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März/April 1997

Der Tag, an dem das Licht ausging

Beinahe hätten wir es geschafft! Ausnahmsweise war nämlich dieser Winter gar kein richtiger. Jedenfalls keiner, der mit dem Blizzard vom vorigen Jahr zu vergleichen gewesen wäre. Na gut, zwischendurch hat's schon mal ein wenig geschneit und gelegentlich war's auch ziemlich frisch draußen, aber im Großen und Ganzen verhielt sich das Winterwetter bis dato recht untypisch für diese Gegend: unseasonably warm, wie uns die Wettermenschen im Fernsehen immer wieder aufs Neue berichten mußten. Insgesamt war also die Hoffnung nicht ganz unberechtigt, einer diesjährigen Winterkatastrophe zu entgehen. Doch die Vorfrühlingsidylle sollte sich als trügerisch herausstellen. Hier ist also das Tagebuch einer Reise ins Mittelalter.

Samstag, 29. März

Der Ostersamstag ist total verregnet - ein Wetter, bei dem man am liebsten gar nicht erst aufsteht. Wir tun's trotzdem, weil wir uns zum Abendessen ein ziemlich kompliziertes italienisches Rezept vorgenommen haben, bei dem alle verfügbaren Hände mehrere Stunden lang in der Küche gebraucht werden. Es hält dann auch tatsächlich geschmacklich, was das Foto im Kochbuch optisch versprach. Und weil wir keine Lust haben, unseren Ostersonntag - Wetter hin, Wetter her - im heimischen Wohnzimmer zu verbringen, planen wir für morgen einen Ausflug in die große Stadt. Wir ahnen noch nichts.

Sonntag, 30. März

Heute, am Osterfest, machen wir uns mit geputzten Schuhen nach Manhattan auf. Das bedeutet jedesmal ein frühes Aufstehen, trotz Sonntag. Der commuter train (dtsch. sinngem.: S-Bahn) der Metro North setzt uns pünktlich um 10:55 Uhr am Grand Central Terminal in der Zweiundvierzigsten Straße ab und wir werden von einem strahlend schönen Ostertag begrüßt (das Schuheputzen hat sich also gelohnt). Auf der Fifth Avenue findet zwischen 11:00 und 13:00 Uhr die traditionelle Easter Parade (dtsch.: Osterparade) statt, die wir aus verschiedenen Gründen leider verpassen. Doch wir kriegen noch die letzten Ausläufer mit und so können wir wenigstens einige der verrückten Hüte bewundern, die sich das Volk bei dieser Gelegenheit immer aufsetzt. Üppiger Plastikblumenschmuck ist noch ganz normal. Wir sehen Osternester inklusive Eier, bunte, fußhohe Zylinder und riesige, blumenbesteckte Strohhüte auf allen Köpfen. Ein junger Mann hat sich sogar einen lebendigen Hasen aufs Haupt geschnallt und erregt damit - selbst in New York - auch tatsächlich das angestrebte Aufsehen. Leider, wie gesagt, zerstreuen sich die Massen alsbald, und die Polizei öffnet die Fünfte wieder für die Autos, Taxen und Inline-Skater. Da wir das jedoch zur Genüge kennen, kaufen wir uns zum Trost zwei Eintrittskarten für eine Broadway-Show um 18:00 Uhr und verbringen die Zeit bis dahin schlendernd im sonnigen Central Park, inmitten von unzähligen Rollschuhläufern, Radfahrern, Joggern und kinderwagenschiebenden Familien.

Wir sind immer noch völlig ahnungslos und nehmen nach dem Musical sogar noch einen kleinen Nachtimbiß in einem unserer Lieblingsrestaurants zu uns, bevor wir uns nach einem schönen Tag von der Metro North wieder nach Hause fahren lassen.

Montag, 31. März

9:00 Uhr. Heute ist Ostermontag. Zumindest in Europa. Hier in den USA wird zwar ganz normal gearbeitet, aber da meine Gesprächspartner in München, Brüssel und Paris ja eh alle in ihren Gärten beim Eiersuchen sind, rufe ich meine Sekretärin an und erkläre diesen Tag feierlich zu einem meiner personal choice holidays (dtsch.: persönliche Wahlfeiertage - wegen der vielen hier vertretenen Religionen gibt die IBM ihren Mitarbeitern großzügigerweise vier zusätzliche Urlaubstage im Jahr, die dann zum Jom Kippur, zum  Ramadan, zum Ostermontag oder auch zum Valentinstag genommen werden können, ganz nach Belieben, Anm. d. Verf.). Wir faulenzen also munter vor uns hin und ahnen immer noch nichts Schlimmes.

