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Juli 1997 |
Erst den Nippel durch die Lasche ziehen... |
Es geht nichts über einen eigenen Swimmingpool. Nichts. Besonders nicht im Winter. Dann klirrt nämlich draußen der Frost und die dunkelblaue Abdeckplane über dem
Becken verhindert erstens, daß man gegen die hohen Unterhaltskosten und den eigenen Arbeitsaufwand anschwimmen muß und zweitens, daß Unbefugte oder andere Kinder auf der Eisfläche des Beckens Schlittschuh laufen, um sich mit Sicherheit
später oder früher ein bis mehrere Beine zu brechen. Die sonst so nervtötende Filterpumpe verbreitet außerdem zu der genannten Jahreszeit täglich vierundzwanzig Stunden angenehme Stille, das im Keller eingerichtete Chemielabor zum Testen
und Analysieren des Poolwassers hat bis auf weiteres geschlossen und auf dem Bankkonto, das eigens zur Finanzierung der benötigten Wasserzusätze und Ersatzteile eröffnet werden mußte, sammeln sich erfreulicherweise die Zinseszinsen.
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Eine private Swimmingpool-Anlage besteht aus einer ungeheuer verwirrenden Anzahl von
Filtern, Sieben, Schläuchen, Pumpen, Ventilen, Spritzdüsen, Saug- und Blasöffnungen, Hebeln, Dichtungsringen, Manometern, Schlauchklemmen, Schaltern, Griffen, Hebeln, Knöpfen und ein paar weiteren Kleinigkeiten, die ich hier zum Zwecke
der Unvollständigkeit unerwähnt lassen möchte. Außerdem natürlich noch ein in unserem Fall ovales Schwimmbecken, welches längs achteinhalb und quer viereinhalb Meter mißt und in der Badesaison nebst einer größeren Anzahl Blätter und
abgebrochene Zweiglein von den umstehenden Büschen und Bäumen auch noch zirka sechzigtausend Liter Wasser und ständig ungefähr siebenhunderteinundfünfzig oder sogar siebenhundertzweiundfünfzig Insektenleichen enthält. |
Wie gesagt, in der Badesaison. Traditionsgemäß beginnt diese in Poughkeepsie am Memorial Day.
Das ist immer der letzte Montag im Mai, und man gedenkt - falls man Amerikaner ist - während des morgendlichen Shoppings aller derjenigen Landsleute, die während der letzten zweihundert Jahre in einem der zahlreichen Kriege ihr Leben patriotischerweise für V4 (= Vührer, Vahne, Volk und Vaterland) opfern durften. Nachmittags wird dann der Swimmingpool feierlich eröffnet. Sofern man überhaupt einen hat und sofern es nicht regnet, versteht sich.
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Aus dem Wort 'eröffnen' geht einwandfrei hervor, daß der Pool den Winter über geschlossen
bleibt, wie ich schon habe anklingen lassen. Das Schließen geschieht im Regelfall am Labor Day
(der erste Montag im September) und gilt zumindest für den Nordosten Amerikas, denn in den Bundesstaaten, die dem nur zweitausend Meilen entfernten Äquator etwas näher liegen, dauert die private Badesaison naturgemäß ein paar Monate länger oder sogar den ganzen Winter hindurch, was den für Pflegearbeiten investierten Zeitaufwand leicht verdoppeln oder gar verdreifachen und die Ausgaben für die benötigten Chemikalien mühelos in schwindelnde Höhen treiben kann. Mit diesen Problemen sind wir jedoch temperaturbedingt hier in Poughkeepsie zum Glück nicht konfrontiert, so daß wir jedes Jahr nur dreieinhalb bis vier Monate lang unsere Badefreuden genießen müssen.
