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Dezember 1996 |
Wo Moose und Lobster sich Gut' Nacht sagen |
Der Bundesstaat Maine bildet den nordöstlichsten Zipfel der USA. Gleich darüber endet die Zivilisation bzw. beginnt Kanada, was aber aus dem Blickwinkel eines
Amerikaners so ziemlich dasselbe ist. Und weil in den urigen Wäldern des Nordens die Elche (engl.: moose) vor den staunenden Touristen angeblich nur so herumwimmeln und die Hummer (engl.: lobster) fast reflexartig aus dem
Atlantik ins kochende Wasser hüpfen, sobald jemand nur einen passenden Topf an die Küste hält, lag es für die Mainer natürlich nahe, ihrem Staat den Beinamen Vacationland
(dtsch.: Ferienland) zu verpassen - denn was anderes als Ferien kann man da oben wirklich nicht machen. |
Nun ja, der letzte Satz der Einleitung ist natürlich wieder eine meiner üblichen Provokationen,
um die Neugier unserer geschätzten Leser zu wecken, denn ganz so langweilig ist es selbst in der kalten Jahreszeit nicht in Maine, zumal der durchschnittliche Schneefall hier normalerweise ungefähr drei Meter pro Winter beträgt! Ein
Paradies für Ski-Langläufer also. Mit alpinen Schußfahrten wird's hier allerdings nichts, weil die wenigen flachen Ausläufer der nördlichen Appalachen nicht mal ausreichen, sich standesgemäß die Haxen zu brechen. Wie gesagt:
normalerweise, da sich aber die Witterung im Nordosten der USA insgesamt heuer um Weihnachten herum ungewöhnlich mild zeigte, sind wir weder auf der Hin- noch auf der Rücktour irgendwelchen nennenswerten schneemäßigen Gestöbern begegnet
und mir sind somit wieder einmal glücklicherweise jegliche Versuche in Sachen Wintersport erspart geblieben. |
Unser Kurzurlaub vom 23. bis zum 28. Dezember war auch nicht der erste Besuch in dieser
wildromantischen Ecke der Vereinigten Staaten, doch die Behauptung, daß wir uns deswegen an jede einzelne Meile zwischen Poughkeepsie und Kennebunk im südlichen Maine erinnern können, wäre dennoch ein wenig überzogen. Unsere aufmerksamen
Leser werden bei dem Ortsnamen Kennebunk aufgehorcht und sich auch sofort wieder daran erinnert haben, daß in diesem Dörfchen (6.621 Einwohner, Frauen und Kinder mit eingerechnet, Anm. d. Verf.) unsere Freunde Dagmar und Kevin Sullivan
wohnen. Ilsemarie und Erik waren ebenfalls anläßlich der Feiertage aus Kopenhagen eingeflogen, denn was gibt es für uns Internationals
Schöneres, als ein zünftiges amerideutänisches Christmasweihnachtsjul mit dem traditionellen amerikanischen turkey (dtsch.: Truthahn) und dem noch traditionelleren dänischen Dessert ris med fløde, mandler og kirsebær
(dtsch.: Milchreis mit Mandeln und Kirschsauce)? Doch da Gisela und ich mit den ungeheuren Fleischmengen amerikanischer Truthähne bestens vertraut sind, waren wir mit unseren Gastgebern übereingekommen, daß wir diesmal nichts Eßbares mitbringen und sich der deutsche Beitrag zum Fest lediglich auf zwei kräftige Esser beschränken würde. Trotzdem waren selbst all diese Köstlichkeiten nicht der Hauptgrund unserer Reise, sondern weil das Wetter bis dato diesmal wirklich nicht viel hergab, brauchten wir ja noch ein zündendes Thema für unseren fälligen Reisebericht. Und hier ist er!
