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Ein paar Dinge, über die ich mich ärgere

Musik, deren Elemente ohne musikalische Notwendigkeit zusammengesetzt sind, die auf reine Effekthascherei aus ist und deren Hauptzweck im Grunde nur darin besteht, vermeintliche Marktlücken und damit die Kassen der Musikverlage zu füllen, betrachte ich als höchst überflüssig bis ärgerlich.

 

      Singe, wem Gesang gegeben*

*Vorsicht: Satire!

Eine Lanze für die Instrumentalmusik
oder: Instrumentals, eine ausgestorbene Spezies?

Es gibt schon tolle Sachen auf unserem Planeten, so toll, daß ich manchmal gar nicht mehr sagen kann, was ich davon am tollsten finde. Ehrlich! Aber das hindert mich andererseits nicht daran, mich gleichzeitig über das Eine oder das Andere dermaßen zu ärgern, daß das Fassungsvermögen meiner Gallenblase nicht ausreicht, die von meinen Leberzellen in solchen Fällen im Übermaß produzierte ätzende Flüssigkeit aufzunehmen und schnell genug in den Zwölffingerdarm zur weiteren sinnvollen Verwendung abzuleiten... etwas unmedizinischer, aber volksmündlicher ausgedrückt: mir läuft die Galle über!

Worüber regt der sich denn jetzt schon wieder so auf? werden Sie fragen. Keine Sorge, ich lege ja schon los.

Also zunächst einmal muß ich, um allen Mißverständnissen von vornherein vorzubeugen, feststellen, daß ich nichts Grundsätzliches gegen Gesang einzuwenden habe. "Singe, wem Gesang gegeben", sagte schon Ludwig Uhland, und ich pflichte ihm bei, obwohl er Romantiker war. Es gibt viele Menschen mit wunderbaren Gesangsstimmen und es gibt viele Komponisten mit wunderbaren Liedern und es gibt viele Autoren mit wunderbaren Texten. Woran es dann allerdings meist hapert, ist die geglückte Kombination dieser drei. Trotzdem bleiben selbst unter Anlegung dieses strengen Kriteriums immer noch so viele herrliche Songs und Sänger, daß eine Aufzählung locker ein mehrbändiges Lexikon füllen könnte (diejenigen Sänger, deren Fan ich bin, wissen schon, daß sie hier gemeint sind). Man verzeihe mir im übrigen das englische Wort 'Song', aber ich möchte die Popmusikszene - nur um die geht es hier - unbedingt vom übrigen deutschen Liedgut und dem anderer Kulturnationen unterschieden wissen.

Noch mal ganz deutlich: ich habe nichts gegen Gesang und wohltönendes Vokales mit einigermaßen sinnvollen Texten, ich vermisse nur schmerzlichst die Instrumentalmusik in den Medien und wehre mich hiermit energisch dagegen, daß allüberall NUR noch gesungene Songs zu hören sind. Ogottogott, ich kann's nicht mehr ertragen! Ist es denn wirklich nötig, daß jeder Depp, der sein Maul aufreißen kann, es auch wirklich tut? Wenn er's denn wenigstens beim bloßen Aufreißen belassen würde, das wäre ja noch zu erdulden. Aber nein, er muß ja zu allem Unglück auch noch singen. Ach, was sag' ich denn da? Singen? Blödsinn! Es wird geplärrt, gejault, gekrächzt, geblubbert, geblökt, gegrunzt, gerülpst, geschrieen, gekreischt, geheult, geknödelt und was weiß ich noch alles. Völlig unberührt von der Tatsache, daß der daraus resultierende Akustikmüll mit ungeschützten Ohren schon nach kurzer Zeit bleibende Schäden an Leib und Seele verursacht.

