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Wegen der Länge dieses Reiseberichtes besteht er
ausnahmsweise aus zwei Teilen. Dies ist der erste Teil. Zum zweiten Teil kommen Sie [hier...]. Und dort finden Sie auch die komplette [PDF-Version...] dieses Newsletters.
Januar/Februar 1997 |
Tausend Meilen Texas |
--- Teil 1 --- |
Welcher Western-Fan bekommt keine leuchtenden Augen, wenn er so wohlklingende Namen wie Rio Grande, Amarillo, El Paso, Alamo oder Laredo liest? Man vermeint das
Klirren von Sporen zu hören und beginnt unwillkürlich die Bonanza-Melodie oder High Noon zu summen. Wenn dann noch die landläufigen Vorurteile über Texas hinzukommen wie Rodeos, Country Music, stetsontragende Cowboys, Apachen und
Comanchen, Riesensteaks mit gebackenen Bohnen, Western Boots und Fransenhemden, dann tauchen plötzlich in der Vorstellung unendliche Prärien, Riesenkakteen und vielhundertköpfige Rinderherden auf. Liebe Western-Fans, Ihr seid auf der
sicheren Seite, es stimmt alles! Lediglich J. R. ist der Phantasie der Seifenopernautoren entsprungen. |
Kapitel I - Einleitung: Don't Mess With Texas |
Tejas heißt in der Sprache der mexikanischen Indianer 'Freund' und genau das war auch einer der
stärksten Eindrücke, den Gisela und ich von unserer Reise nach Texas vom 19. bis zum 29. Januar mit zurück nach Poughkeepsie nahmen. Nicht nur, daß sich wirklich alle Menschen im Südwesten der Vereinigten Staaten bemerkenswert freundlich
und hilfsbereit zeigten (Gisela war besonders von den Inhabern der zahlreichen Antiquitätengeschäfte ganz begeistert - ich komme im Kapitel II noch kurz darauf zurück), nein, zum ersten Mal brauchten wir auch nicht um Leib und Leben oder
gar unsere Gesundheit zu fürchten! An jedem, wirklich jedem texanischen Lokal ist nämlich ein nicht zu übersehendes Schild angebracht, welches das Tragen von Waffen in demselben ausdrücklich verbietet (It is illegal to carry weapons
on these premises), so daß wir uns wirklich ganz sicher fühlen durften. |
Texas ist der zweitgrößte Staat der USA und darunter leiden die Texaner sehr. Daß ihnen
ausgerechnet so ein gottverlassenes Territorium wie Alaska den ersten Rang ablaufen mußte, ist aber auch gar zu ärgerlich! Dabei haben sie eigentlich keinen Grund sich deshalb zu grämen, finde ich, denn 692.408 Quadratkilometer
Staatsgebiet ist schon ein ziemlich stattliches Areal, das ohne Probleme unsere neue Bundesrepublik plus die drei Benelux-Länder plus Österreich und Schweiz zusammen flächenmäßig beherbergen könnte. Und selbst wenn wir Griechenland noch
hinzupacken würden, blieben immer noch 2.715 qkm für Parkplätze übrig. Auf jeden Fall genug Auslauf für 18 Millionen Texaner und etwas mehr als 15 Millionen Rindviecher. Aus diesen Irrsinnszahlen erklärt sich somit ganz einfach, daß in
Texas alles noch ein bißchen größer und weiter ist, als im Rest der USA. |
Texas ist jedoch noch aus einem ganz anderen Grund etwas besonderes: es ist nämlich der einzige
amerikanische Bundesstaat, der jemals eine eigene Republik war. Und das kam so: Am 6. März 1836 waren es einige patriotische Texaner überdrüssig, zu Mexiko gehören zu müssen und probten in Alamo - eine Missionsstation mitten in San
Antonio - den Aufstand. Sehr zum Leidwesen der Hinterbliebenen waren die Truppen des mexikanischen Diktators und Generals Lopez de Santa Anna jedoch stärker und metzelten die 189 Aufrührer gnadenlos nieder. Unter ihnen so berühmte Männer
wie Davy Crockett (der Trapper mit der Waschbärenmütze) und Jim Bowie (der Erfinder des gleichnamigen Messers). Seitdem gilt Alamo den Texanern als The cradle of Texas liberty
(dtsch.: Die Wiege der texanischen Freiheit). Natürlich ist dieses bedeutende Ereignis auch hollywoodmäßig bearbeitet worden und die meisten unserer Leser werden sicher das berühmteste Lied aus dem Film "The Alamo" kennen:
The Green Leaves of Summer.
Zum Glück blieb diese ungerechte Tat nicht lange ungerächt, denn noch im selben Jahr gelang es einem gewissen Sam Houston (von der nach ihm benannten Stadt wird später noch ausführlich die Rede sein) und seinen Mannen, Lopez de Santa Anna bei San Jacinto zu besiegen und Texas wurde unter Houstons Präsidentschaft zur selbständigen Republik, was es bis zu seinem Beitritt zu den Vereinigten Staaten im Jahre 1845 auch blieb. Selbst heute fanden wir an vielen Stellen noch das damalige Wappen der Republic of Texas: ein einzelner Stern, von zwei Lorbeerranken umkränzt. Und seit dieser Zeit führt Texas den Beinamen
Lone Star State, auch wenn die Lorbeeren um den einsamen Stern inzwischen verschwunden sind - und die Aufschrift Republic of Texas natürlich auch. |
Unsere Reise führte uns von unserem Ausgangspunkt Austin (weil Anflughafen) zuerst nach San
Antonio, dann nach Galveston, von dort nach Houston, danach knapp unter Austin vorbei nach Fredericksburg und schließlich wieder zurück nach Austin (weil gleichzeitig auch Abflughafen). Diese Route erscheint vielleicht nicht ganz logisch
und es war auch nicht der günstigste Weg, doch hat es sich aus einigen Gründen so ergeben, welche unseren Lesern nach dem Genuß dieses Reiseberichts klar sein werden. |
Für ein Land dieser Größe und mit einem solchen historischen Hintergrund hatten wir nur zehn
Tage zur Verfügung, von denen ich zu allem Überfluß auch noch drei in einem Meeting verplempern mußte! Was will man da schon gesehen haben? Das ist, als wolle man die berühmte Spitze des Eisbergs mit dem Matterhorn vergleichen. Geradezu
lächerlich! Wir haben Menschen getroffen, die in Texas ihr ganzes Leben zugebracht haben und kaum über die Stadtgrenze ihres eigenen Heimatortes hinausgekommen sind. Verständlich also, daß wir uns in der kurzen Zeit wirklich nur auf ein
paar Highlights in der "näheren" Umgebung beschränken konnten. Schließlich wollten wir unsere kostbaren Urlaubstage ja nicht zur Gänze im Auto verbringen, obwohl es schließlich doch rund tausend Meilen (zirka 1.600 Kilometer,
Anm. d. Verf.) im Sattel... äh, Sitz unseres Mietwagens geworden sind. Wie gesagt, in Texas ist alles halt doch noch ein wenig weiter weg, als es sich auf unserem Straßenatlas im Maßstab 1:2.000.000 darbot. Uns daher als
"Texas-Kenner" bezeichnen zu wollen, wäre also mehr als vermessen. Wir sind ja schon froh, daß wir uns mittlerweile wenigstens im Mid Hudson Valley nicht mehr verfahren. Und an dieser Größe muß es wohl auch liegen, daß dieser
Reisebericht der bisher längste von allen geworden ist. |
Wir waren überrascht, denn Texas insgesamt ist erstaunlich flach, nur leicht bergig im Westen.
