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August 1996 |
Klein, aber oho: Rhode Island |
Rhode Island ist der kleinste von fünfzig US Staaten, nur ein paar Quadratkilometer größer als die Fläche des Saarlandes. Für amerikanische Verhältnisse also
geradezu winzig. Daher tragen die Straßennamensschilder in den wenigen Orten auch alle zur Sicherheit den Zusatz RI (das amtliche Kürzel für Rhode Island), damit der Besucher nicht auf den Gedanken kommt, er sei noch in Connecticut oder
gar schon in Massachusetts. Trotzdem hat das niedliche "Ländle" einiges zu bieten, wie wir kürzlich selbst erleben durften. So hätte der Titel dieses Berichts auch lauten können: Die Schönen, die Reichen und der Jazz. |
Eigentlich ist Rhode Island nicht viel mehr als eine einzige große Bucht mit ein wenig Festland
drumherum. Am oberen Ende dieser Bucht liegt die Landeshauptstadt Providence, und auf einer langgestreckten Halbinsel südöstlich davon die beiden Kleinstädte Newport und Middletown. Alle weiteren Orte Rhode Islands sind in ihrer
Bedeutung getrost vernachlässigbar, auch wenn so hübsche und klangvolle Namen indianischen Ursprungs wie Usquepaug, Chepachet, Pascoag oder sogar Quonochontaug auf ihren Ortsschildern stehen. Zu Newport komme ich gleich, haken wir
zunächst die Hauptstadt selbst ab, auch wenn ich damit einen kleinen Anachronismus begehe, weil wir erst auf der Rückfahrt dort Halt gemacht haben. |
Providence ist eine zwar verschlafen, aber dennoch amerikanisch wirkende Stadt mit nur wenigen,
mäßig hohen Wolkenkratzern downtown (dtsch.: Stadtmitte), von deren ansonsten 157.000 Einwohnern wohl 156.989 gerade im Sommerurlaub gewesen sein müssen, als Gisela und ich dort kurz weilten, um uns eigentlich kurz zu weilen. Drei der
verbliebenen elf Providence'ler (fast wäre mir "Provinzler" aus den Fingern gerutscht, Anm. d. Verf.) fuhren gemächlich in ihren Autos die breite Straße runter, an der wir unseren Wagen geparkt hatten. Ein junger Mann stand an
der Ecke im Halbschatten eines Bäumchens und langweilte sich intensiv. Eine Frau mittleren Alters nebst Einkaufstüte radelte gemessenen Pedalschlages an uns vorbei, als wir gerade die Straße überqueren wollten, und zwei Feuerwehrmänner
staubten in der offenen Halle der gegenüberliegenden Feuerwache bedächtig die Kotflügel ihres roten Leiterwagens ab. |
Glücklicherweise fiel unser Blick durch die fast schon gespenstische Stille, die nur durch das
Flügelschlagen eines einsamen Schmetterlings und das minütliche Klicken der von Grün auf Rot und wieder zurück von Rot auf Grün umschaltenden Ampel unterbrochen wurde, auf eine gemütlich aussehende Kneipe, deren Namen ich leider
vergessen habe, die aber auf einem Schild stolz verkündete, daß es sich bei ihr um einen Brauereiausschank handelte. Um unsere Begeisterung darüber zu verstehen, muß man wissen, daß es derzeit in den USA einen neuen Bier-Trend gibt, den
Trend zu den sogenannten Micro Breweries nämlich. Hierbei handelt es sich um meist sehr kleine lokale Brauereien, die im Gegensatz zu den landesweit agierenden Großen der Branche, wie Budweiser, Miller, Coors und Konsorten, kein
labberiges Einheitsgebräu produzieren, sondern richtig gehaltvolle und schmackhafte Biere von nahezu europäischer Qualität. |
Im kühlen Halbdunkel dieser Kneipe trafen wir dann auch die restlichen vier daheimgebliebenen
Hauptstädter: der Barkeeper selber und drei Gäste an der etwa zwölf Meter langen Theke. Zwei Männer links, die - hin und wieder Bier in sich hineinschüttend - miteinander und gelegentlich mit dem Barmann tuschelten und einer rechts, der
