breitmacht. Der Beitrag von 22 Dollar pro Nase, der einem den Zutritt zu diesen Landgütern eröffnet, kommt der Dutchess Land Conservancy zugute, ein halboffizieller Verein,
der sich zur Aufgabe gemacht hat, den ländlichen Charakter dieses unseres Landkreises, Dutchess County, zu bewahren. Dieses geschieht "durch juristische Absicherung gegen eine übermäßige Bebauung und Landnutzung unter
Beachtung umweltbedingter Erfordernisse bei gleichzeitiger Sicherstellung von vernünftigem Wirtschaftswachstum und Erhaltung der Lebensqualität seiner Bewohner". Ist das was, oder nicht? Diese herrliche Formulierung habe ich nicht
dem letzten Parteitag der Grünen entnommen, sondern dem kleinen Prospekt, der uns allen bei Beginn unserer Besichtigungstour ausgehändigt wurde, und schöner hätte selbst ich es nicht formulieren können. Und damit die diversen
Landgutbesitzer der staunenden Öffentlichkeit auch mal demonstrieren können, wie ernst es ihnen wirklich mit dem eben Zitierten ist, veranstaltet der Conservancy Verein jedes Jahr im Herbst diese Rundreise. |
Soweit, so gut, nachdem Tee und Dusche meine Lebensgeister nunmehr auf ihre normale
Rotationsgeschwindigkeit gebracht haben, widmen Gisela und ich uns erwartungsfroh dem Packen unseres Picknickkorbes, der dummerweise für die Aufnahme einer Gallonenflasche kalifornischen Burgunders etwas klein geraten ist. Doch das
Plastiknäpfchen mit dem ausgezeichneten Wurstsalat von Otto, unserem deutschen Metzger, die leckeren, handgeschmierten Butterbrote und die Thermoskanne mit dem Kaffee können wir problemlos verstauen. Und außerdem sogar noch die sechs
kleinen Schweineschnitzel, die wir bereits am Vorabend gebraten hatten - in ziemlich weiser Voraussicht, wie ich hinzufügen möchte, denn Bratgeruch am frühen Sonntagmorgen ist meiner empfindlichen Nase genauso zuwider, wie eine jaulende
Koloratursopranistin meinen empfindsamen Ohren. |
Um 8:30 Uhr treffen wir uns veranredungsgemäß mit Pan und Guido an ihrem Haus, sowie mit Helmut
aus München und Huang Suk, dessen Frau, die nicht nur aus Südkorea stammt, sondern auch sonst außerordentlich nett ist. Wir verteilen uns mehr oder weniger ungerecht auf zwei Autos und los geht unsere Landpartie. Wie ich schon sagte, das
Wetter ist einfach herrlich. Zwar ist es noch ein wenig frisch zu dieser frühen Morgenstunde, doch die Sonne strahlt von einem makellos blauen Himmel und verspricht uns, im Laufe des Tages das Ihrige zur Temperatursteigerung beizutragen
(sie hat ihr Versprechen gehalten). Sieben Landgüter stehen heute auf unserem Besichtigungsprogramm, und auf jedem wird eine andere Attraktion geboten. Und weil ja vorwiegend Amerikaner teilnehmen, enthält der schon erwähnte Prospekt
neben den Namen der Güter auch noch jeweils einen dicken Kennbuchstaben, sowie eine kleine Landkarte und eine detaillierte Wegbeschreibung, bei der man sich schon sehr anstrengen muß, wenn man sich denn wirklich verfahren möchte. |
Nach etwa zwanzig Meilen Fahrt in Richtung Osten sehen wir auch richtig das erste, leuchtend
orangefarbenen Schild rechts am Straßenrand: A - Pondview Farm, welches wir ignorieren. Denn damit a) es doch nicht ganz so einfach ist, b) demzufolge ein gewisser Nervenkitzel bei den Teilnehmern erhalten bleibt und c) die eventuell
anwesenden Russen ordentlich verwirrt werden, dürfen die Besichtigungsorte sicherheitshalber nicht
in ihrer aufsteigenden alphabetischen Ordnung angefahren werden, wie es im Begleitheftchen steht, sondern die einprägsame Reihenfolge lautet heute: E-G-F-D-C-A-B. Eine Dame, die mit dem Organisationskomitee gut bekannt ist (wenn nicht gar Mitglied, aber das vermag ich nicht zu sagen), hat extra heute morgen bei Pan und Guido anrufen müssen, um diese Änderung durchzugeben, denn die Prospekte waren ja schon seit langem gedruckt und bereits zu Hunderten verteilt. Nun denn. Eigentlich überflüssig zu sagen, daß diese Tourauswahl nichts, aber auch gar nichts mit den kürzesten Verbindungswegen zu tun hat, nein, nein. E-G-F-D-C-A-B ist die Formel und damit basta! Sagte ich eigentlich schon mal, daß Organisationstalent nicht unbedingt zu den herausragenden Eigenschaften unserer Amerikaner gehört?