Wir müssen es wohl gedanklich mit dem nördlichen New Mexico oder Colorado verwechselt haben, weiß der Kuckuck. So wurden wir jedoch eher an Holland erinnert, auch wenn hier statt der Tulpen Kakteen wachsen, statt der Windmühlen Ölpumpen
überall das Landschaftsbild zieren, statt Holzschuhen Cowboystiefel getragen werden, statt Genever Tequila getrunken und statt Käse Steak gegessen wird. Und wenn statt der Grachten - halt nein, das wäre erstens nicht ganz richtig, und
dazu muß ich zweitens unsere Leser bitten, sich bis zum Kapitel IV über San Antonio zu gedulden. |
Übrigens, das Don't Mess With Texas
aus der Überschrift dieses Kapitels hat einen netten Doppelsinn: zuerst einmal bedeutet es 'Mach keine Unordnung in Texas', und diese freundliche Bitte fanden wir deshalb auf zahlreichen Schildern längs der Highways zusammen mit dem weit weniger freundlichen Hinweis, daß man - falls man erwischt wird - bis zu tausend Dollar Strafe für weggeworfene Fast Food Tüten, Zigarettenkippen oder Kaffeebecher berappen darf. Und vermutlich genau deswegen häufen sich an den Zäunen, Hecken und Büschen entlang der am stärksten befahrenen Highways wohl auch die mannigfaltigsten zivilisatorischen Abfälle in einem Maße, wie wir es nur selten erlebt haben. Die zweite Bedeutung des
Don't Mess With Texas
ist ein positiv gemeintes 'Hüte Dich vor Texas', wobei sprachlich der Hintergedanke mitschwingt: '... es ist nämlich eine Nummer zu groß für Dich'. Aber - wie gesagt - das darf man keineswegs als Provokation oder gar Drohung auffassen, sondern es drückt eher die selbstbewußte Einstellung der Texaner dem Rest der Welt gegenüber aus, und deswegen gibt's auch in allen Andenkenbuden jede Menge T-Shirts mit diesem Aufdruck. Achottja, wenn man aus Texas als Tourist nach, sagen wir New Jersey zurückkommt, kann man schon ein wenig Aufpäppelung für sein Selbstbewußtsein gebrauchen, und sei es, daß man den Hauch von Texas in Form eines Hemdchens trägt. Und da wir gerade von Größe sprechen, habe ich zudem in Texas eine Erfahrung gemacht, die Gisela so unmittelbar leider nicht mit mir teilen konnte: die Porzellanbecken auf den Herrentoiletten sind alle dermaßen niedrig angebracht, daß ich daraus nur zwei Schlußfolgerungen ziehen kann: entweder haben die Texaner alle so kurze Beine!?! Jedenfalls hat es mich immer wieder aufs Neue beeindruckt, denn meine späteren Beobachtungen haben klar gezeigt, daß die männliche texanische Beinlänge durchaus dem üblichen nationalen Standard entspricht.
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Kapitel II - Austin: Anstoß in der Hauptstadt |
Ganz im Gegensatz zur Meinung des durchschnittlichen deutschen Fernsehzuschauers ist Austin die
Hauptstadt von Texas - nicht Dallas! Die 465.000-Einwohner-Stadt im Herzen von Texas ist nach Stephen F. Austin (Beiname: Father of Texas) benannt, der 1821 zusammen mit 200 amerikanischen Familien die erste Siedlung auf
texanischem (damals noch mexikanischem) Boden errichtete und der dann später unter Sam Houston Staatssekretär wurde. |
Die Austiner mögen mir verzeihen, aber besonders schön ist ihre Stadt nicht. Wie immer: das
berühmte Straßenschachbrett in der Innenstadt mit über- und untereinander verschlungenen Highways drumherum, von denen wir links und rechts auf die schreiend-blinkenden Neonreklamen der Autohändler, Supermärkte, Tankstellen und
Burger-Buden hinunter blicken mußten. Das Ganze noch garniert mit armdicken Kabelsträngen an häßlichen braunen Holzmasten. Also ziemlich typisch und mit bloßem Auge nicht von anderen amerikanischen Großstädten zu unterscheiden. Dafür
hatte Austin aber den unbestreitbaren Vorzug, daß es hier selbst noch am Sonntag abend, am 19. Januar um neun Uhr knapp unter 20 °C warm war, so daß wir uns, aus einem auf minus zehn Grad runtergekühlten Poughkeepsie kommend, in unseren
dicken Jacken und Schuhen unter den vielen Menschen in T-Shirts und dünnen Sommerkleidchen ein wenig deplaziert fühlten. Hinzu kamen noch die Palmen auf dem hellerleuchteten Flughafengelände vor der Ankunftshalle, denen es sicher zu
verdanken war, daß wir unversehens in Urlaubsstimmung gerieten. Dabei war diese, speziell in meinem Fall, noch gar nicht angebracht, denn mir standen ja zunächst noch drei Tage Meeting bevor. Und ein Meeting war - ähnlich wie schon bei
früheren Gelegenheiten wieder einmal der eigentliche Anlaß unserer Reise. |
So ein geschäftliches Zusammentreffen hat gleich zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: erstens
übernimmt mein Arbeitgeber die Kosten für mein Flugticket und zweitens finden solche Kick-Off Meetings in Amerika traditionsgemäß in den wärmeren Bundesstaaten statt. Im letzten Jahr war ich zum Beispiel in Atlanta. Für die Nicht-IBMer
unter unseren Lesern sei mir an dieser Stelle eine kurze und deshalb erzwungenermaßen nicht ganz vollständige Erläuterung gestattet. Aktive und andere (Früh-)Pensionäre können den folgenden Abschnitt daher getrost überspringen, ich werde
nur von wohlbekannten Dingen schreiben. |
Der Begriff Kick-Off
ist dem Sportjargon entnommen und bedeutet soviel wie 'Anstoß' bei einem Ballspiel. Und was der Ball für das Spiel, sind die hier verbreiteten zündenden Parolen für diese Meetings. Aus dem Begriff 'Anstoß' folgt desweiteren, daß sie immer am Jahresanfang stattfinden. Der tiefere geschäftliche Sinn solcher Zusammenkünfte ist allerdings bisher noch nicht genauer erforscht worden. Zum Glück, wie ich mir persönlich zu meinen gestatte, denn vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt betrachtet, stehen Aufwand und Kosten des Ereignisses stets einem äußerst fragwürdigen Nutzen gegenüber. Fest steht jedoch, daß es keine bessere Gelegenheit gibt, a) eine nette Reise zu machen und b) sich gegenseitig zu versichern, wie gut und erfolgreich man im letzten Jahr war und daß man aus genau diesem Grunde im kommenden noch besser und noch erfolgreicher werden muß. All dieses ist dazu gedacht, sich c) in die rechte Motivationsstimmung für die Arbeitslast und die Überstunden des frisch angebrochenen Jahres zu versetzen. Fest steht weiterhin, daß das Gebäck und der Kaffee in den Meetings-Pausen sowie das gemeinsame Mittagsbüffet in aller Regel die Qualität der üblichen Kantinenkost um Längen übertreffen, weil Kick-Off Meetings meist in Hotels der gehobenen Kategorie stattfinden. Ende der Erläuterung.
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Das Renaissance Hotel in Austin ist riesig, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Von außen ein
gewaltiger Klotz und von innen hohl, das heißt es ist eines dieser Hotels, in denen sich die Zimmer 18 Stockwerke hoch galerieartig um eine gigantische Lobby herum gruppieren und in diese sogenannte Lobby paßt locker eine komplette
deutsche Reihenhaussiedlung. Es kam uns zu blöd vor, die riesige Halle abzuschreiten, aber eine vorsichtige Schätzung brachte uns auf etwa dreieinhalb bis viertausend Quadratmeter! Zwei Restaurants, der kleine Laden mit dem nötigsten
vergessenen Reisebedarf (von A wie Andenken bis Z wie Zigaretten ist alles zu saftigen Preisen erhältlich), ein Delikatessengeschäft (hier kriegt man rund um die Uhr frischen Obstsalat und frische Croissants von nahezu französischer
Qualität), diverse Sitzgruppen, Blumenkübel in der Größe deutscher Schrebergärten sowie die Hotelbar samt Konzertflügel fallen bei solchen Dimensionen kaum auf. Die Fahrstühle sind ganz aus Glas und Messing und bewegen sich außen bzw.