zusätzlich zu seinem Bier auch noch schweigend und langsam an einem Teller Suppe herumlöffelte. So blieb in der Mitte noch genügend Platz für uns, den wir auch ohne langes Zaudern einnahmen. Im Nebenraum konnten wir zwar noch eine Gruppe
lunchender Gäste beobachten, aber das müssen schon aus dem Grund Touristen gewesen sein, weil sonst meine Rechnung nicht aufgeht. |
Hinter der Theke, durch eine Glaswand getrennt, sahen wir denn auch tatsächlich die
charakteristischen kupfernen Gär- und Fermentierungstanks mit zahlreichen verschlungenen Röhren und chromblitzenden Manometern und aus dem Stapel praller Säcke daneben konnten wir beruhigt schließen, daß Hopfen und Malz in Providence
doch nicht verloren waren, sondern hier sackweise geduldig auf ihre weitere Verarbeitung warteten. An der Wand über der Glasscheibe waren genau 34 Schilder angebracht, die stolz die Sorten und Namen der Biere verkündeten, die hier
gebraut werden: Pils, Ale, Stout, Kölsch, Alt, Weiß- und Schwarzbier, Hefeweizen, und, und, und. Ober- oder untergärig, nichts gibt es in der Bierwelt, das hier nicht vertreten gewesen wäre. Zunächst konnten wir zwar den Anflug eines
gewissen Nationalstolzes nicht ganz unterdrücken, als wir feststellten, daß unter den 34 Sorten allein 16 typisch deutsche waren. Nach kurzem Überlegen jedoch und bei kritischer Betrachtung der mit lediglich zwei Kesseln ziemlich
begrenzten Brau-Hardware drängte sich uns der Verdacht auf, daß hier vermutlich nur das Basisbier, also vielleicht so eine Art Trägersubstanz gebraut wird, weil derartig viele unterschiedliche Sorten und Geschmacksrichtungen, die dazu
noch unterschiedlichen Brautechniken erfordern, wohl nur durch heimliche Tütchenbeigaben von aroma- und farbspendenden Chemikalien erzielt werden können. Nun ja. Jedenfalls müßte ich lügen, wenn ich behaupten würde, daß die beiden
halbliterigen Kostproben uns nicht trotzdem geschmeckt und erfrischt hätten. |
Da mir nun zu Providence trotz heftigen Grübelns beim besten Willen nichts Nennenswertes mehr
einfallen will, beginne ich nun mit dem tatsächlichen Anfang. Der ursprüngliche und erste Anlaß unserer Reise war nämlich ein Treffen mit unseren dänischen Freundinnen Ilsemarie und ihrer Tochter Dagmar, die wir beide noch von unserer
kopenhagener Zeit her kennen. Dagmar ist mit Kevin, einem Amerikaner, verheiratet und wohnt normalerweise dreieinhalb Autostunden weiter nördlich in Kennebunk im Bundesstaat Maine. Ihre beiden Töchter, Christine und Caroline, hatten
einen Teil ihrer Ferien bei Oma Ilsemarie in Dänemark verbringen dürfen und weil Dagmar Stewardess bei US Air ist und daher extrem billige Familientickets bekommen kann, hatte Ilsemarie die beiden Mädchen auf ihrem Rückflug begleitet und
nun fand die große family reunion, zu der auch wir eingeladen waren, bei Kevins Eltern, Gail und Bill, die in Middletown, in der Coggeshall Street RI wohnen, statt. |
Ein zweiter Anlaß war die Tatsache, daß just an jenem Wochenende das alljährliche, in
Fachkreisen ziemlich bekannte JVC Jazz Festival in Newport stattfand (Middletown und Newport liegen nur knapp drei Meilen auseinander, Anm. d. Verf.) und aus meinem Jazzpodium kannte ich schon die Namen der dort auftretenden Künstler,
wenn auch nicht den genauen Zeitplan. Aus diesem Grunde war es für uns unmöglich, kurzfristig ein Hotelzimmer in der näheren Umgebung zu bekommen, denn die klugen Jazz-Fans, zu denen wir uns offensichtlich nicht zählen durften, hatten
natürlich schon lange im Voraus sämtliche Ho- und Motelzimmer Rhode Islands für sich reserviert. Zum Glück sind Kevin's Eltern streng katholisch und haben sich in der Vergangenheit folgsam an die päpstlichen Ge- und vor allem Verbote