Wie, das stimmt nicht? Wenn ich recht hätte, dann müßten ja Millionen von jungen Menschen bereits erheblichen Schaden genommen haben? Aber hallo, das haben sie! Oder wie soll man sonst die Existenz von Fernsehanstalten wie MTV, Viva, Onyx und RTL (samt -II und Super-) entschuldigen können? Wie sonst läßt sich erklären, daß die meisten Angehörigen der McDonald's-Generation eine computergenerierte Ton-Schleife (in der Fachsprache Bass'n'Drums oder umgekehrt genannt) als Hintergrund eines vordergründigen Gejaules tatsächlich für Musik halten und sich sowas zu allem Überfluß auch noch für viel Geld als Klingelton auf ihr Mobiltelefon installieren? Wie anders kommt es zu dem Phänomen, daß alle Welt sich über zu viel Lärmbelästigung allerorten beklagt und Automobilhersteller zwar fieberhaft an immer leiseren Motoren arbeiten, aber die Produzenten von Autoradios Baßverstärker liefern, die beim Annähern des Fahrzeugs schon in 500 Metern Entfernung alle Fensterscheiben der umstehenden Häuser klirren lassen und die Zwerchfelle unschuldiger Bürger (auch ich bin so einer) in derartig ungesunde Schwingungen versetzen, daß der Brechreiz nur noch schwer - wenn überhaupt - zu unterdrücken ist?

Deutschland (ich übrigens nicht) suchte neulich den "Superstar", also jemanden, der glaubt, singen zu können. Es suchte nicht etwa einen "Superstar", der beispielsweise hervorragend Gitarre oder Saxophon oder Klavier oder meinetwegen auch Blockflöte spielen kann. Ist doch seltsam, finden Sie nicht? Vielleicht liegt es daran, daß man ein Instrument wirklich spielen können muß, wohingegen selbst das dünnste aller Zirpstimmchen dank moderner Elektronik auf Knopfdruck zu einem halbwegs volltönenden Organ aufgemotzt und sogar mühelos in die zur Begleitmusik passende Tonart gebracht werden kann. Bei den dabei bescheiden im Hintergrund wirkenden Begleitinstrumentalisten (so es denn wirklich lebendige Menschen sind und nicht ein geschickt programmierter Sound-Computer) spricht man interessanterweise nie von "Superstars", obwohl in 99 Prozent aller Fälle jeder einzelne von Ihnen sein Instrument 100mal besser beherrscht, als der sogenannte "Superstar" am vorderen Bühnenrand seine Stimme. Ach, Herr Uhland, wenn tatsächlich nur jeder sänge, dem Gesang auch wirklich gegeben ist, wäre ich ja schon hochzufrieden.

Und der Inhalt (von Sinn will ich gar nicht erst sprechen) des dermaßen wiedergegebenen spottet meist nicht nur jeder Beschreibung, sondern entpuppt sich beim tatsächlichen Hinhören zudem als der alleridiotischste Schwachsinn, den man sich überhaupt ausdenken kann. Pech für mich, daß ich einigermaßen gut die Hauptsprache der Popmusik verstehe, aber die vielen Hirnis, die nicht einmal wissen, was ihnen da textlich zugemutet und in die Ohren geblasen wird, was ist mit denen? Die könnten doch sinnvollerweise lieber gleich ganz auf Sänger und Gesang verzichten und stattdessen zum Beispiel einer Trompete lauschen, denn damit wäre auch mir geholfen. Gegen die Melodien habe ich ja meistens gar nichts. Stellvertretend für 90 Prozent der zeitgenössischen Songtexte greife ich zur Verdeutlichung ziemlich willkürlich zwei Textbeispiele aus dem richtigen Musikleben heraus (eine kurze Anmerkung: ich habe dazu nur das Radio eingeschaltet - SWR1, ein ansonsten noch ganz erträglicher Sender - und einfach mal fünf Minuten lang zugehört):

Guess who's back, back again,
Shady's back, tell a friend,
guess who's back, guess who's back, guess who's back, guess who's back,
guess who's back, guess who's back, guess who's back.