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Egal, wir beginnen also heute bei E - Stallion Park
und werden am eindrucksvollen Tor neben dem gut lesbaren E von einem ebenfalls nicht zu übersehenden orangenen Schild begrüßt: No smoking - No dogs. Da stallion
'Hengst' heißt, kann ich das gut verstehen, denn Pferde fürchten sich ja bekanntlich vor Hunden zu Tode, und mit dem Rauchen ist das ja eh so eine Sache in Amerika. Noch während Gisela, Huang Suk, Helmut und ich diese Einschränkungen diskutieren, werden wir von einem Einweiser auf eine Wiese gewiesen, auf der bereits etwa zwei Dutzend Autos parken. Das Anwesen selbst gehört Jim und Harriet Edward, die sich auf Pferdezucht spezialisiert haben, und ist ausnahmsweise ziemlich klein, nur schlappe 80
acres
(etwa 320.000 Quadratmeter), was aber durch die gepflegte äußere Erscheinung der Farm durchaus wettgemacht wird: ein ziegelgemauertes Wohnhaus, sehr gediegen, sehr proper und mit hübsch angelegten Blumenbeeten überall. Hellgraue Kieswege mit kleinen Messinglaternen verbinden die einzelnen Gebäude, die sich locker drumherum gruppieren. Ein crèmefarbener Cadillac parkt diskret, aber unübersehbar vor einem der beiden Garagentore. Ringsherum erstrecken sich über sanfte Hügel weiß eingezäunte, aber derzeit pferdelose Weiden, deren sattes Grün hin und wieder von herbstlich bunten Baumgruppen aufgelockert wird. Links neben uns ist auf einem Rasenstück ein kleiner Marktstand aufgebaut, an dem wir biologisch angebaute Kartoffeln, Tomaten und diverse andere Früchte des Feldes kaufen könnten, wenn wir wollten. Aber da wir unsere Tomaten zu Hause selber biologisch anbauen und wegen der reichlichen diesjährigen Ernte schon jetzt kaum dagegen anessen können, sowie außerdem Kartoffeln nur selten auf unserem Speiseplan stehen, lassen wir den Verkaufsstand unbeachtet.
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Wir schließen uns einem Grüppchen Amerikaner an und betreten das kathedralartige, achteckige
Hauptgebäude mit dem edlen Kupferdach. Das ist der breeding shed
(dtsch.: Zuchtschuppen). Eine Mitarbeiterin der Farm wartet bereits, um uns die Grundlagen des Zeugungsvorgangs ins Gedächtnis zurückzurufen, weil sie nicht sicher sein kann, daß sich alle Teilnehmer noch daran erinnern können, vor allem wenn sie die vorherrschende Nationalität und das Durchschnittsalter unserer Gruppe in Betracht zieht. Weil ich die puritanisch-prüde Einstellung meiner Amerikaner kenne, bin ich gespannt, wie sie das angeht. Doch sie macht es trotz des delikaten Themas und der Tatsache, daß sie Amerikanerin ist, sehr souverän und man merkt ihr an, daß sie sich berufsmäßig täglich mit dieser Tätigkeit beschäftigt - also damit hier keine Mißverständnisse aufkommen: ich spreche von Pferdezucht.