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Heuer scheint am Memorial Day die Sonne und demzufolge versammeln Gisela und ich uns nach dem
Frühstück zunächst voll Tatendrang am Rande unseres Pools, um die Menge von halbverrotteten Blättern, Ästen und sonstigen biologischen Abfällen zu bestaunen, die sich im Laufe des Winters auf der Abdeckplane aufgetürmt hat bzw. die in
dem sich angesammelt habenden und muffig riechenden Regenwasser leise vor sich hinfault. Die Löcher in der Plane, welche dem umgestürzten Baum (vgl. Newsletter vom März/April 1997) zu verdanken sind, vermitteln uns einen ersten Eindruck
von der Farbe unseres Poolwassers, das nach den Massen der im Herbst hineingekippten Überwinterungschemikalien eigentlich glasklar sein sollte. Doch nun stellen wir übereinstimmend fest, daß wir stark an die trüben Tümpel unserer
Kinderzeit erinnert werden, in denen wir damals immer so gerne nach Stichlingen und Kaulquappen gefischt haben. |
Wohlan denn, mit Zuschauen alleine kann man keinen Pool eröffnen und deshalb beginnen wir zuerst
einmal die Suche nach der kleinen elektrischen Pumpe, welche zum Entfernen des Dreckwassers von der Plane gedacht ist. Und weil wir ganz sicher sind, daß wir sie im Herbst zusammen mit diversen anderen Pool-Utensilien irgendwo im Keller
abgestellt haben, finden wir sie auch nach einer knappen Stunde intensiver Suchtätigkeit in der Garage. Überraschenderweise fällt uns bei dieser Gelegenheit sowohl die Verlängerungsschnur als auch das zugehörige sieben Meter lange
Schlauchstück in die Hände. Ja, wahrer Ordnungssinn ist halt nicht jedem gegeben! |
Alsbald summt also die Pumpe lustig vor sich hin und befördert das braune Wasser von der
Abdeckplane im hohen Bogen an diejenige Stelle auf unserem Grundstück, wo der Haufen vertrockneter Blätter nebst sonstigen Gartenabfällen nicht nur seit zwei Sommern auf seinen Abtransport wartet, sondern wo auch ein kleiner Urwald an
solchen Kräutern wuchert, die zwar vermutlich jeden Botaniker beim Klassifizieren in reines Entzücken versetzen können, dessenungeachtet jedoch von uns eingefleischten Gartenfreunden stets pauschal mit der Vorsilbe 'Un' versehen werden.
Um die Pumpzeit einigermaßen sinnvoll zu nutzen, schaufele ich inzwischen mit Kescher und Schneeschüppe (!) die zwei Tonnen fauler Blätter von der Plane an die nämliche Stelle, und Gisela bricht sich beim Entknoten der ebenso zahlreichen
wie störrischen Befestigungsschnüre glücklicherweise nur zwei Fingernägel ab. |
So eine Poolplane ist eine ziemlich unhandliche Angelegenheit, was wohl irgendwie mit ihrer
Größe zusammenhängen muß. Gut fünfzig Quadratmeter widerspenstiges Plastikgewebe mit verstärkten Kanten lassen sich nämlich nur unter Aufbietung erheblicher Körperkräfte und mit der Geschicklichkeit eines hochseetüchtigen Vollmatrosen
reffen und über die Reling auf die Wiese hieven, weil die abgerundeten Ecken die Angriffsfläche für den genau in diesem Augenblick einsetzenden Wind nur unwesentlich verkleinern und weil der Herrgott sicher nicht an Poolplanen gedacht
hat, als er seinerzeit Adam und Eva jeweils nur zwei Arme schuf, was sich bei Gisela und mir, als deren legitime Nachfahren, nun ein wenig negativ bemerkbar macht. Die glitschige, weil triefend nasse Unterseite sowie die glitschige, weil
außerordentlich schmierige Oberfläche bereiten uns eine Menge zusätzliche Freude, und es ist bis heute ungeklärt, wer von uns beiden sich bei dieser Aktion dümmer und ungeschickter anstellt. Aber erstens sollen Shorts und T-Shirts
nachher sowieso in die Waschmaschine und zweitens entschließen wir uns noch während der Plackerei spontan zu einer abendlichen Dusche, obwohl heute erst Montag ist. Doch endlich liegt das unförmige Ding von Plane ausgebreitet auf der