Ja, jetzt raten Sie doch mal, wer da wohl zurückgekommen ist! Auch ich finde diese Frage, die Eminem in seinem 2002 produzierten Song aufgeworfen hat, in der Tat derartig wichtig, daß er sie gar nicht oft genug in sein Mikrofon blöken kann, obwohl schon nach der zweiten Zeile klar geworden sein sollte, daß es sich um Shady (damit meint er übrigens sich selber) gehandelt hat. Nein, Quatsch, natürlich finde ich diese Frage nicht wirklich wichtig, das war ironisch gemeint. Übrigens, wenn Sie sonst nichts zu lachen haben, lesen Sie sich spaßeshalber den obigen Text doch mal selber laut vor... Und da ich schon mal dieses Beispiel gewählt habe, gleich noch für die, die's noch nicht wußten, eine kurze Zusatzinformation: 'Eminem' ist die Verballhornung von M&M, und das sind ja bekanntlich diese bunten Schokolinsen für kleine Schleckermäulchen im Vorschulalter... noch Fragen?

Das zweite Beispiel. Vor knapp 35 Jahren tönte es so:

Lei-la-lei
lei-lei-lei-lei-lei-la-lei
lei-la-lei
lei-lei-lei-lei-lei-lei-la-lei
la-la-la-la-lei.

Zugegeben, The Boxer, dem diese aufschlußreichen Zeilen entnommen sind, ist seit 1970 eine auch von mir immer wieder gern gehörte Melodie, und obwohl Simon & Garfunkel eigentlich gar keine schlechten Sänger sind, hätte ein sanft improvisierendes Altsaxophon hier sicher weit wohltuender geklungen. Aber warum muß ich armer erwachsener Hörer dieses gesungene Kindergarten-Tralala fast eine ganze Minute lang ertragen?

Ach ja, die Texte! Ihr Brüller, die ihr euch für Sänger haltet, verschont mich doch endlich mit euren ständig lautstark in die Welt gejammerten Beziehungsproblemen! Daß euer Liebchen euch kürzlich verlassen hat, liegt sicher nicht zuletzt auch an euch selber, genauer: an eurer bekloppten Singerei. Kein Mensch kann es auf die Dauer ertragen, ständig mit I love you und I need you angesungen zu werden, und spätestens nach dem 200sten Baby (sprich: Bäjbä) hintereinander bekommt auch das robusteste Trommelfell die ersten schmerzhaften Risse. Habt ihr Brüller darüber schon mal nachgedacht? (Dumme Frage, ich weiß). Also nicht hinterher dem Liebchen samt Tausenden von unschuldigen Zuhörern mit eurem Baby, don't leave me die Ohren vollplärren, sondern schon vorher einfach mal die Schnauze halten!

Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber wenn nur jeder zehnte, ach was, jeder fünfzehnte Song, der von den sogenannten populären Radiostationen gespielt wird, ein instrumentaler wäre, ich würde ja überhaupt nicht mehr meckern, und meine Gallenblase hätte auch endlich ihre Ruhe. Spielen die eigentlich nur noch diesen gesungenen Musikmüll, weil das Publikum ihn hören will, oder will das Publikum ihn hören, weil die Radiostationen ständig solchen Vokalmist senden? Überhaupt sollte man die Mehrzahl der Sender besser als die Lakaien oder noch besser: als die willigen Vollstrecker einer Musikindustrie bezeichnen, die heutzutage nur noch Wegwerfmusik mit singenden Eintagsfliegen zum alsbaldigen Verbrauch produziert. Mann, wozu gibt es eigentlich Anti-Terror-Gesetze?