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Die Edward's besitzen fünf Vollbluthengste. Bei diesem Wort frage ich mich immer, was denn in
den anderen Pferden drin ist? Sind da die Adern leer? Oder fließt bei denen was anderes als Blut? Und wenn dem so ist, was mag es wohl sein? Leider kann ich der freundlichen Mitarbeiterin diese Frage nicht stellen, weil 'Vollblutpferd'
im Englischen thoroughbred heißt, und das wiederum bedeutet, wörtlich übersetzt, lediglich 'sorgfältig gezüchtet', woraus sich für meine Wortspielereien auf englisch leider kein Ansatz ergibt. Macht nichts, zurück zu den
Vollblütern. Auf mich als pferdetechnischer Laie machen sie den Eindruck ganz normaler Durchschnittspferde. Jedenfalls sehe ich den Fünfen nicht an, daß sie zwischen zweihundert- und achthunderttausend Dollar wert sind, wie uns die
Zuchtmitarbeiterin stolz erklärt. Wohlgemerkt, nicht etwa alle zusammen, was ich auch schon ganz schön viel gefunden hätte, sondern achthunderttausend Dollar für ein einziges Pferd! Ich faß es nicht. Für das Geld könnte ich mir ungefähr
fünfundfünfzig Harley-Davidsons kaufen, also eine PS-Leistung, die einen Hengst um das mehr als Dreitausendfache übertrifft. Meine kurze Überschlagsrechnung ergibt weiterhin, daß hier für zweieinhalb Millionen Dollar potentieller
Sauerbraten in der Gegend rumsteht. Und doch gerate ich ein wenig ins Grübeln, als die Zuchtdame noch stolzer hinzufügt, daß jeder einzelne dieser Hengste pro Jahr durchschnittlich zwei bis drei Millionen Dollar an Gewinngeldern von den
diversen Galopprennen wieder reinbringt. Aha, daher also der Cadillac vor der Garage. Darüber hinaus bringen in der von April bis August dauernden Decksaison täglich im Schnitt sechs bis acht Stutenbesitzer ihre Pferdedamen in den
Stallion Park zum Decken. Unsere fünf Hengste haben also auch zwischen ihren Rennen alle Hände voll zu tun, wobei 'Hände' in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz korrekt ist. |
Nehmen wir also zum Beispiel eine durchschnittliche Stute. Die soll sich nun so mir nichts dir
nichts von einem wildfremden Hengst decken lassen, bloß weil ihr Herrchen gerne ein vollblütiges Fohlen von einem Achthunderttausenddollarvater haben möchte. Man muß sich mal in so eine arme Stute hineindenken! Der Hengst hat da ja
scheinbar weniger Probleme, wenn man mal davon absieht, daß sich die Stute unter Umständen aus Leibeskräften wehrt. Denn schön ist das ja auch nicht gerade, wenn man sich in bester Absicht nähert und einem dann die Dame mit ihren harten
Hinterhufen vor die preisgekrönten Schienbeine tritt, bloß weil sie in sexuellen Dingen noch unerfahren ist. Das wissen natürlich auch die Edward's und ziehen deswegen zum Deckungsvorgang noch einen Dritten hinzu: den sogenannten
teaser (dtsch.: Reizer), ein junger Hengst, der die unerfahrene Stute zuerst langsam in die richtige Stimmung bringt. Und damit die Pferdedame nun nicht schon vom teaser
schwanger wird, bekommt er halt zur Sicherheit ein Verhüterli übergezogen. Wie im richtigen Leben, bloß größer. Denn der junge Bursche mag ja aus Stutensicht durchaus ganz nett sein, aber er ist eben doch nur ein ganz gewöhnlicher Zweitausenddollargaul, der auch schon mal einen Schienbeintritt vertragen kann. Meistens zeigt sich die Dame danach auch tatsächlich geneigt, so daß nunmehr unser Edelhengst in Aktion tritt und das vollzieht, wofür die Familie Edward bis zu 6.000 Dollar vom Stutenbesitzer kassiert. Jawohl, sechstausend muntere Talerchen - mal sechs bis acht Stuten - mal rund 120 Tage, weil die Saison so lange dauert ... recht einträglich, diese Pferdeverkuppelei, will uns scheinen. Die verschämte Frage einer Dame zum Schluß des Vortrages nach