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Die Fahrt nach Kennebunk ist 300 Meilen (480 km) lang, entspricht also ziemlich genau
fünfeinhalb Stunden Fahrzeit und führt uns durch vier amerikanische Bundesstaaten: von New York über Massachusetts und New Hampshire bis Maine. Links und rechts unseres Weges liegen Orte wie Manchester, Portsmouth oder gar Dover und
spätestens jetzt wird es selbst auch dem Dümmsten klar, warum der Nordosten der USA den Beinamen "Neuengland" trägt. Etwa ein Drittel der Strecke führt in der Höhe von Albany von West nach Ost über die gebührenpflichtige
Interstate 90, die auch Massachusetts Turnpike heißt. Und weil man hier für seine drei Dollar mit 65 mph drüberrasen darf, kommen wir recht zügig voran. Fünfundsechzig Meilen pro Stunde, das sind fast 105 km/h! Wow! Und so verpassen wir
im totalen Hochgeschwindigkeitsrausch auch prompt die Abzweigung auf die Interstate 495 Richtung Norden. Das ist zwar kein Beinbruch, weil in Amerika alle Straßen nicht nach Rom führen, sondern nach Kennebunk, doch da wir uns nun über
eine sechsspurige Bostoner Stadtautobahn durch den vorweihnachtlichen Nachmittagsverkehr quetschen müssen, geht uns der schöne 65-Meilen-Zeitgewinn leider wieder flöten. Macht nichts, denn die Interstate 95, die wir schließlich oberhalb
von Boston erreichen, ist auch ganz nett und auf sie wären wir sowieso gestoßen, wenn auch erst rund 50 Meilen weiter nördlich, kurz vor der Staatsgrenze zwischen Massachusetts und New Hampshire. |
Wäre John Irving's Roman "Das Hotel New Hampshire" 1981/82 zufällig kein Bestseller
geworden, wüßte vermutlich niemand in Europa, daß dieser US Bundesstaat überhaupt existiert. Außer dem Mount Washington , mit 1.916 Metern der höchste Berg in den nördlichen Appalachen, einem winzigen Dorf namens Berlin und vielen,
vielen Bäumen gibt's hier wirklich kaum etwas Erwähnenswertes. Und getreu dem Staatsmotto Live Free or Die
(dtsch.: Frei leben oder sterben) braucht man in New Hampshire nicht mal Sicherheitsgurte anzulegen, wenn man nicht will. Unterwegs lassen uns zahlreiche Schilder an der Interstate 95 ein wenig stutzen: STATE LIQUOR SHOP NEXT EXIT
(dtsch.: Staatlicher Schnapsladen nächste Ausfahrt). "Nanu," wundern wir uns, "vielleicht meinen die ja einen stattlichen Schnapsladen?" Wir beschließen, der Sache auf den Grund zu gehen, exitieren die 95 und stehen alsbald auf einem riesigen Parkplatz vor einem tatsächlich ziemlich stattlichen... ja, wie übersetzt man
liquor shop am korrektesten? Gar nicht so einfach, denn liquor
heißt zwar 'alkoholische Getränke', aber alkoholischer Getränkeladen klingt erstens sehr unelegant und außerdem ist der Getränkeladen selber ja nicht alkoholisch, genauso wenig wie jemand, der mit Trockenobst handelt, ein gedörrter Obsthändler ist - doch ich komme vom Thema ab. Bleiben wir also einfach beim Schnapsladen.
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Um unsere Neugierde zu verstehen, erlaube ich mir an dieser Stelle einen kleinen Abstecher zu
den gesetzlichen Ladenschlußzeiten in den USA. |
"Was?" werden unsere Leser jetzt denken, "Ladenschlußzeiten in den USA? Gesetzlich? Das kann doch wohl nicht wahr sein!" Und doch ist es
so, obwohl ich damit natürlich nicht die generellen Öffnungszeiten der Geschäfte meine, denn ob jemand seinen Laden erst morgens um zehn öffnet und schon nachmittags um vier wieder schließt, bzw. schon morgens um vier öffnet und erst
abends um zehn wieder schließt, bleibt tatsächlich in ganz Amerika dem Geschäftsinhaber selber überlassen. Allerdings kommt es darauf an, was er denn verkauft. Kochtöpfe, Turnschuhe, Cornflakes, Klappmesser und Handfeuerwaffen sind als
grundsätzlich harmlos eingestuft. Gefährlich ist aber zum Beispiel eine Flasche Wein, vor allem abends, und daher schließen die liquor shops
in New York per Staatsgesetz täglich um 19 Uhr und bleiben sonntags geschlossen, denn sonntags geht man in die Kirche und schaut lediglich dem Pfarrer beim Weintrinken zu. Desweiteren ist im Staate New York der Verkauf von Bier in Supermärkten zwischen 4 und 8 Uhr morgens (sonntags zwischen 2 und 10) untersagt. Wer sich sowas ausgedacht hat und welcher tiefere Sinn dahintersteckt? Keine Ahnung. Und so ist man in anderen US Staaten, besonders in New Hampshire, auch großzügiger, denn hier kann man in den staatlichen Schnapsläden Bier, Wein und sonstigen Fusel an jedem Wochentag rund um die Uhr kaufen. Wem also in New York von Samstag auf Sonntag während einer Fête morgens um halb drei der Stoff ausgeht, hat leider Pech und muß sich bis zum Frühstück um zehn mit was anderem behelfen oder schnell die 150 Meilen nach New Hampshire düsen.