11:30 Uhr. Es beginnt wieder mal zu regnen, zuerst ziemlich heftig, dann noch heftiger und schließlich niagarafallartig. Drinnen ist es kuschelig und wir faulenzen weiter, was das Zeug hält.

15:00 Uhr. Der Regen geht allmählich in Schnee über und dicke nasse Flocken lösen die dicken nassen Tropfen ab. Wind kommt auf. Ich hole schnell noch ein paar der letzten Holzscheite von draußen rein und bald knistert es romantisch im Kamin.

18:30 Uhr. Abendbrotzeit. Wir knabbern an den Resten unseres mediterranen Mahls vom Samstag und im Fernsehen läuft ein alter Humphrey Bogart Streifen. Das Telefon meldet sich. Stefan ist am anderen Ende: "Habt Ihr noch Strom? Bei uns ist er vor zwei Stunden ausgefallen und die Elektroheizung funktioniert natürlich nicht und es ist verdammt kalt hier im Haus und ich habe doch gerade meine Schwester, meinen Schwager und meine kleine Nichte zu Besuch ... äh, könnten wir vielleicht zu Euch ...?" - "Na klar, wir Deutschen im Ausland müssen schließlich zusammenhalten und unsere beiden Gästezimmer sind derzeit sowieso unbenutzt," antworten wir, dieweil der Kamin Wärme ausstrahlt und die zahlreichen Tischlampen ein heimeliges Licht verbreiten.

19:03 Uhr. Wir werfen einen Blick nach draußen. Dort ist inzwischen die Hölle los. Aber nicht die Art Hölle, mit welcher wir früher im Religionsunterricht verängstigt wurden, sondern die weiße Hölle vom Piz Palü. Das Schneetreiben ist dichter geworden, und weil es sich mittlerweile heftig abgekühlt hat, bildet der unterkühlte Schnee auf Bäumen und Kabeln eine dicke, schwere Eisschicht. Selbst armstarke Äste biegen sich bedenklich nach unten und die versorgenden Kabel an den freistehenden Holzmasten hängen gefährlich durch. Sehr gefährlich.

19:04 Uhr. Zu gefährlich, denn just in diesem Augenblick tut es irgendwo in der Nähe ein schneegedämpftes, mittellautes WAMM, von einem kurzen, letzten Lichtblitz begleitet, und dann liegt das ganze Viertel in rabenschwarzer Finsternis. Gisela und ich schauen uns zwar verdutzt an, aber das können wir beide leider nicht sehen, weil es stockdunkel um uns herum ist. Glücklicherweise herrscht in unserem Haushalt kein Mangel an Taschenlampen (wir besitzen vier Stück) und wir wissen sogar, wo sie sind, jedoch erweist es sich, daß Batterien - anders als ein edler Wein - durch längeres Lagern an einem dunklen und kühlen Ort nicht unbedingt besser werden. So sind wir froh, daß wir außer einigen Ersatzbatterien zusätzlich - nach alter dänischer Sitte - über einen erklecklichen Kerzenvorrat und mehrere Dutzend Teelichter verfügen.

19:30 Uhr. Stefan trifft mit seiner Familie ein. Erbil aus der Türkei, mit dem er sich das Haus teilt, ist natürlich auch mitgekommen. Irgendwie fühlen wir uns wie das Fähnlein der Sieben Aufrechten und haben sogar noch Spaß an dieser ungewöhnlichen Situation im Kerzenschein. Während ich noch ein paar Kloben Holz aufs Feuer werfe, macht Gisela uns Drinks, denn noch sind genügend Eiswürfel im Gefrierschrank.

20:30 Uhr. Unser kleiner Weltempfänger hat auf meiner letzten Dienstreise einen Satz neue Batterien bekommen, deswegen hören wir, daß es außer uns noch weitere 99.998 Haushalte im Mid Hudson Valley "erwischt" hat. Rund hunderttausend Häuser ohne Strom, der reine Wahnsinn! Durch die vielen gerissenen Leitungen muß es hunderte von Trafostationen zerbröselt haben. Doch wie gesagt, noch entbehrt dieses ungewohnte Ereignis nicht eines gewissen Reizes und wir sind alle recht guter Dinge als wir gegen Mitternacht langsam müde werden.

