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Oktober 1996 |
75 Runden bis zum Sieg |
Ein Amerikaner ohne Auto ist keiner! Und deshalb hat sich in den USA auch wie nirgendwo sonst ein Kult um den fahrbaren Untersatz entwickelt, der im Rest der
Welt seinesgleichen sucht. Andererseits ist besagter Amerikaner im Straßenverkehr bekanntlich der zuvorkommendste, gelassenste und rücksichtsvollste Autofahrer der Welt. Kein Wunder, daß soviel geballte Höflichkeit irgendwo eine
entsprechende Kompensation braucht und daher gibt es auch keinen amerikanischen Film ohne Autoverfolgungsjagd und nur in den USA so viele Race Tracks
(dtsch.: Rennstrecken), denn merke: dort ist ein Auto ohne Amerikaner ebenfalls keines. |
Guidos bester Freund war in seinen jungen Jahren mal Rennfahrer. Heute baut er Rennwagen und
Motoren und ist ziemlich bekannt in der lokalen Szene. Und weil hier am 26. Oktober das letzte Autorennen zum Saisonabschluß stattfand, hat Guido mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte - ich hatte. Ismael, ein IBM Kollege aus Chile, und
ebenfalls mit Guido bekannt, hatte auch. Und so fuhren wir drei Männer dann spätnachmittags zum Orange County Speedway, eine Autorennbahn etwa 40 Meilen südwestlich von Poughkeepsie (speed heißt Geschwindigkeit, way
ist der Weg und county entspricht etwa einem deutschen Landkreis, also eine Art Verwaltungsbezirk, der in diesem konkreten Fall zwar Orange heißt, mit Apfelsinen jedoch nicht das geringste zu tun hat, Anm. d. Verf.). |
Von unserem sehr schönen Tribünenplatz genau in der Mitte der Zielgeraden haben wir einen
hervorragenden Blick auf das, was sich da unten in der Arena abspielt. Und 'Arena' ist genau das richtige Wort. Auch die weniger Rennsportbegeisterten unter unseren Newsletter-Fans haben sicher eine zumindest ungefähre Vorstellung von
den deutschen Autorennstrecken in Hockenheim und rund um die Nürburg: kilometerlange und komplizierte Kurvenkombinationen durch Feld, Wald und Wiese, über Hügel und durch Täler. Nicht so hier. Der Orange County Speedway ist eine ovale
Rennstrecke, circa eine halbe Meile (800 Meter) lang. Das ist alles. Die Fahrbahn hat keine Asphaltierung, sondern besteht aus einem festgestampften Lehmboden. Etwa anderthalb Meter hohe Leitplanken aus Beton sowie ein hoher Zaun aus
kräftigem Maschendraht verhindern, daß im Ernstfall ein Fahrzeug mit Schwung ins Gelände oder gar in die Zuschauer fliegen kann. In der Luft liegt ein Geruch von Benzin, Auspuffgasen, frischgeröstetem Popcorn, Öl und Staub. Aus
zahlreichen Lautsprechern über, hinter und neben uns kommentiert eine plärrende Stimme ununterbrochen das Treiben in der Arena, wobei das eigentlich völlig überflüssig ist, weil niemand (nicht mal ein gebürtiger Amerikaner) auch nur ein
einziges Wort verstehen kann. Das liegt nicht nur an der Verzerrung der Stimme durch die trichterförmigen Lautsprecher, sondern auch am dröhnenden Gebrüll der Motoren und dem der begeisterten Zuschauer. Und trotzdem trägt dieses
blecherne Plärren durch das mit den Ereignissen synchronisierte Auf- und Abschwellen der Stimme auf jeden Fall positiv zur Atmosphäre bei. |
In der Mitte des Ovals ist das Fahrerlager. Hier wieseln nicht nur Dutzende von Betreuern herum,
sondern es wird unter Flutlicht überall permanent geschraubt und funkensprühend geschweißt, was das Zeug hält, und hier reiht sich vor einer Durchfahrt in der Betonwand auch gerade die nächste Gruppe Rennautos auf, um mit blubbernden