innen, genauer gesagt: innenaußen, also von der Lobby aus sichtbar, aber von draußen natürlich nicht - ziemlich kompliziert zu beschreiben. Jedenfalls fahren sie rauf und runter, wie es nunmal dem Wesen von Fahrstühlen entspricht. Der
Fußboden ist aus Marmor und die Dachkuppel aus Glas. Natürlich hat es in einem Nebentrakt auch eine Disco und im Souterrain ein Schwimmbad, eine Sauna und ein Fitness-Studio mit den diversen bekannten Foltergeräten. Die Konferenzräume
sind alle im Erdgeschoß von der Lobby aus zugänglich, was sehr praktisch ist, auch wenn ich wegen der riesigen Entfernung zwischen Fahrstuhl und unserem Meetingsraum vermutlich morgens eine Viertelstunde früher aufstehen muß, damit ich
nicht zu spät komme. |
Unser Apartment liegt in der zweiten Etage, genauer gesagt: im ersten Stock. In Amerika wird das
Erdgeschoß immer mit 1 bezeichnet, deswegen muß ich im Fahrstuhl den Knopf mit der 2 drücken, wenn ich in den ersten Stock will - die spinnen, die Amis. Die beiden Räume sind hell und freundlich und enthalten neben der üblichen
Einrichtung auch noch zwei Fernsehapparate, zwei Telefone und eine Kaffeemaschine. |
Nachdem wir unsere Koffer ausgepackt und uns ein wenig frischgemacht hatten, beschlossen wir,
noch einen kleinen Schlummertrunk an der Bar zu nehmen. Während wir an unserem texanischen Bier (Marke Shiner und recht trinkbar) nippten, bestellte unser Thekennachbar einen CCOJ. Als die Bardame unsere verständnislosen Blicke bemerkte,
klärte sie uns freundlicherweise auf: Canadian Club Whisky mit Orange Juice. Aha. Die spinnen, die Amis, aber das sagte ich ja bereits. |
Am Dienstag abend fand dann das obligatorische gemeinsame Meetings-Abendessen statt, zu dem
natürlich auch die mitgereisten Ehepartner eingeladen waren. Die beiden Kollegen, die für die Organisation unseres Meetings verantwortlich zeichneten, hatten dazu "The Countyline Grill & Smokehouse" auserwählt, welches - um
es schon vorab zu sagen - völlig zu recht den Untertitel führt: Home of the big ribs
(dtsch.: das Heim der dicken Rippen - manches klingt in der Übersetzung wirklich nicht mehr sehr elegant). Allerdings sind damit weniger die Kellner oder die Gäste gemeint, sondern die Köstlichkeiten, die uns im Laufe des Abends serviert wurden. In diesem rustikalen Restaurant gab es keine Speisekarte, sondern die folgenden texanischen Spezialitäten, die uns in riesigen dampfenden Schüsseln ununterbrochen an den Tisch geschleppt wurden:
brisket (ein geräucherter Rinderbraten aus der Oberschale, butterzart, mit dem von mir hochgeschätzten, wunderbaren Hickory-Holz-Aroma, das traditionsgemäß beim Räuchern verwendet wird), sausages
(Würstchen, zu gleichen Teilen aus Rind- und Schweinefleisch und etwa von der Größe einer klassischen deutschen Bratwurst, die in einer herrlich dicken Sauce schwammen), pork ribs
(Schweinerippchen, aber die echten, die mit viel Fleisch und wenig Knochen), beef ribs (Rinderrippchen, nein, ausgewachsene Rippen, bei denen man beide Hände zum Anfassen brauchte) und chicken
(gegrilltes Huhn mit einem speziellen Gewürz, welches ich zwar schmecken konnte, aber jetzt nicht beschreiben kann). Dazu kamen in riesigen Kumpen cole slaw
(ein ganz leicht süßlicher Krautsalat aus rohem Weißkohl, den es allerdings in ganz Amerika in dieser Form gibt), potatoe salad
(ein richtiger Kartoffelsalat wie bei Muttern) und natürlich reichlich warmes, selbstgebackenes Brot mit leicht gesalzener Butter. Dazu paßte natürlich am besten das frischgezapfte Shiner Bier, und Eiswasser lasse ich bei Autofahrern auch noch durchgehen. Aber daß sich etliche unserer amerikanischen Kollegen literweise Diät-Cola dazu einpfiffen, trieb uns doch gelinde Schauer des Entsetzens über den Rücken und ich muß mich deshalb hier noch einmal wiederholen: die spinnen wirklich, die Amis!
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Wie schon gesagt, alles kam bis zum Abwinken. Doch womit sollte man winken, wenn man beide Hände
für die dicken Rippen brauchte? Es wurde ein anstrengender Abend! |
Während ich am nächsten Tag wieder brav in meinem Meeting rumsaß - nein, stimmt nicht ganz, ich
habe einen viertelstündigen Vortrag gehalten - konnte Gisela sich ausgiebig in Downtown Austin umtun. Sie hatte sich nämlich von Steve den Mietwagen ausgeliehen, ein Lincoln Towncar und nach Cadillac so ziemlich das größte und
luxuriöseste Auto, das derzeit in den Vereinigten Staaten erhältlich ist (Steve ist ein Kollege aus meiner Abteilung und ein absoluter Autonarr, der gerne ein paar Dollar aus eigener Tasche drauflegt, damit er das nächstgrößere Modell
dessen bekommt, was laut IBM Spesenrichtlinien gerade noch genehmigt ist, Anm. d. Verf.). Selbiger Wagen verlieh ihr nun die notwendige Mobilität, um sämtliche Antiquitätengeschäfte und Cowboy-Ausstatter Austins abzuklappern (es gehen
Gerüchte um, daß es insgesamt mehrere hunderttausend sind - wer in Austin nicht mit Antiquitäten handelt, verkauft Cowboyhüte und umgekehrt). Das Ergebnis ihres Umtuns wurde uns vorgestern von UPS ins Haus geliefert: ein - ich muß es
zugeben - ausgesprochen hübscher kleiner Couchtisch im mexikanischen Stil, dunkelblau und mit einem orange-gelben Sonnenrelief in der Mitte, sowie der wunderschön gerahmte Kunstdruck eines Indianermotivs von Beverly Doolittle, zu dem ich
das Geständnis ablegen muß, daß ich ihn ausgesucht habe, nachdem Gisela mich am Donnerstag zu den Stätten ihres vortagigen Stöberns geleitet hatte. Hinzu kommt noch ein kleines, gemeinsam erstandenes verchromtes Präsentiergestell von
Tom's Chocolate aus den 50er Jahren, das sich mit seinen vier Glasböden zwar ausgezeichnet als Gewürzregal für unsere Küche eignet, sich aber andererseits beim manuellen Transport im Flugzeug als recht sperrig und widerborstig erwies.