23:59 Uhr. Wir verteilen unsere vier Taschenlampen gerecht unter die Anwesenden und gehen zu Bett, weil wir im Moment sowieso nicht mehr viel machen können.

Dienstag, 1. April

8:00 Uhr. Es ist kühl geworden im Haus, 15 Grad, doch es schneit nicht mehr. Im Gegenteil, draußen lacht eine strahlende Sonne vom blauen Himmel Hohn. Unser kleines Radio meldet den Katastrophenstatus des Mid Hudson Valley: emergency state. Im Klartext bedeutet dies, daß alles, wirklich alles geschlossen hat. Kein Supermarkt, keine Tankstelle, kein Büro, kein Restaurant, kein McDonalds, nichts hat geöffnet. Der Radiosprecher verkündet, daß selbst die IBM heute geschlossen bleibt. Sehr bemerkenswert. Also muß es wirklich ernst sein. Ein makabrer Aprilscherz? Leider nicht. Außer Räum-, Rettungs-,  Polizei- und Versorgungsfahrzeugen darf kein privates Auto die Straßen benutzen. Prompt rasselt unten auch ein Schneepflug vorbei und türmt einen meterhohen Schneeberg vor unsere Garagenauffahrt. Herzlichen Dank, den dürfen wir nachher wieder wegschaufeln.

8:10 Uhr. Ich gebe mir einen Ruck und rolle mich aus dem warmen Bett ins kalte Schlafzimmer. Die morgendliche Dusche schenke ich mir heute, denn ohne Strom keine Heizung, und ohne Heizung kein Duschwasser. Jedenfalls kein heißes.

8:15 Uhr. Weil unsere Gäste noch schlafen, zünde ich als guter Gastgeber erstmal wieder den Kamin an. Wir haben noch drei dicke Holzscheite und einen Karton voll Kleinzeugs, das reicht ungefähr für drei Stunden. Na ja, mal sehen. Im Spätherbst haben wir glücklicherweise unseren Gasgrill gründlich gereinigt und im Keller zum Überwintern abgestellt. Eine Gasflasche ist schnell aus der Garage geholt und angeschlossen und auch wenn wir den Lavasteingrill selber im Haus natürlich nicht benutzen können, so haben wir doch wenigstens den seitlich angebrachten Brenner, auf dem wir im Sommer immer die Kartoffeln und den Bacon braten. "Ach ja, Sommer," seufze ich in Gedanken. Doch jetzt stelle ich da erstmal einen Kessel Kaffeewasser drauf.

8:30 Uhr. Das Haus ist samt Gästen erwacht. Wir versammeln uns in der sonnendurchfluteten Küche ums Radio, hören die Katastrophenmeldungen und schlürfen unseren heißen Kaffee. Immer noch sind wir alle wohlgelaunt, auch wenn es uns ein wenig schwerfällt Verständnis dafür aufzubringen, daß die Gegend seit nunmehr 13 Stunden und 27 Minuten völlig ohne Strom ist. Stefan erinnert uns daran, daß wir in den USA sind und nicht etwa in Malukku Selatan, wo immer das liegt.

9:30 Uhr. Gisela und ich unternehmen einen Inspektionsgang rund ums Haus, während Stefan und seine kleine Nichte einen Schneemann bauen und die anderen sich am warmen Kaminofen niederlassen. Der erste Blick ergibt folgendes Bild: eine traumhaft schöne Schneelandschaft glitzert im Sonnenschein unter einem strahlend blauen Himmel. Alle Bäume und Büsche haben ihren Hermelinmantel angezogen und die Briefkästen tragen dicke, weiße Mützen. Die beiden Autos unserer Gäste in der Garagenauffahrt haben nicht nur ihr Volumen verdoppelt, sondern auch ihre Farbe gewechselt. Alles in allem ein leicht verspätetes winter wonderland.

9:40 Uhr. Der zweite Blick zeigt uns dann auch sofort die weniger poetischen Seiten: das Stromkabel von der Hauptleitung zu unseren Nachbarn gegenüber ist abgerissen und liegt quer über der Straße, ein 30 Zentimeter dicker entwurzelter Baum hat unsere Garage nur um Haaresbreite verfehlt. Da war der andere jedenfalls treffsicherer, er liegt quer über unserem Swimmingpool und hat mit seinen Ästen nicht nur die winterliche Abdeckplane zerfetzt, sondern auch ein gutes Stück aus dem Geländer gerissen. Auf unserem ganzen Grundstück stehen bis zu armdicke, heruntergefallene Zweige aus der Schneedecke heraus und etliche Äste an den verbliebenen Bäumen sind derartig angeknickt, daß sie den nächsten stärkeren Windstoß wohl kaum überstehen werden.