artificial insemination (dtsch.: künstliche Besamung) wird von der Zuchthelferin empört verneint: "Hier bei uns geht alles ganz natürlich zu." Na ja, wenn sie meint. |
Auch wir gehen daraufhin ganz natürlich zu unseren Autos, machen uns stracks auf den kurzen Weg
zu G - Fitch's Corner
und befinden uns plötzlich mitten im Wilden Westen. Diese Farm gehörte früher mal der Familie Hanes, deren gleichnamige Textilfirma einigen unserer Leser sicher wegen ihrer qualitativ hochwertigen T-Shirts bekannt ist. Und weil diese Hemdchen ja heutzutage vorzugsweise in Taiwan zusammengenäht werden, hatten die Hanes nun die nötige Zeit, auf dieser Farm größere Mengen saftige Steaks in Form von schmackhaften Aberdeen Angus Rindern zu züchten. Das taten sie auch, jedenfalls so lange, bis eine Dame namens Fernanda Kelloggs, eine weitläufige Verwandte der bekannten Cornflakes, das Anwesen kaufte und dort bis auf den heutigen Tag Rinderzucht mit Pferdesport verband. Nun hat diese Kombination ja speziell in Amerika eine große Tradition, wie John Wayne und die vielen anderen berittenen Cowboys aus Film, Funk und Fernsehen zur Genüge beweisen. Deshalb dürfen auch wir heute auf der Fitch's Corner Farm Zeugen einer durchaus eindrucksvollen Demonstration amerikanischen Cowboytums werden.
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Wir versammeln uns also um eine weiß eingezäunte Pferdekoppel, die etwa die Größe eines
deutschen Fußballplatzes hat, und in der bereits eine erkleckliche Anzahl Pferde ihre Cowboys und -girls warmreiten. Woher wir wissen, daß es sich wirklich um solche handelt? Ganz einfach: alle, wirklich alle tragen Wrangler-Jeans mit
Bügelfalte, Gürtelschnallen in der Größe eines Brustharnisches, Fransenhemden, Cowboyhüte und natürlich die zugehörigen -stiefel. Der Obercowboy, den man ganz leicht an seinem schwarzen Zorro-Look erkennt, hat an einer Franse seines
Hemdes ein Mikrofon angeklipst, durch welches er mittels eines kleinen Senders am Gürtel und mehrere, rund um die Koppel aufgestellte Lautsprecher uns Greenhorns das Geschehen in der Arena sehr sachkundig kommentiert. Doch weil ich mich
im Augenblick nicht mehr Wort für Wort an diesen Kommentar erinnern kann, versuche ich mal, die aktionsgeladene und spannende Vorführung allgemeinverständlich zu beschreiben. |
Zunächst zu den Opfern. Diese sind heute sechs Stück Vieh, aus deren Größe und Aussehen selbst
wir Stadtmenschen unschwer auf Kühe bzw. etwas großgeratene Kälber schließen können. Zwei Cowboys treiben sie durch ein Gatter am hinteren Ende der Koppel in eine Ecke, wo sie zunächst noch dicht beieinander stehend verschreckt und
dümmlich in die Gegend glotzen, wie Kühe das im Allgemeinen gerne machen. |
Das Ziel dieses Spiels (oder dieses Sports, wenn man es denn wirklich ernst nimmt) ist nun, daß
einer der Cowboys sich eine dieser Minikühe aussucht und sie 20 Sekunden lang vom Rest der Herde getrennt hält. Und weil das wirklich schon alles ist, sei mir an dieser Stelle eine kleine Anmerkung gestattet: bei den Akteuren handelt es
sich ja um Amerikaner, daher müssen die Spielregeln ziemlich simpel gehalten werden. Ähnliches gilt ja beispielsweise auch für das in diesem Lande so wahnsinnig beliebte Kartenspiel namens Poker, bei dem es sich ja auch nicht um ein