gehalten. Daher hat Kevin nicht nur vier Brüder, sondern auch noch zwei Schwestern (einen kleinen Prozentsatz der Kevinschen Geschwisterschar haben wir während der zwei Tage unseres Besuches kennengelernt, Anm. d. Verf.), die inzwischen
zum größten Teil dem Elternhaus entwachsen sind und demzufolge eine erkleckliche Anzahl freier Zimmer dort hinterlassen haben. Eines davon durften wir belegen. |
Als wir am Samstagmittag nach ca. dreistündiger Fahrt in Middletown eintrafen, wurden wir von
Ilsemarie, Dagmar und Kevin bereits sehnsüchtig erwartet. Das Wetter konnte nämlich schöner gar nicht sein, und so war ein Ausflug zu einem der zahlreichen, und wegen der schon erwähnten Kleinheit des Landes nahen, wunderschönen Strände
Rhode Islands geplant. Dieser Strand in Newport war dann auch tatsächlich so, wie Kleinfritzchen ihn aus dem Fernsehen kennt: zuerst mal ein riesiger, schon dicht beparkter Platz (zur Erinnerung: Amerikaner gehen nicht gerne zu Fuß, Anm.
d. Verf.). Dann eine kleine Bucht mit weißem Sand, hinten links einige Felsen, die zahlreiche Möwen sich als Ruheplatz erkoren hatten, ein paar Dünen, hinter denen die Dächer hübscher Strandhäuser wohlhabender Mittelständler hervorlugten
und rechts eine Strandbar, aus der gedämpft die live-Musik einer fünfköpfigen Blues-Band rübergroovte. Der Atlantik zeigte sich heute mit gemäßigtem Wellenschlag und ringsherum brutzelten sich lauter schöne und junge Menschen
verschiedenen Geschlechts, wir fielen also gar nicht weiter auf. Was uns jedoch auffiel, war das das Fehlen der an europäischen Familienstränden überlicherweise pudelnackter niedlicher Kleinkinder, die sich beim Plantschen im flachen
warmen Seewasser und beim Burgenbauen einen sandigen Po holen dürfen. Im prüden Amerika dagegen ist das vollständige Ablegen jeglicher Bekleidung an öffentlichen Badestränden nicht nur verpönt, sondern schlichtweg verboten, und das gilt
selbst - und besonders - für Kinder unter drei Jahren! So gehört beispielsweise zur züchtigen Badekleidung eines gerade mal stubenreinen, zweijährigen Mädchens zusätzlich zum Badehöschen unbedingt auch ein Oberteil, welches das
Nochgarnichtvorhandene wenigstens andeutungsweise schamhaft bedeckt. Allerdings - hoch lebe die Doppelmoral - durften Kevin und ich uns dafür bei den 16- bis 30-jährigen Mädels an den denkbar knappsten Bikinis erfreuen, deren
offenherzige Zuschnitte wirklich keine allzu großen Anforderungen mehr an die männliche Phantasie stellten. Auch ganz nett! |
Hier, wie in der Strandbar - die Blues-Band war wirklich super, schon mal ein kleiner
Vorgeschmack auf das Kommende - wimmelte es neben den schon beschriebenen Bikinidamen zudem von lauter gebildeten Jungmannen - zumindest waren sie bodygebuildet - und viele trugen auf ihren muskelbepackten Oberarmen stolz ihre neueste
Tätowierung zur Schau (derzeit die große Mode hier in den USA, Anm. d. Verf.). Der Versuch allerdings, eine Dose kühlen Bieres aus der Bar an den Strand zu holen, scheiterte kläglich an a) einem Schild neben dem Ausgang der Bar:
Absolutely no alcohol beyond this point und b) an dem ziemlich bedeutungsvoll aus- und dreinsehenden, schwarzuniformierten Hilfs-Sheriff, der ganz den Eindruck machte, diesem freundlichen Hinweis notfalls mit Hilfe seiner 38er Smith
& Wesson die erwünschte Beachtung zu verschaffen. Das ist etwas, das wir schon hinreichend in diesem freiesten aller Länder der Erde erleben durften, Alkohol- (und auch Nikotin-) -konsumenten werden hier geächtet und eingepfercht
(andrerseits habe ich noch an keinem anderen Ort der Welt, wie z. B. in New York City, soviele Menschen aus braunen Papiertüten trinken sehen, mit denen sie die darin befindliche Bierdose oder sogar die Schnapsflasche tarnen, Anm. d.