Wiese und harrt ihrer Reinigung und Trocknung. |
Später. Jetzt inspizieren wir zuerst einmal das im Becken verbliebene Wasser und stellen fest,
daß unser Froschteicheindruck von eben uns nicht getäuscht hat. Macht nichts, denn wozu gibt es schließlich all die chemikalischen Wunderpülverchen und Zaubertinkturen, wenn nicht dazu, uns ein kristallklares Poolwasser zu bescheren, um
das uns die Nachbarn immer so glühend beneiden, das kaum pflegebedürftig ist und das unsere Gäste jedesmal spontan veranlaßt, sich kopfüber in das bergseeartig funkelnde und glitzernde Wasser zu stürzen. Ungetrübter Badespaß den ganzen
Sommer hindurch gewissermaßen, getreu dem schönen Motto Your pool should be fun, not work
(dtsch.: Dein Pool soll dir Spaß bereiten, keine Arbeit) - oder wie war noch die Formulierung in dem Werbeprospekt des Chemikalienherstellers? |
Doch auch die Chemie muß noch warten, denn vorher sind noch zwei Kleinigkeiten zu erledigen:
zuerst muß das Filtersystem in Gang gesetzt und zweitens das Becken soweit mit Frischwasser aufgefüllt werden, daß der Wasserspiegel zehn Zentimeter über dem unteren Rand des Absaugkastens mit dem Blättersieb steht. Das Filtersystem
funktioniert allerdings nur, wenn genügend Wasser im Pool ist und das Wasser darf man erst einlassen, wenn das Filtersystem funktioniert. Also ganz einfach. Und deshalb schleppt Gisela unseren grünen Gartenschlauch herbei, den ich
höchstpersönlich im Spätherbst sauber aufgerollt und in einer Kiste verstaut hatte. Nun muß sich dieser ebenso dumme wie 25 Meter lange Schlauch während der langen Winternächte wohl derartig gelangweilt haben, daß ihm nichts besseres
einfiel, als sich selber zum Zeitvertreib vielfach zu verknoten und zu verdremmeln (wem dieser Ausdruck nicht geläufig ist, er bedeutet sowas Ähnliches wie verknoten, nur viel schlimmer, Anm. d. Verf.), wie es nicht nur die Angewohnheit
von Schläuchen, sondern auch von Schnüren, Kabeln und Bindfäden ist, was jeder Leser sicher sofort bestätigen wird. Leider kann ich meiner Frau beim Entwirren nicht behilflich sein, da ich inzwischen den weiten Weg um den ganzen Pool
herum zurückgelegt habe und nun mit schreckgeweiteten Augen vor der Filterpumpensaugblasanlage knie, die am Südufer des Pools installiert ist. |
Bevor ich gleich zum Auslöser meines Schreckens komme, müssen unsere Leser noch wissen, daß es
sich bei dem unserigen um einen sogenannten above ground pool
handelt, also um einen, der nicht ordentlich eingegraben ist, wie die Becken im Essener Gruga Bad, sondern ähnlich einem Kinderplantschbecken einfach auf die Wiese gestellt wurde. Nun läßt sich eine solch solide Konstruktion aus Leichtmetall und Plastik, die dazu noch mit sechzigtausend Litern Wasser gefüllt ist, trotzdem nicht ganz so leicht hin- und herschieben wie eine Kinderbadewanne, und deshalb haben unsere Vermieter zwischen Haus und Pool ein nettes Deck aus Holzplanken mit einem massiven Holzgeländer drumherum installieren lassen, das man zwar einerseits nur mittels einer kleinen Treppe erreichen kann, von dem aus man aber andererseits den Eindruck hat, einen (weitaus teureren)
in ground pool zu besitzen. Das eben erwähnte Filterpumpenblasding befindet sich nun an der absolut unzugänglichsten Stelle unter
diesem Deck, welches - nur um es nebenbei zu erwähnen - gerade so hoch ist, daß man darunter nicht werkeln kann ohne nach zirka fünf Minuten heftigste Muskelkrämpfe in Rücken, Waden und Oberschenkeln sowie nach weiteren fünf Minuten mittelschwere Wirbelsäulenschäden davonzutragen.