Motoren (wie fernes Donnergrollen) auf ihren Einsatz zu warten. Vor einer zweiten Durchfahrt stehen drei, vier Abschleppfahrzeuge samt ihren Mannschaften und - für den Fall der Fälle - ein Krankenwagen bereit. Gefahren wird gegen den
Uhrzeigersinn, also immer schön linksrum. Direkt vor uns, auf der Tribünenseite steht ein Turm, eigentlich nur eine fünf Meter hohe Plattform, auf der zwei Männer in rotweißgelben Overalls über ein ganzes Sortiment von
verschiedenfarbigen Flaggen gebieten. |
Die Boxenmannschaften klettern plötzlich auf die Dächer ihrer Container-Lkw's, in denen ihr
kostbares Rennauto über normale Straßen transportiert wird, weil sie von dort eine bessere Sicht auf die Strecke haben, denn jetzt - auf irgendein unsichtbares Zeichen hin - setzt sich ein pace car
(dtsch. sinngemäß: Schrittmacherauto) vor die Kolonne der 10 bis 15 Rennwagen und alle folgen ihm mit aufröhrenden Motoren brav auf die Rennstrecke, wo sie gemeinsam eine erste, noch sehr langsame Runde drehen. Das pace car
, dessen zahlreiche, in allen Farben des Regenbogens blinkende und aufblitzende Lichter jeder Vorstadtdisco die Schau stehlen könnten, erhöht nun auf der Gegengeraden allmählich die Geschwindigkeit, um dann urplötzlich in der von uns aus gesehen linken Kurve wieder in der Mitte des Ovals zu verschwinden. Die Lautsprecherstimme wechselt in eine höhere Tonlage und einer der beiden Turmmänner wedelt wie wild mit seiner grünen Flagge. Das ist das Startzeichen, und mit aufbrüllenden Motoren starten jetzt die Rennwagen durch in ihren Qualifikationslauf.
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Weil sie nur knapp sechs Sekunden brauchen, um die kurze Gerade zu durchrasen, versuche ich mal,
blitzschnell die "Autos" zu beschreiben, denn mit der Cw-bestimmten, eigenwilligen Ästhetik eines Formel-1- oder Tourenrennwagens haben diese unförmigen Kisten da unten nur sehr wenig gemeinsam. Die Dinger sehen alle aus wie
ein vorne plattgedrückter Schuhkarton. Und weil es keine Schuhkartons mit Türen gibt, muß der Fahrer auch durch's Fenster ein- oder aussteigen. Die Karosserien sind wild bemalt und mit der Rennummer sowie zahlreichen Aufschriften und
-klebern der diversen Sponsoren zugepflastert. Diese knallbunten Verkleidungsbleche sind grob auf einen Rahmen aus Stahlrohren geschweißt, die gleichzeitig den Effekt von Überrollbügeln haben und vom kantigen Heck bis zur platten
Schnauze reichen. Vorne und hinten an der Karosserie ist jeweils ein starker Gitterrohrrahmen angebracht, der zweierlei Funktion hat: erstens kann das Auto damit bei Bedarf von einem Hilfsfahrzeug angeschoben werden und zweitens bieten
diese Gitter einen gewissen Schutz bei kleineren Zusammenstößen, die gelegentlich vorkommen. Das ganze häßliche Ungetüm rollt zudem noch auf einem asymmetrischen Fahrwerk, mit kleinen Rädern vorne und breiten Walzen ohne Profil hinten,
wohl wegen des besseren Gleiteffektes in den Kurven. Und asymmetrisch ist das Fahrgestell deshalb, weil es ja - wie gesagt - immer nur linksrum geht, und deshalb ist nicht nur der ganze Wagen leicht nach links geneigt, sondern die Räder
stehen rechts auch etwas weiter unter dem Aufbau hervor. |
Diesen Gefährten kann man nun wirklich keinen Charme und keinerlei Ästhetik mehr zusprechen, und
trotzdem besitzen sie eine ungeheure Macho-Ausstrahlung. Dazu trägt natürlich nicht ganz unerheblich der Motor bei, der direkt vor dem Fahrer, im platten Teil des Schuhkartons unter einem Blechbuckel untergebracht ist. Mit der Zeit