Verf.). Ich spare mir an dieser Stelle meine weiteren philosophischen Betrachtungen zur amerikanischen Moralvorstellung und deren seltsame Auswüchse für einen späteren Bericht auf. |
Verlassen wir nun den Strand und schauen uns Newport selber an. Je nach Interessenlage unserer
Leserschaft ist Newport nicht nur von dem jährlichen, schon erwähnten Jazz-Festival her bekannt, sondern sicher auch als Austragungsort der berühmten Segelregatta um den America's Cup erinnerlich. Die passionierten Hühnerzüchter unter
unseren Lesern wissen zudem, daß von hier die Rasse Rhode Island Red stammt, wohingegen die Fans des Weißen Sportes die umfassende Weltgeschichte des Tennis und seiner Protagonisten in der International Tennis Hall of Fame täglich von
10am bis 5pm bewundern können. Und wie der Name Newport (dtsch.: Neuhafen) schon selber sagt, ist dieser Ort nicht nur für Berufsfischer und Sportangler, sondern generell für Wassersportler aller Art ein äußerst beliebtes Ausflugsziel,
und das vermutlich schon seit seiner Gründung im Jahre 1639. |
So besteht denn der eigentliche Stadtkern Newports schon allein aufgrund seiner Halbinsellage
fast nur aus Strand und unzähligen kleinen Yacht- und Fischereihäfen (engl.: wharfs). Das Ganze wird flankiert von Hotels, Bars, Restaurants, Eisdielen, Boutiquen, natürlich allen erdenklichen Fast-Food-Buden, Andenkenläden und
Parkplätzen sowie einer öffentlichen Bedürfnisanstalt für Damen und Herren. Alles sehr nett und proper und sogar mit einer richtigen autofreien, ziegelgepflasterten, blumenkübelgeschmückten Fußgängerzone, wie wir sie aus den deutschen
Nord- und Ostseebädern her kennen. Die geschmackvoll renovierten Fassaden der - für amerikanische Verhältnisse - z. T. uralten Stadthäuschen tragen noch erheblich zum anheimelnden Gesamtcharakter der Stadt bei. Ich kann mir gut
vorstellen, daß es hier im Herbst oder Frühjahr wunderschön ist, wenn kein Touristenrummel mehr bzw. noch nicht herrscht und wenn nicht gerade Tausende von herbeigereisten Jazz-Fans durch die Stadt streunen. Natürlich hatte der lokale
Einzelhandel das Festival-Ereignis sofort als Marketing-Zugpferd aufgezäumt, und vielleicht läßt sich ein seidenes Hermès Halstuch neben einer verbeulten Trompete im Schaufenster auch tatsächlich besser verkaufen. Ich weiß es nicht.