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Den optischen Mittelpunkt der ganzen Anlage bildet jedoch nicht etwa der Pumpenmotor, wie der
pooltechnische Laie eventuell vermuten könnte, sondern ein hellbrauner Plastikbehälter in Form und Größe eines klassischen deutschen Gurkenfasses. Dieses Faß ist mit ungefähr einem Zentner eines speziellen Filtersandes gefüllt und daher
von normalen Menschen keinesfalls von der Stelle zu bewegen, jedenfalls nicht in gebückter Haltung, obwohl das manchmal notwendig ist. Oben drauf befindet sich mittig eine kompliziert aussehende, dunkelbraune Apparatur mit einem Hebel,
in die zugleich zwei Schläuche von jeweils etwa zwei inches
Durchmesser münden: einer, der das Wasser vom Pool durch einen Filter und die Pumpe hinein- und einer, der das Wasser, vom Sand im Faß gründlichst gefiltert, wieder heraus- und durch eine Wassereinlaßdüse zurück in den Pool befördert. Gleich neben dem Hebel ist ein Manometer angebracht, welches in der handlichen Maßeinheit
psi anzeigt. Dieses steht für pounds per square inch. Ich überlasse es den Masochisten unter unseren Lesern, diese 453 Gramm pro 6,4009 Quadratzentimeter in das international übliche bar
umzurechnen und wünsche viel Spaß dabei, gestehe jedoch, daß ich selber diese Rechnerei gar nicht erst angefangen, sondern mir einfach gemerkt habe, daß laut Bedienungsanleitung der angezeigte Druck bei Normalbetrieb irgendwo zwischen 15 und 18 stehen muß, was immer das bedeutet.
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Zurück zu meinem Schrecken. In den Vorjahren haben wir immer brav und gewissenhaft das ganze
Pumpen-, Filter- und Schlauchgewirr abgebaut und im Keller verstaut. Weil uns im letzten Jahr jedoch irgendein poolbesitzender Idiot, dessen Namen ich zur Strafe hier nicht nenne, für dumm erklärt und uns geraten hatte, das ganze Gerödel
doch einfach draußen zu lassen, er mache das auch immer so, und wir - offensichtlich selber poolbesitzende Idioten - auf ihn gehört haben, entdecke ich nun, daß der Frost unser hellbraunes Gurkenfaß durch mehrere klaffende Sprünge völlig
unbrauchbar gemacht hat. Immerhin soll das Ding ja bald wieder einen Druck von 15 bis 18 psi
aushalten, und das darf man nicht unterschätzen, auch wenn man nicht genau weiß, wieviel das ist. Andererseits, ohne Faß keine Gurken bzw. in unserem Fall kein sauberes Wasser. Ersatz muß also her. Nun gut, unser Pool Supply Shop
liegt nur fünf Autominuten entfernt, und weil ich die präzisen Fragen des freundlichen Fachmannes hinter der Theke bezüglich des Herstellernamens, Seriennummer, Zuleitungs- bzw. Ableitungsschlauchöffnungsgewindedurchmesser und Baujahr
alle mit einem ebenso präzisen "Keine Ahnung" beantworten kann, wälzen wir gemeinsam einige dicke Kataloge mit übersichtlichen, ganzseitigen Explosionszeichnungen und ich bekomme eine ungefähre Vorstellung davon - à propos
Explosion - wie so ein Sandbehälter aussehen kann, der einem Druck von 15 bis 18 psi
nicht standzuhalten vermag, obwohl ich immer noch nicht die entfernteste Ahnung habe, wieviel das eigentlich ist und es mir auch langsam weniger und weniger interessant erscheint. |
Inzwischen habe ich mich, nach einigem Nachdenken, mit mir auf einen Behälter geeinigt, der dem
unserigen zerbrochenen am ähnlichsten sieht, und dann dauert es wirklich nur zwei oder drei Minuten, bis die Wiederbelebungsversuche des Fachmanns mir meine plötzlich geschwundenen Sinne zurückbringen. Dabei hatte er mir nur den Preis