Doch wer ganze Art Deco Deckenlampen aus Spanien als Handgepäck durchkriegt, für den sind auch Schokoladenregale kein unüberwindliches Hindernis. |
Am Donnerstag nahmen wir unseren Mietwagen, ein Oldsmobile Ciera, in Empfang. Obschon ein 96er
Modell, fanden wir ihn für unseren Geschmack etwas zu plüschig und altbacken: außen und innen ein erschreckend laszives Dunkelrot, mit ebensolchen Samtsitzen, die ziemlich aufdringlich an die Fauteuils in einem texanischen Bordell der
20er Jahre erinnerten, und viel altmodischem Chrom am Armaturenbrett. Wenn man so aussieht, kann man gar nicht anders als 'Oldsmobile' heißen. "Gütiger Himmel, wer mag sich so ein Auto für die tägliche Fahrt zur Arbeit wohl
kaufen?" fragten wir uns unwillkürlich. Doch erstens war der Wagen preislich recht günstig, zweitens bot die Mietwagenfirma einen ausgezeichneten Service (einschließlich Abholen vom Hotel), drittens war der Sechszylindermotor recht
spritzig, wie wir bald herausfanden, und der Tempomat hat uns auf den langen Überlandtouren viel lästige Gasgeberei abgenommen. |
Kapitel III - Interstate 35: Mit siebzig mph nach Süden |
Die siebenundsechzig Meilen auf der Interstate 35 zwischen Austin und San Antonio sind
enttäuschend. Nach drei Tagen in einer typisch amerikanischen Großstadt rechnen wir mit einem einsamen Highway und endloser Weite links und rechts, doch dann sieht es auf der ganzen Strecke genauso aus wie die Stadtautobahnen in Austin,
mit ihren üblichen häßlichen Vorortgewerbebetrieben, Motels, Gebrauchtwagenhändlern, Tankstellen und so weiter. Und selbst den hunderten von überdimensionalen Reklametafeln dazwischen gelingt es trotz ihrer mannigfaltigen Buntheit und
den zündenden Werbesprüchen nicht, uns den Anblick schmackhafter zu machen. |
Und doch bietet das Fahren auf texanischen Highways etwas, das es zum Beispiel in den
Neuenglandstaaten nicht oder höchstens nur mal streckenweise gegen eine entsprechende Mautgebühr gibt: den Rausch der Geschwindigkeit nämlich. Vermutlich bedingt durch die Weite des Bundesstaates, gestattet die texanische Verkehrsbehörde
ihren Bürgern sowie den Besuchern des Landes die unglaubliche Geschwindigkeit von 70 mph (etwa 112 km/h, Anm. d. Verf.) auf ihren Highways und ausgebauten Landstraßen! Und da der Texaner an sich ziemlich freiheitsliebend ist, wie man
inzwischen weiß, nimmt er sich auch im Auto dieselbe heraus und erhöht freiwillig auf 75 oder gar 80 mph. So hätten wir selbst als gesetzestreue und obrigkeitshörige Europäer die 67 Meilen locker in einer knappen Stunde schaffen können.
Wie gesagt, wir 'hätten schaffen können', wenn, ja wenn da nicht unterwegs so ein Factory Outlet am Wegesrand rumgestanden hätte. Das sehen, und mir an der zugehörigen Ausfahrt ins Lenkrad greifen, war wohl mehr eine von Giselas
Reflexbewegungen in solchen Fällen. ("Laß uns einfach mal schauen, und außerdem, wir wollten uns doch sowieso schon seit langem neue Koffer kaufen.") Sie hatte ja recht, und so besitzen wir seitdem zwei neue Samsonites, einen
giftgrünen und einen knallgelben ("Die kann man dann auf den Gepäckförderbändern in dem schwarzgrauen Koffereinerlei leichter erkennen!") sowie den dazugehörigen Kosmetikkoffer ("Den kann man ja als Handgepäck mit ins
Flugzeug nehmen."). Die Sonne war jedenfalls schon untergegangen, als wir schließlich unsere drei noch leeren Neuerwerbungen mit den bereits vorhandenen vier prallgefüllten Gepäckstücken bekanntmachten. |
Kapitel IV - San Antonio Teil 1: Der Fluß und das Bockshorn |
Alle unsere amerikanischen Bekannten, die schon mal in San Antonio waren, haben so begeistert
von dieser Stadt geschwärmt als sie von unseren Reiseplänen hörten, daß wir zuerst ziemlich skeptisch waren, denn erfahrungsgemäß deckt sich der Geschmack der Amerikaner nicht unbedingt immer mit dem unserigen. Aber in diesem Fall müssen
wir noch nachträglich Abbitte leisten und zugeben, daß sie sogar eher unter- als übertrieben haben. Es ist wirklich ein äußerst schmucker Ort mit einem ganz eigenen Flair. Und obwohl beinahe eine Millionenstadt (knapp 998.000 Einwohner),
hatten wir fast immer das Gefühl einer, ja, nennen wir es mal eine "charmante Intimität". Dazu trug natürlich stark das südliche Ambiente aus Palmen, Magnolien, Zypressen und anderen exotischen Pflanzen bei, die hier reichlich
das Stadtbild auflockern, und die Millionen bunter Stiefmütterchen an allen möglichen und unmöglichen Orten. Ein weiterer Grund ist sicher auch die Tatsache, daß kein Hochhaus in der City mehr als 30 Stockwerke hat. Natürlich ist das
immer noch ganz schön hoch, aber erstens ist es im Vergleich zu anderen amerikanischen Großstädten wirklich nicht sehr viel und zweitens gibt's hier von diesen Mini-Wolkenkratzern höchstens eine Handvoll. Hinzu kommt drittens auch der
starke mexikanische Einfluß auf die Architek- und Kultur, der sich überall bemerkbar macht, sowie höchstwahrscheinlich die Tatsache, daß in San Antonio 1968 die Weltausstellung stattgefunden hat. Ereignisse wie Sportfeste, Katholikentage
oder eben auch Weltausstellungen haben ja meist zwei Effekte: einen ziemlich negativen auf die Stadtkasse und einen ziemlich positiven auf das Stadtbild. Das in diesem Fall - bitte wörtlich verstehen - herausragende Überbleibsel ist der
Tower of the Americas (dtsch.: Amerikaturm, wobei durch den Plural großzügigerweise Mittel- und Südamerika mit einbezogen sind). Es ist ein eindrucksvoller, 250 Meter hoher Blickfang mitten im wunderschönen HemisFair Park (fair
, dtsch.: Messe, Ausstellung - man achte auf den pfiffigen Doppelsinn), der selber anläßlich der Weltausstellung im Herzen San Antonios angelegt wurde und seitdem ein steter Ort der Ergötzung, Erbauung und Rekreation der Bürger und
Besucher dieser Stadt ist. |
San Antonio wurde 1718 von den Spaniern als die Missionsstation San Antonio de Valero zwecks
Christianisierung der Indianer gegründet. Diese erste Missionsstation gibt es heute noch und die alten Gemäuer samt Kirchlein sind unter dem Namen Alamo (vgl. Kapitel I) bekannt. Auch La villito , das Städtchen, ist ganz bezaubernd:
Häuschen im Westernstil, mit Kunstgewerbelädchen und netten kleinen Restaurants und Cafés. Weißgetünchte mexikanische aus Lehm, und hölzerne amerikanische mit ihrer charakteristischen Veranda davor. Und, wie gesagt, beides liegt mitten
in der City. |
Als wir abends in die Stadt einfuhren, brauchten wir natürlich erstmal ein Hotel und dieses
sollte möglichst nahe am Stadtzentrum liegen, damit wir nicht bei jeder Gelegenheit sofort das Auto benutzen mußten. Das erwies sich jedoch als ganz leicht, denn alle großen Hotels in San Antonio liegen direkt im Zentrum. Unsere
Bekannten hatten uns allerdings vor den sündhaft teuren, wenn auch ausgesprochen luxuriösen, mexikanischen Hotels gewarnt, so daß wir sicherheitshalber beim Hilton vorfuhren. Ab einem gewissen Lebensabschnitt muß Luxus zwar sein, aber
auf das sündhaft Teure dabei können Gisela und ich ganz gut verzichten. Und da der Januar selbst in San Antonio nicht unbedingt zur touristischen Hauptsaison zählt, bekamen wir auch sofort ein Zimmer zu einem akzeptablen Preis. Aus uns
verborgen gebliebenen Gründen lag dieses jedoch im 20. Stock und gehörte damit zur VIP-Etage (à propos Luxus), das heißt, es war nicht nur hiltonmäßig komfortabel ausgestattet, sondern die Zimmerausweiskarte eröffnete uns auch den Zugang
zur gemütlichen VIP-Lounge, in der neben einer freundlichen Hosteß auch ein Großbildfernseher, diverse Zeitungen und -schriften, Snacks, Drinks und ähnliche Annehmlichkeiten von 6 bis 23 Uhr zur kostenlosen Vernaschung bereitstanden (ich
bitte in diesem Zusammenhang die Hosteß nicht mißzuverstehen). Außerdem wurde uns VIPs hier jeden Morgen ein Gratisfrühstück serviert. |