bekommt man in Amerika ein Ohr für den Klang großvolumiger Motoren, so daß ich in diesem Zusammenhang zwar einerseits den Begriff 'Hubraum' lieber durch 'Hubsaal' ersetzen, mich andererseits jedoch jeglicher Spekulation über PS-Zahlen
enthalten möchte. Und Guido weiß von seinem Freund, daß der Besitzer eines solchen Monstrums locker sechzig- bis hunderttausend Dollar alleine für den Motor hinblättert, wohingegen die verbeulte Karosserie eines solchen sogenannten
Short Track Racer (dtsch.: Kurzstreckenrenner) sicherlich kaum ein Hundertstel davon wert ist, wenn überhaupt. |
Zurück zum Rennen. Weil meine Beschreibung der Fahrzeuge doch ein wenig länger gedauert hat, ist
inzwischen auch der letzte Qualifikationslauf für das große Finale heute Abend unter Dröhnen, Stauben und Lautsprechergeplärre vorbei. Aus jedem dieser Läufe haben sich zwei oder drei Fahrer qualifizieren können und somit machen sich
unten im Oval gerade 37 Rennwagen mit aufheulenden Motoren startklar. In diesem Finallauf werden 75 Runden gefahren, eine ziemlich harte Prüfung für Material und Mensch, besonders wenn dieser auf der Tribüne sitzt. Doch da kommt schon
das pace car und "schleppt" die 37 auf die Strecke. |
Langsame Aufwärmrunde, linke Kurve, grüne Flagge und jetzt geht die wilde Post aber ab!
Wrrooaam, Wrrooaam, Wrrrroooooaaaam ... ich kann überhaupt nicht so schnell gucken, wie die bunten Schuhkartons an mir vorbeiflitzen. Da jetzt die erste Kurve! Leute, anbremsen! Ja, das denke ich mir so! Nichts da, full power
schlittern die Wagen hinein, der ganze Pulk auf einmal und die einzelnen Wagen nur Zentimeter, Quatsch, Millimeter auseinander! Durch die Staubwolke hindurch sehe ich sie schon voll in die Gegengerade hineinbeschleunigen. Puh, noch mal gutgegangen! Und da tauchen sie links schon wieder auf, die Nummer 17
(Pete's Pizza) liegt vorne, dichtgefolgt von Nummer 3 (Nadine's Auto Parts - Nadine's Autoteile, ein sehr sinniger Name in diesem Zusammenhang, finde ich) und die Nummer 44 (Colonial Diner) liegt an dritter Position
auch nicht schlecht. Dahinter der bunte Rest des Feldes. |
Während sie vorbeidonnernd mein Zwerchfell vibrieren lassen und wieder mit haaresbreiten
Abständen in die Kurve driften, stelle ich erstaunt fest, daß gleich vier Wagen die Startnummer 10 haben, nun gut, die Rennleitung wird sie schon auseinanderhalten können. Und irgendwo dazwischen hat's sogar einen Renner mit der Nummer
00. Ob der Fahrer wohl weiß, woran ein Deutscher dabei unwillkürlich denken muß? Vermutlich nicht, denn in den USA heißt das ja schamhaft bathroom. |
In der nächsten Runde stoppe ich interessehalber die Zeit: 18 Sekunden für eine halbe Meile. Das
entspricht etwa einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 160 km/h, wenn ich mich nicht verrechnet habe. 160, das klingt für einen deutschen Autobahnfahrer nicht gerade übermäßig schnell, aber deutsche Autobahnen bestehen auch nicht aus
lauter engen Linkskurven, sind normalerweise nicht ganz so staubig und die anderen Verkehrsteilnehmer fahren nicht so aggressiv dicht auf, jedenfalls nicht alle. Wenn ich in so einem Wagen da unten säße, hätte ich wahrscheinlich
spätestens nach 10 Runden einen Drehwurm. |
Und da wir gerade von der 10. Runde sprechen, ungefähr bis zu diesem Zeitpunkt gab es jedesmal
zwischen den Wrrrrooooaam's ein paar Sekunden akustische Verschnaufpause, weil die Autos noch relativ dicht beisammen waren und ziemlich geschlossen über die Gegengerade donnerten. Damit ist's nun vorbei und es herrscht ununterbrochen