genannt: zweihundertneunzig Dollar! Für ein einfaches Gurkenfaß aus Plastik! Und das kann ich nicht mal unserer Hausvermieterin in Rechnung stellen, weil es ja unsere eigene Dusseligkeit war, den Behälter über Winter nicht
reinzuschleppen. Doch weil Poolzubehörfachverkäufer in aller Regel keine Unmenschen sind, macht dieser mir ein Angebot und ich erlebe damit eines der seltsamsten Dinge, die mir bisher in diesem Lande widerfahren sind: ein schlichter
Sandbehälter ohne Drum und Dran kostet zweihundertneunzig Dollar. Kaufe ich jedoch die ganze Einheit, also Behälter samt komplizierter, dunkelbrauner Hebelapparatur plus einiger Kleinigkeiten, kostet mich das Ganze "nur"
zweihundertfünfzig! Eine seltsame Art vierzig Dollar zu sparen, finde ich zwar, aber nun gut, was soll's, so haben wir wenigstens künftig einen dunkelbraunen Apparat inklusive Hebel in Reserve, man kann ja nie wissen. |
Und weil ich nun schon mal dabei bin, kaufe ich auf Anraten des freundlichen Fachmanns auch
gleich noch den zugehörigen Zentner frischen Filterspezialsand (der verdächtig genauso aussieht, wie jeder andere normale Sand auch, aber trotzdem zwölfmal so teuer ist), einige Gallonen Aqua-Shock
(um erstens nach dem langen Winterschlaf dem Wasser und zweitens mir beim Bezahlen einen Schock zu versetzen), mehrere Gallonen Water Stabilizer
(so stabil wird das Wasser allerdings nicht davon, denn es gibt trotzdem gelegentlich Wellen auf der Oberfläche, wie ich aus eigener Erfahrung weiß), eine Gallone Antialgenflüssigkeit (das scheint mir in unserem konkreten Fall die einzig sinnvolle Ausgabe zu sein), eine größere Dose
pH Increaser, eine zweite größere Dose pH Decreaser
(das Erstere um den Säuregehalt des Wassers rauf- und das Letztere um ihn runterzusetzen - leider gibt's noch nichts, um ihn einfach da zu halten, wo er hingehört), und mehrere kleinere Büchsen, Tuben und Tiegel, gefüllt mit Diesem und Jenem für diverse Zwecke.
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Während ich keuchend das ganze Zeugs auf unser Deck schleppe, gelingt es Gisela gerade, den
letzten Knoten unseres Schlauches zu entwirren und so machen wir uns wieder frohen Mutes ans Werk. Nach knapp einer Stunde und vier mäßig starken Muskelkrämpfen gelingt es unseren gemeinsamen Anstrengungen, das zwar kaputte, aber dennoch
sandgefüllte Gurkenfilterfaß von seinem Schlauchgewirr zu befreien und unter dem Deck hervor ans Sonnenlicht zu zerren. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit (und weiterer zwei Muskelkrämpfe) und der neue, mit frischem Sand gefüllte
Filterbehälter könnte feierlich in Dienst gestellt werden, wenn, ja wenn nur schon wieder genügend Wasser im Becken wäre. |
Lasset uns rechnen: unser Pool enthält im betriebsbereiten Zustand 60.000 Liter Wasser. Im
vergangenen Herbst haben wir den Wasserspiegel um ein Fünftel gesenkt, das entspricht ziemlich genau einem amerikanischen foot, aber das tut in diesem Fall nichts zur Sache. Ein Fünftel von 60.000 Litern sind 12.000 Liter und
unser grüner Gartenschlauch verkraftet bei einem Querschnitt von 0,5 inch
eine Durchflußmenge von... was weiß denn ich, bin ich etwa Physiker? Oder Ingenieur? Nein, keines von beidem. Trotzdem wird mir sicher jeder Newsletter Leser, der schon einmal in seinem Leben zwölftausend Liter Wasser durch seinen Gartenschlauch auf die Geranien in den Balkonkästen verspritzt hat, bestätigen, daß sich sowas zeitlich ganz schön hinzieht. Und wer mir das trotz meiner anschaulichen Beschreibung immer noch nicht glauben mag, darf gerne bei nächster Gelegenheit mal seine tausendzweihundert Eimer aus dem Keller holen, am Küchenkran mit Wasser füllen und dabei die Zeit stoppen.