Durch San Antonio fließt der San Antonio River, der genau in der Mitte der Stadt in einer
Schleife verläuft, die nahezu einen geschlossenen Kreis bildet und daher von oben wie ein griechisches Omega ausschaut. Irgendwann hat irgend jemand diese Flußschleife an ihrer engsten Stelle verbunden und seitdem ist dieser Wasserkreis
wirklich geschlossen. Das war ein äußerst pfiffiger Gedanke, denn nachdem man dann längs des Flusses Gehwege angelegt und alle paar hundert Meter sogar kleine, steinerne Brückchen gebaut hatte, wuchsen bald die Hotels, Restaurants und
Geschäfte nur so aus dem Boden und San Antonio hatte seine Hauptattraktion: den River Walk (walk, dtsch.: Spaziergang, spazieren gehen). Natürlich wäre ein Größenvergleich zu Amsterdam oder gar Venedig ziemlich vermessen,
doch es kommt ja auch niemand auf den Gedanken, Pavarotti mit den Fischerchören ernsthaft zu vergleichen, selbst wenn beide "O sole mio" singen. Und weil der River samt Walk sozusagen eine ganze Etage tiefer liegt als die ihn
umgebende Stadt, ist man hier vor aller Großstadthektik, vor Straßenlärm und Autoabgasen geschützt, ein bißchen wie in einer ganz anderen Welt. |
Viel schattenspendendes, exotisches Grün ist das erste, was Gisela und mir auffällt, als wir aus
dem Hilton-Fahrstuhl direkt auf den River Walk treten (wie war das noch mit dem Luxus?). Das Flüßchen selber ist dunkelgraugrün und ganz glatt. Leichte Wellen verursachen nur die flachen Rundfahrtboote der Yanaguana Cruises, die alle
paar Minuten mit winkenden Menschen und lächelnden "Kapitänen" an uns vorübergleiten. Wir gehen ein wenig spazieren und lassen uns von den vielen netten Straßencafés, Restaurants, Eisdielen, Kunstgewerbeläden und, und, und
beeindrucken, die hier am River Walk dicht an dicht nebeneinander zu finden sind. Trotzdem, die Bebauung ist bewundernswert geschickt geplant, denn wir haben zu keiner Zeit das Gefühl, wie in einer deutschen Fußgängerzone, mit Laden
neben Laden. Hier liegt ein Restaurant direkt auf derselben Ebene wie der Fußweg und weil dieser hier auch etwas breiter ist, stehen Tische, Stühle und bunte Sonnenschirme draußen. Das Café daneben ist ein paar Meter weiter zurückgebaut
und liegt drei Steinstufen höher. Jetzt kommt erstmal wieder eine riesige Zypresse, die mit ihren Ästen über den ganzen Fluß reicht und wenn wir ins nächste Restaurant wollten, müßten wir erst ein Treppchen hinauf und ein Stückchen über
einen Hochgang mit einem hübschen schmiedeeisernen Geländer gehen. Danach kommt wieder ein Baum, der inmitten eines schräg angelegten Beetes mit vielfarbigen Stiefmütterchen steht. Wir müssen erst noch eine kleine, zur Zeit unbenutzte
Freilichtbühne passieren, bevor wir an den supermodernen Rauchglasfenstern eines Hotels vorbeischlendern. In der nächsten Flußbiegung tupft die Sonne glitzernde Punkte auf die Wasseroberfläche und über uns in den Bäumen zwitschern die
Vögel. Alles wirkt sehr locker, sehr bunt und sehr spontan, und völlig unaufdringlich. Und so geht es weiter, den ganzen River Walk entlang. Schön. Menschen in gemäßigter Sommerkleidung flanieren am Wasser längs, fotografieren sich
gegenseitig, lachen. |
Die Cafés und Restaurants haben schon gut zu tun und wir haben fast Mühe, jetzt am späten
Vormittag irgendwo zwei freie Plätze zu finden. Doch schließlich haben wir im Casa Rio Glück. Das Restaurant liegt zur Stadtseite hin und die Tischchen stehen direkt am Wasser und ziemlich eng beieinander. Dazwischen bummeln die
Touristen über den River Walk und die Kellnerinnen in ihren malerischen mexikanischen Kostümen müssen unsere beiden Kaffeebecher zwischen den Spaziergängern durchbalancieren. Aber das machen sie im Falle der Kaffeetassen nicht nur sehr
geschickt, nein, für die wirklich schweren Tabletts mit den Bergen von Tortillas, Enchilladas, Salsas, Chilibohnen und was der mexikanischen Köstlichkeiten mehr sind, leistet sich jede an sich schon stämmige Kellnerin einen noch
stämmigeren kleinen Mexikaner, der ihnen brav das Essen an die Tische nachschleppt. Kassieren tun dann später wieder die Kellnerinnen und sahnen damit auch die Trinkgelder ab. Ja, ja, so ist das Leben! |
Damit kennen wir nun auch den River Walk in San Antonio und deshalb suchen wir uns später für
das Abendessen ein mexikanisches Restaurant "hoch über den Wassern", weil wir nicht riskieren wollen, daß uns die Erbsen vom Messer kullern, bloß weil uns ein unachtsamer Spaziergänger in der Enge versehentlich angestubst hat.
Abends hätten wir sogar an Bord eines der Rundfahrtboote dinieren können, denn nach Einbruch der Dunkelheit werden die Dinger von den diversen Restaurants gechartert, mit weißgedeckten Tischen, romantischer Beleuchtung und einem
mexikanischen Gitarristen ausgestattet und gehen dann mit Gästen, Speisen und Getränken auf ihre Rundreise. Aber weil mir bei dieser Gelegenheit meine Helgolandfahrt von 1963 wieder einfällt, und vor allem die verdammte Curry-Wurst, die
mir bei der damals herrschenden Windstärke sechs tüchtig zu schaffen machte bis ich sie dann schließlich doch auf dem bei Seekrankheit üblichen Wege über die Reling wieder loswurde... nein, nach dieser Erfahrung mit essen auf dem Wasser,
das will ich Gisela und den anderen Gästen dann doch lieber nicht zumuten. |
Wie jede anständige Großstadt leistet sich auch San Antonio eine eigene Brauerei, die Lone Star
Brewery, die man selber zwar nicht besichtigen kann, deren Besuch sich aber dennoch lohnt. Auf ihrem Gelände befindet sich nämlich das Buckhorn Museum, auch Hall of Horns genannt. Buckhorn
bedeutet wörtlich 'Bockshorn', aber hier wird nicht der Mensch in dasselbe, sondern umgekehrt das Horn dem Bock abgejagt. Oder besser gesagt: wurde. Und nicht nur dem Bock, und nicht nur eins. Mit anderen Worten: in diesem Museum gibt es derartig viele Hörner, daß man als Ehemann sofort in tiefes Grübeln verfällt. Gleich die Decke des Vorraums ist über und über mit Hörnern bedeckt. Links und rechts stehen Stühle aus Hörnern und nachher werden wir sehen, daß man auch Regale, Lampen, Bilderrahmen, ja, ganze Vitrinen und sogar Betten aus diesem hornigen Material herstellen kann, natürlich nur wenn man will. Hinter dem Vorraum befinden sich die einzelnen Abteilungen unserer Erde und es beginnt natürlich mit Nordamerika. Dicht an dicht hängen hier die ausgestopften Köpfe sämtlicher gehörnter Lebewesen, die dieser Kontinent zu bieten hat, an der Wand, so daß man gar nicht weiß, welchem toten Vieh man zuerst ins Glasauge blicken soll. In Südamerika sieht's ähnlich aus wie in Australien, und die gehörnten Gnu-, Gazellen- und Antilopenköpfe der afrikanischen Abteilung lassen Gisela und mir die beiden fast drei Meter langen Elefantenstoßzähne auch nicht gerade tröstlich erscheinen. Während wir am Nashorn vorbei das Hornvieh Europas und Asiens durchschreiten, können wir links und rechts in kleinen beleuchteten Schaukästen bewundern, was geschickte Menschen außer Möbeln und Lampen noch alles für Kleinteile aus dieser wundersamen Substanz herstellen können. Die Bandbreite reicht von Nähnadeln aus der Steinzeit bis zur Schnupftabaksdose von 1952. Vom ordinären Pulverhorn ganz zu schweigen, da wäre ja sogar ich draufgekommen, wenn ich Zeit zum Nachdenken gehabt hätte. Der letzte und zugleich größte Raum in dieser Hornerei - oder heißt es Hornothek? - ist wieder einem eigenen Kontinent gewidmet: Texas. Ein eindrucksvolles texanisches Longhorn Rind in voller Größe steht ausgestopft mitten drin. Die Mitglieder dieser Rasse heißen nicht nur so, sondern haben tatsächlich eine Hornspannweite von bis zu drei Metern. Und ringsherum lernen wir endlich die mannigfache Vielfalt der Hornformen bei einheimischen Zuchtstieren kennen.