richtiges ernsthaftes Spiel handelt, bei dem man etwa gar im Kopf nachdenken muß, sondern nur um reines Glück und ein bißchen Bluff, das heißt, der mit dem dümmsten Gesicht gewinnt dann meistens auch. |
A
propos dummes Gesicht, zurück zu unseren Kühen. Vier von den Cowboys begeben sich nun samt ihren Pferden in jeweils eine der vier Ecken der Koppel, während die anderen draußen warten. Unsere armen Kühe glotzen derweil noch dämlicher und noch verschreckter drein, wobei ich mich des Eindrucks nicht ganz erwehren kann, daß sie bereits wissen, was da gleich auf sie zukommt. Der Obercowboy ruft nun den ersten Helden der kommenden Aktion namentlich auf, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß Jim (ich will ihn hier mal so nennen, nicht zuletzt deshalb, weil er ohnehin so heißt) bereits im zarten Alter von zwölf Jahren bei der Millbrooker Jugendmeisterschaft im
cattle cutting
(so heißt dieser "Sport", dtsch. etwa: Vieh-Trennen) die Silbermedaille gewonnen hat. Entsprechend würdevoll betritt nun auch Jim's Pferd die Arena, wohl wissend, daß es einen echten Champion auf seinem Rücken trägt. Alles weitere geht nun sehr schnell. Die Kühe wollen sich zwar hurtig davonmachen, werden aber von den vier Helfern immer wieder in die Mitte der Arena zurückgetrieben. Jim's Pferd blickt sodann einer der Kühe starr ins Auge und beginnt einen bemerkenswerten Tanz, bei dem es sich leicht nach vorne in die Knie beugt und dabei ständig blitzschnell sein Gewicht von den linken auf die rechten Hufe verlagert. Hin und her, her und hin. Der trockene Lehmboden der Koppel verbreitet a) dichte Staubwolken und dieses merkwürdige Verhalten eines ansonsten normal aussehenden Pferdes b) Panik unter den Kühen. Was bleibt der armen Auserwählten anderes übrig, als sich tatsächlich immer weiter von ihren fünf Leidensgenossinnen abdrängen zu lassen? Damit nun wirklich nichts mehr schiefgehen kann, bilden die anderen vier apokalyptischen Reiter eine für Kühe undurchdringliche Barriere zwischen dem einsamen Opfer und dem Rest der kleinen Herde. Als Jim's Pferd nun bemerkt, daß es faktisch schon gewonnen hat, braucht es nur noch die eben erwähnten 20 Sekunden lang die abgetrennte Kuh im Auge zu behalten, um dann den tosenden Applaus der anderen Zuschauer gelassen entgegennehmen zu dürfen. Ich schreibe hier ganz bewußt 'andere', weil es mir persönlich nicht unbedingt beklatschenswert, ja, sogar ziemlich ungerecht vorkommt, wenn fünf diplomierte Cowboys gegen eine einzelne, unerfahrene Kuh, die kaum dem Kalbesalter entwachsen ist, antreten. Und doch gibt es für uns einen Anlaß zu staunen, als uns der Obercowboy erklärt, daß dieses merkwürdig tänzelnde Verhalten des Pferdes andressiert ist und während des eigentlichen
cutting
völlig ohne Eingreifen des Reiters stattfindet. Der sitzt also nur so rum auf seinem Pferd, hat nicht mal ein zünftiges Lasso und muß lediglich aufpassen, daß er bei den plötzlichen ruckartigen Gewichtsverlagerungen seines Reittieres nicht von demselben fällt und sich womöglich was Lebenswichtiges bricht. Demnach ist also das ganze Spielchen mehr eine Angelegenheit von Tier zu Tier sozusagen, ähnlich wie bei einem Schäferhund, der ja auch völlig selbständig aufpaßt, daß ihm keines seiner Schäflein abhanden kommt. Damit hier keine Mißverständnisse auftreten, ich will weder die Dressurleistung, noch die Sattelfestigkeit amerikanischer Cowboys in Frage stellen oder gar herabwürdigen, denn alles in allem war es doch eine ebenso spannende wie staubige Vorführung.