Ist Ihnen eigentlich in diesem Zusammenhang schon mal aufgefallen, daß auf den Senderhinweisschildern an Autobahnen immer nur auf solche Ex-und-Hopp-Musik-Stationen hingewiesen wird? Wegen der Verkehrshinweise, meinen Sie? Lächerlich! Auch von Sendern, die vorwiegend Wortbeiträge oder klassische Musik bringen oder von mir aus auch den sogenannten tümlichen Musikgeschmack des Volkes befriedigen (die gibt es in jedem Sendegebiet unserer Republik), kann man sich halbstündlich über die längsten Staus informieren lassen. Aber Stations- und Frequenzhinweise bekommt man dazu nicht, achten Sie bei Ihrer nächsten Autobahnfahrt mal drauf. Davon abgesehen, daß derartig ausdrücklich empfohlene und behördlicherseits genehmigte Popmusik nachgewiesenermaßen aggressiv macht, was man beim Autofahren lieber nicht sein sollte, ist es einfach traurig!

Zum Schluß kann ich nicht länger an mich halten und muß Ihnen hier noch eine kleine Liste mit einigen Glanzlichtern der Instrumentalmusik aus fast 20 Jahren anfügen - viele von Ihnen werden sich bestimmt noch an den einen oder anderen Titel erinnern. Wohl gemerkt, das waren keine Songs speziell für Omas und Opas, obwohl die jugendlichen Hörer von damals (mich eingeschlossen) heute natürlich das entsprechende Alter längst erreicht haben, sondern allesamt Top Ten Hits aus den internationalen Hitparaden, die demzufolge auch regelmäßig im Radio gespielt und eifrig auf Platten gekauft wurden. Wunderschöne textfreie Melodien, die selbst nach 40 Jahren nichts von ihrer Frische eingebüßt haben: Wonderland by night (Bert Kaempfert, 1960), Theme from "A Summer Place" (Percy Faith, 1960), Wheels (Billy Vaughn, 1961), Moon River (Henry Mancini, 1962), Stranger on the shore (Mr. Acker Bilk, 1962), Atlantis (The Shadows, 1963), A Walk in the Black Forest (Horst Jankowski, 1964), Walk don't run (The Ventures, 1964), Early Bird (André Brasseur, 1966), Albatross (Fleetwood Mac, 1969), Popcorn (Hot Butter, 1970), If you could read my mind (The Spotnicks, 1972), Also sprach Zarathustra (Deodato, 1973), The Sound Of Philadelphia (MFSB, 1974), Music Box Dancer (Frank Mills, 1974), Samba pa ti (Santana, 1975), Oxygen (Jean Michel Jarre, 1976), Le rêve (Ricky King, 1977).

Lange nicht gehört, stimmts'? Hach, das waren noch Zeiten! Trotzdem bin ich kein unverbesserlicher Nostalgiker, der nur noch diesen schönen Oldies nachweint, ganz im Gegenteil. Seitdem wurden und werden natürlich immer noch tolle Melodien komponiert, Melodien, die für sich allein die ganze Bandbreite von 'herzergreifend' bis 'fetzig' abdecken und die demzufolge getrost unbesungen bleiben könnten... Aber nein, irgendein dämlich krähender und völlig überflüssiger "Superstar" muß sie mir ja unbedingt jedesmal zersingen.

Oh Musica, wie tief sind wir gesunken! Wir, die wir uns nicht dagegen wehren, wenn irgendwelche Kasper mit roten Wollmützen sich nachts um eine brennende Mülltonne scharen, unter seltsamen Verrenkungen ihrer Extremitäten idiotisch getextete Gedichte aufsagen, während im Hintergrund der Computer monoton den Baß wummern läßt, und uns anschließend die Manager dieser rotmützigen Kasper das ganze Elend als Musik verkaufen.

HILFE! Wer stopft denen endlich mal das Maul? Wo sind bloß die Instrumentals?? Und wo ist ein passender Behälter für meine überschüssige Galle???

Noch ein kleiner Nachtrag: Wenn nur schon alle Songs, in denen die Wörter God, Heaven, Jesus, Angel, Pray und ähnlicher religiöser Kram vorkommen, verschwänden, kehrte schon eine ziemlich wohltuende Ruhe ein im Äther.

[September 2004]

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