11:30 Uhr. Unser Kaminfeuer liegt in den letzten Zügen. Laut Radiomeldung wird der Katastrophenstatus jedoch vorübergehend aufgehoben und Privatautos dürfen bis 18:00 Uhr wieder die Straßen benutzen, denn einige Supermärkte und Tankstellen haben tatsächlich schon wieder geöffnet. Vermutlich haben sie Notstromaggregate laufen. Zum Glück, denn schließlich ist nicht jede Familie auf einen derartigen Zustand vorbereitet und muß sich noch mit dem nötigsten Kleinbedarf sowie diversen Vorräten eindecken (unvorstellbar, wenn einem jetzt plötzlich noch der Ketchup ausginge). Außerdem hören wir, daß unser Stromlieferant, die Firma Central Hudson Electric, nicht nur wie wild an den Leitungs- und Trafoschäden arbeitet, sondern außerdem kostenlos Trockeneis verteilt, damit wenigstens die Inhalte von 100.000 Kühltruhen gerettet werden können. Wie nett von ihnen, aber weil wir nur einen relativ kleinen Gefrierschrank mit bescheidenen Vorräten haben, verzichten wir dankend auf diesen Service.

14:00 Uhr. Stefan, sein Schwager und Erbil fahren zu ihrem Haus, um noch ein paar Kleinigkeiten zu holen. Von unterwegs bringen sie Feuerholz mit, das man ordentlich gebündelt an den Tankstellen kaufen kann. Erfrieren werden wir also schon mal nicht. Und am nunmehr wieder prasselnden Lagerfeuer erzählen sie uns atemlos Lauschenden Horrorstories von umgeknickten Strommasten, herabgestürzten Baumkronen, verunglückten Autos, gesperrten Straßen, zerfetzten Leitungen und ähnlich erfreulichen Dingen, die sie unterwegs gesehen und erlebt haben.

14:30 Uhr. Im Keller machen wir uns eine Rindfleischsuppe mit viel Gemüse heiß, die noch in unserem Gefrierschrank war, und wir überlegen, was mit dem eingefrorenen Truthahn geschehen soll, den Gisela und ich für alle Fälle immer im Hause haben. Unmöglich, den auf unserem Grillbrenner gar zu kriegen, der braucht ja schon in einem richtigen Backofen über vier Stunden. Man wird sehen.

15:00 Uhr. Von draußen tönt ein merkwürdiges Geräusch. Klingt wie eine Motorsäge und es ist auch eine. Unsere beiden Nachbarn aus dem Norden und aus dem Osten sind gemeinsam heftig dabei, ihre eigenen Baumschäden zu beheben. Ja, Arbeit macht nicht nur frei, sondern hält auch warm, denn die haben keinen so gemütlichen Ofen wie wir, denke ich vor mich hin.

15:10 Uhr. Prompt werde ich von meiner Frau aufgescheucht: "Siehst Du eigentlich nicht, daß Don und Jim Deine Arbeit machen?" Nun ja, irgendwie war mir schon aufgefallen, daß die zwei Erwähnten sich an unseren beiden umgestürzten Bäumen zu schaffen machen, aber erstens hat es mir noch nie etwas ausgemacht, anderen bei der Arbeit zuzusehen, zweitens liebe ich es nicht, im Schnee rumzutapsen, und drittens haben wir zwar auch eine Motorsäge, aber die läuft elektrisch und demzufolge im Augenblick nicht. Trotzdem schlüpfe ich gehorsam in die warmen Stiefel und die Pelzjacke, aber da ich bei unseren Nachbarn als intellektueller Europäer gelte (was ich ja irgendwie auch bin), trauen sie mir nicht allzu viele Holzfällerfähigkeiten zu. So erledigen sie unter meinen sachkundigen Blicken und aufmunternden Worten den restlichen Teil der Arbeit im Handumdrehen alleine. Amis sind lieb, wie ich ja schon bei früheren Gelegenheiten festgestellt habe. Na ja, wenigstens habe ich meinen guten Willen gezeigt.