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So neigt sich unter derartig tiefsinnigen Überlegungen, Scherzen und Frohsinn der erste Pooltag
seinem Ende entgegen, wir drehen den Wasserkran sicherheitshalber ein wenig zuer und gehen nach getaner, wenn auch nicht vollendeter Arbeit wohlgemut schlafen. |
Am nächsten Morgen steht der Wasserspiegel anforderungsgemäß zehn Zentimeter über dem unteren
Rand des Absaugkastens und wir begeben uns auf Gefechtsstation, das heißt, Gisela steht am Pumpenschalter an Deck und ich beziehe Posten neben dem Pumpenfilterschlauchgewirr unter Deck. Eine kurze, letzte Kontrolle aller Verbindungen und
Hebelstellungen und dann kommandiere ich wie ein gelernter Feuerwehrmann: "Wasser marsch!" Gisela betätigt den Schalter und - es läuft! Hurra, es läuft tatsächlich! Und wie. Leider nicht nur die Pumpe, nein, aus dem schwarzen
Plastikteil, in welches der Schlauch zwischen Sandbehälter und Pumpe mündet, läuft es ebenfalls. Das teure Wasser nämlich. Und zu allem Verdruß auch noch in hohem Bogen auf mein T-Shirt. "Halt!" schreie ich, "Stopp das
verdammte Ding! Schnell!" |
Ja, es hätte so schön sein können, aber offenbar hat besagtes schwarzes Plastikteil im Winter
ein ähnliches Schicksal erlitten wie das Gurkenfaß und einen Riß bekommen. Doch da ich, wie eben schon mal erwähnt, weder Physiker noch Ingenieur bin, fällt mir sofort eine Lösung ein: eine simple Schlauchschelle um den rissigen Stutzen
müßte in diesem Fall reichen. Glücklicherweise haben wir auch einen Heimwerkermarkt gleich um die Ecke (die Amis wissen schon, wo sie ihre einschlägigen Geschäfte hinbauen müssen, und warum, Anm. d. Verf.), doch leider führt dieser keine
Schlauchschellen. |
Zwischenfrage: wer weiß, was 'Schlauchschelle' auf amerikanisch heißt? Siehste! Selbst im
fortgeschrittenen Englischunterricht der Oberstufe eines Neusprachlichen Gymnasiums kommt dieses Wort nämlich garantiert nicht vor und deswegen braucht es auch nicht in einem Wörterbuch zu stehen, jedenfalls nicht in unserem. Ich lerne
es auch erst von unserem netten Nachbarn, der nebenan friedlich und guter Dinge seinen Rasen mäht, nachdem ich ihm mit meinem bescheidenen Vokabelvorrat und unter Zuhilfenahme mehrerer Finger klarmache, was ich brauche, und hiermit sei
es großzügigerweise allen unseren Newsletter Lesern mitgeteilt: hose clamp. Eigentlich ganz einfach, wenn man's weiß. |
Im zweiten Baumarkt, etwas weiter weg, finde ich auch tatsächlich das Gewünschte, und weil ich
vor lauter Aufregung über die schöne neue Vokabel vergessen habe, den benötigten Durchmesser festzustellen, kaufe ich zur Sicherheit gleich einen kleinen Vorrat verschiedener Größen für nur 78 Cents pro Stück, denn ich finde,
hose clamps
kann man gar nicht genug im Hause haben, eine passende wird dann schon irgendwie dabei sein. Ist sie auch tatsächlich und außerdem kinderleicht anzubringen, wenn man den richtigen Schraubendreher hat, also so einen, mit dem man in bequem verkrampfter Hockstellung um die Ecke schrauben kann.
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Und schon drehen wir die Slapstick-Szene erneut: "Wasser marsch", die Zweite. Wow, es
hält! Kein einziges Wassertröpfchen entweicht dem knallharten Zugriff einer amerikanischen hose clamp. Die Pumpe pumpt, der Ansaugkasten saugt, der Filter filtert und besonders die Wasserrückführdüse düst. Einigermaßen jedenfalls.
Doch was ist das? Nach einigem Blubbern und Blasenspucken, welches ich ihr nach der langen Winterpause nicht weiter übelnehme, kommt statt kristallklarem, gefiltertem Wasser ein milchigweißer Strahl aus ihrer Öffnung, woraus alsbald eine
solide Schaumkrone auf unserer Pooloberfläche anwächst, die jedem gutgezapften Pils alle Ehre machen würde. Weil wir das erstens nicht so gut finden und uns dieses Phänomen zweitens noch neu ist, stellt Gisela die Pumpe erstmal wieder ab
und wir konsultieren eine Art "Handbuch für das Pflegepersonal in privaten Freibädern" auf amerikanisch, welches wissen muß, was uns da widerfährt. Und tatsächlich, im Kapitel Problem Solving
finden wir unter dem Stichwort Foam
(dtsch.: Schaum), daß es eigentlich nur eine einzige Ursache für unser pilsartiges Wasser geben kann: ein Leck im Filtersystem. Na, da sind wir aber froh, es hätte ja was Schlimmes sein können. Doch ein winziger, luftansaugender Haarriß, der da irgendwo im meterlangen Schlauchgewusel, in einer schlechtsitzenden Verbindung, im braunen Hebelapparat, im Ansaugkasten, in der Rückführdüse, in der Pumpe oder in schwarzen Plastikteilen oder was weiß ich noch alles unter einem niedrigen, halbdunklen, unzugänglichen Deck sitzt, dürfte ja mit Leichtigkeit zu finden sein. Oder auch nicht. Mit einem Wort: Sch...!