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Doch wie das so ist mit den wirklich schönen Plätzen dieser Erde, sie werden alsbald von den
Reichen dieser Welt entdeckt. Und wenn ich in diesem Fall 'reich' sage, liebe Leser, so meine ich wirklich reich. Nicht wie Ihr und wir, die wir nur ein paar bescheidene Millionen auf unseren Konten haben, nein, ich spreche von
Geldmengen, bei denen die Grenze zur Obszönität bereits überschritten ist. Wem würden da nicht sofort Namen, wie Astor, Rothschild oder Vanderbilt einfallen, um nur die auch in Europa bekanntesten Namen zu nennen, denn - ehrlich mal -
wer weiß schon, daß William S. Wetmore Anfang des 19. Jahrhunderts ein ungeheures Vermögen durch den Seidenhandel mit China angehäuft hat, bzw. Edward J. Berwind ein stinkreicher Kohlemagnat aus Philadelphia war? |
Wie dem auch sei, die Bellevue Avenue
in Newport (Amerikaner sprechen das Bellwjuh Ävenjuh aus) ist eine Manifestation dieses Reichtums. Man steht kopfschüttelnd vor Schlössern in riesigen Parks, die die Krupp'sche Villa Hügel wie ein eher bescheidenes Häuschen aussehen lassen. Schlösser, die z. T. sogar früher mal in Frankreich oder England gestanden haben, und die Stein für Stein hierher transportiert und originalgetreu wieder aufgebaut wurden. Angesichts dessen versteht man plötzlich, warum Menschen zu Kommunisten werden. Und, liebe Leser, nicht ein oder zwei solcher
mansions (dtsch. etwas untertrieben: Herrenhäuser) zieren die Bellevue Ave., nein, eins reiht sich an das andere. Alle tragen stolz ihre klangvollen Namen in Goldbuchstaben auf Marmor am wuchtigen Eingangsportal: The Astor's
Beechwood, Belcourt Castle, Marble House, Rosecliff (die Filme "Der große Gatsby" und "True Lies" wurden hier gedreht, Anm. d. Verf.), Château-Sur-Mer, The Elms, Ochre Court
... ich laß es mal gut sein, obwohl ich noch längst nicht alle genannt habe. Aber den folgenden Knalleffekt kann ich mir zum Schluß nicht verkneifen: die meisten dieser Paläste dienten ihren Besitzern lediglich als Sommerhäuschen, normalerweise residierten sie ganz woanders!
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Unseren aufmerksamen Lesern wird sicher aufgefallen sein, daß ich die Vergangenheitsform benutzt
habe. Aus gutem Grund, denn die meisten dieser Herrenhäuser sind heutzutage nicht mehr bewohnt, sondern gehören irgendwelchen Stiftungen und der staunende Kleinbürger darf die feudalen Einrichtungen bewundern, um durch seine drei bis
fünf Dollar Eintrittsgeld zumindest noch das Kapital dieser Stiftungen zu erhalten. |
Jedenfalls sieht man allen Wohnstraßen Newports deutlich an, daß es nicht gerade die Ärmsten der
Armen Amerikas sind, die sich hier niedergelassen haben. Davon legen im übrigen auch die schmucken Segelyachten und Motorboote in den vielen Marinas Zeugnis ab und ich glaube nicht, daß es selbst in Stuttgart wesentlich mehr Mercedes'
oder Porsches (in den USA Inbegriffe des Luxusautomobils schlechthin, Anm. d. Verf.) gibt, als in Newport in den Garagenauffahrten parken. |
Sonntag Morgen 10:00 Uhr. Gail und Bill waren bereits aus der Kirche zurück. Zum Frühstück gab
es Kaffee, Bagel und pastry
(dtsch. im Rhein/Main Gebiet: Kaffeestückchen, dtsch.: in zivilisierteren Gegenden: Teilchen oder Kleingebäck). Kevin, als ehemaliger Ansässiger und daher in Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, hatte sich um die Eintrittskarten für das Jazz Festival gekümmert und daher oblag auch ihm nun die traurige Aufgabe, uns die schlechte Nachricht des Tages zu überbringen: Total ausverkauft! Ein Grund mit war die Queen Elizabeth II, ein Kreuzfahrtschiff, das - wie wir schon am Vortag gesehen hatten - auf der Reede in der Bucht von Newport vor Anker lag. Wie wir jetzt erfuhren, hatte der Veranstalter der Kreuzfahrt spontan die am freien Markt noch verfügbaren 1.800 Karten auf einen Schlag aufgekauft, um seinen Gästen im Urlaub auch mal was kulturell Hochwertiges zu bieten. Eine daraufhin kurzfristig einberufene Krisensitzung brachte Ilsemarie, Dagmar, Kevin, Gisela und mich zu dem Entschluß, trotzdem einfach zum Festivalgelände zu fahren. Erfahrungsgemäß stehen neben den Eingängen zu solchen Veranstaltungen immer ein paar Leute (Spekulanten), die überzählige Karten (zu überhöhten Preisen) verkaufen wollen. Wohlan denn, dem Jazz darf man ruhig ein Opfer bringen. Die Kühltasche mit Sandwiches und Softdrinks in Dosen war schnell gepackt, die Sitzdecke und die Sonnenbrillen im Auto verstaut, und auf ging's zum Fort Adams State Park, unterwegs von den motivierenden
SOLD OUT
Aufklebern auf den an allen Straßenecken hängenden Festival-Plakaten begleitet. Leider habe ich erst später bemerkt, daß ich in der Eile des Aufbruchs unsere Kamera im Haus vergessen hatte, ich wähnte sie noch auf dem Rücksitz, aber, was soll's, Jazz ist ja in erster Linie was zum Hören.