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Weil damit nun unser Hornbedarf gedeckt ist, beschließen Gisela und ich, ins Horn zu stoßen und
uns auf den Weg nach draußen zu machen, auch wenn wir uns das Wunderhorn des Knaben noch gar nicht angeschaut haben. Beim Rausgehen müssen wir dann noch an einer seltsamen "Kunst"-Galerie vorbei: ein Dutzend Landschaften,
Portraits und gerahmte patriotische Sprüche hängen an der Wand. Alle Bilder sind reliefartig aus kleinen braunen Dingern hergestellt, die etwa die Größe meines ersten Daumengliedes haben und bei genauem Hinsehen entdecken wir, was es
ist: Klapperschlangenklappern! Eine reiche texanische Dame, deren Name mir jedoch nicht behaltenswert erschien, hat hunderttausende davon gesammelt, bzw. sammeln lassen und dann daraus diese Objekte gefertigt. Über Geschmack läßt sich ja
durchaus streiten, aber da Gisela und ich uns fast nie streiten, warum sollten wir jetzt damit anfangen? Zumal wir uns ja einig sind: die Dinger sind zwar sehenswert, aber trotzdem scheußlich. |
Jetzt haben wir eine Erfrischung aber wirklich dringend nötig und deswegen gehen wir in den Lone
Star Saloon. Natürlich durch die charakteristischen Schwingtüren. Diese Bar im Westernstil des vorigen Jahrhunderts sieht haargenau so aus, wie wir sie von Bud Spencer und Terence Hill kennen. Die lange hölzerne Theke, der Spiegel
dahinter, der bei Prügeleien oder Schießereien immer so dekorativ zu Bruch geht, und ein paar Holztische zum Pokern. Selbst die Spucknäpfe aus Messing fehlen nicht, und die beiden Barkeeper haben sogar schwarze Hosenträger und
Ärmelhalter über ihren weißen Hemden. Zusammen mit unserer Eintrittskarte haben wir jeder zwei hölzerne Münzen bekommen, die hier im Saloon die einzige gültige Bierwährung sind, denn damit ist sichergestellt, daß es keine alkoholbedingte
Randale im Saloon gibt und daß der schöne große Spiegel noch eine Weile ganz bleibt. Wir opfern also jeder einen Holzdollar und bekommen dafür ein frischgezapftes Lone Star Bier im Plastikbecher. In einer Ecke entdecke ich ein schmuckes,
altes Walzenklavier. Weil "25 Cent" über dem Einwurfschlitz steht, werfe ich auch einen Quarter ein, und der Apparat spielt uns - mit leicht verstimmten Klang, ist doch wohl klar - eine schmissige Ragtime Melodie. Gisela und
ich stellen lässig unsere Füße auf die Fußstütze vor der Theke, machen unser coolstes Gesicht und warten, an unserem Bier nippend, auf Clint Eastwood, der jetzt jeden Augenblick breitbeinig durch die Schwingtüren treten muß. Weil er aber
dann doch nicht kommt und der Ragtime inzwischen verklungen ist, trinken wir unser zweites Bier draußen, im Schatten einer Tamariske. Und jetzt fällt uns auch ein, welches Tier unser fleißiger Hornsammler vergessen hat: die Hornisse!
Aber das behalten wir für uns. |
Kapitel V - San Antonio Teil 2: Cowboys, Country, Cook-Off Contest |
Am Wochenende des 1. Februar fand auf dem riesigen Gelände des Freeman Coliseum das erste Rodeo
der diesjährigen Saison statt. Mit großer Rinder- und Pferdeauktion, mit Bullenreiten, Lasso- und Hufeisenwerfen, Musik und Square-Dance, sowie jede Menge Jubel, Trubel und Heiterkeit. Wirklich schade, daß wir zu diesem Zeitpunkt schon
seit drei Tagen wieder zuhause in Poughkeepsie waren und überhaupt nichts davon mitbekommen haben! |
Nun bedeutet das traurige Ende des vorigen Absatzes nicht, daß wir nicht doch einen
unterhaltsamen Nachmittag am Freeman Coliseum hatten. Es gab nämlich, sozusagen zur Einstimmung für's Rodeo, den Barbecue Cook-Off Contest, ein Grill- und Kochwettbewerb zum Saisonbeginn. Das legt den Vergleich zwischen Kick-Off
und Cook-Off nahe: beim ersten wird das Aufgekochte angestoßen und beim zweiten das Angekochte aufgestoßen. Aus der Anzeige dieses Ereignisses im Lokalteil der Tageszeitung wußten wir, daß außerdem noch Musik sowie allerlei
Volksbelustigung zu erwarten war. Wir fuhren also hin und wurden für unsere fünf Dollar Parkgebühren auch ordentlich von zahlreichen freundlichen Helfern in orangen Leibchen auf eine große, leere Parkwiese gewiesen. Und nachdem wir dann
noch von einem jungen Mann zwei Eintrittskarten zur Hälfte des Originalpreises erstehen konnten, war unsere Stimmung bereits auf einem ersten Höhepunkt, noch bevor wir den eigentlichen Ort des Geschehens erreicht hatten. Das Kochen und
Musizieren war bereits in vollem Gange und so wurden wir von flotter Musik und köstlichen Brat-, Back-, Grill- und Räucherdüften begrüßt. |
Zu diesem Wettbewerb hatten sich sämtliche Köche aus einem Umkreis von 100 Meilen auf dem
großen, staubigen Platz versammelt und ihr nahrhaftes Handwerk bereits im dämmernden Morgengrauen begonnen. Egal ob Hobbykoch oder Halbprofessioneller, ob Imbißbudenbesitzer oder Kantinen-Smutje, alle, alle folgten dem Ruf der
veranstaltenden Konserven-Firma, um a) ihre edle Kunst zu pflegen und sich b) in fairem Wettkampf der Kochlöffel zu messen. Wir trafen einsame Ritter der Tafelrunde ebenso, wie kochfreudige Familien und sogar komplette Küchenmannschaften
einschließlich Chef de Cuisine und Kaltmamsell. Hier war die Firma Putzmeister, Herstellerin von hochwertigen Betonpumpen, mit einem Stand vertreten, auf dem die ganze Kantinen-Crew am Bratrost werkelte, und dort stand neben dem eigenen
Grill der riesige Demo-Sattelschlepper der Firma BFI Abfallsysteme, wobei das BFI mich entfernt an eine deutsche Minisalami erinnerte. Jedenfalls war auf dem staubigen Platz eine Budenstadt entstanden, die den Vergleich mit dem Münchner
Oktoberfest nicht zu scheuen brauchte. Wohnwagen, Campingtische, Klappstühle, Spruchbänder, Zelte, Verkaufsstände, Sonnenschirme, Kühltaschen, Abfallkübel, Fahnen und Fähnchen, kurz, ein buntes Allerlei in ordentlich ausgerichteten,
langen Reihen mit breiten Gängen dazwischen, durch die das zahlreiche Publikum flanierte. Eindrucksvoll, wenn auch ein wenig besorgniserregend fanden wir die beiden unendlich langen Reihen der blauen Mobilklos am Platzrand. Doch als wir
bemerkten, mit wieviel Spaß in den Backen zahlreiche Kleinchen auf ihrem Karussell kreisten oder in ihrer Gummiburg quicklebendig herumhüpften, war unsere Besorgnis rasch verflogen. |
Alle Lukullusjünger hatten natürlich ihr wichtigstes Gerät dabei: den mobilen kombinierten
Grill- und Räucherwagen. Diese Dinger erinnerten uns stark an die alten Teerkocheranhänger aus dem Straßenbau, auch wenn sie etwas kleiner waren und etwas besser rochen. In jedem Fall waren sie jedoch außen schwarz und fettig, hatten
unten Räder und oben eine Art Ofenrohr als Schornstein, aus dem es überall heftig qualmte. |
Der Wettbewerb selber ging folgendermaßen vor sich: Jeder Teilnehmer brutzelte seine
Spezialität, entweder brisket oder sausages oder pork ribs oder beef ribs oder chicken
oder alles zusammen (klingt vertraut? wenn nicht, bitte nochmals zum Kapitel II zurückblättern). Eine kleine Probe wurde dann anonym, also nur mit einer neutralen Nummer versehen, an eine Jury aus besonders feinzüngigen Texanern gegeben. Der Rest des Bratens oder der Wurst oder der Rippen kam dann zu einem der beiden großen Verkaufsstände, wo das Publikum entsprechende Portionen davon für zwei Dollar kaufen konnte. Und weil der Wettbewerb natürlich freiwillig war, bekamen die Teilnehmer selber einerseits nichts dafür und durften andererseits auch nichts an die Besucher direkt verkaufen. Die zwei Dollar kamen dann später irgendeiner sozialen Einrichtung zugute. All das erfuhren wir von einem netten jungen Mann mit Cowboyhut, Jeanshemd und dreckiger Schürze, der zu einer Kochmannschaft gehörte, die gleich am Anfang des Platzes ihren Stand aufgebaut hatte. Und weil sein brisket besonders verlockend duftete und sein
chicken
besonders knusprig aussah, und außerdem noch ein gewaltiger Kessel mit Bohnensuppe am Rande des Grillwagens leise vor sich hinköchelte, wollten wir - noch in Unkenntnis des offiziellen Ablaufs - zwei Portionen seiner Köstlichkeiten bei ihm kaufen. Doch er wies uns hartherzig die imaginäre Türe und schickte uns gnadenlos zur nächsten Verkaufsbude.