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Da es bis zur offiziellen Mittagessenszeit noch ein wenig hin ist, ignorieren Gisela, Huang Suk,
Helmut, Pan, Guido und ich die hohlen Brummgeräusche aus unseren Mägen und machen uns erwartungsfroh zur nächsten ländlichen Attraktion auf. F - Windy Hill Farm
steht auf dem eindrucksvollen Schild an der Straßenabzweigung zum "windigen Hügel". Dieses ebenfalls herrliche Anwesen gehört einem Amerikaner mit dem inzwischen hierzulande durchaus typischen Namen Munir Abu-Maidar. Wie schon bei den anderen beiden Farmen vorher dirigieren uns eigens dazu abkommandierte, freundliche Farmhelfer (in Deutschland sagte man früher Knechte und Mägde dazu) auf eine mit fahrbarem Blech bereits gutgefüllte Parkwiese. Wir schließen uns dem allgemeinen Trend an und schlendern durch die warme vormittägliche Herbstsonne zunächst zu einem scheunenartigen Gebäude, dem hier allerdings das sprichwörtliche Tor fehlt. Daher betreten wir es durch eine ganz normale Tür und befinden uns in einem Billardzimmer mit allen Schikanen. Nun ja, warum soll ein Farmer nicht Billard spielen dürfen. Zumindest hat er dasselbe Recht dazu, wie seine Frau, die sich in derselben Scheune einen kompletten Tennisplatz einschließlich Netz und doppelten Boden hat bauen lassen. Und da sagt man immer, den Bauern gehe es so schlecht. Das müßten sich die EU Landwirtschaftsminister und Bauernpräsidenten mal ansehen!
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Erwartungsgemäß beeindruckt verlassen wir nun die bäuerliche Sportstätte und folgen den anderen
Besichtigern zu einer eingezäunten Wiese, die mit ihren darin aufgebauten Hindernissen auf den ersten Blick wie ein Parcours zum Springreiten aussieht. Beim zweiten Blick stellen wir allerdings fest, daß die Hindernisse merkwürdig klein
und niedrig sind. Auch hat noch niemand von uns - wie wir nach kurzer Beratung übereinstimmend feststellen - ein Pferd samt Reiter gesehen, welches durch einen etwa acht Meter langen Schlauch aus Sackleinen kriecht, besonders deswegen
nicht, weil dieser Schlauch nur einen Durchmesser von knapp 50 Zentimetern hat. Die vielen Rosse auf den beiden Farmen vorher müssen uns jedoch so den Blick vernebelt haben, daß wir erst jetzt darauf kommen, daß dieser Parcours für Hunde
gedacht ist. Ganz eindeutig, denn da kommt schon Pudel samt Frauchen. Beide rennen den ziemlich komplizierten Parcours entlang, wobei allerdings nur der Hund die Hindernisse überspringt, sie selber hingegen ungerührt nebenher trabt. Das
heißt, ganz so stimmt das auch nicht, denn das dumme, nein, das kluge Tier denkt gar nicht daran, über alle Hindernisse zu hüpfen. "Ja, das haste dir so gedacht, meine Liebe, nicht mit mir, da magst Du noch so aufgebracht
sein," schwanzwedelt treuherzig der kluge Pudel und verweigert dann auch noch konsequent, den besagten Schlauch zu durchkrabbeln, auf einer kleinen Plattform fünf Sekunden lang bewegungslos zu verweilen oder gar über den schmalen
Schwebebalken zu balancieren. Das gibt gehörigen Punktabzug in einem Sport, den - wie kann es anders sein - die Engländer vor etwa 20 Jahren erfunden haben und den sie und ihre amerikanischen Freunde seitdem agility