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Also lassen wir das schöne Wasser samt einem kleinen Teil des Schaums wieder ab, bis die
Oberfläche knapp unter dem unteren Rand des Absaugkastens steht und das Wiesenstück hinter dem Haus, wohin das Schlauchende mündet, sich in einen kleinen Sumpf verwandelt (zur Erinnerung: 12.000 Liter). Unsere Hoffnung, der Schaum möge
sich bald von selber wieder auflösen, erweist sich allerdings als völlig unbegründet, und deshalb macht Gisela sich an die dankbare Aufgabe, mit unserem langstieligen Kescher, der eigentlich zum regelmäßigen Abschöpfen schwimmender
Blätter und anderer Kleinteile gedacht ist, die großflächige Pilskrone zu beseitigen. Inzwischen krieche ich unter zahlreichen Muskelkrämpfen, die ich mir diesmal jedoch nicht anmerken lasse, wieder unter das Deck, taste alles, wirklich
alles nach Feuchtigkeit ab, was da unten an Pooltechnik angehäuft ist, und komme zu dem Schluß, daß der Haarriß nur in den unergründlichen Innereien der Pumpe selber sein kann, schließlich bin ich kein Ingenieur oder so, wie ich bereits
sagte. Doch das Ding auseinanderzunehmen will mir trotzdem nun wirklich nicht einfallen, wobei ich mich, um ehrlich zu sein, wesentlich mehr vor dem Wiederzusammensetzen fürchte. Doch weil Unbeherrschtheit im Allgemeinen nicht zu den
Tugenden eines Mannes gerechnet wird, löse ich bedächtig mit a) Giselas Hilfe, b) einiger Anstrengung und c) ungeahnter Geschicklichkeit die Pumpe von ihren Schläuchen, schraube sie von der Grundplatte ab und in wenigen Minuten stehe ich
mitsamt dem Ding wieder im Pool Supply Shop, wo mich der freundliche Fachverkäufer bereits mit Vornamen begrüßt. Er selbst heißt übrigens Les und wir sagen seit meinem letzten Großeinkauf sogar you
zueinander. Ich lege ihm die Pumpe auf den Ladentisch und spreche ganz gefaßt die folgenden Worte: "Reparier' mir den verdammten Apparat, egal, was dran ist und egal, was es kostet, hier ist meine Kreditkarte, jetzt ist sowieso alles Wurscht (engl.:
sauschage
- ein kleiner orthographischer Scherz für Insider), aber bitte mach, daß es funktioniert, von nun an und in Ewigkeit, Amen." Jeder Poolverkäufer liebt solch fromme Kunden, und deshalb verspricht mir Les, erstens sein Allerbestes zu tun, zweitens schon heute nachmittag damit fertig zu sein und mir drittens für die Reparatur nicht mehr als den international üblichen Pumpenreparaturstundenlohn von 65 Dollar zu berechnen - plus Ersatzteilkosten, versteht sich.