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Nun gut, die beiden Dollars konnten wir jeder schon noch aufbringen und dafür bekamen wir auf
einem Plastikteller jeder zwei große Stücke Braten, zwei Scheiben Toast und eine Salzgurke. Der Braten war fettig und hat mit Sicherheit keinen Preis gewonnen, der Toast ungeröstet und daher pappig, und die Salzgurke schmeckte einfach
widerlich. Aber das empfanden nicht nur wir so, sondern die bereitgestellten Abfalltonnen quollen fast über von den salzigen grünen Dingern. Von den heute hier weggeworfenen Salzgurken hätte eine sechsköpfige jüdische Familie sicher
problemlos zwei Jahre lang koscher leben können. |
"Das darf doch nicht wahr sein," schimpfte Gisela, "jetzt will ich aber sofort was Anständiges zu essen haben! Ich will! Ich will! Ich
will!" Und weil ich genau weiß, welche langfristigen Folgen derartige Reaktionen meiner Frau haben können, besonders für mich, schlenderten wir - wie zufällig - zu dem jungen Mann mit dem Cowboyhut, dem Jeanshemd und der dreckigen
Schürze zurück. Er erkannte uns auch sogleich wieder und bedachte uns mit einem freundlichen Lächeln, nachdem wir beiläufig unsere schlechte Erfahrung mit dem gekauften Braten und der salzigen Gurke erwähnten. Ein Lächeln! Wir trollten
uns. Als wir nach der nächsten Platzrunde zum dritten Mal bei ihm eintrafen, wurden wir bereits wie gute alte Freunde begrüßt. Wir plauderten vom schönen Wetter, von seinem knusprigen chicken, von der politischen Lage in Bosnien,
von seinem knusprigen chicken, von den geschichtsphilosophischen Thesen Hegels, von seinem knusprigen chicken, und schließlich von Gott, von der Welt und natürlich von seinem knusprigen chicken. Offenbar war der junge Mann
mit dem Cowboyhut, dem Jeanshemd und der dreckigen Schürze jedoch nicht die schnellste Maus von Texas, so daß mir - nach einem kurzen Rippenstoß meiner Frau - zuletzt nichts anderes übrig blieb, als ihn direkt anzusprechen, und zwar
taktisch möglichst klug, denn ich wollte ihn ja nicht in Konflikt mit den offiziellen Platzregeln bringen. Ich: "Ihr dürft hier also nichts verkaufen, richtig?" Er: "Richtig." Ich: "Ihr habt doch eure Proben
schon an die Jury gegeben, oder?" Er: "Richtig." Ich: "Und ihr selber habt doch sicher schon gegessen, nicht wahr?" Er: "Richtig." Ich: "Was passiert denn mit dem, was übrigbleibt?" Er:
"Das schmeißen wir nachher weg." Ich (mit Betonung): "Warum verschenkt ihr das gute Essen denn nicht lieber, wenn ihr es schon nicht verkaufen dürft?" - Und tatsächlich, jetzt huschte ein Anflug des Kapierens über das
Gesicht des jungen Mannes mit dem Cowboyhut, dem Jeanshemd und der dreckigen Schürze: "Wollt ihr vielleicht mal probieren?" und er zauberte im Nu zwei Plastikteller, zwei Plastiklöffel und sogar zwei Servietten aus einer
Holzkiste, und Sekunden später schaufelten Gisela und ich die leckeren Bohnen und jeder ein halbes Huhn in uns hinein. Texaner sind halt freundlich, wie ich schon am Anfang dieses Reiseberichts festgestellt habe. "Ihr seid doch
Deutsche, nicht wahr? Dann müßt ihr unbedingt noch nach Fredericksburg fahren, da wird es euch ganz sicher gefallen," empfahl uns unser neuer Freund noch, während wir uns ebenso gesättigt wie herzlich von ihm verabschiedeten und ihm
versprachen, nachher bei der Preisverleihung alle Daumen für ihn zu drücken. |
Schon während der ganzen Zeit auf dem Festplatz klang uns abwechselnd von zweigroßen Bühnen
Musik in die Ohren. Da wir in Texas waren, konnte es natürlich nur Country & Western sein. Unsere Leser wissen, daß sowohl Gisela als auch ich eher zu anderen Musikrichtungen tendieren und dieser Gattung bisher noch wenig
Aufmerksamkeit haben zukommen lassen. Jedoch, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und in der richtigen Stimmung - ich muß zugeben: es hat was! Ähnliches gilt ja beispielsweise auch für Karnevalsschlager oder sogar für Disco-Lärm. Und
wenn die Musik dann auch noch handwerklich ordentlich gemacht wird, und man nicht allzu sehr auf die Texte achtet, kann man sich sogar tatsächlich davon mitreißen lassen. Da alle genannten Kriterien hier zutrafen, ertappte ich uns dabei,
daß wir unseren Schlendergang unwillkürlich dem Rhythmus anpaßten oder einen besonders eingängigen Refrain gar mitsummten. So war es ganz klar, daß wir uns nach unserem feudalen Essen vor der kleineren der beiden Bühnen versammelten und
den Jungs da oben zuhörten. Wirklich nicht schlecht, was da aus den Lautsprechern tönte: Schlagzeug, Baß, Sologitarre, Steel Guitar (das Instrument schlechthin bei Country Music), elektrisch verstärkte Geige, Keyboard und Gesang.