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Fort Adams ist - laut Gedenktafel - im Jahr 1857 an einem der strategisch wichtigsten Punkte der
Ostküste errichtet worden, um die Narragansett Bay und die Bucht von Newport vor Wem-auch-immer zu schützen und sein Bau wurde seinerzeit - man erstarre bitte vor Ehrfurcht - von Lieutenant Colonel Joseph C. Totten höchstpersönlich
überwacht. Nicht genug damit, der eigens dafür engagierte schottische Steinmetzmeister Alexander McGregor hat beim Errichten der meterdicken Mauern sogar selbst Hand angelegt (ganz klar, Amerikaner können halt nur Holzhäuser bauen, Anm.
d. Verf.). Mittlerweile sind jedoch alle Soldaten aus dem Fort fort, und die malerische Kulisse des Gebäudes sowie der landschaftlich traumhaft schöne Park drumherum dient nunmehr als Austragungsort diverser musikalischer und anderer
Veranstaltungen. |
Die Zufahrt zu den riesigen Parkplätzen erwies sich insofern als kleines Abenteuer, weil wir
alsbald von den Autos buchstäblich Tausender herbeiströmender Jazz-Fans total eingekeilt waren und uns zwar im Schrittempo, aber unaufhörlich dem Parkticketverkäufer nähern mußten. Jetzt gab es wirklich kein Zurück mehr, auch wenn wir
gewollt hätten. Immerhin gelang es uns, nachdem wir unsere sechs Dollar Parkgebühren entrichtet hatten, dem Parkplatzwärter die Zusage zu entlocken, daß, falls wir keine Eintrittskarten bekommen sollten und uns innerhalb einer Stunde
wieder bei ihm melden würden, wir die sechs bucks zurückerstattet bekämen. Immerhin etwas (Amis sind lieb, Anm. d. Verf.). Wir waren jedenfalls schon mal drin. |
Nun bitte ich meine Leser, sich folgendes Szenario vorzustellen: eine riesige, zum Parkplatz
umfunktionierte Wiese mit bereits ungefähr 5.000 geparkten Autos dicht an dicht. Einweiser sorgten jedoch dafür, daß niemandes Fahrzeug ernsthaft eingeklemmt wurde. Dazu - wirklich höchst ungewöhnlich - nur zwei bescheidene Shuttle
Busse, mit einer Kapazität von etwa 30 Plätzen pro Fuhre. Desweiteren eine endlos lange Menschenschlange an der Bushaltestelle. Und als Alternative zu dem Ganzen ein zwei Kilometer langer Fußmarsch (nach Adam Riese also hin und zurück
vier km) bis zum eigentlichen Festival-Eingang, wo wir die Kartenverkäufer vermuteten. Aussichtslos! In einer Stunde jedenfalls nicht zu schaffen. Nachdem wir uns nun um eine Hoffnung ärmer aus der geparkten Blechlawine herausrangiert
und kehrtgemacht hatten, erreichten wir trotz der vielen uns entgegenkommenden Autos alsbald unseren freundlichen Parkticketverkäufer, der ehrlich erstaunt war und wirklich nicht damit gerechnet hatte, uns vor dem Festivalende
wiederzusehen. "Parkt doch euren Wagen einfach hier auf dem Seitenstreifen und sprecht die reinfahrenden Besucher an, ob sie eventuell überzählige Karten dabei haben. Gestern haben Leute das auch so gemacht." So spricht ein als
Parkwärter getarnter Engel und alsbald schallten unsere Stimmen den einfahrenden Jazz-Fans entgegen: "Got any extra tickets?", "We buy your extra tickets!"