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Zurück zum Thema. Im Inneren des Schnapsladens wartet nämlich gleich die nächste Überraschung
auf uns: alle Flaschen - und davon gibt es hier wirklich ein erstaunliche Menge - tragen Endpreise, d. h. es wird keine state tax
(dtsch. sinngemäß: Umsatzsteuer) mehr erhoben, wie das in anderen Bundesstaaten üblich ist (die New Yorker Steuer beträgt beispielsweise zwischen 7,25% und 8,50%, Anm. d. Verf.). Damit ist uns klar, warum a) eine halbe Gallone vom feinsten Bourbon Whisky nur etwa zwölf Dollar kostet und b) alle durchreisenden New Yorker sich demzufolge die Kofferräume hemmungslos mit
liquor vollpacken. |
"Als ob es morgen keinen Alkohol mehr auf der Welt gibt," denken wir belustigt, während wir mühsam versuchen, die Heckklappe unseres Jeeps
zuzukriegen, aber immer wieder klemmt sich irgend so ein verdammter Flaschenhals dazwischen. Endlich haben wir es geschafft und zurück geht's auf die Interstate, unterwegs vom lustigen Flaschenklimpern im Laderaum unseres Autos begleitet.
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Wir sind in Maine. Auf einer 90.560 km2 großen Fläche leben nur etwas mehr als 1,2 Millionen
Menschen (zum Vergleich: Luxemburg, Malta, Monaco, Liechtenstein, Andorra, San Marino und der Vatikanstaat samt Papst und Schweizer Garde würden locker 25 mal hineinpassen, Anm. d. Verf.) und die größte Stadt, Portland, hat gerade mal
61.572 Einwohner (ungefähr soviele Besucher verkraftet die Aussichtsplattform des New Yorker World Trade Center in zwei Tagen, Anm. d. Verf.). Alles sehr ländlich und sehr sittlich, um es mal vorsichtig auszudrücken. Man lebt hier
vorwiegend an der Küste, und dort vom Hummer- und vom Touristenfang, wie ich schon in der Einleitung vorsichtig angedeutet habe. Jetzt, in der Weihnachtszeit, sind die Hummer allerdings erheblich zahlreicher als die Touristen und selbst
der ehemalige Präsident George Bush, der fünf Meilen von Kennebunk entfernt, genau gesagt: in Kennebunkport, auf einer wunderschönen Halbinsel ein ebenso "bescheidenes" wie "kleines" Privatanwesen besitzt, ist nicht
daheim, obwohl die Bush-Residenz hier die einzige Attraktion im Umkreis von 100 Meilen darstellt. |
Weil das Sullivan'sche Haus für uns alle doch ein wenig beengt ist und Gisela und ich ungern im
kalten Keller schlafen, hat Dagmar uns in einer bezaubernden Bed & Breakfast Pension untergebracht: The Brendan Inn, ein altes, umgebautes Herrenhaus, frisch renoviert, mit nur sechs Fremdenzimmern, von denen jetzt, außerhalb der
Saison, nur zwei oder drei belegt sind. |
Unser Zimmer ist ausgesprochen schnuckelig, im altenglischen Landhausstil eingerichtet, mit
einem eigenen offenen Kamin (pro Tag ein frisches Holzscheit ist im Preis inbegriffen) und einer richtigen, deutschdimensionierten Badewanne! Unser Entzücken über das Letztere wird unseren Lesern sofort verständlich, wenn man weiß, daß
die normale amerikanische Standardbadewanne in Privathäusern und Hotelzimmern etwa die Dimensionen einer etwas größeren deutschen Spülschüssel hat. Wenn man in so einem Ding also ein Vollbad zu nehmen versucht, bleiben wesentliche
Körperteile erzwungenermaßen ständig über der Wasseroberfläche und demzufolge wird das Ganze recht unerquicklich, so daß man alsbald reumütig wieder zum Duschen übergeht. Doch da hier zu allem Luxus auch noch ein Glas duftendes Badesalz
bereitsteht, aalen wir uns erstmal jeder eine halbe Stunde im heißen Badewasser bevor wir den Abend am knisternden Kaminfeuer mit dem Zappen durch die 40 Fernsehkanäle beschließen. |
Am Morgen des Heiligabend (klingt ein wenig paradox, stimmt aber trotzdem), unternehmen wir mit