19:00 Uhr. Zum Abendbrot gibt es Pizza aus der Bratpfanne, unten schwarz und oben kalt, jedenfalls mal was anderes. Wenn wir den Meldungen aus dem Radio glauben dürfen - und warum sollten wir auch nicht? - wird es voraussichtlich bis Donnerstag dauern, bevor in unserer Straße der Strom zurückkehrt. Schöne Aussichten.

20:00 Uhr. Stefan und seiner Familie ist es - trotz unserer gegenteiligen Beteuerungen - ein wenig unangenehm, uns "derartig zur Last zu fallen" und er hängt sich ans Telefon, um irgendwo ein Hotelzimmer zu bekommen. Hahahahaha. Die meisten Hotels und Motels haben bereits eine automatische Ansage des ungefähren Wortlauts: "Nix mehr frei, danke für Ihren Anruf."

23:17 Uhr. Notstand! Der Whisky ist alle und deshalb pusten wir die Kerzen aus, greifen unsere Taschenlampen und gehen schlafen.

Mittwoch, 2. April

7:00 Uhr. Der Wecker klingelt, die Sonne scheint wieder, doch das Schlafzimmer ist ziemlich ausgekühlt. Auch heute morgen verzichten wir großzügig auf die Dusche und weil ich mich ungern mit eiskaltem Wasser rasiere (das soll auch nicht so gesund für die zarte Gesichtshaut sein), beschließe ich, unrasiert ins Büro zu gehen, ich bin sicher nicht der einzige. Jedenfalls haben die großen Firmen, genauer: hat die große Firma, denn in Poughkeepsie gibt's nur die eine, heute wieder Strom, wie wir im Radio gehört haben.

7:30 Uhr. Der Kaffee ist fertig und wir versammeln uns mit unseren Gästen wieder um den Küchentisch. In unseren dicken Jacken frieren wir wenigstens nicht und die Dampfwölkchen beim Ausatmen sind auch kaum zu sehen. Ich versuche mich zu erinnern, ob es schon mal einen Tag in meiner fast 30-jährigen Karriere gegeben hat, an dem ich mich derartig aufs warme Büro gefreut habe. Ich glaube nicht.

9:02 Uhr. Es ist kuschelig warm bei IBMs. Weil viele meiner europäischen Geschäftspartner noch im Osterurlaub sind, hält sich die Zahl meiner elektronischen Computernachrichten heute in überschaubaren Grenzen. So habe ich reichlich Zeit, mit meinen Kollegen das Tagesthema zu diskutieren. Unsere Amerikaner betrachten die ganze Situation sehr gelassen, sie sind an Stromausfälle durch Erdbeben, Wirbelstürme, Überschwemmungen und andere mittelstarke Katastrophen gewöhnt. Ganz anders jedenfalls als wir degenerierten Europäer mit unseren unterirdischen Stromleitungen und Versorgungskabeln.
Trotzdem lautet die Standardbegrüßungsfrage heute: "Habt Ihr schon wieder ...?" und die Standardantwort darauf ist bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen ein schlichtes Nein. Diese wenigen Ausnahmen erkennt man übrigens schon von Weitem an der glatten Rasur und den frischgewaschenen Haaren.

10:00 Uhr. Ich erfahre von den Kollegen, daß wir noch zu den "glücklichen" Unglücksraben gehören, weil unser Haus an die städtische Wasserversorgung angeschlossen ist. Tausende von Haushalten im Mid Hudson Valley haben nämlich Tiefbrunnen fürs Grundwasser, welches mittels einer Pumpe zu den üblichen häuslichen Wasserverbrauchsstellen in Küche und Bad befördert wird. Elektrisch......

11:00 Uhr. Steve hat noch Strom, bzw. er hat überhaupt gar nicht bemerkt, daß es da ringsherum irgendwelche Probleme gab und kennt das Desaster nur aus dem lokalen Fernsehsender. Zum Glück für seine Familie, denn er hat zwei kleine Töchter und Kate, seine Frau, ist ziemlich hochschwanger. Doch das allerschönste ist, Steve wohnt nur fünf Autominuten von uns entfernt und da wir uns derzeit in einer Art Primitivkultur befinden, biete ich ihm ein Tauschgeschäft an: ein halbaufgetauter Truthahn gegen eine heiße Dusche für Gisela und für mich.

17:00 Uhr. Stefans Familie hat wie durch ein Wunder nach 7.654 Telefonanrufen ein Zimmer in einem nicht allzu weit gelegenen Motel bekommen, mit fließendem heißen Wasser und an kühlen Tagen wie heute sogar beheizt. So können wir sie - und dafür haben sie unser volles Verständnis - nun nicht mehr länger zurückhalten und sie packen ihre sechs Siebensachen. Neid kommt auf.