Unvorstellbar, was eine Jazz-Combo in dieser Umgebung für einen stimmungsmäßigen Schaden hätte anrichten können, das wäre ja wie Jodeln in der Kirche gewesen! |
Und weil heute sowieso der Tag der Wettbewerbe war, veranstaltete KJ97, eine lokale Country
& Western Radiostation, zusammen mit der Firma Budweiser einen Band Contest, vom Ansager auch aufreißerisch The Battle of the Bands
(dtsch.: die Schlacht der Bands) genannt. Wir haben den Verlauf der Schlacht aber dennoch nicht so genau verfolgt, da uns die meisten, Quatsch, alle Gruppen sowieso unbekannt waren. Trotzdem haben wir brav bis zum Dunkelwerden gewartet, um auf der großen Bühne wenigstens den ersten Song der Siegergruppe Reno and the Texas Elbows zu erleben. Irgendwie hatte Reno jedoch Probleme mit seinen texanischen Ellbogen, denn die Bühne blieb leer. Es dauerte und dauerte. Das hätte ich mir im Leben nicht träumen lassen, daß ich mir mal für eine Country & Western Band die Füße in den Bauch stehe. Weil es mir zu langweilig wurde, die verwaisten Instrumente auf der Bühne zu beobachten, habe ich mir stattdessen die Elektronik der beiden Tontechniker angesehen, die gleich neben uns unter einem bunten Zeltdach ihre Gerätschaften aufgebaut hatten und ebenfalls vor Langeweile mal an diesem und mal an jenem Schaltknopf oder Schieberegler herumspielten. Nicht zu fassen, mit welchem technischen Aufwand heutzutage Musik gemacht werden muß! Zu meiner Zeit genügte ein stationäres Klavier irgendwo. Alles andere brachte man mit und legte einfach los. Heutzutage braucht man Mischpulte in der Größe eines Jumbo Jet Cockpits.
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Weil Reno immer noch nicht kam, hatten Gisela und ich jetzt genügend Zeit, die derzeitige Haute
Couture von Texas um uns herum zu studieren und ich gebe unseren modebewußten Lesern hiermit ein paar aktuelle Tips: |
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Als erstes vergeßt mal ganz schnell Eure Levis 501. Echte Texaner und -innen tragen nur Wrangler. Mit Bügelfalte! |
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Gürtelschnallen sind in! Aus Messing oder Silber. Am besten mit Indianer- oder Pferdemotiv. Handtellergroß ist das absolute Minimum, besser ist jedoch
die Größe eines mittelalterlichen Brustharnischs. |
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Jeanshemden (Wrangler!) müssen entweder Fransen an den Ärmeln haben oder wenigstens Schulterteile aus Wildleder. Eleganter für den Abend sind jedoch
weiße oder schwarze Hemden mit aufgesticktem Blumenmotiv auf der Brust und dazu gehört unbedingt ein Bolo tie (ein Lederband, das wie eine Krawatte um den Hals getragen und oben am Kragen von einer Brosche mit Indianermotiv
zusammengehalten wird). |
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Jeansröcke müssen zwei Handbreit über dem Knie enden (Fransen am Saum sind optional und dem Geschmack bzw. Alter der Trägerin überlassen). |
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Wer keinen Cowboyhut trägt, macht sich lächerlich, und wer mit was anderem als Cowboystiefeln an den Füßen daher kommt, sogar strafbar. |
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Reno ließ immer noch auf sich warten. Deshalb beschlossen wir, daß er uns mal könne, und
verließen den Festplatz. Doch welch unangenehme Überraschung wartete auf der Parkwiese! Unser Auto war... nein, weg konnte man nicht direkt sagen, aber wo war es bloß? Heute nachmittag stand es doch noch so schön übersichtlich als
einziges in der... äh, wievielten Reihe? Im Laufe des Tages mußten unsere Einweiser reichlich zu tun gehabt haben, denn da wo vor wenigen Stunden noch blanke Wiese war, parkten jetzt zweitausend oder mehr Autos. Und weil wir unseren
Wagen auf Anhieb nicht mehr finden konnten, und weder Gisela noch ich auch nur annähernd wußten, wo wir ihn suchen sollten, blieb uns keine andere Wahl, als uns zu trennen und jeder für sich eine der endlosen Reihen abzuschreiten.
Dummerweise haben die Wiesen in Texas keine Laternen, und Dunkelrot wird bei fehlender Beleuchtung zu Schwarz. Blau, Grau, Grün, und Lila übrigens auch, was uns unsere Suche nicht gerade erleichterte, doch glücklicherweise entdeckte ich
ihn bereits nach unserem zweiten Durchgang, denn sonst hätten wir uns entweder totgesucht oder uns tatsächlich ein Taxi zurück zum Hotel nehmen müssen. |
Kapitel VI - Interstate 10: Hundertneunzig Meilen mit fünf Kurven |
Am nächsten Morgen verlassen wir San Antonio und fahren - die Fredericksburg Empfehlung des
jungen Mannes mit dem Cowboyhut, dem Jeanshemd und der dreckigen Schürze zunächst noch im Hinterkopf bewahrend - erstmal plangemäß weiter nach Südosten. |
Die Interstate 10 in Richtung Houston ist endlich genau so ein einsamer vier-, streckenweise
sogar sechsspuriger Highway, wie wir ihn uns schon zwischen Austin und San Antonio gewünscht hatten: bis zum Horizont geradeaus, geradeaus, geradeaus und immer noch geradeaus. Links und rechts nichts als Gegend. Kleine, kugelige Bäume,
einzeln stehend oder in Grüppchen. Kakteen. Und selbst jetzt im Januar ausgedörrte Prärien, hie und da von weißgestrichenen Zäunen in riesige Landschaftsquadrate unterteilt. Darin ab und zu eine Herde der schon bekannten Longhorn Rinder.
Und sogar ganz ordinäre, durchschnittliche, beinahe deutsch aussehende, schwarzweiß gefleckte Kühe. |
Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel auf unser rotes Bordellauto und es wird so warm,
daß wir nicht nur das Radio, sondern sogar die Klimaanlage einschalten. Ab und zu überqueren wir kleine Flüßchen (engl.: creeks), die teilweise ausgetrocknet sind, und wir schmunzeln jedesmal über die dort aufgestellten
Warnschilder: Watch for ice on the bridge
(dtsch. sinngem.: Paß bloß auf, die Brücke könnte vereist sein), welche die Straßenmeistereien jedes Jahr im Winter wieder von Neuem aufstellen - man kann ja selbst in Texas nie wissen. Wir passen also auf wie die Schießhunde, aber durch die in der Mittagshitze flimmernde Luft über der Straßendecke ist das Eis nur sehr schwer bis gar nicht zu erkennen. Sei's drum.
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Nach etwa hundert Meilen sehen wir am Rande der Gegenfahrbahn zwei dicht nebeneinander stehende,
flache Gebäude, bis auf ein paar vereinzelte Scheunen die ersten seit etwa anderthalb Stunden Fahrt. Die wie gewöhnlich überdimensionierten Schilder klären uns auf: ein Dance Studio und ein Tattoo Shop. Nun ja, warum auch
nicht. In jedem Fall ganz praktisch, falls man vor lauter Langeweile unterwegs schnell mal ein Tänzchen machen oder sich tätowieren lassen möchte. Es herrscht nicht viel Verkehr, doch weil wir trotzdem nun inzwischen von genügend bunten,
chromblitzenden Riesentrucks donnernd überholt worden sind, beschließen wir kurzfristig, die Interstate bei der nächsten Gelegenheit zu verlassen und lieber über die Dörfer zu fahren. Doch damit kommen wir sozusagen vom Regen, unter
Umgehung der Traufe, direkt in dieselbe ödelige Langeweile. Zwar liegen amerikanische Dörfer in der Tat vorwiegend an Landstraßen, aber unterhaltsamer sind sie deshalb keineswegs. Weder die Landstraßen noch die Dörfer, weil nämlich die
letzteren in Amerika grundsätzlich entlang der ersteren gebaut werden und alles überall gleich aussieht: Häuser auf eine Straßenschnur aufgezogen. Wir fragen uns mehrfach gegenseitig, was wohl zuerst da war, das Dorf oder die Straße,
doch weil wir darauf trotz intensiver Diskussion des Für und Wider keine plausible Antwort finden, kehren wir schließlich reumütig wieder auf die Interstate 10 zurück, auch schon deshalb, weil gar keine andere Straße als nur diese zu der
Stelle führt, wo wir hinwollen. |
Hier geht's mit Teil 2, wo wir Ihnen etwas über
den Golf von Mexiko, über die Weltraumfahrt und über eine ziemlich deutsche Stadt in Texas erzählen. |
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