Ilsemarie und Erik einen ausgiebigen Spaziergang. Die unzähligen Ferienhäuschen hinter den Dünen längs der Küste sind alle verlassen und wirken in ihrer unheimlichen Ruhe und mit den winterfest geschlossenen Fensterläden fast wie eine
Geisterstadt. Vor einer Fischerhütte hat jemand einen fünf Meter hohen "Weihnachtsbaum" aus Hummerfangkisten aufgeschichtet und mit einer elektrischen Lichterkette geschmückt. Das sieht sehr hübsch aus. Solche Fangkisten haben
etwa die Größe einer klassischen deutschen Nachtkonsole, bestehen aus Holzlatten mit einem grobmaschigen Netz im Innern und durch ein seitliches Loch kriechen die Dummer... äh, Hummer da gerne rein und finden dann den Ausgang nicht mehr,
ein Beweis dafür, daß sie ebenso blöd wie schmackhaft sind. |
Unter solch tiefsinnigen Betrachtungen schlendern wir weiter. Vereinzelt steigt uns der Geruch
eines Kaminfeuers in die Nase und durch zwei, drei Fenster können wir sogar bereits geschmückte Weihnachtsbäume erkennen, aber weit und breit ist sonst keine Menschenseele zu sehen. So wagen wir es und fahren - juchheissa - mit unserem
Jeep quer durch den hinter uns hochstäubenden feinen weißen Sand bis fast ins Meer. Obwohl die Sonne von einem strahlendblauen Himmel herunterlacht, pfeift uns hier am Wasser ein schneidendkalter Wind um die Ohren, aber die salzige
Seeluft ist herrlich und weil wir mit unseren Freunden dänisch sprechen, fühlen wir uns beinahe wie in Dänemark. Ein paar Möwen balgen sich kreischend um eine Krabbe und ganz hinten, am anderen Ende des Strandes, lassen zwei Jugendliche
einen Drachen steigen. Wir sammeln Muscheln, plaudern von alten Zeiten und vergessen für eine Weile den Rest der Welt. Als wir schließlich wieder zu unserem Auto kommen, sind unsere Nasenspitzen rotgefroren und zuhause freuen wir uns
über den Glühwein, den Dagmar inzwischen für uns zubereitet hat. |
Mittlerweile ist wirklich der Heilige Abend über uns hereingebrochen und Christine und Caroline,
Dagmars und Kevins Töchter, können es kaum noch erwarten, ihre bereits unter dem noch unbeleuchteten Weihnachtsbaum aufgebauten Geschenke auszupacken. So ein festliches Abendessen mit den Erwachsenen zieht sich aber auch ganz schön in
die Länge! Doch auch der größte Truthahn ist irgendwann mal verspeist, vor allem wenn die Seeluft einem den Hunger angefacht hat. Und während die Mädels nun endlich brav das Geschirr abräumen dürfen - mit Kevins, Eriks, Ilsemaries und
Giselas Hilfe, versteht sich - zünden Dagmar und ich im Wohnzimmer die richtigen (!) Christbaumkerzen an. Dagmar hat entschieden, daß die Kinder dieses Jahr zum ersten Mal alt genug sind für "lebende Lichter", wie echte Kerzen
im Dänischen so nett genannt werden. Ja, Christine und Caroline schon, aber Kevin nicht! Als eingeborener Amerikaner hat er noch nie in seinem Leben brennende Kerzen an einem Weihnachtsbaum erlebt und so steht ihm das blanke Entsetzen
ins Gesicht geschrieben, als er zusammen mit den anderen das Weihnachtszimmer betritt. Zwei Dutzend kleine Flämmchen, nur Zentimeter von den leicht entzündbaren Tannenzweigspitzen entfernt! In einem Holzhaus! Mit Teppichboden! Und
Gardinen! Stehenden Fußes kehrtmachen und den Feuerlöscher aus der Garage holen, ist für Kevin eins. Und während die Kinder begeistert ihre Geschenke auswickeln und wir anderen die stimmungsvollen Weihnachtsklänge von der CD genießen
(Winter Wonderland und Rudolph the Red-nosed Reindeer in der richtigen Umgebung bringen's wirklich, Anm. d. Verf.), hockt Kevin verstört in der Ecke, die Finger mit weißen Knöcheln um den Feuerlöscher auf seinen Knien gekrampft und wagt
es nicht, seine schreckgeweiteten Augen von der dräuenden Gefahr zu lassen, jeden Augenblick mit dem Schlimmsten rechnend und keinem beruhigenden Wort unsererseits zugänglich. Wenn es nicht so komisch aussähe, könnten wir Mitleid mit ihm
haben. |