Krach und Staub, weil das Feld inzwischen soweit auseinandergezogen ist, daß ständig zwei oder drei der Schuhkartons vorbeiröhren. Hatte ich bisher dem Rennverlauf noch einigermaßen folgen können, so beginnen in Runde 26 die ersten
Überrundungen und ich verliere den letzten Rest Übersicht. |
Glücklicherweise - dieses Wort sollte ich nicht schreiben, ich weiß, aber es ist ja nichts
Ernsthaftes passiert - verliert da unten gerade die bisher führende Nummer 17 in der Kurve das linke Vorderrad, weil sie diese etwas zu eng angegangen ist und der Reifen die innere Betonplanke berührt hat. Das Rad springt lustig vor
Nummer 3 quer über die Fahrbahn. Die 3 weicht geistesgegenwärtig noch aus, 44 steigt voll in die Bremse und dann passiert's: scheppernd, staubwirbelnd und verschiedene kleinere und größere Blechteile um sich werfend, verkeilen sich unter
dem Aufschrei der Zuschauer ein gutes halbes Dutzend Fahrzeuge ineinander. |
Zum Glück passieren bei dieser Art Autorennen so gut wie nie Unfälle, bei denen die Fahrer zu
Schaden kommen, und die Blechkarossen sind eh alle total verkratzt und verbeult. Die Flaggenmänner schwenken den nachfolgenden Fahrzeugen wie verrückt die gelben Fahnen entgegen, was diese auch sofort zu vorsichtigem Bremsen veranlaßt
und aus allen Lampen blinkend kommen bereits die Abschleppwagen angebraust, so daß die Besatzung auf der offenen Ladefläche mit dem montierten Kran sich mit aller Kraft an eigens angebrachten Haltegriffen festklammern muß. Während nun
die Helfer die drei, vier absolut nicht mehr fahrtüchtigen Rennwagen von der Strecke schleppen, formieren sich die anderen schon wieder neu hinter dem blinkenden Schrittmacher. Grüne Flagge, und weiter geht's. |
Jetzt liegt Nadine mit ihren Autoteilen vorne und die 44 ist ihr dicht auf den Fersen.
Inzwischen, nach 63 Runden, glaube ich die Fahrtechnik einigermaßen durchschaut zu haben: auf der Geraden ist kaum ein Überholen möglich, weil die Fahrzeuge alle ungefähr gleich stark sind, deshalb geht das nur in, oder besser gesagt
kurz vor oder hinter den Kurven und hier ist die mittlere Fahrspur die beste. Wer nämlich zu weit innen fährt, muß die Räder zu stark einschlagen und kommt nach der Kurve nicht schnell genug wieder weg. Die Außenbahn andererseits ist
wegen des größeren Radius einfach zu weit und man riskiert außerdem, daß ein wagemutigerer Fahrer innen vorbeizieht. Das Problem dabei ist nur, daß jeder Fahrer den Trick kennt und deswegen gibt's in den Kurven immer dieses wahnwitzige
Gedränge. |
Offenbar hat der Fahrer unserer 3 aber heute seinen großen Tag und durch das Ausscheiden der 17
sogar noch zusätzlichen Auftrieb bekommen, denn selbst die waghalsigsten Angriffsmanöver von Nummer 44 können nicht verhindern, daß er als erster die weiße Flagge (letzte Runde) sieht. Bis auf den farbigen Verkäufer, der vollkommen
ungerührt mit seinem Bauchladen ("Popcorn! Hot Chocolate! Popcorn!")
die Tribünenränge durchstreift, hält es uns Zuschauer vor Begeisterung nun nicht mehr auf unseren Sitzen, als einer der Flaggenmänner die bekannte schwarzweiße Schachbrettfahne zückt und unsere Nummer 3 als Sieger einwinkt. |
So kamen Guido, Ismael und ich zu unserem samstäglichen sinnlichen Erlebnis, denn
Auge, Mund und besonders Nase und Ohr kamen voll auf ihre Kosten, die vor Spannung schweißnassen Hände natürlich nicht zu vergessen. Und deswegen haben wir drei dem staubverklebten Fahrer seine 4.000 Dollar Siegprämie auch von ganzem
Herzen gegönnt. |
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