Liebe Leser, so unglaublich es klingt, innerhalb von knapp zehn Minuten hatten wir unsere fünf Eintrittskarten beisammen! Und kein einziger Ami, ich wiederhole: kein einziger, hat mehr dafür verlangt, als die offiziell aufgedruckten 35 Dollar. Im Gegenteil, ein junger Mann asiatischer Abstammung war sogar noch froh, weil ich ihm freiwillig 20 geboten hatte (irgendwo muß man ja mit dem Sparen anfangen, nicht wahr? Anm. d. Verf.). Inzwischen hatten sich sogar noch andere kartenlose Fans zu uns gesellt, die, wie wir, einfach auf Verdacht gekommen waren und unseren überwältigenden Erfolg vom Auto aus beobachtet hatten. Wir klopften jedenfalls unserem Park-Engel noch mal dankbar die Schulter und im Hui stand unser Auto wieder auf seinem Wiesenplatz.
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Wie schon erwähnt, das JVC Jazz Festival in Newport ist ein jährlich stattfindendes Ereignis,
welches Tausende von Fans aus aller Welt anlockt, und das, im Hinblick auf das Format und die Qualität der gewöhnlich auftretenden Künstler, völlig zu recht. Seit 1984 wird es von George Wein produziert und von dem japanischen
Elektronikkonzern JVC großzügig gesponsort. George Wein, als einer der ganz großen producer des Jazz, hat nicht nur Namen wie Dave Brubeck, Mel Tormé, Manhattan Transfer, Chick Corea, McCoy Tyner, George Benson - um nur einige der
bekanntesten Jazzer zu nennen - unter Vertrag, sondern auch Rhythm & Blues Größen wie beispielsweise Joe Cocker und B. B. King. Und was er allein an jenem Sonntagnachmittag (das Festival hatte bereits am Freitagabend begonnen, Anm.
d. Verf.) auf die Bühne brachte, war nicht nur das Eintrittsgeld wert, sondern eine Zusammenstellung von Jazz-Größen, die man so kompakt in Deutschland live kaum jemals zu hören bekommt: das Pat Martino Quartet, das Ahmad Jamal Quartet,
die Popjazz-Gruppe Spyro Gyra, das Herbie Hancock Trio mit Gaststar Michael Brecker und als Leckerbissen obendrauf noch Al Jarreau! Um es gleich vorwegzunehmen: ich werde in diesem Bericht keine Musikbesprechung (eine Kritik erübrigt
sich sowieso) vornehmen, noch den eh zum Scheitern verurteilten Versuch starten, meine, nein, unsere Begeisterung in Worte fassen zu wollen, sondern ich bitte meine jazzkundigen Leser lediglich, sich noch einmal die gerade aufgezählten
Namen des Sonntagsnachmittagsprogramms anzuschauen und die jazzunkundigen müssen mir einfach glauben, daß es wirklich grandios war. |
Der Eingang zum eigentlichen Festival-Gelände bestand aus einem eigens errichteten,
orangefarbenen Plastikzaun mit etwa zehn Durchgängen, an denen freundliche Kartenabreißer in offiziellen Festival Mützen und T-Shirts ihren Dienst verrichteten. Natürlich standen wir zuerst in der verkehrten Schlange, denn als wir an die
Reihe kamen, stellte der zuständige Abreißer fest, daß wir eine Kühltasche dabei hatten und weil wir zu dumm gewesen waren, auf die extra mit Cooler gekennzeichneten Eingänge zu achten, durften wir uns von Neuem anstellen. Zum Glück
waren nicht viele Leute vor uns und so waren wir nach einer Minute wieder dran. Jetzt drängt sich natürlich die Frage auf, was soll das Theater? Ganz einfach, denn zwei Dinge sind bei solchen, der Öffentlichkeit zugänglichen
Veranstaltungen streng verboten: wie schon gesagt, Alkohol und - man staune - Gegenstände aus Glas! Als umweltbewußter Europäer ist mir der Grund dafür zwar nicht recht klar, weil ich mir jeden denkbaren Ge- oder Mißbrauch von Glas auch