Nach einem beschaulichen Ersten Weihnachtstag (zur Erinnerung: Amerikaner haben nur diesen
einen, der 26. ist schon wieder ein ganz normaler Tag wie jeder andere, Anm. d. Verf.) mit Faulenzen und Kaffeetrinken, drängt es Gisela und mich heftigst, das Weihnachtsgeld unter die Leute zu bringen. Zumal wir nur die Kinder mit ein
paar Kleinigkeiten beschenkt haben, erzeugen die Kreditkarten heute einen besonders unwiderstehlichen Juckreiz. Glücklicherweise liegt jedoch das Gegenmittel ganz in der Nähe. Es heißt Freeport und ist eine sogenannte
Factory Outlet City. Ursprünglich mal bezeichnete outlet
nur einen Wasserabfluß oder eine Steckdose, aber seit ein paar Jahren ist die Bedeutung 'Absatzmarkt, Verkaufsstelle' hinzugekommen und das macht im Zusammenhang mit unseren Kaufgelüsten wesentlich mehr Sinn (obwohl man sein Geld ja auch tatsächlich durch den Abfluß spülen könnte). Und weil
factory
Fabrik heißt, handelt es sich also um eine Art Werksverkauf. Hier bieten alle, und ich meine wirklich alle, in Amerika vertretenen Hersteller von Markenluxusartikeln ihre Waren zu unglaublich günstigen Preisen feil. Ich greife mal willkürlich ein paar Namen in alphabetischer Reihenfolge heraus: Addidas, Benetton, Burberry, Calvin Klein, Hanes, Laura Ashley, Levis, Nike, Ray Ban, Reebock, Samsonite, Villeroy & Boch usw. usw.. Von der Sonnenbrille bis zum Segelboot ist alles zu Fabrikpreisen erhältlich. Und, liebe Leser, jeder Hersteller hat seinen eigenen Laden, so daß die Bezeichnung
Factory Outlet City absolut den Tatsachen entspricht. Man stelle sich vor: eine ganze Stadt voll mit Sonderangeboten! Wenn das den eben erwähnten Juckreiz nicht dämpfen kann, was sonst? |
Solche Outlets gibt es zwar überall in den Vereinigten Staaten - der von Poughkeepsie aus
nächste liegt beispielsweise in Fishkill, nur acht Meilen entfernt, aber Freeport ist noch aus einem anderen Grund in ganz Amerika berühmt: hier befindet sich nämlich der Stammsitz von L. L. Bean, dem wohl profiliertesten Ausstatter der
Welt für alle denkbaren Arten von Outdoor-Aktivitäten. L. L. Bean hat Antarktis- und Amazonas-Expeditionen ausgerüstet, hat vom Moskitonetz bis zum Mountain-Bike, vom Jagdgewehr bis zum Trockenspiritus alles, aber auch alles im Programm,
was man im Dschungel, in der Wüste, im Packeis oder sogar in seiner harmlos-gemütlichen Berghütte zum Überleben braucht. Badehosen für Sonnenanbeter ebenso wie vliesgefütterte Jeans für passionierte Schneeschaufler. Ein Eldorado also für
Leute mit juckenden Kreditkarten. Und da wir erstens schon seit Jahren zum festen Katalogkäuferstamm dieser Firma gehören und zweitens mit einem Großraumfahrzeug da sind, schenken Gisela und ich uns gemeinsam zu Weihnachten einen
sogenannten Adirondack-Stuhl für unsere Terrasse. Das ist eine Art hölzerner Liegestuhl in einem für Neu-England typischen Design. Sehr wetterfest, sehr grün, und sogar sehr bequem. Eigentlich wollen wir logischerweise zwei davon haben,
aber es ist leider nur noch einer am Lager. So sind wir wohl gezwungen, demnächst wieder nach Maine zu fahren, denn die Versandkosten wollen wir auf jeden Fall sparen. |
Im Rausgehen erstehe ich dann noch schnell eine gefütterte, molligwarme Mütze für mich, damit
mir bei dem eventuell noch zu erwartenden Blizzard 1997 die Ohren nicht abfrieren, und für Gisela so ein seidenes ... äh, Dings ... aber das geht nur sie und mich etwas an und außerdem ist das auch mehr was für drinnen. |
Und weil der Name Maine zu einem Wortspiel geradezu einlädt (für Nichtamerikaner: main
entspricht der deutschen Vorsilbe 'Haupt-') bleibt nur noch unser "Main-Wunsch" für alle unsere treuen Leser: |
Merry Christmas und ein gesundes, glückliches und erfolgreiches 1997! |
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