|
Juni 1996 |
R U THRST oder nicht? |
Daß unsere amerikanischen Mitbürger unter einem schweren Abkürzungsfimmel (Aküfi), oder engl.: abbreviation obsession (abbobs), leiden, ist ja aus einigen
unseren zahlreichen früheren Veröffentlichungen bereits bekannt. Wie weit sie es jedoch tatsächlich mit demselben treiben, haben wir allerdings erst im Laufe der Zeit herausfinden dürfen, bzw. müssen. Und wir wissen jetzt sogar ungefähr,
warum sie es tun. Das folgende Protokoll einer Schulstunde gibt Auskunft. |
Liebe Kinder, aufgepaßt! Heute beschäftigen wir uns mit Abkürzungen. Nein nein, nicht die
Abkürzungen, die Euer Daddy immer mit dem Auto fährt, wenn er es eilig hat oder wenn er besoffen ist. Ich meine viel wichtigere Abkürzungen. Ihr wißt ja selber wieviel Zeit ihr jeden Tag mit Sprechen und Hören verbringt, nicht wahr?
Jetzt stellt euch mal vor, ihr müßtet alles, was ihr sagt, schreiben. Und alles, was ihr hört, lesen. Gar nicht auszudenken wieviel kostbare Zeit ihr damit vertrödeln würdet! Ihr kämt ja überhaupt nicht mehr zum Fernsehen! Schrecklich,
nicht? Doch leider, liebe Kinder, läßt sich im täglichen Leben zumindest das Lesen nicht immer vollständig vermeiden und deshalb haben kluge Leute hier in Amerika sich was Tolles ausgedacht. Ihr braucht bloß ein paar Buchstaben und
einige wenige Ziffern und damit könnt ihr schon recht hübsche Wörter und sogar richtige kleine Sätze bilden. Und wenn ihr erstmal wißt, wie's geht, werdet ihr sehen, wieviel Zeit ihr damit sparen könnt. |
Doch zuerst, liebe Kinder, müßt ihr euch angwöhnen, bei der Anrede keine mehrsilbigen Namen mehr
zu verwenden. Daß beispielsweise aus Thomas Tom wird, aus Stephen Steve, aus Richard Rich oder Dick, aus Robert Bob, aus Vivian Viv, aus Patricia Pat, aus Anna Ann
usw. usw., wußtet ihr ja bereits, nicht wahr? Doch das reicht natürlich noch lange nicht, schließlich gibt es noch viel, viel mehr Namen, die sich mit ein bißchen gutem Willen ausgezeichnet verstümm... äh, verkürzen lassen. Dazu gebe ich euch jetzt einen Tip, der sich außerdem im zwischenmenschlichen Bereich des praktischen Lebens schon ausgezeichnet bewährt hat: ihr laßt einfach die letzte Silbe weg. Und ich zeige euch auch gleich, wie schön das klappt. Du, da drüben, wie heißt du? Mary? Gut, ab sofort wirst du nur noch Mar (sprich Mär, Anm. d. Verf.) gerufen, klingt doch auch viel hübscher, oder? Kann mir jemand noch ein Beispiel nennen? Ja, Larry, was meinst du? Natürlich, dein eigener Name: Lar (sprich Lär, Anm. d. Verf.). Sehr gut, setzen! Weiß jemand noch eins? Wie? Im Fernsehen? Was denn da genau, Ronald... äh, Ron? Ach ja, du meinst die
comedy show, in der sich die beiden Hauptpersonen Seinfeld und Kramer immer mit Sein und Kram
anreden. Hervorragend beobachtet! Und ihr anderen seht außerdem an diesem Beispiel, daß ihr vom Fernsehen eine Menge lernen könnt, wenn ihr nur immer gut aufpaßt. Jedenfalls, liebe Kinder, sehe ich, daß ihr das Prinzip verstanden habt. Also daß mir hier in der Klasse keiner mehr so schrecklich lange Namen wie
Alfred oder gar Dorothy verwendet. Denkt immer daran, wenn Ihr Fred, besser Al, oder Dotty, noch besser Dory, das hat noch einen Buchstaben weniger, sagt, könnt Ihr viel mehr Zeit bei Euren
Helden Sein und Kram im Fernsehen verbringen. |
So, Kinder, jetzt wollen wir uns aber mit den tollen Buchstaben und Ziffern beschäftigen, von
denen ich euch eben erzählt habe. Das Schöne in unserer amerikanischen Sprache ist nämlich, daß viele einzelne Buchstaben oder eben auch Ziffern genauso klingen, wie ganze Wörter. Wem fällt dazu ein Beispiel ein? Ja, Micha... äh, Mike?