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Geübt, wie wir inzwischen sind, gelingt es Gisela und mir spätnachmittags mit vereinten
Krämpfen, die reparierte Pumpe wieder nahtlos in das Gewirr unter Deck einzufügen, doch bevor wir einen weiteren Testlauf starten können, müssen natürlich erst die fehlenden 12.000 Liter Wasser wieder her. Weil es uns nach kurzem
Nachdenken etwas schwierig erscheint, dieselben aus der sumpfigen Wiese zu saugen (das meiste ist ohnehin inzwischen versickert und daher dürfte die Rückgewinnung uns einige zusätzliche Probleme bereiten, die wir im Moment nun wirklich
nicht gebrauchen können), entschließen wir uns, statt dessen unseren grünen Schlauch wieder aktiv werden zu lassen (vergleiche dazu unbedingt den eben beschriebenen, ersten Auffüllvorgang). |
Am nächsten Tag ist unser Pool unter freundlicher Mitwirkung des örtlichen Wasserwerkes soweit
wieder aufgefüllt, daß wir den Testlauf wagen können, Gisela an ihrem Schalter, ich auf meinem bequemen Beobachtungsposten unter Deck: "Wasser marsch", die Dritte. Und wieder pumpt die Pumpe, saugt der Sauger, filtert der
Filter und düst die Düse. Problemlos diesmal. Wirklich. Ohne Schaum und ohne Leck. Wir sind entzückt. Alle Meeres-, Pool- und Pumpengötter hatten wohl ein Einsehen, und an dieser Stelle sei daher besonders Poseidon und Thetis, sowie
einigen leichtbekleideten Wassernymphen gedankt, unter besonderer Berücksichtigung der Kleinen Meerjungfrau aus Kopenhagen, die wohl in alter Freundschaft ein gutes Wort für uns eingelegt haben muß. |
Wohlgelaunt schleppen wir nun die zahlreichen Plastikbehälter mit der Schockflüssigkeit, dem
Stabilisierer, den pH-Pülverchen und dem Algentöter herbei und kippen das Zeug in unseren Pool. Nicht auf einmal, versteht sich, sondern ordnungsgemäß in den Dosierungen, die uns die recht unübersichtliche Tabelle des schon erwähnten
Handbuchs in ziemlich schwerverständlicher Weise vorschreibt. Na gut, gar so tragisch ist es dann doch nicht, weil uns die meisten Dosierungen noch ungefähr von der vorjährigen Saison erinnerlich sind. Die vielen Ablaß- und
Auffüllvorgänge hatten darüber hinaus insofern etwas Gutes, daß nun sogar das Wasser einigermaßen klar geworden ist. Natürlich vermissen wir noch das kristallene Glitzern, um das uns die Nachbarn demnächst beneiden werden - ehrlich
gesagt, davon sind wir sogar ziemlich weit entfernt, aber immerhin, bis zu einer Tiefe von etwa acht oder gar zehn Zentimeter können wir die treibenden fauligen Blätter, die Zweige, die toten Insekten und den übrigen Unrat schon
einwandfrei erkennen. Doch jetzt lassen wir erstmal die Chemie in Ruhe wirken und Pumpe, Filtersiebe und Sand das ihrige tun, dann werden wir weitersehen. Inzwischen haben wir ja unseren Kescher, mit dessen Hilfe wir dann auch
stundenlang abwechselnd und unverzagt bis zur Erschöpfung den Unrat aus dem Wasser auf die bereits mehrfach erwähnte Stelle im Garten schaufeln und somit das Reinigungssystem mit allen noch verbliebenen Kräften unterstützen. Der/die
jeweilige Nichtschaufler/in darf sich von der Anstrengung erholen, indem er/sie, auf seinen/ihren wunden Knien rutschend, mittels einer stabilen Bürste den soliden Dreckrand auf der Innenseite des Pools in Höhe des Wasserspiegels
beseitigt, welchen Schmutz und Schaum freundlicherweise hinterlassen haben - bis die Arme erlahmen........ |
----- Schnitt ----- |
Es ist Hochsommer in Poughkeepsie. Durchschnittliche Tagestemperaturen zwischen 30 und 35
Celsiusgrade. Abends um zehn sind's immer noch 25. Wir tummeln uns in unserem eigenen, achtundzwanzig (!) Grad warmen Poolwasser, dessen inzwischen kristallklares Glitzern tagsüber alle unsere Nachbarn vor Neid erblassen läßt. Jetzt, am
späten Abend, verbreiten unsere beiden Windlichter romantischen Kerzenschein, über uns funkeln die Sterne mit den Glühwürmchen um die Wette und unsere Drinks stehen in Reichweite am Beckenrand. Die Pumpe hat den ganzen Tag klaglos ihren
Dienst getan und sich dank des installierten Timers um halb neun programmgemäß automatisch abgeschaltet. Daher können wir nun ungestört dem Abendkonzert der Grillen und Zikaden lauschen, das weder unser leises Plätschern noch ein
gelegentliches zufriedenes Glucksen des Absaugkastens übertönen kann. |
In solchen Momenten denken wir an alles mögliche, nur nicht an die gerade beschriebene elende
Schufterei des Frühsommers oder an die horrenden Investitionen. Und noch weiter ist die Tatsache von uns entfernt, daß im Herbst das ganze Theater wieder von vorne losgeht - in umgekehrter Reihenfolge allerdings. |
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