18:30 Uhr. Gisela und ich bleiben im kalten Haus zurück. Unser Pioniergeist ist erwacht. Nein, sooo schnell lassen wir uns nicht unterkriegen und nehmen allen Widrigkeiten zum Trotz ein komplettes Vier-Gänge-Menü aus dem derzeitigen In-Restaurant zu uns: Le Bistro de Cave. Es gibt für jeden ein halbes Stück Hähnchenbrust (une pièce de coq, jedoch leider sans vin), ein halbes Rumpsteak (demi entrecôte très vieux), eine viertel Tüte Fritten mit viel Ketchup ( pommes de terre frites avec sauce de tomates americaine) und einen undefinierbaren Gemüserest (légumes fins complètement inconnus) aus dem hintersten Winkel unseres mittlerweile vollautomatisch abgetauten Gefrierschrankes. Alles äußerst raffiniert in der Pfanne zubereitet und bei Kerzenlicht serviert.

19:00 Uhr. Wir treffen bei Steve und Kate ein und das erste, was uns beim Öffnen der Haustür entgegen- und uns den Atem verschlägt, ist eine Welle heißer Luft. Jedenfalls empfinden wir es so, weil wir nicht mehr an Temperaturen über 10 Grad Celsius gewöhnt sind. Kate sitzt in Umstandsjeans und kurzärmeligem T-Shirt ... im T-Shirt! ... kurzärmelig!! ... auf der Couch und freut sich, uns zu sehen. Wir freuen uns auch zunächst ein wenig, liefern unseren Truthahn ab und Steve zeigt uns, in Erfüllung seines Vertragsteils, wo die Dusche ist.

19:01 Uhr. Es geht nichts über fünf Minuten unter einer heißen Dusche.

19:06 Uhr. Doch, zehn Minuten unter einer heißen Dusche.

19:11 Uhr. Noch besser sind allerdings zwanzig Minuten.

19:21 Uhr. Aaaah!

19:30 Uhr. Wir sitzen bei Steve und Kate im gemütlich warmen Wohnzimmer, trinken ein Light Bier und setzen unser eben begonnenes und durchs Duschen unterbrochenes Freuen fort. Wir plaudern von diesem und jenem, besonders jedoch von diesem.

21:30 Uhr. Wir machen uns wieder auf den Heimweg in unseren privaten Eiskeller mit Kerzenbeleuchtung. Im Bett ist es schön warm.

Donnerstag, 3. April

7:00 Uhr. Zum dritten Mal reißt uns der (glücklicherweise batteriebetriebene) Wecker in die frostige Realität. Gisela hat von unserem Urlaub auf Sri Lanka geträumt, als wir morgens unseren Tag mit einer kühlen Dusche begannen, damit wir nicht schon beim Frühstück unsere T-Shirts durchschwitzen. Während sie mir ihren Traum erzählt, schaue ich bibbernd auf unser Innenthermometer im Schlafzimmer: knapp unter 9 Grad Celsius.

7:45 Uhr. Heute morgen gibt's heißen Tee. Es wird allmählich ein wenig lästig, für jedes bißchen Kochen in den Keller hinunter zu müssen und auch unsere morgendliche Bewegungsfreiheit ist durch die dicken Jacken etwas eingeschränkt. Doch wir wollen uns nicht beklagen. Früher, in der ersten Steinzeit, hatten die Menschen nicht mal einen Keller.

8:00 Uhr. Wir besprechen unsere heutigen Pläne: ich darf natürlich ins Büro und Gisela beschließt, sich bei einer Freundin mit Strom aufzuwärmen.

10:00 Uhr. So ein warmes Büro ist schon was Feines! Ich rufe spaßeshalber zu Hause an, weniger um mit meiner Frau zu plaudern, die eh nicht da ist, als vielmehr um zu testen, ob der Anrufbeantworter anspringt. Anrufbeantworter = Strom = Rückkehr der Zivilisation, so einfach werden die Formeln für ein normales Leben.

10:01 Uhr. Keine Antwort vom Beantworter. Mist.

10:31 Uhr. Neuer Versuch. Immer noch nichts.

11:47 Uhr. Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelt. Gisela ist dran: "Ich bin grad nach Hause gekommen. Rate doch mal, was wieder da ist!"

11:48 Uhr. Ich komme nicht drauf.


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