Sehr gut, gleich drei Stück, U ist you, R ist are und B ist be oder bee. Doch aufgepaßt, Kinder, das B wird auch für bar
gebraucht. Ihr glaubt mir nicht? Haha, und was ist mit B-B-Q ? Das weiß doch wohl jeder von euch, daß das barbecue
heißen soll. Na gut, ich gebe zu, es ist ein bißchen weit hergeholt, aber trotzdem benutzt jeder anständige Amerikaner diese Abkürzung, zumindest beim abendlichen Grillen. |
Wie, Mike, du weißt noch mehr Buchstaben? Also laß hören. Stimmt, C klingt wie see
oder sea, Y ist why, O ist owe, M ist am und T ist gleich tea oder -ty. Am allereinfachsten ist das jedoch mit dem I, denn das ist von Haus aus schon I,
es kann aber zur Not auch als eye gebraucht werden. |
Und wie ist das nun mit den Ziffern, Joe? Genau, 2 ist to oder sogar too
und 4 ist for. Und jetzt, liebe Kinder sage ich euch auch noch eine Ziffer, auf die ihr bestimmt nicht so schnell gekommen wärt: 8. Ja, da staunt ihr, aber es ist wirklich ganz einfach, wenn man's weiß, denn 8
wird zwar eight geschrieben, aber so ähnlich wie 'eht' gesprochen und damit kann man eine Menge anfangen, weil viele amerikanische Wörter diesen Laut enthalten, auch wenn er völlig anders geschrieben wird. Zum Beispiel -ate-
, -eat- oder -aid-. Was bedeutet also L8, Mar? Richtig, late. GR8 ist natürlich great, und wenn Ihr mal jemandem Erste Hilfe, also First Aid, leisten müßt, so könnt Ihr das künftig
viel schneller mit 1ST 8. |
So, jetzt wollen wir aber mal ein paar richtige Sätze bilden, damit ihr seht, wie schön das
geht. Also, ganz einfach: U R 2 OLD oder THE T IS 4 U oder Y R U L8. Fein, was? Als Hausaufgabe denkt ihr euch bitte jeder bis zur nächsten Stunde fünf solcher Sätzchen aus. |
Was meinst du, Sue? Du weißt nicht, was ein YBR8R
ist? Räusper, nun ja ... äh, dazu bist du erstens noch viel zu jung und solltest da auch besser deine mom oder deine große sis (häufig gebrauchte Verkürzung von sister, das männliche Gegenstück heißt bro,
Anm. d. Verf.) fragen. Wir machen jetzt lieber weiter mit dem Unterricht. Wenn man nämlich weiß, daß Z im Amerikanischen 'sie' gesprochen wird, dann versteht ihr das folgende Wort ganz EZ. Schwieriger ist da schon, daß XL
wie excel klingt, und wer von euch das Wort XLR8R versteht, der darf getrost von sich selber sagen: I XL. |
Mit dem X
kann man sogar noch eine Menge mehr machen. So lassen sich beispielsweise alle Wörter die mit EX- beginnen - und davon gibt es ja bekanntlich eine ganze Menge, prima verkürzen. Merkt euch die folgenden xamples: xpert
, xercise, xcuse, xperiment usw. bis hin zu XTC und XM. |
Und, Kinder, den Aufkleber I M 2 FAST 4 U
an der hinteren Stoßstange eines Sportwagens habt ihr alle ja sicher schon mal gesehen und wißt auch sicher was es bedeutet, nicht wahr? Aber I O U
noch eine Erklärung zur Überschrift, denn obwohl die weltbekannte Firma Coca Cola dieses R U THRS T sogar auf eines ihrer Werbeplakate hat drucken lassen, mußten sicher einige von Euch ziemlich lange überlegen. Es heißt natürlich
Are you thirsty. |
So, liebe Kinder, das war's für heute, auch wenn wir noch längst nicht alle Ab- und
Verkürzungsmöglichkeiten durchgenommen haben. Aber weil heut' Freitag ist, machen wir ausnahmsweise etwas früher Schluß. Denkt an eure fünf Sätzchen und schaut euch bis zur nächsten Stunde noch mal gründlich die folgende Zusammenfassung
an. |
Also, in diesem Sinne: C U L8R! |
|
1ST 8 |
first aid |
Erste Hilfe |
C U L8R |
see you later |
tschüß |
EZ |
easy |
leicht |
GR8 |
great |
groß |
I M 2 FAST 4 U |
I am too fast for you |
ich bin zu schnell für dich |
I O U |
I owe you |
ich schulde Dir/Euch |
I XL |
I excel |
ich bin vortrefflich |
L8 |
late |
spät |
R U THRS T |
are you thirsty |
hast du Durst |
THE T IS 4 U |
the tea is for you |
der Tee ist für dich |
U R 2 OLD |
you are too old |
du bist zu alt |
XLR8R |
accelerator |
Gaspedal |
XM |
exam |
Examen |
XTC |
extasy |
Extase |
YBR8R |
vibrator |
dto. |
Y R U L8 |
why are you late |
warum kommst du zu spät |
|
|
newsletter_juni1996-3.pdf
18 KB, 2 Druckseiten
|
zum vorherigen Newsletter mit dem nächsten
Newsletter |
|