bei anderen Materialien vorstellen kann, aber da unsere mitgebrachten alkoholfreien Getränke sich in harmlosen Aluminiumdosen mit nach dem Öffnen rasiermesserscharfen Rändern befanden, durften wir nach dem Durchsuchen unseres coolers und
dem Abreißen unserer Karten nun unbehelligt passieren. |
Immer noch nicht waren wir am Ort des eigentlichen Geschehens, obwohl es uns bereits hier aus
etlichen aufgebauten Lautsprechern heftig entgegenswingte. Zuerst galt es, die übliche Budenstadt für's Zusatzgeschäft zu durchschreiten: ein CD-Stand, die offiziellen T-Shirts und Baseball-Kappen mit dem sehr hübschen Festival-Motiv,
jazzbezogenes Kunstgewerbe der mannigfaltigsten Art und natürlich das Riesenzelt des Hauptsponsors JVC, woselbst man die neueste Entwicklung der Firma, eine digitale, nur brieftaschengroße Videokamera bewundern und - seltsam genug -
natürlich auch funktionsbereit kaufen konnte, obwohl laut Riesenschild am Eingang das Mitbringen von Video-Equipment oder Tonbandgeräten strengstens verboten war. Selbstverständlich gab es auch unzählige Freßbuden für jeden Geschmack und
Geldbeutel: von edlem Seafood bis zum ordinären Hot dog war alles, aber auch alles Denkbare im Angebot. Leider - wie gesagt - fehlte der Weißwein zum Fisch und das Bier zur Wurst, aber na ja, dafür hatte es alle anderen Arten von
Erfrischungen: Coca und Cola, Orange Juice und natürlich Eiswürfel und Wasser. |
Endlich. Wir hatten die eigentliche Festwiese erreicht. An der Rückseite des Forts war die Bühne
aufgebaut und die kleiderschrankgroßen Lautsprecher direkt daneben, sowie geschickt verteilte kleinere Boxen sorgten dafür, daß auch das kleinste und entfernteste Stückchen der riesigen Wiese ordentlich und mit ausgezeichneter
Tonqualität beschallt wurde. Etwa 7.000 bis 8.000 Jazzbegeisterte (schwer zu schätzen) zwischen 1 und 90 hatten sich bereits auf dem Gras dicht an dicht häuslich eingerichtet und das bunte Treiben ringsherum hatte mit der kühlen
Atmosphäre eines Konzertsaals soviel gemeinsam, wie der Rosenmontag in Köln mit einer Beerdigung. Klar, auch versunken und konzentriert lauschende Fans gab es, aber essende, trinkende, tanzende, herumlaufende, schmusende, ihre Babys
wickelnde, vor den mobilen Klos wartende, klatschende, lesende aber alle im gemeinsamen Rhythmus swingende Jazzfreunde verliehen dem Festival eher einen Volksfestcharakter. Schön! Mal ganz anders als der akademisch-kühle Flair, der
vielen deutschen Jazzveranstaltungen anhaftet. Und so folgten die genannten Gruppen Schlag auf Schlag hintereinander, den Nachmittag ununterbrochen mit Musik füllend. Verständlich, daß die Konzentration zwischendurch auch mal nachließ
und daß nicht nur wir, sondern alle Fans die ca. 20 Minuten Stille in den Umbaupausen zwischen den einzelnen Auftritten dankbar begrüßten. Trotzdem war die Stimmung phantastisch und nicht mal ein kurzer, überraschend plötzlich
einsetzender Regenschauer tat dieser einen Abbruch, auch wenn Herbie Hancock, selber trocken und gut geschützt unter dem Bühnendach, währenddessen ständig über uns Zuhörer witzelte, die wir uns mit Decken und Handtüchern notdürftig gegen
die Unbilden des Wetters zu schützen versuchten. |
Hinter uns, in der Bucht von Newport, lag nicht nur die Queen Elizabeth II majestätisch vor
Anker, sondern Boote sonder Zahl hatten sich als (natürlich nichtzahlende) Zaungäste des Ereignisses eingefunden, strahlendweiße Luxusyachten mit der Champagner und Kaviar schlürfenden haute volée an Bord gleich neben den jungen Leuten
mit dem Sixpack Budweiser im mausgrauen Schlauchboot. Jedenfalls... everybody was having a good time. |
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