(dtsch.: Beweglichkeit) nennen. Das Gute daran ist wohl, daß nicht nur die Hunde, sondern besonders ihre Frauchen und Herrchen sich in Beweglichkeit üben, schießt es uns unwillkürlich durch die Köpfe, denn nahezu alle anwesenden Hundebesitzer schleppen eine gehörige Leibesfülle mit sich herum, was natürlich eventuell auch auf die gesunde Landluft zurückgeführt werden kann. Und so bestaunen wir noch einen Riesenschnauzer, der alle Hindernisse sozusagen mit der linken Pfote erledigt, und einen winzigkleinen Mischlingshund, der zwar wegen seiner putzig-flinken Bewegungen sofort der erklärte Publikumsliebling ist, von dem aber andererseits höchstens zwei bis zweieinhalb Chinesen satt werden können, wie ich mir zu bemerken nicht verkneifen kann, auch wenn dieser Scherz in unserem deutschen Bekanntenkreis schon recht abgedroschen ist. Und weil jede Erwähnung von Essen bei uns inzwischen Halluzinationen hervorruft und das Knurren der agilen Hunde nur noch von unseren Mägen übertroffen wird, brechen wir nun ohne weitere Verzögerung zur
D - Yellow Frame Farm auf. |
Im Prospekt ist diese nämlich ausdrücklich als Picnic Site
gekennzeichnet, und in der Tat, es ist der ideale Platz. Auf einer leicht abschüssigen Wiese, an deren unterem Rand ein Bächlein entlangmurmelt, stehen unter schattenspendenden Apfelbäumen eine Anzahl der bekannten Tisch-Bank-Kombinationen, die ganz genauso aussehen wie die auf deutschen Autobahnrastplätzen, wo die durchreisenden Holländer immer ihre Freßorgien veranstalten. Glücklicherweise finden wir zwei noch freie Tische, denn inzwischen ist unsere Sechsergruppe wunderlicherweise auf etwa 25 Personen angewachsen. Vielleicht sind es auch 30, ich höre jedenfalls bei 25 mit dem Zählen auf. Zu einigen Bekannten von Pan und Guido, die wir mehr oder weniger zufällig getroffen haben, haben sich nämlich wiederum einige derer Bekannten gesellt, die nunmehr von deren Bekannten sowie einigen Bekannten dieser Bekannten personenmäßig verstärkt werden. Eine turbulente Komödie hebt an, in der neben den zahlreichen Bekannten und den schon erwähnten beiden Tischen auch noch allerlei Picknickkörbe und Pappteller, Kühltaschen und Korkenzieher, Tischdecken und Tupperdosen, Senf und Servietten, Plastikgabeln und Partybrötchen, Weinflaschen und Warmhaltekannen, Cola-Büchsen und Cocktailwürstchen, Gläser und Gürkchen sowie Ketchup, Kaffee und Kartoffelsalat eine maßgebliche Rolle spielen. Es dauert eine geraume Weile, bis sich jeder von jedem auf seinen Pappteller geschaufelt hat und dann herrscht einen kurzen Augenblick lang wohltuende, nahrhafte Stille. "Jetzt müßte es eigentlich jeden Moment losgeh...," kann ich gerade noch mit vollen Backen kauend meiner Gattin zuraunen, die mir trotz dieser Ungezogenheit immer noch ihre aufrichtige Zuneigung entgegenbringt, bevor die letzten beiden Buchstaben in einem typisch amerikanischen Inferno allgemeinen Höflichkeitsentzückens unhörbar versinken. Hier der Versuch einer Übersetzung:
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"Also dieser Geflügelsalat, einfach himmlisch! Sag bloß da ist Curry drin?" "Kann ich mal das Ketchup haben?" "Wer hat denn
diesen Rotwein mitgebracht, der ist ja ganz ausgezeichnet!" "Hat jemand zufällig die Ketchupflasche gesehen?" "Oh, ich liebe deine Kartoffelchips, die sind immer so chipsy!" "Ja, aber dip die mal
erst in den Dip, dann sind sie noch unübertrefflicher." "Hier stand doch eben noch das Ketchup." "Nein, so schöne runde Käsewürfel habe ich ja noch nie gesehen, wie hast du die bloß so hingekriegt?"
"Wer hat denn das Ketchup hier weggenommen?" "Ist das etwa mein Glas? Laß mal, ich nehm mir lieber ein frisches, da ist ja Lippenstift dran." "Wo ist denn nur das verdammte Ketchup?"
"Ist das wahr, so leckere Gurken gibt's bei Stop & Shop? Das wußte ich ja gar nicht." "Ich will sofort das Ketchup haben!" "Das ist also das Brot von der neuen Bäckerei auf der Main Street? Ich
sag's ja immer, neue Besen ... äh, Bäcker backen brotig, da muß ich unbedingt auch mal hingehen." "Wenn ich jetzt nicht sofort das Ketchup..." "Für diese himmlischen Frikadellchen mußt du ja gestern Stunden in
der Küche gestanden haben, du Arme." "Ich will mein Keeetchuuup!" "Shut up!" |
Wegen des fortdauernden Freßtohuwabohus gelingt es mir zum Glück, unsere sechs so liebevoll
gebratenen Schweineschnitzelchen vor dem Zugriff der Allgemeinheit zu bewahren und sie zusammen mit meiner Gattin heimlich hinter vorgehaltener Hand persönlich zu verspeisen. Wir wissen schon selber, daß sie ganz ausgezeichnet schmecken
und sind deshalb nicht auf öffentliches Lob angewiesen. Außerdem möchte ich auch gerne satt werden und da hilft mir der Kartoffelsalat leider nicht weiter, denn ich weiß darüber hinaus, daß sich in fast jedem hausgemachten amerikanischen
Salat kleingeschnittener Staudensellerie befindet (das ist so eine Art amerikanische Zwangshandlung bei der Zubereitung von Salaten), und wenn ich ein Gemüse überhaupt nicht ausstehen kann, dann ist das Staudensellerie. Unser Wurstsalat
findet jedoch allgemein großen Anklang, wobei wir natürlich öffentlich bekennen, daß er nicht aus unserer bescheidenen Küche, sondern aus Ottos vorzüglicher Metzgerei stammt, denn wir wollen uns ja nun wirklich nicht mit fremden Würsten
schmücken. |
Und so nimmt unter allseitigem Frohsinn, einschließlich Plaudern, Essen, Trinken und Scherzen
der Nachmittag seinen Verlauf. Tupperdosen, Thermoskannen und Weinflaschen leeren sich allmählich und auch die muntere Unterhaltung gerät mehr und mehr ins Stocken, weil die für den inzwischen eingesetzt habenden Verdauungsvorgang
notwendigen Energien nun im Gehirn fehlen und die wenigen noch verfügbaren Gesprächsthemen dadurch erheblich an Niveau einbüßen. Noch während des Zusammenpackens der Pichnickreste beschließt unsere Sechsergruppe daher einstimmig, die
noch nicht abgearbeiteten Buchstaben C, A und B inklusive der dazugehörigen Farmen großzügig zu ignorieren und stattdessen die Heimfahrt anzutreten. |
So bleibt zum Schluß nur noch die Frage, was das Wort 'Pfannekuchen' eigentlich in der
Überschrift dieses Newsletters zu suchen hat. Die Erklärung ist ganz einfach: wegen des Sprachrhythmus und der schönen Alliteration brauchte ich dringend ein viersilbiges Wort mit Pf, das außerdem irgendwas mit Essen, also im weiteren
Sinne mit Picknick zu tun hat. Im Prinzip war es mir ziemlich egal, ob diese mehrsilbige Speise mit Pf auch tatsächlich Bestandteil unseres Picknicks war (diese kleine schriftstellerische Freiheit durfte ich mir ja wohl bei aller
Wahrheitsliebe in meinen sonstigen Berichterstattungen sicher herausnehmen). Allerdings wird ein kurzer Blick in den Duden oder in ein anderes Wörterbuch der deutschen Sprache unsere Leser sehr schnell zu der Erkenntnis bringen, daß es
dort zwischen 'Pfad' und 'Pfütze' wenig Brauchbares in kulinarischer Hinsicht gibt. Außer Pfannekuchen eben. |
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